Standortpolitik
Rente und Steuer: Was die Schweiz besser macht
1. Bildung: Nicht alle aufs Gymnasium
Das Schweizer Bildungssystem steht im Vergleich zum deutschen hervorragend da. Im aktuellen Vergleichstest Pisa hält das Land in Mathematik mit den besten Ländern Asiens mit und liegt auch beim Lesen und in den Naturwissenschaften vor Deutschland. Besonders aber sticht hervor, dass die Schweiz nicht unter einer Überakademisierung leidet. In Deutschland dagegen kommen auf fünf Studierende rund zwei Lehrlinge. Rund 35 Prozent der gemeldeten Ausbildungsstellen blieben zuletzt unbesetzt. Daher fehlt im Handwerk inzwischen mehr als eine Viertelmillion Fachkräfte.
Das Schweizer Modell basiert indes auf einer starken Berufsbildung und einer selektiven, aber guten akademischen Ausbildung. In der Deutsch-Schweiz absolvieren 80 Prozent eines Jahrgangs eine Berufsausbildung, und nur 20 Prozent gehen aufs Gymnasium. „Man muss sich fragen, ob es sinnvoll ist, wenn 50 Prozent eines Jahrgangs aufs Gymnasium gehen“, sagt die Lernforscherin Elsbeth Stern von der ETH Zürich zu Deutschland. Ein Nachteil des Schweizer Systems: In bestimmten akademischen Disziplinen, etwa bei Ärzten, fehlt der Schweiz der eigene Nachwuchs.
2. Arbeit: Mehr tun, um günstiger zu werden
Anfang des Jahres gab der schwäbische Sägenhersteller Stihl bekannt, die Pläne für ein neues Werk in Ludwigsburg lägen aus Kostengründen auf Eis. Aufsichtsratschef Nikolas Stihl argumentierte, selbst im Hochlohnland Schweiz wäre ein Standort günstiger als in Deutschland. Der Punkt: Die Arbeitskosten fallen trotz höherer Gehälter günstiger aus. Die Wochenarbeitszeit ist länger und es gibt deutlich weniger Urlaub.
Gilt etwa in der deutschen Metall- und Elektroindustrie im Flächentarif die 35-Stunden-Woche, können es in der Schweiz bis zu zehn Wochenstunden mehr sein. Bei Ärzten im Krankenhaus sind 50 Stunden die Regel. 30 Urlaubstage im Jahr und mehr, wie in Deutschland üblich, bekommt in der Schweiz kaum jemand. Dort sind es eher 20 Tage. Zudem fehlt in der Schweiz ein Kündigungsschutz wie in Deutschland. Der Arbeitskräftemangel macht auch dort die Jobs aber recht sicher. Dafür sind die Sätze für die Lohn- und Einkommenssteuer viel niedriger als in Deutschland. Davon profitieren die Arbeitnehmer, die mehr Netto vom Brutto behalten, aber auch die Arbeitgeber, die weniger Lohnsteuer abführen müssen. Ohnehin sind in der Schweiz auch Unternehmenssteuern niedriger.
3. Infrastruktur: Die Bahn ist schnell
Deutschland war einmal ein Land, in dem die Züge pünktlich fuhren. Überhaupt hatte das Land eine funktionierende öffentliche Infrastruktur. Früher! Verspätungen und Zugausfälle sind bei der Deutschen Bahn heute Alltag. In der Schweiz sind mehr als 90 Prozent der Fernzüge pünktlich. Bei allen Unterschieden zwischen DB und SBB (Schweizerische Bundesbahnen) – das deutsche Schienensystem ist siebenmal größer und viel komplexer –, der Grund für den Vorsprung der Schweiz ist: Deren Gleise sind in Schuss, die deutschen dagegen marode. Während die Schweiz kontinuierlich investiert hat, verrottete unser Netz. Die Schweizer investieren pro Kopf viermal so viel in ihre Bahn wie die Deutschen.
4. Rente und Soziales: nachhaltig finanziert
Der SPD-Chef Lars Klingbeil hat für eine „echte Reform“ des Rentensystems auch eine Erweiterung des Beitragszahler-Kreises ins Spiel gebracht. Das deutsche Rentensystem ist wegen des demografischen Wandels nicht nachhaltig finanziert. Ob Klingbeil an das besser funktionierende Schweizer Rentensystem dachte? Dort zahlen alle - auch Beamte, Selbstständige und Spitzenmanager ein. Eine maximale Beitragsbemessungsgrenze wie in Deutschland gibt es bei der Solidarrente AHV nicht. Darüber hinaus sind die Mitarbeiter vieler Unternehmen über eine Betriebsrente abgesichert. Und es gibt eine steuerfreie Entgeltumwandlung in staatlich regulierte Fonds.
In der Schweiz zähle stärker die Eigenverantwortung, meint der deutsche Manager aus Zürich. In Deutschland entscheide oft der Staat. Beispiel Gesundheitsversorgung: Die Schweiz hat eine obligatorische private Grundversicherung. Darüber hinaus kann sich jeder privat zusätzlich versichern. Für die Mittelschicht ist der Mix sehr teuer. Das Schweizer Gesundheitssystem gilt bei ähnlich hohen Ausgaben wie in Deutschland aber als effizienter.
5. Bürokratie: Einfach mal probieren
Deutsche Manager renommierter Unternehmen, die in der Schweiz produzieren, loben die Schweizer Behörden. Deren Haltung sei „lösungsorientiert“, meint einer. „Während es in Deutschland heißt, das geht nicht, heißt es in der Schweiz: Das haben wir noch nicht gemacht, aber wir probieren es“, erzählt ein anderer. Als Beispiel erwähnt Letzterer seine Erfahrungen, wenn es in Ausnahmefällen darum geht, Sonntagsarbeit zu beantragen: In Deutschland brauche es dafür Wochen Vorlauf - mit ungewissem Ausgang. „In der Schweiz ist das ein Anruf.“ Auch in der Schweizer Finanzverwaltung werde „viel unternehmerischer gedacht“, berichtet ein anderer Insider. Heißt: Ein marktorientierter Ansatz bietet attraktivere Bedingungen. Unterm Strich scheinen kleinere Länder wie die Schweiz einfach resilienter zu sein.
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Dieser Artikel stammt aus der RHEINPFALZ am SONNTAG, der Wochenzeitung der RHEINPFALZ. Digital lesen Sie die vollständige Ausgabe bereits samstags im E-Paper in der RHEINPFALZ-App (Android, iOS). Sonntags ab 5 Uhr erhalten Sie dort eine aktualisierte Version mit den Nachrichten vom Samstag aus der Pfalz, Deutschland und der Welt sowie besonders ausführlich vom Sport.