Bagdad
Iraks Hauptstadt im Wandel: Zwischen Kulturerbe und Moderne
Junge Dattelpalmen, in Reih und Glied gepflanzt entlang der Allee vom Flughafen in die Stadt, sind unverkennbare Boten des Orients. Kein Land hat mehr Palmen als der Irak. Und kaum ein Name beschwört mehr Orientmythos als der seiner Hauptstadt Bagdad. Um Touristen zu gewinnen, lässt sie jetzt Palmen pflanzen und Kulturdenkmale restaurieren.
Der Airport Expressway ist eine der wenigen staufreien Straßen in Bagdad. Fünf Millionen Autos machen den Verkehr zur Herausforderung für die zehn Millionen Einwohner. Der Liter Benzin kostet nur rund 30 Cent im Irak, weltweit viertgrößter Ölproduzent. Der lange geplante Bau einer Metro scheiterte bisher daran, dass die Finanzmittel von aktuell 16,5 Milliarden Euro anderen Zwecken zugeführt wurden oder in privaten Taschen verschwanden.
Moderne arabische Welt
„Verkehrschaos und Korruption beeinträchtigen das Image des Iraks weniger stark als unsere Nachbarländer. Wir sind hier in der Krisenregion Mittlerer Osten. Dabei ist der Irak friedlich, die Stimmung optimistisch“, sagt Mustafa Simani. Der Tourismusmanager glaubt fest an wachsende Gästezahlen. Zugkraft haben die als „Wiege der Menschheit“ gefeierten archäologischen Orte Uruk, Ur, Babylon, Samarra und Ninive ebenso wie die Hauptstadt Bagdad.
Bagdads urbanes Herz schlägt im Viertel Al-Karradah, einer vom Tigris umschlossenen Halbinsel. Dort steht der elegante, mit 172 Metern Höhe alle Kuppeln und Minarette überragende Turm der Central Bank of Iraq. Entworfen hat das neue Wahrzeichen Bagdads berühmteste Tochter Zaha Hadid. In ihrer Heimat wird die 2016 verstorbene Architektin verehrt als Wegbereiterin einer modernen, offenen arabischen Welt. Davon zeugen zahlreiche Graffitis mit ihrem Konterfei und dem Zitat „als ich Kind war, dachte ich immer, dass ich sehr stark bin.“
Die in Bagdad geborene und ab 1972 in London lebende Architektin gilt als Visionärin. „Sie glaubte an die transformative Kraft von Architektur, die Welt zu verändern“, sagt Mowaffaq Al-Taey. Der 83-jährige Professor erzählt von Begegnungen mit der Familie Hadid, seiner Beratertätigkeit beim Bau der 150 Paläste für Saddam Hussein und vom Scheitern städtebaulicher Konzepte. Zu viele Bürger hätten Bagdad ohne geregelte Rechtsnachfolge verlassen. Dies erschwere die Restaurierung der historischen Bauten.
Geldscheine als begehrte Souvenirs
Ganz oben auf der Liste der Projekte steht die Al-Rashid-Straße, in osmanischer Zeit die prominente Flanier- und Einkaufsmeile. Dramatisch schief hängen hier Balkone und Holzerker über den Schatten spendenden Arkaden einst prächtiger Geschäftshäuser. Doch weder Baufälligkeit noch häufige Stromausfälle stören ihre heutigen Inhaber. Einer von ihnen ist Haj Zabala. Seine Saftbar ist seit 1912 eine Institution. Wer seinen köstlichen Trauben- und Granatapfelsaft nicht probiert hat, war, so sagt man, nicht wirklich in Bagdad.
Das gilt auch für Staatsgäste. Gerahmte Fotos an den Fliesenwänden zeigen Hosni Mubarak und Saddam Hussein, beide mit Saftglas, anlässlich des Arab League Gipfels 1990. Offiziell sind heute Bilder des Diktators verboten, doch Geldscheine mit seinem Konterfei sind begehrte Souvenirs bei den Trödlern im Al-Haraj Souk. In der früheren Karawanserei türmen sich osmanische Kaffeekannen, Gebetsperlenketten, Kandelaber und altenglisches Porzellan. Es erinnert, wie die roten Leyland Doppeldeckerbusse auf den Straßen, an die britische Mandatszeit.
