1. FCKaiserslautern RHEINPFALZ Plus Artikel Meisterschaft von 1998: Unser Wunder vom Betzenberg

Grenzenloser Jubel bei den Anhängern im Stadion: Die Schale gehört uns.
Grenzenloser Jubel bei den Anhängern im Stadion: Die Schale gehört uns.

Im Mai vor 25 Jahren wurde der 1. FC Kaiserslautern als Aufsteiger deutscher Meister. Das war nicht weniger als eine Sensation im deutschen Fußball. Hier erzählen die, die mitgefiebert haben, von ihren ganz persönlichen Erinnerungen an eine besondere Saison.

Wurstmarkt an der Elbe

Jubelfahrt nach dem historischen Meisterstück des Aufsteigers: Der Sause auf dem „Betze“ durch das 4:0 des 1. FC Kaiserslautern gegen den VfL Wolfsburg folgte die Ehrenrunde. Zigtausende Fans wollten sich auch das letzte Spiel der Roten Teufel in dieser so bemerkenswerten Saison nicht entgehen lassen, die Partie beim Hamburger SV. Mit meinen Kumpels Heiko, Marius, Michael, Dirk und Matthias saß und stand ich in einem der Sonderzüge aus der Pfalz an die Waterkant. Am späten Freitagabend um 23.58 Uhr sollte Abfahrt in Neustadt sein. Der Zug startete aber mit einer Stunde Verspätung, wofür die Bahn ausnahmsweise mal nichts konnte. Das Einsteigen der Fans dauerte an jedem Bahnhof ewig – es war eher ein Eintanzen und Einsingen im dichten Gedränge. Rund 30.000 Pfälzer machten sich per Auto, Bus oder Zug auf den Weg nach Hamburg. Die wichtigste Szene ereignete sich dabei schon vor dem Spiel: Im altehrwürdigen Volksparkstadion überreichte DFB-Präsident Egidius Braun Ciriaco Sforza vor 58.000 Zuschauern die Meisterschale. Das war um 15.13 Uhr – 17 Minuten vor Beginn der letzten Saisonpartie. Das Spiel endete nach HSV-Führung durch Jacek Dembinski und dem 21. Saisontor von FCK-Torjäger Olaf Marschall am 9. Mai schließlich 1:1. Marschall war in der Saison 1997/98 zweiterfolgreichster Torschütze hinter Leverkusens Ulf Kirsten (22 Treffer). Auch ohne Abschluss-FCK-Sieg nahm die Party weiter ihren Lauf. „Dess iss jo Wahnsinn. Do sinn jo iwweral, wo mer hieguckt, Pälzer“, entfuhr es einem eingefleischten Lauterer Fan. Meisterschale, Fest zum Hafengeburtstag, St. Pauli, die Reeperbahn fest in rot-weiß-roter Hand – überall FCK-Fans. Das „Schale-in-die-Pfalz-Holen“ geriet zum Pfälzer Fest an der Elbe. Es war Wurstmarkt in Hamburg. Oliver Sperk

Ciriaco Sforza mit der Meisterschale in Hamburg.
Ciriaco Sforza mit der Meisterschale in Hamburg.

Olaf Marschall Fussballgott: Der Betze bebt

Die Flanke kam von links und segelte lange durch die Luft. Absender: Marco Reich. Der Ball war auf dem Weg ins Zentrum des 16-Meterraums. Wenn ich die Augen schließe, sehe ich vor mir den hochsteigenden Olaf Marschall, dessen Lockenschopf den Ball perfekt trifft, die Flugbahn des Leders damit entscheidend verändert – in Richtung linke obere Torecke. Ich stand in der Flucht des linken Pfostens, Westtribüne, eine Fußballplatz-Länge vom Geschehen entfernt.

Der Ball wird länger, immer länger und zappelt schließlich im Netz. Gladbachs Torhüter Uwe Kamps ist chancenlos. In meinem Kopf ist es ganz still im Stadion – zumindest solange der Ball durch die Luft fliegt. Dann explodiert „der Betze“. DREI ZU ZWEI! Nach 0:2-Rückstand. Wahnsinn! WAHNSINN! Im Block liegen wir uns in den Armen. Nach mehreren Unentschieden in Serie hat der FCK gezeigt, dass er auch schier aussichtslose Spiele drehen kann. Und wie!

