Hamburg RHEINPFALZ Plus Artikel Interview: Kein Rassismus im Miniatur-Wunderland

Das Miniatur-Wunderland ist die größte Modelleisenbahnanlage der Welt. Städte wie Las Vegas werden hier liebevoll nachgebaut.
Das Miniatur-Wunderland ist die größte Modelleisenbahnanlage der Welt. Städte wie Las Vegas werden hier liebevoll nachgebaut.

Das Miniatur-Wunderland in der Hamburger Speicherstadt ist eine der beliebtesten Freizeitattraktionen Deutschlands und weit über die Grenzen der Bundesrepublik hinaus bekannt. Im Interview sprechen die Gründer Frederik und Gerrit Braun über ihre Kindheit, ihre Version einer perfekten Welt und über Diversität im Wunderland. Von Arlena Schünemann

Frederik und Gerrit Braun, ich bin mit der Bahn nach Hamburg gefahren und hatte zehn Minuten Verspätung. Kommen die Züge im Wunderland auch zu spät?
Frederik: Wir fahren nach dem Zufallsprinzip. Den Tipp haben wir auch mal dem ehemaligen Bahn-Chef Hartmut Mehdorn als Scherz gegeben, als der das Wunderland besucht hat. Man steht einfach am Bahnsteig und irgendwann kommt ein Zug. Dann kann keiner böse sein, weil es gar keinen Fahrplan gibt.

Ihre Leidenschaft für Modelleisenbahnen begann schon in der Kindheit. Haben Sie sich früher auch mal um Spielzeug gestritten?
Frederik: Ich sage meinen Kindern immer, wir hätten früher nie gestritten. Dabei konnten wir uns richtig doll streiten, aber es dauerte nur zwei, drei Minuten, dann haben wir wieder miteinander gespielt. Wir mussten ja alles teilen; wir sind Zwillinge und Mami war oft nicht da. Das hat das kreative Spielen aber gefördert. Da hat man schon mal darum gestritten, wer seine Idee zuerst umsetzt oder warum dieses Gleis jetzt nach rechts zum Badezimmer führen muss und nicht nach links zur Küche.

Gerrit: Du hast mal meine Spardose aufgemacht und gegenüber Dauerlutscher gekauft. Eine ganze Schüssel!

Frederik: Ja, das weiß ich noch. Die kosteten einen Pfennig damals und du hattest fünf Mark in der Spardose.

Gerrit: Ja, es waren 500 Stück, glaube ich. Das war der Wahnsinn.

Am 7. März lief die Doku „Wunderland“ in den Kinos an. Darin werden Sie auch selbst zu kleinen Miniatur-Figuren, die durch das Wunderland streifen. Ist das auch ein Symbol dafür, dass der Film eine Reise zurück in Ihre Kindheit ist?
Frederik: Total. Es war schockierend, was diese Reise in mir erzeugt hat. Ich habe unsere Kindheit glorifiziert und viel verdrängt. Viele unserer Eigenschaften haben uns dahin gebracht, wo wir heute sind. Wir tun ganz viel, um Anerkennung von anderen Menschen zu bekommen. Und das hat in unserer Kindheit begonnen. Unsere Mami war ein Hippie, war viel unterwegs. Wir waren ungeplant, sie war noch im Studium. Sie hat uns aus meiner Sicht ganz viel Liebe gegeben, aber Psychologen würden wahrscheinlich sagen, nicht in der Form, in der wir es gebraucht hätten – und vor allem nicht diese Sicherheit, die Kinder brauchen. Das kommt in diesem Film unglaublich toll rüber.

Gerrit: Ich habe es bislang noch nicht erlebt, dass unsere Lebensgeschichte inklusive der Geschichte des MiniaturWunderlandes so emotional und authentisch gezeigt wurde. Bei mir ist alles hochgekommen. Da waren so viele Momente, in denen plötzlich Erinnerungen zurückkamen – inklusive der Tränen.

Das klingt nach einer intensiven Erfahrung. Wenn Sie jetzt eine Zeitmaschine hätten, was würden Sie Ihren jüngeren Ichs mit auf den Weg geben?
Gerrit: Ich würde sagen: Entspann dich, mach dir keine Sorgen, alles wird gut. Aber nachher lehnen die sich dann zurück. Ich kann nicht sagen, wie viel die Sorge oder die Zukunftsängste, unser Geltungsdrang oder Anerkennungsbedürfnis eine Rolle gespielt haben in unserer gesamten Entwicklung. Daran möchte ich als Egoist im Jetzt nichts ändern.

Frederik: Ich würde ihnen auch nichts sagen. Ich bin ein Verdrängungskünstler. Dadurch habe ich eigentlich immer ein schönes Leben gehabt. Mit 56 kann ich sagen: Ich hätte wenig in meinem Leben anders machen wollen. Die finden schon ihren Weg, die beiden Kleinen da.

Gerrit: Doch, eine Sache würde ich sagen. Ich würde dem Gerrit sagen: „Fang nicht an zu rauchen!“

Die Zwillinge Gerrit (rechts) und Frederik Braun haben das Miniatur-Wunderland in HAmburg gegründet.
Die Zwillinge Gerrit (rechts) und Frederik Braun haben das Miniatur-Wunderland in HAmburg gegründet.

Würden Sie gerne mal selbst – wie im Film – schrumpfen und durch das Wunderland streifen?
Gerrit: Ich habe zwei Träume, was das Wunderland angeht: Ich würde es gerne aus den Augen eines Erstbesuchers sehen. Und der zweite Traum ist: Es wäre toll, wenn die Figuren lebendig wären und ich auf Augenhöhe mit ihnen interagieren könnte.