Englische Bestseller jener Zeit findet man um die Ecke, in der Al-Mutanabbi-Straße. Das Dorado der Buchliebhaber, seit 2021 eine mit Unesco-Hilfe sanierte Fußgängerzone, erlebt freitags, wenn sich zu den Antiquariaten noch fliegende Händler gesellen, einen Boom. „Bücher werden in Kairo geschrieben, in Beirut gedruckt und in Bagdad gelesen“, bringt ein Sprichwort die bibliophile Passion der Baghdadis auf den Punkt.
Schrecken des Krieges präsent
Der ideale Ort für Gespräche über Bücher ist das Shabandar Café in der Al-Mutanabbi-Straße. Seit Generationen, so der in Berlin lebende Autor Najem Wali im Buch über seine Heimatstadt, ist Bagdads berühmtestes Café der Treffpunkt von Schriftstellern. Es sind überwiegend Männer, die hier auf mit roten Kelimkissen gepolsterten Holzbänken sitzen, Tee trinken und Wasserpfeife rauchen. Deren sanftes Blubbern übertönt gelegentlich ein hohes Zwitschern. Dann rühren sich die Bulbuls, Bagdads beliebteste Haustiere, in ihren Vogelkäfigen. Die zeitlos romantische Kulisse bekommt unversehens einen Riss, als am Ausgang der Blick auf den Schriftzug „Café der Märtyrer“ fällt. Das Foto darunter zeigt vier Söhne und den Enkel des Café-Inhabers, die hier einem Bombenanschlag im März 2007 zum Opfer fielen.
Bagdad ist eine versehrte Stadt. Die Schrecken des Krieges sind präsent, auch in der quicklebendigen Al-Mutanabbi-Straße. Ihrem Namengeber und bekanntesten Dichter der arabischen Welt hat der Bildhauer Mohammed Ghani Hikmat eine Statue gewidmet, die am Ende der Straße mit ausladender Geste über den Tigris weist. Im gegenüberliegenden Stadtteil Al Mansour steht Hikmats „Save Iraqui Culture“ Denkmal. 2010 im Auftrag von Bagdads Bürgermeister entstanden, zeigt es einen Riesen, der mit aller Kraft das Zerbersten eines Rollsiegels verhindern will. Es trägt in Keilschrift die Inschrift „Schreiben begann hier“.
Ein langer Weg
Das Monument, Pflichttermin jedes Bagdad-Besuchs, bezeugt die kulturelle Verwurzelung des Iraks in den Zivilisationen Mesopotamiens, wo Schrift, Architektur und Recht ihren Ursprung nahmen. Dies zeigen die Exponate im unweit gelegenen Nationalmuseum. Seit seiner Gründung 1926 durch die britische Orientreisende Gertrude Bell, ist es mit Artefakten sumerischer, assyrischer, babylonischer und islamischer Kunst eines der bedeutendsten Museen der Welt.
Hikmats Denkmal ist auch ein Symbol für die Resilienz und Rolle der Kultur bei der sich neu findenden nationalen Identität. Es gibt Führungen zur Koranschule Muastansiriya Medrese, die einst 450.000 Bücher beherbergte, zum 900 Jahre alten Abbassiden-Palast und den Stadttoren und Moscheen Bagdads. Eine der Initiatorinnen legt eine virtuelle Dokumentation der historischen Bauten an.
Treffpunkt der technikaffinen jungen Generation ist der Co-Working-Space The Station. Hier offeriert ein Programm Gratis-Unterstützung für weibliche Start-up-Gründungen. Hier trifft man Absolventinnen der Kunstakademie wie Miriam Awaji. Mit ihren pink gefärbten Haaren und zehntausenden Followern ist sie Bagdads Influencer-Queen, die ihr Outfit zur Marke macht. Ihre Heimatstadt hat noch einen Weg vor sich, bis sie sich als touristische Marke etablieren wird.
Info
Dieser Artikel stammt aus der RHEINPFALZ am SONNTAG, der Wochenzeitung der RHEINPFALZ. Digital lesen Sie die vollständige Ausgabe bereits samstags im E-Paper in der RHEINPFALZ-App (Android, iOS). Sonntags ab 5 Uhr erhalten Sie dort eine aktualisierte Version mit den Nachrichten vom Samstag aus der Pfalz, Deutschland und der Welt sowie besonders ausführlich vom Sport.