Reise RHEINPFALZ Plus Artikel Pilsen: 36 Fässer Wut – und am Ende ein Weltbier

Die Pilsener wissen nicht nur, wie man richtiges Bier macht, sondern auch wie man es zapft.
Die Pilsener wissen nicht nur, wie man richtiges Bier macht, sondern auch wie man es zapft.

Ziemlich selbstbewusst nennt sich Pilsen „Welthauptstadt des Bieres“ – und das bei eher bescheidenen 180.000 Einwohnern. Größenwahn? Eine Entdeckungstour.

Von Axel Ehrlich

Alles begann 1838 mit der sogenannten Bierkatastrophe. 36 Fässer wurden von erzürnten Bürgern aus Protest öffentlich vor dem Rathaus weggeschüttet. Was die rund 260 Familienbrauereien bis dato zusammen rührten, war eher so, na ja, mittelmäßig.

Pilsens Bürger entschieden, gemeinsam eine große Brauerei zu gründen und dort fortan anständiges Bier herzustellen. Das Know-how wurde aus Bayern importiert; Braumeister Josef Groll aus Vilshofen brachte das Reinheitsgebot mit und legte gleichzeitig Wert darauf, regionale Rohstoffe zu kombinieren: das weiche Pilsener Brunnenwasser, helles Malz und Saazer Hopfen, der unweit gedieh, und eine besondere Hefe. Grolls erster Sud vom November 1842 geriet überraschend gut. „Kräftiger, vorzüglicher, bei Bier bisher unbekannter Geschmack“, notierten Zeitzeugen. Das untergärige, goldfarbene Pilsner Lagerbier war geboren – später Namensgeber für eine ganze Bier-Gattung. Einer der ersten Fans soll Kaiser Franz Joseph gewesen sein. Das sagt zumindest seine Unterschrift im Gästebuch der Brauerei.

Schon ein Jahr später hatte das neue Getränk die Kneipen in Prag und Wien erobert. In den nächsten Jahrzehnten war die mittlerweile geschützte Marke „Pilsner Urquell“ auch in den USA, später in Lateinamerika und Afrika geschätzt. In Pilsen, am Ufer des Flusses Radbuza, schlägt weiter das flüssige Herz des Gerstensafts. Der Angelegenheit nähert man sich am besten mit einer Brauereiführung.

Zwölf Millionen Liter pro Jahr

Es tropft unablässig von den Wänden. Der Sandsteinboden glänzt feucht, es riecht nach Kühle – und Bier. Das lagert in übereinandergestapelten riesigen Eichenholzfässern zu beiden Seiten des Gewölbes. Zwölf bis 21 Meter unter der eigentlichen Brauerei befinden sich die alten Lagerkeller. Insgesamt neun Kilometer Tunnel. Dort muss das Bier sechs bis acht Wochen lagern und reifen. „Heute ist das nur noch ein Bruchteil der Produktion, eher aus nostalgischen Gründen“, erklärt Brauereiführerin Jirina. Der Großteil wartet in gekühlten oberirdischen Edelstahltanks auf seine Vollendung.

Pro Jahr verlassen mehr als zwölf Millionen Liter Pilsener Urquell (inklusive der bereits nach dem Zweiten Weltkrieg geschluckten und ebenfalls dort gebrauten Konkurrenzmarke „Gambrinus“) das Gelände unweit der Pilsener Innenstadt. Knapp 2,9 Millionen halbe Liter – pro Tag. Na prost.

Unten im Keller zapft Braugeselle Josef direkt vom Holzfass einen zünftigen Probeschluck ungefiltertes Pilsner, perfekte acht Grad kalt. Und jetzt nicht einfach hinunterstürzen, sondern nach einer vorgegebenen Choreografie genießen. Erstens: Nur gucken. Die bernsteinähnliche Farbe und den sahnigen Schaum betrachten. Zweitens: Kreisförmiges Schwenken des Glases, um das Aroma bestmöglich freizusetzen. Drittens: Noch immer nicht trinken, nur das feine, leicht bittere Hopfenaroma riechen. Viertens: Probeschluck. Struktur, leichtes Prickeln, der Geschmack…

Die richtige Art zu zapfen

Die Pilsener wissen nicht nur, wie man richtiges Bier macht, sondern auch, wie man es zapft. Miloslav Belsky erklärt in der Brauereiprobierstube, was dabei absolut verboten ist: „Nie von oben in das Glas laufen lassen. Nie Inhalt mehrerer Gläser zusammen kippen. Nie, wirklich nie in ein benutztes Glas nachzapfen.“ Sondern: Zuerst das Glas kalt ausspülen. Jetzt ganz kurz mit voll aufgedrehtem Hahn zuerst die Schaumschicht herstellen. Dann durch den Schaum laaangsam das Bier ins Glas zapfen. Das Glas dabei schräg halten; Profis erwischen exakt den 45-Grad-Winkel. Der Messinghahn muss dabei immer die Wand des Glases berühren. Langsam schwimmt die feinporige Schaumkrone nach oben, getragen von süffigem, goldenem Bier.

Noch ein Geheimnis: die Antwort auf die Frage nach der Bierdirektleitung aus der Brauerei ins benachbarte Stadion des Erstligisten SV Viktoria Pilsen. Die offizielle Version ist: Nein, gibt es nicht. Was Pilsener Fußballfans allerdings nicht davon abhält, die Legende zu befeuern. Ist einfach zu schön, die Vorstellung.

Pilsen

AnreiseMit dem Zug, www.bahn.de.

Unterkunft
Mitten in der Innenstadt zum Beispiel im Hotel Courtyard by Marriott, Doppelzimmer mit Frühstück ab circa 125 Euro, www.marriott.com.
Wer die Ruhe mag: Doppelzimmer in liebevoll restauriertem Bauernhof am südlichen Stadtrand ab 87 Euro pro Nacht inklusive Frühstück,
www.martinuvdvur.cz.

Aktivitäten
Unbedingt ansehen: die Bartholomäuskathedrale auf dem Stadtplatz. Das markanteste Gebäude der Stadt war ursprünglich mit zwei Türmen geplant, aus Geldmangel wurde nach mehreren hundert Jahren permanenter Bauzeit nur einer realisiert. Dieser eine Turm aber hält mit knapp 103 Metern einen tschechischen Rekord. Außen an einem Gittertor befinden sich zudem 29 hühnereigroße bronzene Engelsköpfe. Kopf Nr. 11 zu rubbeln soll Glück bringen – so eine alte Legende, www.bip.cz/cs/katedrala-sv-bartolomeje.
Tipp: Wie fast überall in Tschechien braucht man in Pilsen nahezu nirgends mehr Bargeld. In den Kneipen zahlt man via Smartphone über am Tisch angebrachte Apps, über die man teils auch bestellen kann. Das frisch gezapfte Bier wird aber traditionell von Menschen gebracht. In der Bartholomäus-Kathedrale funktioniert der Opferstock digital. Spendensumme eingeben, Smartphone dranhalten, fertig.

Allgemein
Visit Pilsen, www.visitplzen.eu.
Tschechien Tourismus,
www.visitczechia.com.

Info

Dieser Artikel stammt aus der RHEINPFALZ am SONNTAG, der Wochenzeitung der RHEINPFALZ. Digital lesen Sie die vollständige Ausgabe bereits samstags im E-Paper in der RHEINPFALZ-App (Android, iOS). Sonntags ab 5 Uhr erhalten Sie dort eine aktualisierte Version mit den Nachrichten vom Samstag aus der Pfalz, Deutschland und der Welt sowie besonders ausführlich vom Sport.

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