 

Der magische Moment der Meistersaison ist für mich dieses Kopfballtor von Olaf Marschall (Fußballgott!) am Freitag, 24. April 1998, etwa Viertel vor zehn. Will man erklären, was ein Spiel im Fritz-Walter-Stadion ausmacht – diese Partie mit Mönchengladbach lieferte die Blaupause: Flutlichtspiel, 0:2 hinten, Anschlusstreffer noch vor der Pause, dann Anrennen, Ausgleich, Siegtor in der Nachspielzeit. So schön ... Andreas Sebald

Torgarant Olaf Marschall nach seinem 3:0 gegen Wolfsburg.
Torgarant Olaf Marschall nach seinem 3:0 gegen Wolfsburg.

Schlitzohr Marco Reich

Die Achse Reinke – Kadlec – Sforza – Marschall hat die Meistermannschaft von 1998, beflügelt durch die rechte Schokoladenseite mit Ratinho und Buck, getragen. Für die linke Gefahr sorgten Schjönberg und Wagner, für Stabilität und Lufthoheit Koch und Dauerbrenner Roos. Es gab auch die Männer für besondere Fälle, Lutz und Schäfer, Stand-by-Nothelfer Brehme, Megatalent Ballack, Top-Joker Rische und ein Schlitzohr namens Marco Reich. Er war mit 20 Jahren der Jüngste in der Meistermannschaft, der personifizierte Turbo. Bei den Pressekonferenzen nach den Spielen schlich er sich gerne in den Raum, trank eiskalte Cola, lauschte gespannt den Worten von „König Otto“ und versuchte lächelnd-bettelnd die Note 3 oder 2 in unserer Sonntagszeitung auf 2,5 oder 1,5 zu korrigieren. Horst Konzok

 Meistertrainer Otto Rehhagel mit Colatrinker Marco Reich.
Meistertrainer Otto Rehhagel mit Colatrinker Marco Reich.

Stadtlauf in LU: Jubel mit Leichtathleten

Im Jahr 1998 fand die dritte Auflage des Ludwigshafener Stadtlaufes statt, und ich war als Lokalsportredakteur an jenem Nachmittag in der Ludwigshafener Innenstadt unterwegs. Viele Leichtathletik-Interessierte standen an der Strecke und verfolgten den Lauf. Vor allem um den Ludwigsplatz herum war Leben. Kurz vor 17.30 Uhr wurde die Stimmung dann noch einen Tick euphorischer. Der FCK war deutscher Meister, der Aufsteiger hatte es tatsächlich geschafft. Die Nachricht machte rasant die Runde, Mund-zu-Mund-Propaganda war damals noch das Mittel zum Zweck in einer Zeit, in der Fußballfans Spiele nicht live auf den Smartphones verfolgen konnten. Udo Schöpfer

Schwarze Hosen: der Makel im Märchen

Eine Sache ist auch 25 Jahre später einfach nur zum Kopfschütteln. Dem 1. FC Kaiserslautern gelingt die Sensation, er wird als Aufsteiger deutscher Meister. Nie dagewesen, wahrscheinlich nie wiederholt. Also: Die Mannschaft hat eine Woche Zeit, sich darauf vorzubereiten, die Schale in Empfang zu nehmen. Sie weiß, dass diese Fotos überall in Deutschland zu sehen sein werden, in der Tagesschau genauso wie auf den Titelseiten aller Zeitungen. Aller! Wahrscheinlich werden Tassen mit den Fotos bedruckt und Adventskalender. Die Dokumente der Zeitgeschichte werden in Museen hängen oder über pfälzischen Ehebetten. Da will man doch besonders chic aussehen, auch als Fußballprofi in einer Zeit vor Instagram. Sollte man zumindest meinen. Aber was machen die Kicker des FCK? Ziehen zum wunderschönen roten Trikot mit dem Chips-Hersteller auf der Brust schwarze Hosen an, die so gar nicht dazu passen. Wer sind sie? Die Rot-Schwarzen Teufel? Unentschuldbar. Aber vielleicht braucht jedes Märchen einen kleinen Makel, um wahr zu sein. Sven Wenzel

Unfassbar! Schwarze Hosen zum roten Trikot.
Unfassbar! Schwarze Hosen zum roten Trikot.

