Medikamente
Nebenwirkungen: Warum sie vor allem Frauen treffen
Viele Tausend Babys kamen um 1960 herum weltweit mit schweren Fehlbildungen zur Welt, weil ihre Mütter in der Schwangerschaft das Schlaf- und Beruhigungsmittel Contergan eingenommen hatten.
Dieser Skandal ist mit dafür verantwortlich, dass die Medizin heute viel weniger über Frauen- als über Männerkörper weiß. Erst seit rund 30 Jahren kristallisiert sich nach und nach heraus, dass vieles, was die Medizin über den menschlichen Körper zu wissen glaubte, in Wirklichkeit nur auf den männlichen Organismus zutrifft. Frauen werden folglich oft im Blindflug behandelt.
Als Konsequenz des Contergan-Skandals traf die US-Behörde FDA im Jahr 1977 eine folgenschwere Entscheidung. Sie wollte damals verhindern, dass durch Arzneimitteltests an schwangeren Frauen Embryos oder Föten geschädigt werden und schloss Frauen im gebärfähigen Alter größtenteils von Arzneimittelstudien aus.
Die Folge des Contergan-Skandals
Dabei hatten die Schwangeren Contergan nicht als Teilnehmerinnen eine Studie eingenommen, sondern nach seiner Zulassung als Medikament. Um eine Wiederholung zu verhindern, hätte man also eher sicherstellen müssen, dass mögliche Effekte eines Arzneimittels auf Embryos oder Föten genauer getestet werden, bevor es eingesetzt werden darf. Erst 1993 änderte die FDA ihre Richtlinie wieder. Heute ist zwar längst bekannt, dass wegen Unterschieden im Stoffwechsel und der Körperfettverteilung manche Medikamente bei Frauen anders wirken als bei Männern. Viele der ausschließlich an meist jungen, gesunden, weißen Männern getesteten Arzneien, die vor 1993 zugelassen wurden, sind aber bis heute auf dem Markt. Menschen jedes Geschlechts nehmen sie ein.
Die Folge: Frauen sind eineinhalb Mal so häufig von Arzneimittel-Nebenwirkungen betroffen wie Männer. Das Schmerzmittel Ibuprofen etwa führt bei Frauen öfter zu Leber- und Gallenblasenproblemen. Zwischen 1997 und 2000 zog die FDA zehn verschreibungspflichtige Medikamente aus dem Verkehr, bei denen sich gezeigt hatte, dass ihr Nutzen die Risiken doch nicht überwog – acht davon stellten hauptsächlich für Frauen ein Gesundheitsrisiko dar.
Nicht nur Arzneimitteltests, sondern auch andere medizinische Studien wurden und werden hauptsächlich an Männern durchgeführt. Neben dem Contergan-Skandal hat das noch zwei weitere Gründe.
Warum mehr Männer an Studien teilnehmen
Erstens wird argumentiert, Frauenkörper mit ihrem Zyklus und den schwankenden Hormonen seien zu kompliziert. Es bedeute zu viel Aufwand, mögliche Auswirkungen des Zyklus auf das, was die jeweilige Studie messen will, zu analysieren oder herauszurechnen. Doch der Zyklus ist nun mal Teil des Lebens.
Zweitens sind Männer eher dazu bereit, an medizinischen Studien teilzunehmen. Diese Erfahrung hat auch Bettina Pfleiderer gemacht, Professorin und Leiterin der Arbeitsgruppe Cognition and Gender am Universitätsklinikum Münster. „Aber wenn man erklärt, warum die Studie wichtig ist und wie die Teilnehmenden davon profitieren, dann ändert sich das“, sagt Pfleiderer. „Für eine unserer letzten Studien haben sich sogar viel mehr Frauen als Männer gemeldet, da mussten wir dann bewusst noch Männer rekrutieren.“
In den letzten Jahrzehnten hat sich einiges getan. „Es gibt heute in der Forschung und auch in der Pharmaindustrie ein Bewusstsein dafür, dass Geschlechterunterschiede existieren und man sie berücksichtigen muss“, sagt Pfleiderer. Trotzdem sind Frauen noch lang nicht in allen medizinischen Studien angemessen vertreten. Und: Um eventuelle Geschlechterunterschiede zu bemerken, müssen die Forschenden ihre Ergebnisse auch nach Geschlecht getrennt auswerten.