Frederik: Es ist bestimmt ein Traum von jedem Besucher hier, in diese Welt hineinzuschrumpfen. Das ist auch der Grund, warum wir Virtual Reality eingeführt haben. Das ist dann ein bisschen so, als würde man im Wunderland spazieren gehen. Aber das mal in echt zu erleben, ohne VR-Brille . . . das wär’ was.

Sind Sie an allen Orten, die Sie hier nachgebaut haben, selbst gewesen?
Gerrit: Ja! Eine Sache musste ich aber nachholen, und zwar Norwegen.

Frederik: Auch die Antarktis musst du nachholen. Das solltest du aus ökologischen Gründen aber nicht machen. Vor 20 Jahren war ich dort. Damals hat man sich keine Gedanken darüber gemacht, dass man einen ökologischen Fußabdruck hinterlässt, wenn man so eine Region bereist. Ich bin dankbar, dass ich das erleben konnte, ohne ein schlechtes Gewissen zu haben. Es war eine bewegende Reise. Man kommt wirklich geläutert zurück, was die Natur betrifft.

Wenn Sie an unbekannte Orte reisen, haben Sie dann eine „Wunderland-Brille“ auf?
Frederik: Gefährlich! Ich brauche nur irgendwo eine tolle Schlucht zu sehen und möchte die nachbauen.

Gerrit: Nahezu jeder Fleck auf dieser Welt ist nachahmenswert. Kleine Details entdeckt man überall.

Nehmen Sie die Welt dadurch anders wahr als andere Menschen?
Frederik: Ich hoffe, dass es vielen Menschen gelingt, die Schönheit der Natur zu sehen. Aber ich glaube, dass es durch das Wunderland bei mir mehr ist. Man guckt noch genauer hin und will alles nachbauen. Das ist fast schon eine Sucht.

Welche Herausforderungen warten?
Gerrit: Die Welt zu verändern. Ich würde wahnsinnig gerne mal eine Utopie bauen. Die Utopie einer Welt, die lebenswerter ist als die heutige – und zwar für alle. Ich habe dazu schon Gespräche mit Experten geführt. Aber selbst die sagen unterschiedliche Dinge. Und wir wissen genau: Hierher kommen jedes Jahr 1,5 Millionen Besucher aus allen Fachbereichen. Da wird auch der eine oder andere Tankstellenbetreiber dabei sein, dem gar nicht gefällt, was er da sieht.

Die Gesellschaft ist nicht mehr die gleiche wie vor 20 Jahren. Hat sich auch die Darstellung der Menschen im Wunderland verändert?
Gerrit: Eigentlich haben wir da eine Menge nachzuholen. Zum Beispiel müsste heute jeder Zweite ein Handy in der Hand haben, der über die Straße läuft.

Frederik: Wir haben mal einen Brief bekommen, von einer schwarzen Frau, die sich darüber beschwert hat, dass unsere Figuren zu weiß sind. Das ist zehn Jahre her. Damals habe ich erst gedacht: „Meint die das ernst?“ Dann habe ich mir die Ausstellung genauer angeschaut und gemerkt: „Alter Schwede, da hast du noch nie drüber nachgedacht!“ Dann haben wir einige Figuren angemalt.

Und wie steht’s um die Rollenbilder? Sind alle Feuerwehrleute hier im Wunderland Männer?
Gerrit: Ich würde sagen, die Rollenverteilung ist bei uns so klassisch, wie sie in echt auch ist. Da gehen wir vielleicht nicht mit gutem Vorbild voran.

Frederik: Das Bewusstsein verändert sich. Und wir sind ja zwei Menschen, die mit offenen Augen durch die Welt laufen. Aber wir sind nicht in der Lage, auf der Anlage sofort alles zu verändern.

Gerrit: Bei 420 Mitarbeitenden muss man das ein oder andere Rollenbild erst mal aus den Köpfen kriegen.

Frederik: Statistisch gesehen haben wir hier 42 AfD-Wähler. Ich glaube, Hamburg hat zehn Prozent. Bei uns sind es wahrscheinlich nicht ganz so viele. Wir werden ja oft als das linksgrünversiffte Wunderland beleidigt. Das sehen wir als großes Kompliment. Auch in unserem Team gibt es Menschen, die unsere Ansichten nicht teilen. Aber wir gehen damit, glaube ich, sehr gut um. Das kriegt man nur hin, indem Menschen miteinander reden, Argumente austauschen, gute Argumente haben. Du kannst ihnen nur begegnen, indem du versuchst, ihnen ihre Angst zu nehmen. Denn vieles ist ja Angst vor Veränderungen, Angst, dass alles schlechter wird.

Das Miniatur-Wunderland ist in Hamburg eine Institution. Werden Sie oft auf der Straße erkannt?
Frederik: Ich bin letztens mit der Bahn aus Berlin zurückgefahren und bin drei-, viermal nach einem Selfie gefragt worden. Der Moment ist immer total süß. Die Leute finden das Wunderland toll; das ist das Schönste, was einem passieren kann. Ich bin sogar in Neuseeland, in einem Einkaufszentrum in Christchurch, angesprochen worden: „Are you Gerrit?“

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Dieser Artikel stammt aus der RHEINPFALZ am SONNTAG, der Wochenzeitung der RHEINPFALZ. Digital lesen Sie die vollständige Ausgabe bereits samstags im E-Paper in der RHEINPFALZ-App (Android, iOS). Sonntags ab 5 Uhr erhalten Sie dort eine aktualisierte Version mit den Nachrichten vom Samstag aus der Pfalz, Deutschland und der Welt sowie besonders ausführlich vom Sport.

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