Liebe
Polyamorie: Sophia liebt zwei Männer – wie macht sie das?
Es war nur ein Satz ihrer Oma, aber der hat Sophia tief berührt: „Lebe nicht das Leben der Anderen.“ Ihre Großmutter war die erste aus der erweiterten Familie, der sie es gesagt hat, erzählt Sophia von ihrem „Outing“. Ihre Eltern wussten es schon sehr früh und haben sie immer unterstützt – für sie spielt es keine Rolle, für welchen Lebensentwurf sich ihre Tochter entscheidet.
Die meisten Eltern wünschen sich heute dennoch, dass das eigene Kind irgendwann den Partner oder die Partnerin fürs Leben findet. Doch was, wenn es gar nicht den einen oder die eine gibt? Wenn es sogar mehrere gibt, die man liebt? Sollte man sich dann entscheiden – muss man sich entscheiden? Diese klassische, romantisierte Vorstellung einer Beziehung gilt längst nicht mehr als die einzige, sondern wird immer wieder hinterfragt. Besonders jüngere Generationen zeigen eine große Offenheit gegenüber nicht-monogamen Beziehungen. Die Vorstellung, dass Partnerschaften zwangsläufig monogam sein müssen, wird immer häufiger um flexiblere Modelle ergänzt, die auf extreme Offenheit und Kommunikation setzen.
„In den letzten Jahren ist es eine Art Trend geworden, in einer offenen Beziehung zu leben“, sagt Ursina Donatsch. Die Paartherapeutin beschäftigt sich seit über zehn Jahren mit offenen Beziehungsmodellen und erlebt in ihrer täglichen Arbeit, dass sich immer mehr Menschen ausprobieren wollen – für sie ist das auch eine Errungenschaft des Feminismus. „Ich merke allerdings auch, dass es eine gewisse Gefahr mit sich bringt, wenn Paare meinen, das einmal probieren zu müssen, vor allem, wenn nicht vorher klar ist, was beide wirklich wollen“, so Donatsch. Um diesen Menschen eine Art Handlungsanweisung an die Hand zu geben, hat die Therapeutin ein Praxishandbuch für offene Beziehungen und Polyamorie geschrieben.
Die Frage nach Hierarchie ist entscheidend
Doch was bedeutet es eigentlich, eine offene Beziehung zu führen, und wie unterscheidet sie sich von Polyamorie? „Nicht-monogame Beziehungsmodelle sind so vielfältig wie die Menschen, die sie führen“, sagt die promovierte Therapeutin. Es komme auf die Wünsche und Vorstellungen der einzelnen Personen an, wenn es darum gehe, romantische oder sexuelle Verbindungen jenseits der klassischen Zweierbeziehung zu gestalten. Die konsensuelle Nicht-Monogamie ist der Überbegriff, unter den viele verschiedene Formen fallen. Zu den bekanntesten Kategorien zählen die offene Beziehung, in der Sex außerhalb der Paarbeziehung erlaubt ist, während die romantische und emotionale Bindung in der Regel exklusiv bleibt. Bei der Polyamorie bestehen mehrere romantische Liebesbeziehungen gleichzeitig, in denen die emotionale Nähe und Bindung im Fokus stehen. Polyamore Beziehungen können unterschiedlich strukturiert sein, jedoch spielt die Frage nach der Hierarchie eine entscheidende Rolle. „Während manche Menschen klare Prioritäten zwischen ihren Beziehungen setzen, streben andere eine gleichwertige Gestaltung aller Verbindungen an. Beide Modelle haben spezifische Vor- und Nachteile und beeinflussen maßgeblich die Dynamik innerhalb der Beziehungen“, sagt Donatsch.
Für Sophia ist klar: „Hierarchische Beziehungen sollten ein Auslaufmodell sein.“ Die 27-Jährige lebt heute in einer ethisch-polyamoren Beziehung mit zwei Männern. Von vornherein geplant war das nicht – „reingestolpert“ sei sie da. „Angefangen hat es mit einer offenen Beziehung, als ich nach Aachen gezogen bin“, erzählt sie. Trotz Fernbeziehung habe sie das Bedürfnis nach Nähe gehabt und die Beziehung mit ihrem Partner geöffnet. „Dann habe ich hier zwei ganz liebe Menschen kennengelernt“, sagt Sophia. Gleichzeitig habe sie gemerkt, dass sie ein Problem mit hierarchischen Verhältnissen in Beziehungen hat. „Ich glaube, deshalb hat auch die offene Beziehung nicht so gut für mich gepasst“, sagt die gelernte Tischlerin. „In monoamoren Partnerschaften hat der Partner oder die Partnerin Macht über den Alltag, über Finanzen, darüber, mit wem Zeit verbracht wird, oder über grundsätzliche Lebensentscheidungen. Das muss natürlich nicht für alle gelten – es gibt auch sehr egalitäre romantische Beziehungen.“ Dennoch müsse man sich der Hierarchien bewusst sein und sie hinterfragen, meint Sophia. Für sie hat es sich im Laufe der Jahre seit 2020 organisch entwickelt, dass sie nicht nur eine Partnerschaft geführt hat – sie wollte sich ganz einfach nicht zwischen verschiedenen Menschen entscheiden.
