Pfalz RHEINPFALZ Plus Artikel Kimono und Katana: Wie man in Deutschland japanische Kultur vermittelt

Cosplay, also die teilweise ungemein aufwendige Verkleidung als Trickfigur, ist etwas, das viele Menschen mit Japan in Verbindun
Cosplay, also die teilweise ungemein aufwendige Verkleidung als Trickfigur, ist etwas, das viele Menschen mit Japan in Verbindung bringen. Stimmt so total – und stimmt so absolut nicht. Szene von der »NonkiCon« in Speyer 2023.

Tomoko und Martin Moser haben vor einigen Jahren die „Deutsch-japanische Gesellschaft Vorderpfalz“ initiiert. Der interkulturelle Austausch ist gelegentlich vertrackt – weil Japan ein durchaus verwirrendes Land sein kann.

Um beim Thema „kulturelle Missverständnisse“ gleich mit der Shoji ins Haus zu fallen, der japanischen Papiertüre also: Hätte Martin Moser das japanische Zeichensystem richtig deuten können, dann hätte er wohl nie seine Gattin Tomoko kennengelernt. Die Geschichte geht so: Moser, studierter Informatiker, hatte ein Stipendium in Sendai, Großstadt im Nordosten der japanischen Hauptinsel Honshu. Auf dem Weg von und zur Uni ist er regelmäßig an einem Etablissement mit roter Laterne vor der Eingangstüre vorbeigekommen, und die rote Laterne ist für westliche Augen dann doch eher ein Signal, Abstand zu halten, außer es ist ganz dringend.

Irgendwann ist Martin Moser dann doch in den Laden, es hat ihn wohl die Neugierde gepackt, vielleicht hat er auch gemerkt, dass die Laufkundschaft nicht zum vermuteten Zweck des Etablissements passte. Und innen hat er dann festgestellt, dass rote Laternen in Japan schlicht Kneipen markieren. In Japan geht man „in einer rote Laterne etwas trinken“, behauptet jedenfalls das Internet.

Der „komische Gaijin“

Innen saß seine künftige Gattin Tomoko mit Freunden zusammen, und die hat sich dann gefragt, „was der komische Gaijin“ (Ausländer) da eigentlich alleine an der Theke macht. Das Ganze ist über 25 Jahre her, und der Rest ist deutsch-japanische Beziehungsgeschichte. Und die Erkenntnis, dass kulturelle Missverständnisse durchaus befruchtend sein können – und manchmal in Graswurzelarbeit bei der Kulturvermittlung münden.

2011 hat das Ehepaar Moser den Verein „Kopf Hoch, Japan!“ gegründet. Der Name verweist auf den Anlass: 2011 haben Erdbeben und Tsunami die Region Tohoku im Norden Honshus erschüttert, und was sich in der westlichen Wahrnehmung oft auf das Atomkraftwerk Fukushima reduziert, das hatte in der Region wesentlich weitreichendere Auswirkungen: Über 20.000 Tote hat die Naturkatastrophe gefordert, die betroffenen Küstenregionen großräumig verwüstet. Tomoko Moser, gelernte Pädagogin, hat dann Hilfe vor allem für Schulen im Katastrophengebiet organisiert, sie stammt selbst aus der Provinz Iwate ganz im Norden Honshus. „Ich musste irgendetwas tun, ansonsten geht meine Seele kaputt“, sagt sie.

Gatte Martin hatte zu Beginn eigentlich eher eine zeitlich begrenzte Hilfsaktion geplant, Tomoko Moser, unter anderem Lehrerin für Japanisch an der Volkshochschule Speyer, wollte von Anfang an die Hilfsaktion mit dem deutsch-japanischen Kulturaustausch verbinden. Inzwischen läuft der Verein auch unter „Deutsch-japanische Gesellschaft Vorderpfalz“, Tomoko Moser organisiert Kurse in der Kunst des japanischen Blumengestecks oder der Kunst des japanischen Trommelns, und Martin Moser sitzt im Bundesvorstand der deutsch-japanischen Gesellschaften. Wir lernen: Bei bestimmten Themen widerspricht man seiner Gattin nicht, ob auf Deutsch oder Japanisch.