Die Frage nach dem Geschlecht wird oft nicht gestellt
So zeigte Ende 2022 eine aufsehenerregende Analyse, dass der Wirkstoff Lecanemab das Fortschreiten von Alzheimer um 27 Prozent verlangsamt. Bei Frauen, die zwei Drittel aller Alzheimererkrankten ausmachen, liegt der Effekt allerdings nur bei zwölf Prozent, bei Männern sind es 43 Prozent.
Lecanemab kann schwere Nebenwirkungen wie Hirnblutungen auslösen. Der Geschlechterunterschied ist daher relevant. In der Berichterstattung ging er aber unter – denn das Forschungsteam hatte die Daten zwar nach Geschlecht ausgewertet, die Ergebnisse dazu aber nicht in die eigentliche Veröffentlichung gepackt, sondern nur in den Anhang.
Wie oft die Wissenschaft die Frage nach dem Geschlecht gar nicht erst stellen, dokumentiert eine 2023 veröffentlichte Auswertung von 240 Studien zur Wirksamkeit von Covid-19-Impfstoffen: Nur bei neun Prozent waren die Ergebnisse nach Mann und Frau getrennt ausgewiesen. Mehr als ein Viertel der Studien erwähnte nicht einmal das Geschlecht der Teilnehmenden. „Sobald es schnell gehen muss wie bei Covid-19, fällt das Thema Geschlecht wieder hinten runter“, bemerkt Bettina Pfleiderer.
Ein Problem auch bei Tierversuchen
Das Problem beginnt nicht erst bei Studien am Menschen. „Schon einzelne Zellen haben ein Geschlecht, und viele Zellen besitzen Rezeptoren für Sexualhormone“, sagt Pfleiderer. Aber selbst bei Experimenten in der Petrischale verwenden Forschende vor allem männliche Zellen.
Auch bei Tierstudien wird das Geschlecht häufig zu wenig berücksichtigt. Mal führen Forschende Experimente nur an männlichen Mäusen oder Ratten durch, weil die keinen Hormonzyklus haben, mal nur an weiblichen, weil sie leichter zu halten sind. Dabei sind Unterschiede etwa beim Schmerzempfinden und bei der Entstehung von Krebs belegt. Noch im Jahr 2016 fand sich, wie Veröffentlichung in der Fachzeitschrift „The Lancet“ ergeben hat, in 69 Prozent aller biomedizinischen Studien keine Angabe zum Geschlecht der untersuchten Zellen oder Tiere.
Geschlechtersensible Forschung heiße nicht, dass man in jeder Studie 50 Prozent männliche und 50 Prozent weibliche Proben oder Teilnehmende benötige, meint Pfleiderer. Viel sinnvoller sei es, die Häufigkeit der untersuchten Erkrankung bei Männern und Frauen in der realen Welt zu berücksichtigen.
Auch Alter und Ethnie beeinflussen, wie ein Medikament wirkt
Wichtig sei außerdem, bei der Auswahl der Teilnehmenden und bei der Auswertung der Ergebnisse neben dem Geschlecht auch Faktoren wie Alter und Ethnie mit einzubeziehen. Denn sie können ebenfalls einen Einfluss haben auf die Wirkung eines Medikaments.
Weil Sexualhormone so viele Prozesse im Körper beeinflussen, müsse zudem auf Unterschiede zwischen Frauen vor und nach der Menopause geachtet werden sowie auf Besonderheiten bei Frauen, die hormonell verhüten. „Es geht nicht um ein Schwarz-Weiß-Denken“, betont Pfleiderer, „sondern darum, je nach Profil der Erkrankung maßgeschneidert zu schauen, welche Faktoren relevant sind.“
Kinder, alte Menschen und Schwangere müssten ebenfalls viel mehr in medizinische Studien einbezogen werden als heute üblich, sagen manche Fachleute. Heute stehen etwa Frauen mit chronischen Erkrankungen in der Schwangerschaft oft vor großen Problemen, weil es keine Erkenntnisse dazu gibt, ob ihre Arzneien sicher sind oder auf welche Präparate sie ausweichen können. Sie werden notgedrungen zu Versuchskaninchen ihrer selbst.
