Lateinamerika RHEINPFALZ Plus Artikel Nach Maduro-Coup: Greift Trump jetzt Kuba an?

Der US-Flugzeugträger Gerald Ford unterwegs mit Kampfschiffen der US-Navy in der Karibik.
Der US-Flugzeugträger Gerald Ford unterwegs mit Kampfschiffen der US-Navy in der Karibik.

Wie geht es weiter nach dem Angriff der USA auf Venezuela? Ein Interview mit dem Lateinamerika-Experten Nikolaus Werz.

Herr Professor Werz, spätestens mit der Entführung des venezolanischen Machthabers Nicolás Maduro hat die Lateinamerikapolitik der Trump-Regierung eine neue Dimension erreicht. Auch die Drohgebärden des US-Präsidenten gegen andere Länder wie Mexiko, Kuba und Kolumbien reißen nicht ab. Aus welchen Motiven betreiben die USA wieder eine derart aggressive Politik gegenüber Süd- und Mittelamerika?
Die USA haben in den vergangenen 30 Jahren ein erstaunlich geringes Interesse an Lateinamerika gezeigt. Der chinesische Präsident war häufiger zu Besuch dort als seine US-Kollegen. Trump reiste während seiner ersten Amtszeit nur einmal nach Südamerika. Gleichzeitig wuchs dort die wirtschaftliche Präsenz Chinas enorm. Für viele Länder Südamerikas ist es heute ihr Haupthandelspartner. Und im Umfeld der Karibik festigten sich in Kuba, Nicaragua und Venezuela linksnationalistische und sozialistische Regime. Die Ende 2025 veröffentliche neue Sicherheitsstrategie der USA setzt nun Lateinamerika wieder an die erste Stelle. Die jüngste Intervention muss in diesem Zusammenhang gesehen werden.

Die Monroe-Doktrin von anno 1823 war ja damals in erster Linie gegen die europäischen Kolonialmächte gerichtet. Sie postulierte einen amerikanischen Anspruch auf die gesamte westliche Hemisphäre, zu deren Verteidiger sich Washington selbst erhob. Neuerdings ist sogar von einer Donroe-Doktrin die Rede. Ist das eine neue Form von US-Imperialismus?
Als Präsident Monroe die später nach ihm benannte Doktrin erließ, waren die USA noch gar nicht in der Lage, ihren Herrschaftsanspruch durchzusetzen. Dies wurde erst 1898 im Spanisch-amerikanischen Krieg deutlich, als Kuba für Spanien verloren geht und in den US-Machtbereich fällt. Allerdings haben die USA ihren Anspruch als globale Supermacht erst nach dem Zweiten Weltkrieg etablieren können. Handelt es sich um eine neue Donroe-Doktrin? Da bin ich mir nicht sicher. Denn die militärische Intervention in Venezuela, die auch Mexiko und Kolumbien angedroht wurde, kann ja keine ökonomische Vorherrschaft sichern. Wie will man die Märkte von China in einer kriegerischen Aktion zurückerobern? Aber es ist auch eine andere Lesart möglich. Der US-Außenminister Rubio schielt bereits auf mögliche Regimewechsel in Kuba und Nicaragua.

US-Präsident Donald Trump sagt, die USA hätten die Führung Venezuelas übernommen. Offiziell ist Maduros Vize Delcy Rodríguez an
US-Präsident Donald Trump sagt, die USA hätten die Führung Venezuelas übernommen. Offiziell ist Maduros Vize Delcy Rodríguez an der Macht in Caracas.

Was stellt Außenminister Rubio sich denn als zukünftige Lösung für Kuba vor? Militärisch ist das ja wohl kaum zu machen, oder?
In den USA gibt es seit der kubanischen Revolution 1959 eine einflussreiche Lobby-Gruppe, das sind unter anderem Exil-Kubaner – zum Teil sehr wohlhabende Leute. Und die Ankündigung lautet, dass sie auf die Insel zurückkehren würden, wenn Kuba wieder frei ist. Sowohl Trump als auch Rubio geht es um Einflusszonen. Die westliche Hemisphäre soll wieder oder erstmals nur den US-Amerikanern gehören. Das scheint ihr vorrangiges Ziel zu sein.

Im 20. Jahrhundert durchlebten die Staaten des Subkontinents eine Vielzahl von Regierungsformen, die von präsidentiellen Demokratien bis zur Militärdiktatur reichten. Seit dem Jahr 2000 hat die Instabilität wieder zugenommen, gleichzeitig die Gefahr eines neuen rechten Rollbacks. In Argentinien wird ein radikaler Neoliberalismus praktiziert, in Chile kommen jetzt erneut konservative Kräfte an die Macht, die früher sogar mit Pinochet sympathisierten. Hat die Linke ihre historische Chance endgültig verspielt?
Schon in den 1980er-Jahren setzte in Lateinamerika eine formal-demokratische Phase ein. Anfang des 21. Jahrhunderts wurden vor allem Linkspopulisten gewählt, zuerst Hugo Chavez Ende 1998 im ölreichen Venezuela. Den Hintergrund bildeten hohe Weltmarktpreise für Öl, Soja und Weizen, wichtige Exportprodukte des Subkontinents. Man nannte es die rosarote Welle, die von den hohen Weltmarktpreisen begünstigt wurde. Die lateinamerikanischen Linksregierungen haben ihre Chance eigentlich nicht genutzt, ebenso wenig den größeren Handlungsspielraum gegenüber den USA. Sie konnten sich nicht zusammenschließen, haben einseitig auf Rohstoffexporte gesetzt und sich für China geöffnet. Die jüngsten Wahlen zeigen nun einen Rechtstrend, insofern bildet die Region keine Ausnahme von der aktuellen weltweiten Entwicklung. Weder Maduro noch der amtierende kubanische Präsident sind populär.

