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Sylvia Wiechmann sitzt in ihrer Werkstatt am Damast-Webstuhl.
Sylvia Wiechmann sitzt in ihrer Werkstatt am Damast-Webstuhl.

Zwei Frauen weben in einer Werkstatt in München. Viele Motive stammen aus alter Zeit. Aber das traditionelle Handwerk ist auch bei modernen Textilien gefragt.

Weben ist eine Passion. Wen sie einmal erfasst hat, den lässt sie nicht mehr los. So wie Hermine Kraus. Nach einem Schnupperwebkurs bei Sylvia Wiechmann hat sie sich gleich in die Werkstatt der Meisterin mit eingemietet. Seitdem arbeiten die beiden Frauen, die altersmäßig nur wenige Monate trennen, in einer 50 Quadratmeter großen Werkstattgemeinschaft in einem Münchner Gewerbehof zusammen. Kraus ist fürs Grobe zuständig, Wiechmann fürs Feine, die Gesellin macht meist Fantasiemuster, die Meisterin Auftragsarbeiten.

Wiechmann zeigt vier Stoffe mit Vögelchen, Borten und Papageien. Es sind Muster, die sich auf Reliquienbeuteln aus dem 13. Jahrhundert befanden. Diese hat sie für das europäische Hansemuseum in Lübeck auf ihrem Damastwebstuhl nachgewebt. Es war ein Jahresauftrag. „Jeder Stoff ist ein Rätsel, das gelöst werden soll“, sagt die Webermeisterin. „Das lockt mich halt“, fügt sie hinzu, auch wenn sie von ihrer Arbeit nicht leben könnte. Im Nebenerwerb betreibt sie ihre Werkstatt seit 1996 wie auch Hermine Kraus, die 2006 dazustieß.

Mit Peddigrohr

Wiechmann hat sich vor allem auf Paramente, textile Bilder und historische Gewebe spezialisiert. So webte sie die Rollos für den Öxler-Hof im Freilichtmuseum Haus im Moos nach. Das abgewetzte Originalgewebe mit Akanthusblättern war noch vorhanden. Nach diesem Muster fertigte sie eine technische Zeichnung an, die Patrone. Auf dieser Basis schlug sie die Lochkarten und webte den Stoff nach.

Wie im Originalgewebe besteht die Kette, das sind die Träger beim Weben, aus drei Baumwollfäden. Schuss nennt man die Fäden, die von einer Webkante zur anderen durch die gesamte Breite eingezogen werden. Sie bestanden ehemals aus zwei Millimeter dicken Fichtenholzstäbchen. Weil diese niemand mehr nachfertigen konnte, verwendet die Münchnerin Peddigrohr. Das sei eine anstrengende Arbeit gewesen, erinnert sich Kraus. „Da haben wir uns fast den Rücken abgebrochen, um das Rohr einzuziehen.“ Mit vereinten Kräften hätten sie es geschafft. Das sei der Vorteil der Werkstattgemeinschaft: Man helfe sich gegenseitig und springe füreinander ein.

Aus einem anderen Jahrhundert

Die Rollos haben sie auf dem rund 100 Jahre alten Jacquard-Webstuhl gefertigt, an dessen einer Seite Lochkarten hängen, in die das Muster eingeschlagen ist. Einen brauen Schal aus Seide fertigt Wiechmann gerade darauf. Sie stellt sich auf die Tritte, denn im Gegensatz zu den anderen drei Webstühlen in der Werkstatt wird an den beiden raumhohen Jacquard-Webstühlen im Stehen gewebt.

Wenn sie manchmal Kinder durch ihre Werkstatt führe und erkläre, dass die Lochkarten wie bei den ersten Computern funktionierten, schauten sie diese überrascht an, als ob sie aus einer anderen Zeit stamme. Und in der Tat: Was sie macht, entstand oft in einem anderen Jahrhundert.

Der Kruseler

So wie der Kruseler. Wiechmann nimmt ein feines Leinengewebe aus einem Schrank, eine Nachbildung aus dem 15. Jahrhundert. Sie zeigt auf ein Foto eines unter dem Namen Arnolfini-Hochzeit bekannt gewordenen Doppelporträts des flämischen Maler Jan van Eyck von 1434. Die Frau trägt den an beiden Seiten gekräuselten, einmal längs gefalteten und mehrfach gewickelten Stoff als Frauenhaube. Heute webt Weichmann den Kruseler vor allem für Kundinnen aus Mittelaltervereinen. Sie verwendet dafür Leinen, das so fein wie Nähseide ist, damit der bis zu vier Meter lange Stoff für die Frauenhaube nicht zu schwer wird.