Das biologische und soziale Geschlecht
Wenn Studien zeigen, dass Frauen an einer bestimmten Krebsart häufiger sterben als Männer, kann das an vielen Aspekten des Frauseins liegen. Fördert Östrogen das Wachstum der Tumorzellen? Oder tun das Chemikalien, mit denen vor allem Menschen in frauendominierten Berufen in Berührung kommen, wie etwa im Nagelstudio oder als Reinigungskraft? Werden Frauen zu spät diagnostiziert, weil die Ärztinnen und Ärzte ihre Schmerzen nicht ernst nehmen?
„Unter dem Begriff Geschlecht werden viele verschiedene Dinge zusammengefasst“, meint Laura Wortmann, wissenschaftliche Mitarbeiterin im Bereich Geschlechtersensible Medizin an der Medizinischen Fakultät der Universität Bielefeld. Deshalb halten viele Fachleute es für nicht ideal, in Fragebögen zu Studien per Kästchen nur „männlich“ oder „weiblich“ abzufragen. Sinnvoller, sagt Wortmann, seien Ansätze wie die Two-Step-Methode. Dabei werden das biologische und das soziale Geschlecht getrennt voneinander erfasst, mit jeweils mehreren Antwortmöglichkeiten.
Das ermöglicht es inter- und transgeschlechtlichen Menschen – also jenen, die biologisch nicht eindeutig männlich oder weiblich sind, und jenen, die sich nicht ihrem bei der Geburt zugewiesenen Geschlecht zugehörig fühlen –, sich selbst korrekt einzuordnen. Und es bedeutet mehr Erkenntnisgewinn, weil die Auswirkungen von sozialem und biologischem Geschlecht weniger vermengt werden.
„Es braucht Verbindlichkeit“
Weiß ein Forschungsteam, was hinter dem Geschlechterunterschied bei einer bestimmten Krankheit steckt, kann es gezielter nach Wegen suchen, sie zu verhindern oder zu behandeln. Von dem Wissen, dass etwa eine häufig in Reinigungsmitteln verwendete Chemikalie das Krebswachstum fördert, profitieren dann auch Männer.
Den für Pfleiderer bisher wichtigsten Meilenstein in der Thematik hat die US-Behörde National Institutes of Health (NIH), die weltweit wichtigste Forschungsfördereinrichtung in der Medizin, im Jahr 2016 gesetzt: Forschende, die eine NIH-Förderung beantragen, müssen seither erläutern, wie sie den Faktor Geschlecht in ihrem Projekt berücksichtigen werden oder warum das im konkreten Fall nicht nötig sei.
Das verlangen heute zwar auch diverse Fachzeitschriften oder die Europäische Arzneimittelagentur EMA – aber nur in unverbindlichen Richtlinien. „Die NIH haben als Erste nicht nur gesagt: ,Es ist nett, wenn ihr das macht’, sondern: ,Wenn ihr Geld von uns wollt, müsst ihr es machen’“, erklärt Pfleiderer und unterstreicht: „Wir müssen weg von den Absichtserklärungen, es braucht Verbindlichkeit.“
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Dieser Artikel stammt aus der RHEINPFALZ am SONNTAG, der Wochenzeitung der RHEINPFALZ. Digital lesen Sie die vollständige Ausgabe bereits samstags im E-Paper in der RHEINPFALZ-App (Android, iOS). Sonntags ab 5 Uhr erhalten Sie dort eine aktualisierte Version mit den Nachrichten vom Samstag aus der Pfalz, Deutschland und der Welt sowie besonders ausführlich vom Sport.