Kleinbus und Dosenbier: Lohn fürs Leiden

Wenn ich an die Meisterschaft denke, kommt mir nicht als Erstes das 4:0 gegen Wolfsburg in den Kopf, mit dem „wir“ die Sensation perfekt gemacht haben. Natürlich war auch ich an jenem Tag „owwe“, aufm Betze, habe wie verrückt gejubelt und bis tief in die Nacht in der Altstadt gefeiert. Allerdings ein wenig mit gebremstem (Bier-)Schaum, denn am nächsten Mittag musste ich mit dem TuS 07 Steinbach in der A-Klasse selbst die Fußballschuhe schnüren. Ging 0:0 aus – mit Libero Knoll (ja, die Position gab’s damals noch!).

Nein, mein Lieblingsmoment der grandiosen Saison passierte erst eine Woche später: Von „Schdoabach“ aus machten wir uns am Freitag mit zwei Kleinbussen auf den Weg nach Hamburg – ganz ohne Druck, nur zum Feiern und Schaleabholen. Was war das schon unterwegs für eine Stimmung und Vorfreude! Übernachtet haben wir in einer Jugendherberge, direkt oberhalb des Hafens gelegen. Nach unserer Ankunft habe ich mit meinem besten Freund Konrad, genannt „Beppi“, auf der Wiese hinter der Jugendherberge in der Sonne gesessen, hinunter auf den von Zigtausenden Pfälzer Fans in Rot-Weiß getauchten Hafen geschaut. Wir erinnerten uns an den 18. Mai 1996: Auch da waren wir beide zusammen im Stadion (80 Mark hatte die Karte auf dem Schwarzmarkt gekostet), als die Lauterer durch das 1:1 in Leverkusen erstmals aus der Bundesliga abgestiegen sind. Und nun, knapp zwei Jahre später, saßen wir hier in herrlichem Ambiente, tranken unsere Dose Tuborg-Bier und wussten schon am Tag vor dem letzten Saisonspiell, dass wir als Aufsteiger Meister sind. Der pure Luxus im Leben eines Betze-Anhängers! In diesem Augenblick habe ich endgültig verstanden: Wer FCK-Fan ist, muss verdammt viel leiden – aber die Treue wird einem doppelt und dreifach zurückgezahlt. Man braucht einfach nur Geduld ... Rainer Knoll

Die Meisterzeitung: Der Doppelpass

Die RHEINPFALZ hatte eine FCK-Sonderausgabe vorbereitet. Die wurde nach dem 4:0 gegen den VfL Wolfsburg, als das Meisterstück perfekt war, im Stadion und in der Kaiserslauterer Altstadt kostenlos verteilt. Die Fans waren begeistert. So mancher, der keine Meister-Sofort-Beilage bekommen hatte, fuhr in der Ludwigshafener Amtsstraße vor und holte sich dort „sein“ Meisterexemplar ab. Peter Schaub, Bruder des RHEINPFALZ-Verlegers, war damals für Druck und Verteilung verantwortlich und spielte mit der Sportredaktion den perfekten Doppelpass. So sind wir Zeitungsleute und alle Pfälzer am 2. Mai 1998 irgendwie deutscher Meister geworden. Horst Konzok

 

Zur Sache

Zur FCK-Sensations-Meisterschaft von 1998 lesen Sie ab der kommenden Woche eine Serie in der RHEINPFALZ, die unter anderem von Spielern erzählt, die heute einen Bauernhof in Spanien betreiben oder unter die Hobbywinzer gegangen sind.

An dieser Stelle finden Sie ein Video via Glomex.

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