Der Stoff ist auf ihrem kleinsten Webstuhl entstanden, dem Kontermarsch-Webstuhl mit sechs Schäften und acht Tritten. Manchmal webt sie ihn auch auf dem größeren Kontermarsch-Webstuhl mit zwölf Schäften und Tritten. An diesem hat Kraus ihr erstes Stück gewebt. Danach entschloss sich die Buchhalterin, nebenberuflich die Ausbildung zur Weberin über drei Jahre hinweg im niedersächsischen Kukate zu machen.

Farbenfrohe Muster

Seit 2010 ist sie Gesellin und webt heutzutage vor allem Babytragtücher und Decken aus Mohair. Die sind ihre Spezialität. Kraus nimmt die flauschigen Decken aus einem Glasschrank. „Das Muster muss farbenfroh sein“, erklärt sie. Rund drei Stunden webt sie an den Mohairdecken, doch die Vorarbeit, das Entwerfen der Muster und die Nacharbeit dauerten mindestens genauso lange. Die Decken verkauft sie auf Märkten. Doch da diese während der Coronazeit ausgefallen seien, sei ihr Umsatz stark eingebrochen.

Auf die Auftragsarbeiten von Wiechmann hatte sich die Pandemie dagegen in den vergangenen zwei Jahren kaum ausgewirkt. Sie webte unter anderem für die neu renovierte evangelische Kreuzkirche in Bad Abbach große, dreiteilige Bilder für die Wand hinter dem Altar. Aber seit diesem Jahr gingen die Aufträge zurück. Offenbar werde weniger Geld für den öffentlichen Raum ausgegeben. Zwei Altardecken und zwei Hochzeitstischdecken hat sie wenigstens in ihren Auftragsbüchern.

„Weben macht süchtig“

Sie sei froh, erzählt Wiechmann, dass sie in Teilzeit als Erzieherin in einer Einrichtung für Erwachsene mit Einschränkungen arbeitet. Kraus verdient ihren Lebensunterhalt weiterhin als Buchhalterin. Und weil sie beide die Weberei nur nebenberuflich betreiben, hat die Meisterin auch noch nie eine Auszubildende eingestellt. Nur Praktikantinnen hat sie in die Kunst des Webens eingeführt und Webkurse angeboten, um die Leidenschaft des Webens weiterzugeben.

Zum Weben kam die gebürtige Hattingerin Sylvia Wiechmann 1986. Damals machte sie einen Kurs an der Volkshochschule Erlangen. Danach hatte die gelernte Krankenschwester das Fieber des alten Handwerks erfasst. „Weben macht süchtig“, sagt sie. Sie begann Fachbücher zu lesen und kaufte ihren ersten Damast-Webstuhl. Von 1988 bis 1990 machte sie in einer Weberei in Petri am Tegernsee ihre Ausbildung zur Handweberin. Es folgten Gesellenjahre in verschiedenen Webereien in Oberbayern, 1994 dann die Meisterprüfung. Seit 1996 hat sie ihre eigene Werkstatt in München.

Den Ausbildungsberuf wie ihn Weichmann damals erlernte, gibt es in der bisherigen Form nicht mehr. Er ist seit August 2011 vom neuen Beruf Textilgestalter im Handwerk der Fachrichtung Weben abgelöst worden. Die duale Berufsausbildung dauert drei Jahre, in Betrieb und Berufsschule. Rechtlich ist keine bestimmte Schulbildung vorgeschrieben. Mitzubringen seien Geduld, Konzentrationsfähigkeit, Kreativität und die Fähigkeit, sich Dinge vorzustellen, die noch nicht fertig sind. Beispielsweise, wenn man Muster zeichnet. Sie werden von Hand oder am Computer erstellt. Weber wählen Garne und bereiten den Webstuhl vor. Sie bedienen mit den Füßen die Tritte, schießen die einzelnen Querfäden mithilfe eines Webschiffchens durch und schlagen jede Fadenreihe an.

Einen gewebten Schal hat nicht jeder vorzuzeigen.
Einen gewebten Schal hat nicht jeder vorzuzeigen.
Garne für Mohairdecken gehören in jede gut sortierte Werkstatt.
Garne für Mohairdecken gehören in jede gut sortierte Werkstatt.
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