Amazonas RHEINPFALZ Plus Artikel Mord am Itaquaí: Wie Brasiliens Umweltmafia zwei Männer verschwinden ließ

Grüne Hölle: Amazonien ist wunderschön, aber wegen seiner Bodenschätze gefährdet.
Grüne Hölle: Amazonien ist wunderschön, aber wegen seiner Bodenschätze gefährdet.

Im Juni wurden der britische Journalist Phillips und der brasilianische Forscher Pereira im Dschungel Brasiliens ermordet. Über Verbrechen, isolierte Indigene und einen bedrohten Fisch.

Ein gelbes Absperrband flattert am Ufer des Rio Itaquaí. „Bundespolizei – Nicht betreten“ steht in Portugiesisch darauf. Die Aufforderung wirkt seltsam hier, mitten im Dschungel. Das nächste Städtchen liegt zwei Bootsstunden flussabwärts, es heißt Atalaia do Norte. Auf dem Weg dorthin kommt man an drei winzigen Fischergemeinden vorbei, Straßen gibt es keine. Brasilien grenzt hier an Peru und Kolumbien, die Region ist eine der abgelegensten Ecken Südamerikas. Und genau hier, hinter dem gelben Absperrband, geschah vor knapp fünf Monaten ein Verbrechen, das um die Welt ging. Zwei Männer wurden erschossen, ihre Körper verbrannt, zerstückelt und tief im Dschungel vergraben.

Ihr Boot raste hier am 5. Juni ins Ufer. Der große, kräftige Steuermann hatte, von einer Kugel in den Rücken getroffen, die Kontrolle verloren. Mit im Boot saß ein schlanker Ausländer mit blauen Augen und grauen Haaren, zu Tode erschrocken, mit erhobenen Armen. So haben es später die Mörder ausgesagt. Sie wussten nicht, wer der Mann mit den blauen Augen war. Aber es war ihnen egal. Der Große sollte sterben, weil er ihre Geschäfte störte. Der Blauäugige hatte einfach nur Pech.

Möglich, dass der Doppelmord nie aufgeklärt worden wäre, wenn der Mann mit den blauen Augen nicht der englische Journalist Dominic Marc Phillips gewesen wäre. Er lebte seit 2007 in Brasilien und galt als einer der erfahrensten Korrespondenten im Land, hatte für die „Washington Post“, die britische „Times“ und zuletzt für den „Guardian“ gearbeitet. Die Leidenschaft des 57-Jährigen galt dem Amazonas, der mit zunehmendem Tempo zerstört wird, seit Jair Bolsonaro 2019 Brasiliens Präsident wurde. Seine Regierung hat den Umwelt- und Indigenenschutz zurückgefahren und Umweltsünder ermutigt. Es geht um Holz, um Land für Rinderweiden, Sojafelder, Minen und die Spekulation.

Ivan Shunun Matses, ein Anführer der Indigenen im Vale do Javari, steht am Ufer des Amazonas.
Ivan Shunun Matses, ein Anführer der Indigenen im Vale do Javari, steht am Ufer des Amazonas.

Phillips traf einmal auf Bolsonaro. Bei einem Pressefrühstück 2019 fragte er den Präsidenten nach der Abholzung. Verärgert antwortete Bolsonaro: „Als Erstes musst du begreifen, dass Amazonien Brasilien gehört und nicht euch.“ Zuletzt reiste Phillips häufig in den Amazonas, um für ein Buch über Strategien zum Schutz des Waldes zu recherchieren. Von alldem wussten seine Mörder nichts. Das war ihr Pech.

Es war der internationale Druck nach Phillips’ Verschwinden, der zum schnellen Handeln des brasilianischen Staats führte. Phillips war an jenem Morgen mit Bruno Pereira unterwegs, einem Anthropologen, der früher für die Indioschutzbehörde Funai arbeitete. Der 41-Jährige galt als Experte für die letzten isoliert lebenden Ureinwohner Brasiliens. Bolsonaro hat der Funai drastisch die Kompetenzen gestrichen. Pereira bat um Beurlaubung und begann auf eigene Faust, den Ureinwohnern im Reservat Vale do Javari zu helfen. So geriet er ins Visier Krimineller, zumal er jetzt nicht mehr die Uniform einer Bundesbehörde trug.

