Fußball RHEINPFALZ Plus Artikel Rassismus im Fußballstadion: Kurve nach rechts

Schalkes Christopher Antwi-Adjei gab nach dem Pokalspiel bei Lok Leipzig an, er sei rassistisch beleidigt worden.
Schalkes Christopher Antwi-Adjei gab nach dem Pokalspiel bei Lok Leipzig an, er sei rassistisch beleidigt worden.

Die jüngsten rassistischen Vorfälle in Fußballstadien könnten die Vorboten einer schlimmen Entwicklung in den Kurven sein. Doch noch wirken dort die Selbstheilungskräfte.

Nach dem 0:2 der deutschen Nationalmannschaft in Bratislava waren sich die professionellen Beobachter einig: Außer Torwart Oliver Baumann hatte das gesamte deutsche Team eine indiskutabel schwache Leistung abgeliefert. Zu Hause, vorm Fernseher, hatten das allerdings einige Menschen anders gesehen. Sie ließen ihren Frust an Nnamdi Collins, Antonio Rüdiger und Jonathan Tah aus. Die hatten zwar nicht schlechter als die meisten ihrer Kollegen gespielt, haben aber eine andere Hautfarbe. Der DFB („Besonders Rassismus hat hier überhaupt keinen Platz“) hat die Posts an die Staatsanwaltschaft weitergeleitet, die Ermittlungen laufen. Noch schlimmer traf es ein paar Tage später Samiou Tchagbele vom SV Auerhammer (Sachsen) im Erzgebirgs-Pokalspiel beim SV Niederwürschnitz. Nachdem der das ganze Spiel über „aufs Übelste“ (SVA-Vorstand Konrad Schlegel) rassistisch beleidigt worden war, brachen seine Mitspieler das Spiel beim Elfmeterschießen ab und verließen den Platz.

Derweil könnte der Lok-Leipzig-Fan, der den Schalker Christopher Antwi-Adjei beim DFB-Pokal-Erstrundenspiel Mitte August rassistisch beleidigt hatte, bald gehörigen Ärger bekommen. Die Leipziger Polizei dürfte in den kommenden Tagen einen Namen bekanntgeben, der ihr seit Längerem bekannt sein soll. In Leipzig pfeifen die Spatzen von den Dächern, dass sich der Täter längst gestellt hat. Warum die Polizei unter Hinweis auf „laufende Entwicklungen“ Stillschweigen wahrt und den Namen auch nicht dem Verein nennt, muss offen bleiben. Mehr als der Hinweis auf die „laufenden Ermittlungen“ ist der Polizei nicht zu entlocken.

Wer auffällt, muss zahlen

Für den Pöbler könnte die rassistische Entgleisung teuer werden. Der Verein, dem wohl eine saftige Geldstrafe ins Haus steht, hätte dann die Handhabe, diese Strafe eins-zu-eins an den Verursacher weiterzugeben – vorausgesetzt er erfährt dessen Namen.

Damit sind sie zumindest in Leipzig einen gehörigen Schritt weiter, zumal von der Messestadt nun ein Signal ausgeht, das selbst die Zielgruppe verstehen dürfte: Wer rassistische Schmähungen äußert und erwischt wird, muss zahlen.

Andernorts werden die Täter noch gesucht. Am gleichen Pokal-Spieltag war es gleich vier Mal zu Rassismus-Vorfällen gekommen. In Leipzig sowie beim Spiel RSV Eintracht gegen 1. FC Kaiserslautern. Nach dem Mainzer Sieg in Dresden kam es zudem – wie kurz darauf nach dem Slowakei-Länderspiel – zu Pöbeleien im Netz, die sich nach dem Dortmunder Sieg bei Rot-Weiss Essen wiederholten. Nach dem rüden Foul von RWE-Profi Kelsey Owusu ploppten so viele rassistische Beschimpfungen in den Essener Online-Kanälen auf, dass die geschlossen werden mussten.

Ost-West-Frage ist nicht entscheidend

Risse bekam damit auch die in Westdeutschland so beliebte Selbstvergewisserung, wonach Rassismus primär ein ostdeutsches Phänomen sei: Dortmund liegt nachweislich nicht in Ostdeutschland. Dafür sind dort einige der sich am klarsten als politisch links definierenden Fanszenen beheimatet: Die des FC Carl Zeiss Jena, von Babelsberg 03, Chemie Leipzig oder des Dresdener SC wären hier zu nennen.

Überhaupt ist die Ost-West-Frage gerade nicht die entscheidende, wenn man über die politische Entwicklung in den Stadien spricht. Denn rechte Sprüche und beinharte rechtsextreme Tendenzen kehren derzeit bundesweit zurück – eine Entwicklung, die in allen gesellschaftlichen Bereichen zu beobachten ist. Seit dem Ende der Corona-Pandemie, die viele Jugendliche schutzlos den tiefen Sümpfen im Internet auslieferte, drängen event- und gewaltorientierte Jugendliche in die Support-Blocks der Republik. Viele davon haben ein rechtes Weltbild, „angelernt“ von Tik Tok und den rechten Social-Media-Aktivitäten, die professioneller, schneller und meist intellektuell niedrigschwelliger sind als konkurrierende Angebote.

Häufiger als noch vor drei Jahren sind seither wieder Slogans wie „Für Verein und Vaterland“, „Ruhm und Ehre“ oder Symbole wie Adler und Ährenkranz in Ost und West zu sehen. Sie zieren zunehmend auch Tattoos, Sticker und Graffitis – und stehen für einen Gesinnungsumschwung vor allem bei jüngeren Fußballfans, die in ihrer Mehrheit noch vor zwei, drei Jahren kein Stadion von innen gesehen hatten. Schon jetzt kann man vielerorts, wo das noch vor fünf Jahren selbstverständlich war, nicht mehr automatisch mit breiter Unterstützung rechnen, wenn man sich gegen rechte Sprüche zur Wehr setzt.

