Leben RHEINPFALZ Plus Artikel Speisekarten-Museum am Bodensee: Was gibt’s heute?

Speisekarten sind auch immer Dokumente einer Epoche.
Speisekarten sind auch immer Dokumente einer Epoche.

Manfred Bertele hat aus seiner Sammlung Deutschlands einziges Speisekarten-Museum gemacht. Auch sein Leben ist ein Menü mit enorm vielen Gängen.

Was haben Ronald Reagan und Michail Gorbatschow am Abend des 31. Juli 1991 in Moskau gegessen, als sie bei ihrem Abrüstungsgipfel ein historisches Abkommen unterzeichneten? Welche Leckerbissen ließen sich Prinz Charles und Lady Diana bei ihrem Kanada-Besuch schmecken? Und was hat sich Papst Johannes Paul II. 1979 über den Wolken bei seinem USA-Besuch für ein Menü im Flugzeug einverleibt? Antworten auf diese und viele Fragen mehr hat Manfred Bertele in über 60 Jahren zusammengetragen. Und zwar in Form von Speisekarten als appetitanregende Dokumente der Zeitgeschichte. Oder wie Bertele es ausdrückt: „Speisekarten sind ein echtes Kulturgut der Menschheit. Sie haben mich schon als Kind fasziniert.“

Manfred Bertele – aufrechter Gang, weißer Haarkranz, ausgeprägte Augenbrauen – hat’s mit den Zahlen: 22 Mal sei er umgezogen in seinem Leben, bevor er in seinen Heimatort Eriskirch am Bodensee zurückgekehrt sei. Weit über 2000 Speisekarten hat er in 60 Jahren gesammelt, wovon sich mehrere 100 in seinem Museum befinden, nicht zu vergessen 700 Kochbücher. Wenn man aufschreiben möchte, hinter welchen Herden der heute 84-jährige gelernte Koch schon gestanden hat, reicht ein Notizzettel nicht, man nimmt besser gleich einen Atlas. Ob Berlin, Trinidad, New York, Montreal oder Athen – Bertele war ein Weltenbummler.

Museum im Gemeindearchiv

Von der großen weiten Welt aus betrachtet ist Eriskirch ein ziemlich kleiner Flecken. Das Rathaus ist nicht mit dem Empire State Building zu vergleichen. Noch weniger das schmucklose Gebäude dahinter, in dessen Erdgeschoss sich Berteles Museum auf drei Räume verteilt. Würde man jetzt statt in einen der hell erleuchteten Ausstellungsräume in den ersten Stock gehen, stünde man im Reich von Gemeindearchivar Hans Bertele, dem Cousin von Manfred.

Er und sein Kollege Jürgen Saur kamen auf die Idee, die Speisekarten-Sammlung öffentlich zugänglich zu machen und ins Gebäude des Archivs zu holen. 2022 war es so weit: Nach pandemisch bedingten Verzögerungen ging Deutschlands erstes Speisekarten-Museum an den Start. Soviel er wisse, gebe es kein zweites. Allerdings noch zwei Ausstellungen von Speisekarten in Papier-Museen, sagt Bertele.

Widmungen von berühmten Köchen

Die Ausstellung in Eriskirch folgt keiner strengen Chronologie. Die Sammlung beinhaltet einerseits historische Speisekarten, die im Umfeld gravierender Ereignisse bei speziellen Menüs zum Einsatz kamen – etwa an Adelshöfen oder im Rahmen politisch, kirchlich oder sportlich bedeutender Ereignisse, etwa der Olympischen Spiele 1972 in München.

Darüber hinaus gibt es eine regionale Abteilung mit Speisekarten aus Restaurants am Bodensee. Und schließlich eine kleine Galerie mit Widmungen berühmter Köche, denen Bertele persönlich verbunden war oder ist, zu nennen wären da die Jahrhundertköche Eckart Witzigmann und Paul Bocuse. Darüber hinaus erklären Tafeln Ursprung und Bedeutung von Speisekarten. Eine kleine Sammlung von Servier- und Küchenutensilien schließt kulinarische Wissenslücken.

Adenauer aß Kalbsmedaillons und Spätzle

Für Bertele ist jedes Menü ein Erinnerungsstück auf seiner persönlichen Lebensreise durch die Küchen, Kreuzfahrtschiffe, Fluglinien und später Hotels der Welt. Sein Weg begann in einem Hotel in Ravensburg, wo er seine Kochlehre absolvierte. Das Hotel gibt es zwar längst nicht mehr, aber Bertele hat noch die von Konrad Adenauer signierte Menükarte, die die Speisen auflistet, die der erste Kanzler der Bundesrepublik am 14. Juli 1961 in Ravensburg zu sich nahm. Unter anderem „Kalbsmedaillons vom Grill, Pfifferlinge, Erbsle, Kartoffelkügelchen, handgemachte Spätzle“. Anschließend wurden Fruchtsalat, Himbeereis und Mocca serviert.