Eifersucht spielt immer eine Rolle
Heute lebt sie mit einem ihrer Partner zusammen, ihr anderer Freund hat eine eigene Wohnung. Sie treffen sich aber auch gemeinsam, etwa um Gesellschaftsspiele zu spielen – eine Leidenschaft der drei. „Das ist praktisch, dann hat man immer genug Leute, um zu spielen“, sagt Sophia. Eine solche Form der nicht-hierarchischen Polyamorie zeichne sich vor allem dadurch aus, dass alle Beziehungen individuell wertgeschätzt werden und offen über Zeit und Ressourcen gesprochen werden muss, sagt die Therapeutin.
„Natürlich ist es manchmal schwer, wenn mein Partner frisch verliebt in jemand anderen ist.“
Doch welche Rolle spielt Eifersucht in einer romantischen Beziehung zwischen mehreren Personen? „Die verschwindet natürlich nicht plötzlich, nur weil man sich für ein anderes Beziehungsmodell entscheidet. Sie ist da, und sie will wahrgenommen werden“, sagt Ursina Donatsch. Es sei entscheidend, die Ursachen zu verstehen: Geht es um die Angst vor Verlust? Darum, nicht zu genügen? Um die Sorge, ersetzt zu werden? Für Sophias Mitbewohner ist es keine Gefahr, wenn sie sich mit anderen Menschen trifft. „Ich stehe nicht in Konkurrenz zu anderen Menschen. Neue Beziehungen bereichern nicht nur ihr Leben, sondern auch meins“, sagt er.
Eine aufrichtige und gute Kommunikation sei auch in einer „klassischen“ Beziehung der Idealfall und überaus wünschenswert, erklärt Donatsch. „Alle Themen, die ich in meinem Buch zu offenen Beziehungen behandle, wären auch für monogame Paare relevant. In offenen Modellen ist man aber gezwungen, sie konsequent umzusetzen, man kann sich nicht so leicht verstecken, wie in einer klassischen Partnerschaft.“ Wer nicht offen über seine Gefühle sprechen kann, wird es in einer offenen Beziehung schwer haben. Die Therapeutin hat schon erlebt, dass Paare in einer Krise zu ihr kamen und die Lösung in einer Öffnung der Beziehung gesehen haben. „Wo die Kommunikation schon in einer monoamoren Partnerschaft nicht stimmt, wäre eine offene Beziehung der Anfang vom Ende“, sagt die Expertin.
Termine, Zeit mit den Partnern und für sich selbst – alles will abgestimmt sein
Sophia lebt genau diese Form direkter Auseinandersetzung. „Natürlich ist es manchmal schwer, wenn mein Partner frisch verliebt in jemand anderen ist. Aber ich kann mich ehrlich für ihn freuen – und gleichzeitig zugeben, wenn mich das gerade herausfordert.“ Für sie ist das ein Lernprozess, ein „Muskel“, den man trainieren muss – durch wiederholte Reflexion, durch Gespräche, durch das gleichermaßen Ernstnehmen von Freude und Schmerz. „Wenn man diese Ehrlichkeit nicht lebt, funktioniert es nicht. Meine Partner wissen voneinander, kennen meine Gefühle, und wir reden auch über schwierige Themen wie Eifersucht, Zeitverteilung oder neue romantische Interessen.“ Für sie gilt: Offenheit muss von allen Beteiligten getragen werden, nicht erzwungen sein. „Ich erwarte nicht, dass meine Partner sich mögen oder Zeit miteinander verbringen, aber ich erwarte, dass sie wissen, dass es die anderen gibt – und das respektieren.“
Wer mehrere Beziehungen führt, merkt schnell: Liebe organisiert sich nicht von allein. Besonders wenn, wie bei Sophia, ein Partner mit ihr zusammenlebt und der andere in einer eigenen Wohnung wohnt, bedeutet das, den Alltag aktiv zu strukturieren. Termine, gemeinsame Unternehmungen, Rückzugszeiten – all das will abgestimmt sein.