Bei den Pfeilmenschen

Pereira und Phillips verbrachten ihre letzten Tage in einem Holzhaus am Rio Itaquaí. Ein 67-jähriger Fischer ohne Zähne lebt hier mit ein paar Hunden, João Kokuna, Spitzname Peruano. Nur wenige Minuten den Rio Itaquaí hinauf liegt die Grenze zum Reservat Vale do Javari. Es ist so groß wie Portugal, wird aber nur von rund 6500 Indigenen bewohnt, die zu sieben Völkern gehören. Was das Vale do Javari einzigartig macht: Nirgends auf der Welt leben mehr Gruppen isolierter Ureinwohner. Sie sind Nomaden, jagen mit Pfeil und Bogen, weswegen sie auch Flecheiros heißen, Pfeilmenschen.

Das von Hunderten Flüssen durchzogene Vale do Javari gilt als eines der ursprünglichsten Waldgebiete der Welt. Und als schwierig zu schützen. Indigene Führer in Atalaia do Norte berichten von Goldsuchern, die bis ins Zentrum des Reservats vorgedrungen seien; von Viehzüchtern, Jägern und Fischern; von Holzfällern und der Drogenmafia aus Peru. Von dort kämen auch Ölfirmen. Der brasilianische Staat schaut machtlos zu. Die Umweltpolizei schloss 2018 ihren Stützpunkt, das Militär kann die lange Grenze zu Peru kaum effektiv überwachen.

Der Fischer Joao Kokuna hat Pereira und Phillips in der Nacht vor ihrem Tod in seiner Hütte beherbergt.
Der Fischer Joao Kokuna hat Pereira und Phillips in der Nacht vor ihrem Tod in seiner Hütte beherbergt.

Der Hauptzugang ins Reservat liegt am Rio Itaquaí, wenige Kilometer von João Kokunas Haus entfernt. Illegale Fischer kennen den Zugang, weshalb Pereira einen Posten der indigenen Waldwacht Evu hier errichten wollte. „Das machte Bruno bei den Fischern noch verhasster“, sagt Kriminalkommissar Alex Perez, ein fülliger Mann mit Bart und Brille, der als Erster den Mordfall untersuchte. Bruno Pereira galt als furchtlos und ungestüm. „Er hatte das Herz eines Löwen“, sagt ein Ex-Kollege. Gemeinsam mit der Indigenenwacht Evu stoppte Pereira illegale Fischer im Reservat, denen dadurch enorme Summen entgingen.

„Die Fischer haben es auf den Pirarucu abgesehen“, erklärt Perez. Der Fisch kann länger als drei Meter werden und einige Hundert Kilo auf die Waage bringen. Sein festes Fleisch ist im gesamten Amazonasraum beliebt, was zu Überfischung und Fangverboten geführt hat. „Daher sind die Preise hoch“, sagt Kommissar Perez, „es gibt Schmuggel und illegalen Verkauf.“ Wo der Pirarucu noch in großer Anzahl lebt? Im Vale do Javari.

„Tonnenweise haben die Räuber den Pirarucu aus unseren Gewässern geholt“, sagt ein junger Indigener vom Volk der Kulina. Er trägt Jeans, Turnschuhe und einen Kopfschmuck aus Ara-Federn. „Wir haben Angst“, sagt er. „Die Morde haben gezeigt, wozu die Eindringlinge fähig sind.“ Der junge Kulina war einmal mit Pereira auf Patrouille. „Wir fanden die Köpfe vieler Pirarucus in einem See. Der Unterschied zwischen uns und den Weißen: Wir sehen 20 Wildschweine und töten zwei. Die Weißen töten 20.“

Drogenhändler haben die Macht

Wie finanzieren die Fischer ihre Raubfahrten ins Reservat? „Sie leihen sich Geld bei den Drogenhändlern, die im Grenzdreieck agieren“, erklärt ein Funai-Mann in Atalaia do Norte. „Die Fischer brauchen Benzin, Waffen, Verpflegung, Werkzeuge, Kühltruhen, die sie mit Eis füllen, Salz zum Pökeln.“ Eine Fahrt könne bis zu 30.000 Reais kosten, circa 6000 Euro. Für die Drogenmafia habe der Deal einen Vorteil: „Sie waschen ihr schmutziges Geld.“

Es gab einen besonders dreisten Fischer am Rio Itaquaí: Amarildo Oliveira, Spitzname Pelado, der Nackte. Der 41-jährige kleine, sehnige Mann lebte mit seiner Familie in São Gabriel. Als Pereira dort im Januar vorbeifuhr, flog eine Gewehrkugel über sein Boot. Am Ufer habe Pelado mit einer Waffe gesessen, erzählt ein Indigener, der dabei war. Aber Pereira habe gesagt, „der soll ruhig noch mal schießen“. Er hatte eine Pistole, im Mai kaufte er sich noch eine Schrotflinte. „Pereira war ein Draufgänger“, sagt Kommissar Perez, „er übernahm die Aufgabe eines Sheriffs im Reservat.“ So habe er sich mit mächtigen Interessen angelegt.