Wenn man Bertele so erzählen hört, kommt einem der Verdacht, dass er vielleicht überhaupt nur deshalb Koch, Küchendirektor und später Wirtschaftsdirektor der Hotelkette Hilton wurde, um Speisekarten zu sammeln. „Nein, nein, ich wollte schon wirklich Koch werden“, sagt er und lacht. Um an die begehrten Stücke zu gelangen, musste Bertele allerdings manchmal trickreich agieren. Wie etwa bei der Speisekarte, die das Menü von Papst Johannes Paul II. bei seiner USA-Reise 1979 dokumentiert. Damals war er schon in einer Führungsposition für Hilton in der Welt unterwegs, als er mit einem Mitarbeiter über seine Sammelleidenschaft ins Gespräch kam. „Da hat der behauptet, er könne die Original-Speisekarte des Papstmenüs besorgen.“ Bertele hat ihm eine Beförderung versprochen, sollte ihm das gelingen. „Dass es geklappt hat, sehen sie hier“, sagt Bertele und zeigt auf das fein säuberlich gerahmte Stück, das unter anderem Hühnchen in Aspik, Roast Beef, Emmentaler, glasierten Schweinebraten und Kartoffelknödel auflistet. Seine Heiligkeit hat im Flugzeug also durchaus nicht wie ein Bettelmönch gefastet, sondern wie ein Fürst gespeist.

Plötzlich stand Prinz Philip in der Küche

Apropos Fürst: Zu einer von Prinz Philip signierten Karte in der Ausstellung hat Bertele auch eine Geschichte zu erzählen. Der Gatte von Queen Elizabeth II. hatte bei einem Besuch in Montreal bedeutende Persönlichkeiten zu einem privaten Dinner geladen, bei dem Bertele kochte. „Plötzlich stand jemand hinter mir in der Küche – und das war der Prinz.“ Schnell stellten die beiden Männer fest, dass der Bodensee eine Gemeinsamkeit war: Bertele verbunden durch Eriskirch und Philip als ehemaliger Schüler des berühmten Internats in Salem. „Wir haben englisch und dann wieder deutsch und wieder englisch gesprochen“, erinnert sich Bertele. Außerdem bestand der Prinz darauf, dass die Krebse, die der Koch geschält zu servieren beabsichtigte, komplett in der Schale aufgetragen werden. „Diese Leute sollen lernen, mit den Händen zu essen“, habe der Duke of Edinburgh mit vergnügtem Grinsen zu ihm gesagt. Entsprechend abenteuerlich habe die Tafel nach dem Mahl ausgesehen.

Dass die Speisekarten Dokumente der Zeitgeschichte sind, zeigt sich nicht nur bei Menüs historischer Gipfeltreffen. Angekommen bei den eingerahmten Speisekarten aus den Restaurants des World Trade Centers, das bei den Terroranschlägen vom 11. September 2001 zerstört wurde, tritt kurz Stille ein bei Manfred Bertele. „Das benachbarte Hotel, das zu Hilton gehörte, konnte rechtzeitig evakuiert werden. Alle Mitarbeiter sind unverletzt geblieben“, sagt er leise.

Seezunge Müllerin Art für 8,50 D-Mark

Heitere Nostalgie bemächtigt sich des Gemüts bei der Lektüre insbesondere der Preise auf älteren Speisekarten. Man möchte seufzen, wenn man liest, dass 1969 im legendären Restaurant Giraffe in West-Berlin die Hühnerbrühe 1,25 und die Seezunge Müllerin Art 8,50 D-Mark gekostet hat. Und man erfährt, dass bestimmte Gerichte, die heute praktisch gar nicht mehr angeboten werden, selbstverständlich auf der Tageskarte standen. Etwa „Kalbshirn gebacken mit Sauce Remoulade“. Für 4,75 Mark – ein Schnäppchen.

Eine Speisekarte ist im besten Fall die Liebeserklärung des Küchenchefs an seine Gäste. Und wo wir gerade von Liebe sprechen – wie sieht’s da mit der Ehe von Manfred Bertele aus? Welche Frau lässt sich auf ein derart nomadisches Leben ein mit einem Mann, der vor allem gutes Essen und dessen Aufzeichnung in Menüs im Sinn hat? „Meine Frau Monika hat mich quasi bei Hilton eingestellt. So haben wir uns kennengelernt.“ Nach den Wanderjahren ist sie mit ihrem Mann nach Eriskirch zurückgekehrt. „Obwohl sie Berlinerin ist.“ Es hätte auch gut sein können, dass das Paar in Montreal geblieben wäre.

Gut, dass es anders gekommen ist, sonst wäre es nichts geworden, mit Deutschlands einzigem Speisekarten-Museum.

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Weit über 2000 Speisekarten hat Manfred Bertele in 60 Jahren gesammelt, wovon sich mehrere 100 in seinem Museum am Bodensee befi
Weit über 2000 Speisekarten hat Manfred Bertele in 60 Jahren gesammelt, wovon sich mehrere 100 in seinem Museum am Bodensee befinden. Der 84-Jährige arbeitete weltweit als Koch. Einmal stand in seiner Küche auch ein Adeliger: Prinz Philip, der Gatte von Queen Elizabeth II.
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