Doch wie sieht es mit dem klassischen Bild von der einen großen Liebe aus? In polyamoren Modellen wird die Perspektive geweitet. „Ich empfinde Liebe zu meinen Partnern und zu meinen engsten Freundinnen und Freunden im Kern ganz ähnlich“, sagt Sophia. „Es fühlt sich für mich an wie warmer Tee im Bauch – unabhängig davon, ob sie nun romantischer oder platonischer Natur ist.“ Die Qualität ihrer Liebe bemesse sich nicht an ihrer Exklusivität, sondern an ihrer Echtheit und gegenseitigen Wertschätzung.
Geht es nur um Sex?
Zur romantischen Liebe gehört für viele Menschen auch der Sex. Ein Vorurteil, dem Menschen in nicht-monogamen Beziehungen immer wieder begegnen, ist, dass sie rastlos seien und „nur auf Sex aus“ wären. „Das ist völlig überholt“, sagt Donatsch deutlich. In ihrer Praxis begegnet sie einer großen Vielfalt an Beweggründen: Körperliche Lust ist nur ein Anteil; häufig spielen emotionale Vielfalt, persönliche Weiterentwicklung, Gemeinschaftsdenken und gegenseitige Unterstützung eine große Rolle.
„Viele denken, Polyamorie sei eine Dauerparty ohne Verpflichtungen. Die Realität ist oft das Gegenteil."
Bei Sophia sorgen solche Klischees eher für ein Lächeln – und manchmal auch für genervtes Kopfschütteln. „Viele denken, Polyamorie sei eine Dauerparty ohne Verpflichtungen. Die Realität ist oft das Gegenteil: Termine abstimmen, Bedürfnisse aller Beteiligten berücksichtigen, Grenzen verhandeln – das ist Arbeit, aber eine, die ich gerne investiere.“ Und ja, zu ihren Beziehungen gehöre auch die sexuelle Dimension. „Und wie bei monogamen Beziehungen ist auch die sexuelle Dynamik mit unterschiedlichen Partnern entsprechend verschieden“, sagt sie. Ihr ist es wichtig zu betonen, dass sie von ihren persönlichen Erfahrungen mit Polyamorie spricht. Bei anderen Paaren und Beziehungskonstellationen kann das ganz unterschiedlich aussehen.
Die „richtige“ Art zu lieben
Gesellschaftlich gibt es – trotz wachsender Akzeptanz – deutliche Vorbehalte. Donatsch rät deshalb, bewusst zu entscheiden, wer vom Beziehungsmodell erfährt. „Man sollte überlegen, ob man die Reaktionen und Fragen aus dem Umfeld auffangen und beantworten möchte. Nicht jede neugierige Nachfrage ist empathisch gemeint.“ Neue Beziehungsformen seien eine zusätzliche Option neben den etablierten. Allerdings fehle es an Vorbildern, stattdessen dominierten hartnäckige Mythen. „Die Stärke der heutigen Zeit liegt in der Möglichkeit, Lebens- und Liebesmodelle den eigenen Bedürfnissen und Lebensphasen anzupassen.“
Für Sophia fühlt sich Polyamorie momentan richtig an – aber nicht, weil sie Monogamie ablehnt. „Für mich ist das die einzig ehrliche Art zu lieben, weil ich nichts verheimlichen muss“, sagt sie. „Vielleicht werde ich auch mal nur mit einer Person zusammen sein. Poly zu sein bedeutet für mich, dass meine Partner mich kennen, so wie ich bin, und dass ich nichts verbergen muss. Es ist eine Haltung, egal wie viele Beziehungen ich gleichzeitig führe.“
Sophia tut also – trotz der Vorurteile, die manche gegen ihre Beziehungen haben mögen – das, was ihre Oma ihr geraten hat: Sie lebt ihr Leben. Und nicht das der Anderen.
Das Buch
Kann Polyamorie die Sehnsucht nach Freiheit und Vielfalt erfüllen? Die Autorin und Psychotherapeutin Dr. Ursina Donatsch will mit ihrem Handbuch neue Perspektiven eröffnen. Es enthält leicht anwendbare Strategien für gelingende Beziehungsgestaltung, wertschätzende Kommunikation und emotionale Balance.
Ursina Donatsch, Verbunden und trotzdem frei. Das Praxishandbuch für offene Beziehungen und Polyamorie, Hogrefe Verlag, 2026, 28 Euro.
Info
Dieser Artikel stammt aus der RHEINPFALZ am SONNTAG, der Wochenzeitung der RHEINPFALZ. Digital lesen Sie die vollständige Ausgabe bereits samstags im E-Paper in der RHEINPFALZ-App (Android, iOS). Sonntags ab 5 Uhr erhalten Sie dort eine aktualisierte Version mit den Nachrichten vom Samstag aus der Pfalz, Deutschland und der Welt sowie besonders ausführlich vom Sport.