„Japan ist eine Erfindung“, schreibt Oscar Wilde

Schön, dass wenigstens die Erkenntnis sitzt, ansonsten wird’s nämlich schwierig. „Tatsächlich ist ganz Japan eine Erfindung“, hat der irische Dichter Oscar Wilde 1889 geschrieben, „es gibt dieses Land nicht, und es gibt diese Menschen nicht.“ Will sagen: Japan war und ist für den Westen immer auch ein Bündel von Vorstellungen und Projektionen, Fantasien beispielsweise von Seelenruhe beim Harken von Kies und äußerster Achtsamkeit selbst beim Aufrollen von rohem Fisch, und über allem leuchtet der schneebedeckte Gipfel des Fuji. Japan ist en vogue, gerade auch bei jüngeren Menschen: Zwischen 2013 und dem Vor-Corona-Jahr 2019 hat sich die Zahl der Touristen im Land der aufgehenden Sonne auf gut 30 Millionen jährlich verdreifacht.

Viele Besucher werden wohl von der inzwischen international wirksamen Pop-Kultur des Landes angelockt, von Mangas und Cosplay beispielsweise, also dem teilweise äußerst aufwendigen Verkleiden als Zeichentrickfigur. Und an der Stelle irrt Oscar Wilde: Ganz und gar keine Erfindung, dies. Es gibt in Tokio beispielsweise Läden, in denen man seine Lieblingstrickfigur als Gebäck verzehren kann, mit Cremefüllung.

Japan ist aber noch etwas anderes, soweit das als Außenstehender zu verstehen ist: Eine Gesellschaft, die aufs Stärkste von einem Außenskelett aus Regeln und Verbindlichkeiten zusammengehalten wird. Japaner schreiben jedes Jahr 24 Milliarden Neujahrskarten, kein Schreibfehler, rund 200 pro Kopf. In den Karten bedankt man sich für erhaltene oder auch nur erfundene Gefälligkeiten, in einem fein abgestuften System sprachlicher Hierarchien. Japan ist eine Kultur des Gabentauschs, von Geschenken und Gegengeschenken, und jenes Schenken hat eine ausgefeilte Grammatik. Wer eine erhaltene Gunst dann nicht erwidert, der gilt als „on shirazu“, als jemand, der keine Schuld kennt, wohl ein soziales Todesurteil.

Erst Anime, dann Hochkultur

Komplexe Gemengelage also, und die spiegelt sich auch bei den Mosers in Speyer. Irgendwann hat sich Martin Moser entscheiden müssen, ob er nun Japaner ist oder Deutscher. „Ich hab’ mich dann dafür entschieden, Deutscher zu bleiben“, sagt er, und fügt die Begründung an: „Irgendwann ist man im japanischen Regime – und die Erwartungshaltung kann man nicht erfüllen.“ Tomoko Moser schreibt in Deutschland nur wenige Neujahrskarten. Ihre Schwester sagt ihr manchmal: „Du bist keine Japanerin mehr“, Tomoko Moser grinst. Einiges an interkultureller Grauzone also, und da stellt sich die Frage, wie man damit umgeht als interkultureller Verein, gerade in Zeiten teilweise recht wirrer Debatten um „Identität“ und „kulturelle Aneignung“. Mutmaßliche Antwort: Man hält den Ball flach, weil man weiß, dass sowieso alles im Fluss ist.

Beispiel Vereinsmitglied Patrick Hoffmann aus Schifferstadt. Der hatte seine ersten Berührungspunkte mit der japanischen Kultur ganz klassisch, „nachmittags Anime (Zeichentrickfilme) im Fernsehen“, sagt er, und irgendwann ist er „auf den kulturellen Teil umgeschwenkt“. Er hat dann Japanischkurse bei Tomoko Moser besucht, und inzwischen sitzt er im Organisationskomitee der „NonkiCon“, übersetzt das sorglose, heitere Festival, ein japanisches Kulturfest in der Stadthalle Speyer mit Manga und Anime, mit Trommeln und Kendo, dem Kampf mit dem Bambusschwert. Die dritte Auflage der NonkiCon findet am 25. und 26. Mai statt, parallel läuft im übrigen das Japan-Festival „Hanami“, das lange in Ludwigshafen war und heuer in Koblenz stattfindet. Was einmal mehr belegt: Japan ist ziemlich in, momentan.

Herzlich, höflich – und hierarchisch

Was am scheinbar Entgrenzten der japanischen Popkultur wohl genauso liegt wie am Formellen der japanischen Tradition – vielleicht auch, weil Formen, Umgangsformen zumal, in Deutschland zurzeit ziemlich bestandsbedroht scheinen. „Japaner sind sehr herzlich“, sagt Vereinsmitglied Katharina Denig, die vier Jahre lang in Japan gelebt hat, und sie sind eben auch sehr höflich. „Höflichkeit hier (in Deutschland) …“, kontrastiert Tomoko Moser, und lässt den Satz höflicherweise unvollendet.