Fußball als Spiegelbild der Gesellschaft

„In den Kurven gibt es eindeutig einen Rechtsruck“, bestätigt Philipp Beitzel von der Koordinierungsstelle der über 70 Fanprojekte in Deutschland. Die sozialpädagogisch arbeitenden Fanprojekte unterstützen „die progressiven Kräfte in den Kurven“ und müssten „gestärkt werden“, findet er. Zumal der Fußball hier ein Spiegelbild der Gesellschaft sei. „Die gesellschaftliche Entwicklung ist von diversen Kulturkämpfen geprägt. Natürlich werden diese auch im Fußballstadion als einem bedeutsamen Sozialraum ausgehandelt.“

Das hat Folgen: Die 700 beziehungsweise 450 Teilnehmer der letzten beiden rechten Demos gegen den Christopher-Street-Day waren fast alle fußballsozialisiert. Rechercheure des ZDF, die mehr über deren Herkunft herausfinden wollten, stießen schon 2024 auf „Fußballfans aus ganz Deutschland. Einschlägig bekannte Szenen wie Rostock, Dresden, BFC Dynamo oder Chemnitz, aber auch Anhänger von Union Berlin oder Hertha BSC“. Auch bei rechten Demos im Westen der Republik sieht man seit zwei Jahren wieder verstärkt fußballsozialisierte Aktivisten.

Bei einem bundesweiten Kongress von „Lernort Stadion e.V.“ in Jena berichteten viele Sozialpädagogen von einem deutlichen Rechtsruck in den Schulklassen, mit denen sie Demokratieprojekte durchführen. Schon immer hätten einzelne Teenager mit rechten Sprüchen provoziert, berichtet eine Teilnehmerin, die im Umfeld eines ostdeutschen Drittligisten arbeitet. „Aber heute haben wir es manchmal mit 15-Jährigen zu tun, die den Holocaust leugnen und ideologisch geschult sind.“ In Westdeutschland hingegen – und diese Entwicklung erscheint genauso besorgniserregend – treffen die Dozenten immer öfter auf Schulklassen, in denen islamistische Propaganda floriert und sich einzelne Schüler weigern, einer weiblichen Lehrkraft die Hand zu geben. Von salafistischen Umtrieben sind die deutschen Stadien und Fanszenen bislang verschont geblieben.

Offener Rassismus gehört der Vergangenheit an

Dort gibt es allerdings – die Dinge sind kompliziert – in Sachen Gewaltaffinität immer weniger Unterschiede zwischen rechten und linken Fußballfans. Die nonbinäre Maja T., die mit ihrer „Hammerbande“ hemmungslos Jagd auf echte und vermeintliche Rechtsextreme machte, wird in der linken Fanszene Thüringens und Sachsens teils regelrecht verehrt. Die Solidarität geht dabei zuweilen deutlich über die (berechtigte) Kritik an den Haftbedingungen in Ungarn hinaus. Überhaupt ist in dem sich als links verortenden Teil der Fanszenen im Westen der antifaschistische Antrieb nur noch ein Vorwand, um sich prügeln zu können.

Doch so verkehrt es wäre, den Rechtsruck in den Kurven zu ignorieren – so zu tun, als seien die Stadien derzeit ein Hort von Ausgrenzung und Menschenfeindlichkeit, ist noch falscher: Offener Rassismus, wie er sich rund um die vier Pokalspiele und das Länderspiel austobte, gehört im Alltag der Ersten und Zweiten Liga der Vergangenheit an. Und das vor allem dank der Ultras, die mehrheitlich nach wie vor links denken und die auch dann, wenn sie sich als „unpolitisch“ bezeichnen, keine rechten Sticker oder Parolen im Block dulden.

Beim FCK ist es „relativ ruhig“

Ähnlich erlebt es Stefan Roßkopf. Derzeit, so der Leiter Unternehmenskommunikation beim 1. FC Kaiserslautern, sei es in politischer Hinsicht „relativ ruhig“ im Stadion – auch weil viel mehr Fans als früher nicht mehr bereit seien, rechte Sprüche einfach hinzunehmen. „Für uns als Verein ist es aber sehr wichtig, da permanent ein Auge darauf zu haben und auch künftig die demokratischen Kräfte in der Kurve zu stärken.“

Bei aller Sorge um die Zukunft betont auch Philipp Beitzel von der KOS, es gebe keinen Anlass, schon die Gegenwart in schwarzen Farben zu malen. „Die rechten Tendenzen sind auf keinen Fall so stark wie wir es schon mal hatten“, sagt auch Beitzel. „Dazu sind die Ultraszenen in dem Punkt zu sensibilisiert. Die Selbstheilungskräfte funktionieren da noch.“

Allerdings würden die Kräfteverhältnisse in vielen Stadion-Kurven gerade neu ausgehandelt. Mit offenem Ergebnis.

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Dieser Artikel stammt aus der RHEINPFALZ am SONNTAG, der Wochenzeitung der RHEINPFALZ. Digital lesen Sie die vollständige Ausgabe bereits samstags im E-Paper in der RHEINPFALZ-App (Android, iOS). Sonntags ab 5 Uhr erhalten Sie dort eine aktualisierte Version mit den Nachrichten vom Samstag aus der Pfalz, Deutschland und der Welt sowie besonders ausführlich vom Sport.

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