Ihre letzte Nacht verbrachten Pereira und Phillips in ihren Hängematten im Haus von João Kokuna. Gegen 6 Uhr machten sie sich auf. Die Fischer erinnern sich an Pereira, sind aber wortkarg. Die Polizei hat sie zu oft befragt. Aber sie haben eine klare Meinung zum Reservat. Es sei zu groß, sagen sie. „Wozu brauchen die Indios so viel Platz? „Wir haben nur ein Stückchen vom Fluss und ein paar Seen.“ Er sagt einen Satz, den man oft hört: „Viel Land für wenig Indios.“

Kinder vor einem Wandgemälde der „Pfeilmenschen“ spielen.
Kinder vor einem Wandgemälde der »Pfeilmenschen« spielen.

Es gibt heute in Brasilien mehr als 700 Indigenenreservate. Sie machen fast 14 Prozent der Landesfläche aus. Rund eine Million Brasilianer erklärte sich beim letzten Zensus 2010 für indigen, rund 0,5 Prozent der Bevölkerung. Man könnte tatsächlich fragen, warum 0,5 Prozent der Bevölkerung über 14 Prozent der Landesfläche verfügt. Doch ist nirgends die Natur intakter, das Wasser sauberer und die biologische Vielfalt größer.

In den Indigenenreservaten wurden in den letzten 35 Jahren nur 1,6 Prozent der Waldfläche zerstört, während es in manchen Amazonas-Bundesstaaten zwischen 20 und 30 Prozent waren. Die Indigenen schützen einen der wertvollsten Schätze der Welt. Doch ihre zurückhaltende Lebensweise kollidiert mit den Bedürfnissen der Mehrheitsgesellschaft. Seit 1972 wuchs die Bevölkerung der brasilianischen Amazonasregion von acht auf fast 30 Millionen Menschen.

Viele Fischer und Kleinbauern der Region sind Nachkommen der sogenannten Kautschuksoldaten, die während des zweiten Gummibooms in den 1940er-Jahren in den Dschungel kamen. Als 2001 Vale do Javari zum Indigenenreservat erklärt wurde, mussten sie das Gebiet verlassen, erhielten aber eine Entschädigung. Sie siedelten sich rund um das Reservat an, viele akzeptierten die neuen Grenzen nicht.

Mehrere tödliche Schüsse

Als Pereira und Phillips an jenem Sonntagmorgen im Juni an der Fischergemeinde São Gabriel vorbeifuhren, muss Pelado dies mitbekommen haben. Er bestieg mit einem zweiten Mann ein Boot und fuhr ihnen nach. Pelado war ein erfahrener Jäger. Nachdem er Pereira in den Rücken getroffen hatte, schossen er und sein Komplize Pereira erneut in den Oberkörper und ins Gesicht, so ergab es die forensische Analyse. Phillips töteten sie mit einem Schuss in den Bauch.

Die Mörder versteckten die Leichen im Unterholz und versenkten Pereiras Boot. Am nächsten Abend kehrten sie mit zwei Brüdern und zwei Neffen Pelados zurück. Sie brachten die toten Körper in den Dschungel, übergossen sie mit Benzin, zündeten sie an. Dann trennten sie Beine, Arme und Köpfe mit Macheten ab und vergruben sie. Aber es gab einen Zeugen, der Pelado am Tatort gesehen hatte. Nach Tagen im Gefängnis und vermutlicher Folter durch Militärpolizisten gestand er und führte die Ermittler zu den Leichen.

Zwischen 2015 und 2020 wurden in Lateinamerika rund 1100 Umweltschützer umgebracht. So haben es die Vereinten Nationen ermittelt. Rund die Hälfte der Opfer waren Ureinwohner. Nur ein Bruchteil der Morde wurde je aufgeklärt. Am 3. September dieses Jahres töteten Unbekannte den Indigenen Janildo Guajajara mit Schüssen in den Rücken. Er gehörte zu einer Waldwacht. Einen Tag später wurde der 14-Jährige Gustavo da Silva vom Volk der Pataxó von Unbekannten erschossen. Die Taten sorgten in Brasilien kaum für Aufsehen.

Die letzte Nachricht von Dominic Phillips an seine brasilianische Frau lautete: „Ich habe erst wieder am Sonntag ein Handysignal.“ Sie antwortete: „Ich liebe dich. Sei vorsichtig.“

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