Der entführte venezolanische Machthaber Nicolás Maduro Cilia auf dem Weg zu einer Gerichtsanhörung in New York.
Der entführte venezolanische Machthaber Nicolás Maduro Cilia auf dem Weg zu einer Gerichtsanhörung in New York.

An das Mercosur-Freihandelsabkommen mit der EU, das jetzt nach 25 Jahren endlich unterzeichnet wurde, aber wohl noch nicht in Kraft gesetzt werden kann, knüpfen sich politische Hoffnungen auf beiden Seiten des Atlantiks. Vor allem geht es wohl darum, unabhängiger vom ökonomischen Druck der USA zu werden. Wie bewerten Sie diese Tendenzen?
Das Mercosur-Freihandelsabkommen wäre ohne die US-Intervention in Venezuela gar nicht zustande gekommen. Allerdings zeigt die neueste Entwicklung in Brüssel, dass es für den Vertrag offenbar derzeit keine Mehrheit gibt. Eine merkwürdige Allianz aus Linken, Grünen und Rechten im Europa-Parlament hat das Gesetz vorerst gestoppt. Meines Erachtens sind sich diese Abgeordneten und die Europäer im Allgemeinen noch nicht darüber im Klaren: Europa wird von der wirtschaftlichen Macht Chinas in einer multipolaren Welt herausgefordert. Und eine Möglichkeit, die Märkte in Südamerika zu erhalten, wäre dieses Abkommen – unabhängig davon, wo die Interessen einiger europäischer Bauernverbände liegen.

Ein Land, das besonders von dieser Entscheidung betroffen ist, wäre Brasilien. Und die dortige Regierung ist ja auch empört darüber. Wie beurteilen Sie die Situation für Brasilien?
Brasilien hat mehr 200 Millionen Einwohner, verfügt über einen riesigen Markt. Und Sao Paulo wurde als größte deutsche Industriestadt bezeichnet, so intensiv waren die Beziehungen. Also wenn man die Handelsbeziehungen zu dem Land künftig behalten will, muss man dieses Abkommen umsetzen, trotz einiger ökologischer Bedenken. Brasilien bleibt für die deutsche Automobilindustrie ein enorm wichtiger Markt. China hat erst kürzlich wieder eine Schiffsladung mit 4000 Autos nach Brasilien geliefert.

Hat Europa den Wettbewerb mit den USA und China schon verloren?
Südamerika hat sich früher stärker als Mittelamerika an Europa orientiert, wobei europäische Auswanderer eine Rolle spielten. Das gilt inzwischen nicht mehr in diesem Ausmaß, was sich ja auch im Regierungsstil zeigt. Derzeit haben wir in den USA einen Präsidenten, der wie ein Caudillo auftritt. Vielen aus der lateinamerikanischen Mittelschicht gilt Miami als heimliche Hauptstadt. Es gibt zwar noch alte anti-imperialistische Impulse, aber die Migration geht in Richtung USA, auch die Fluchtgelder der Wohlhabenden zieht es dorthin. Das alles ist Ausdruck einer Hassliebe zu den USA. Viele Lateinamerikaner träumen von einer Mischung aus Gringo-Effizienz und Latino-Lebensart.

Deshalb überrascht es nicht, dass auch in Argentinien bei den jüngsten Zwischenwahlen der Kandidat gewonnen hat, der sich am engsten mit Washington abspricht. Wir müssen uns verabschieden von der Vorstellung, dass die Mehrheit der Südamerikaner links und anti-imperialistisch eingestellt ist. Besonders in Venezuela kann man ja sehen, dass die Trump-Regierung nach der Entführung Maduros mit dessen Kabinett weiter Geschäfte macht. Von Demokratie ist da gar keine Rede mehr. Und Trump hat ja deutlich gesagt, dass das Völkerrecht ihn nicht interessiert. Wahrgenommen wird Europa schon noch, gerade kulturell.

Doch die jüngste Abstimmung in Brüssel hat gewiss viele Sympathien gekostet. Man muss sich fragen, ob die Europäer den Ernst der gegenwärtigen Weltlage und die Konturen der neuen Machtordnung erkannt haben.

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Dieser Artikel stammt aus der RHEINPFALZ am SONNTAG, der Wochenzeitung der RHEINPFALZ. Digital lesen Sie die vollständige Ausgabe bereits samstags im E-Paper in der RHEINPFALZ-App (Android, iOS). Sonntags ab 5 Uhr erhalten Sie dort eine aktualisierte Version mit den Nachrichten vom Samstag aus der Pfalz, Deutschland und der Welt sowie besonders ausführlich vom Sport.

Professor Nikolaus Werz ist Lateinamerika-Experte und emeritierter Politikprofessor der Uni Rostock.
Professor Nikolaus Werz ist Lateinamerika-Experte und emeritierter Politikprofessor der Uni Rostock.
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