„Wenn man angerempelt wird, weiß man: Man ist wieder am Flughafen Frankfurt“, sagt Josef Nosbüsch, ebenfalls im Verein, und der hat den Kontrast Japan-Deutschland viele Male erlebt: 26 Mal in Japan gewesen, als Ingenieur eines Unternehmens für Medizintechnik, deutsch-japanische Kooperation. Nosbüsch kennt die japanische Arbeitswelt von innen, und auch die scheint von einigen Kontrasten geprägt, von Regeln und deren zeitweiser Missachtung. Auf der einen Seite stehen Hierarchien und Traditionen: „Etablierte Strukturen sind nicht so leicht aufzubrechen“, sagt Nosbüsch. Wer der Chef ist, das zeigt sich schon an der Sitzordnung: „Der Ranghöchste sitzt immer mit Blick auf den Ausgang“, sagt Nosbüsch. Im Kontrast dazu werden eben jene Hierarchien bei der gemeinsamen Abendunterhaltung wohl gezielt außer Kraft gesetzt, Karneval in Tokio, sozusagen. Die firmeninternen Feiern nach Feierabend sind im Übrigen abgestuft, man arbeitet sich im Lauf des Abends von Rang 1 zu Rang 3, und dabei wird das Formale zunehmend gelockert und die Bedienungen werden unter Umständen nackiger.

Wahrscheinlich sind es im Kern genau jene Kontraste, die die Faszination für Japan prägen. Verdichtet sich für Patrick Hoffmann schon im Stadtbild. Alte Holzhäuser neben Hochhäusern, „finde ich faszinierend“, sagt Hoffmann. „Wir sind eben zweischneidige Messer“, sagt Tomoko Moser, „auf der einen Seite sehr offen, auf der anderen Seite sehr konservativ“.

Kimono muss links über rechts

Wie sich das dann im Alltag manifestiert, das wird man sich in diesem Sommer wieder vor Ort anschauen: Erneute Japan-Exkursion der Deutsch-japanischen Gesellschaft, man wird unter anderem in Tomoko Mosers Heimatprovinz Iwate den Spuren des Haiku-Dichters Matsuo Basho folgen, der im 17. Jahrhundert einen Reisebericht mit dem Titel „Auf schmalen Pfaden durchs Hinterland“ verfasst hat. In den Norden Honshus ist eine Speyerer Delegation schon zuvor gereist, unter anderem Hiraizumi hat man dabei besucht, im 11. und 12. Jahrhundert eine Großstadt mit bis zu 150.000 Einwohnern. Eine Städtepartnerschaft zwischen Speyer und der ehemaligen Metropole des Nordens möchten die Mosers gerne anregen, das Projekt ruht zurzeit ein wenig, auch coronabedingt.

Demnächst also wieder Kulturvermittlung im Sinne Tomoko Mosers, aber die sieht das Spannungsfeld von Hoch- und Popkultur eher gelassen. „Ich bin froh, dass Menschen aus verschiedenen Gründen ein Interesse an Japan entwickeln“, sagt sie. Und dann sagt sie noch etwas zum Thema kulturelle Irrungen und kulturelle Aneignung: „Es ist so schade, dass die Leute sagen: Kein Nicht-Japaner darf mehr Kimono tragen“, dies mit Verweis auf die Sommer-Posse der Mannheimer Bundesgartenschau (Buga): Deren Macher hatten die Vorführung einer Ballettgruppe der Arbeiterwohlfahrt für bedenklich befunden – wegen angeblich unsensibler Aneignung von kulturellen Symbolen, Auftritt in Kimono und mit Sombrero („Wir Exorzisten, Rheinpfalz am Sonntag, 21. April 2023).

Jetzt kann man’s ja sagen: Die „Kimonos“ auf der Buga waren eher Bademäntel, und die waren auch noch rechts über links umgeschlagen. Wenn hier zwei Sachen hängenbleiben: Kimono nie rechts über links umschlagen, da outet man sich als Barbar. Und bei roten Laternen, da muss man eben schauen.

Katharina Denig 
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Martin Moser
Martin Moser
Josef Nosbüsch 
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Tomoko Moser
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Patrick Hoffmann
Patrick Hoffmann
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