Kommentar
Sommermärchen-Prozess: Rein ins Schattenreich
Als sich Fußballdeutschland Anfang Januar kollektiv an Franz Beckenbauer erinnerte, wurden auch die Schatten nicht ausgespart, die nicht nur auf der Heim-Weltmeisterschaft 2006, jenem „Sommermärchen“, sondern damit einhergehend auch auf der Lichtgestalt selbst liegen. Dass sie zur Sprache kamen, lag auch an Beckenbauer selbst. Schließlich hatte er sich bis zu seinem Tode nicht zu den Vorwürfen geäußert, die ihn umgeben: Wie kam Deutschland in den Genuss, „die Welt zu Gast bei Freunden“ zu begrüßen? Wofür ist das Geld geflossen? Die Antworten nahm Beckenbauer, salopp gesagt, mit ins Grab. Dennoch waren sich die Kommentatoren in ihren Nachrufen weitestgehend einig: Hätte er Verfehlungen eingeräumt, selbst wenn es Stimmenkauf bei der WM-Vergabe gewesen wäre, einem Beckenbauer hätte Fußballdeutschland schnell verziehen – wenn es ihm überhaupt böse gewesen wäre.
Nun könnte Beckenbauers Name wieder eine Rolle spielen, wenn am Montag um 10 Uhr der Sommermärchen-Prozess vor dem Landgericht in Frankfurt beginnt. Die drei ehemaligen Funktionäre des Deutschen Fußball-Bunds, Wolfgang Niersbach, 73 Jahre alt, Horst R. Schmidt, 82, und Theo Zwanziger, 78, sind angeklagt. Ihnen wird Steuerhinterziehung in einem besonders schweren Fall vorgeworfen. Sie sollen für eine falsche Steuererklärung des DFB verantwortlich sein. Deutschland könnte nun eine Vorreiterrolle einnehmen, indem es aufzeigt, was für so eine WM tatsächlich nötig ist – mit allen Konsequenzen.
Bitte kein weiterer Deal
Wie das alles damals lief vor dem Sommer 2006, ist kompliziert. Klar ist: 2002 leiht der damalige Adidas-Chef Robert Louis-Dreyfus WM-Organisator Beckenbauer zehn Millionen Schweizer Franken. Dieses Geld landet über Umwege beim katarischen Skandalfunktionär Mohammed bin Hammam. Wofür? Ungeklärt. Wenig später fordert Louis-Dreyfus sein Geld zurück, 2005 überweist der DFB 6,7 Millionen Euro an die Fifa, die das Geld an Louis-Dreyfus weiterleitet. Der Vorwurf an die drei Angeklagten, darunter zwei ehemalige DFB-Präsidenten, lautet nun: Sie sollen die 6,7-Millionen-Euro-Zahlung als Zuschuss zu einer WM-Gala (die nie stattfand) und damit zu Unrecht als Betriebsausgabe deklariert haben – während sie in Wahrheit zur Tilgung des Kredits genutzt wurde.
Dem DFB wurde wegen der WM-Affäre für das Jahr 2006 die Gemeinnützigkeit entzogen, der Verband musste mehr als 22 Millionen Euro an Steuern nachzahlen. Dieses Geld will er zurück, samt Zinseszins. Er bekommt es aber nur, wenn keine Steuerhinterziehung vorlag. Deshalb sind die zehn Millionen Franken von 2002 so wichtig. Hatten sie etwas mit der WM zu tun, können sie als Betriebsausgaben geltend gemacht werden. Wenn nicht, wird der Schatten größer.
19 Jahre sind seit dem seltsamen Geldtransfer vergangen, neun Jahre seit einer Razzia beim DFB, viele der handelnden Personen sind inzwischen tot. Die Akten bei der Staatsanwaltschaft sind dick, zweimal stand der Prozess auf der Kippe – umso wichtiger ist es, dass er endlich stattfindet. Es ist die wohl letzte Gelegenheit, Licht ins Dunkel der Machenschaften zu bringen. 24 Verhandlungstage sind angesetzt. Es ist zu hoffen, dass das Verfahren gegen die drei Altfunktionäre nicht vorzeitig eingestellt wird, etwa gegen Zahlung einer Auflage. Denn was das Sommermärchen von 2006 am wenigsten gebrauchen kann, ist ein weiterer undurchsichtiger Deal.