Tüchter’s 51 States
Henry Kissinger: der greise, weise Geostratege
Ist nun so ein Moment gekommen? US-Generalstabschef Mark Milley ist der Meinung, dass die Ukrainer – trotz aller Hilfe des Westens – nicht in der Lage sein werden, Russlands Truppen zum kompletten Rückzug zu zwingen, schon gar nicht von der Krim. Die Fronten hätten sich nach der Rückeroberung von Kherson stabilisiert, Russlands Kontrolle über 20 Prozent der Ukraine sei vorerst kaum zu ändern. Umgekehrt habe Russland bereits fürchterliche Verluste erlitten.
Es ist nicht die erste Debatte über die Notwendigkeit einer diplomatischen Lösung. Ein prominenter Amerikaner mit deutschen Wurzeln ist dabei schon im Frühjahr in die Schlagzeilen geraten, da war der Krieg noch keine zwei Monate alt: Der inzwischen 99-jährige frühere US-Außenminister Henry Kissinger äußerte sich am 24. Mai beim Weltwirtschaftstreffen von Davos so: „Verhandlungen müssen in den nächsten zwei Monaten beginnen, bevor sich Umwälzungen und Spannungen manifestieren, die nicht so leicht zu überwinden wären. Idealerweise sollte die Aufteilungslinie eine Rückkehr zum Status quo ante sein. Den Krieg darüber hinaus zu führen, ginge es dann nicht um die Freiheit der Ukraine, sondern um einen neuen Krieg gegen Russland selbst.“
Keine Anerkennung der Krim
Von Anfang an trat Kissinger dafür ein, die Ukraine solle neutral bleiben, nicht etwa der Nato beitreten. Und seine Befürchtung, dass eine Fortsetzung des Kriegs dem strategischen Gleichgewicht auf dem Alten Kontinent weiter schaden könnte, hat sich ja bewahrheitet. Schweden und Finnland haben sich entschlossen, in die Nato zu gehen. Auch die Kiewer Führung, die von Anfang an erklärt hatte, sie sei ja bereit zu Neutralität, ist immer näher an die Allianz gerückt. Sie macht sich weiter Hoffnungen, sogar Nato-Mitglied zu werden.
Und doch schlug Kissinger nicht vor, Kremlchef Wladimir Putin um des Friedens willen einfach alles zu geben, was er sich genommen hat. Keineswegs plädiere er etwa dafür, die Krim als russisch anzuerkennen, so Kissinger im Sommer. Aber er mache er sich Sorgen, was dieser Krieg noch für Folgen haben wird – nicht nur in der Ukraine und in Europa, sondern für die Stabilität der Weltordnung, die zunehmend im Zeichen des Wettstreits zwischen den USA und der Volksrepublik China steht.
Wie alle Kissinger-Bücher ist „Staatskunst“ sehr dick: gut 600 Seiten. Den Rahmen bilden eine Einleitung von 26 Seiten und ein Nachwort von 30 Seiten. Das Gros des Buchs sind sechs Charakterstudien großer Politiker des 20. Jahrhunderts. Sie sind biografisch angelegt, aber handeln auch viel von den konkreten Ereignissen ab, die sich unter ihrer Führung zutrugen. Man lernt dabei zum Beispiel über die Gründung der Bundesrepublik oder auch die Konflikte im Nahen Osten. Kissinger erzählt mit Präzision und Stringenz, wie sechs große Persönlichkeiten den Lauf der Geschichte verändert und das Schicksal ihrer Völker geprägt haben: Konrad Adenauer, Charles de Gaulle, Richard Nixon, Anwar el-Sadat, Lee Kuan Yew (Singapurs Staatsgründer) und Margret Thatcher.
Wird Geschichte gemacht?
Die Auswahl dieser Politiker mag zum Teil überraschen und gerade im Fall von Richard Nixon bleiben Fragezeichen. Kissinger geht doch sehr großzügig damit um, dass dieser US-Präsident, der sein Chef war, in Schmach zurücktreten musste, und zwar völlig zurecht. Aber das sei nur am Rande erwähnt.
Kissingers Analysen werfen nicht zuletzt die Frage auf, wie Geschichte entsteht. Wird sie gemacht oder passiert sie einfach? Dass es eben nicht nur die großen Männer und Frauen sind, die Geschichte machen, sondern dass Weltpolitik das Ergebnis vieler Zusammenhänge und der Arbeit vieler Untergebener der Staatschefs ist, weiß auch Kissinger. Er zitiert selbst den berühmten französischen Historiker Fernand Braudel, der darauf bestand, dass Einzelpersonen „oberflächliche Störungen“ und „Schaumkämme“ seien in einem großen Meer mit unerbittlichen Gezeiten. Kissinger hingegen ist trotzdem überzeugt: „Männer und Frauen formen ihre Umgebung durch ihre Deutung“ ihrer Zeit und ihrer Umgebung.
Schon in der Einleitung von „Staatskunst“ definiert Kissinger nützliche Begriffe, um Führung generell und Staatskunst im Besonderen besser zu analysieren. Er unterscheidet zwischen Propheten und Managertypen. Natürlich steckt in jedem Chef beides, aber die Abwägung zwischen diesen Rollen erlaubt einen spannenden Blick auf Staatsmänner dieser Welt.
Adenauers Demut
Wie viel und welche Vision haben sie von der Zukunft, wie stark sind sie im Managen von Führungszirkeln und den Regierungsapparaten? Die sechs von Kissinger gewählten Anführer fallen sehr stark in die Kategorie Manager, können letztlich aber nur erfolgreich managen, weil sie ein klares Bild von Zielen haben und diese mit Hilfe von wichtigen Charakterwerten verfolgen. Im Falle Adenauers beschreibt Kissinger dessen Demut, die deutsche Niederlage und Abhängigkeit von Amerikas Schutz zu akzeptieren. In Thatchers Fall gibt es die bekannten Überzeugungen zur Marktwirtschaft, die die Eiserne Lady gegen allen Widerstand durchsetzt.
Welche Lehren lassen sich für heute aus Kissingers Analyse ziehen? Wie oft hört man doch: Früher seien die Politiker von einem anderen Kaliber gewesen. Sprich: Wo ist in dieser unserer krisenhaften Zeit eines Ukrainekriegs der Churchill, Roosevelt oder eben Adenauer?
Der stets professorale Politkopf Kissinger beklagt, dass der Mangel an guter Führung in der Politik nicht zuletzt auch die Folge eines Bildungsverfalls sei. Er beschreibt eindrücklich, dass es vielen Menschen heute an der Belesenheit fehlt, die es braucht, um die Welt einordnen zu können. Er nennt das „Deep Literacy“, also eine tiefe gründende Vertrautheit mit Philosophie und Geschichte, aber auch Technik. Kissinger treibt um, dass Bilder statt Worte, das Internet mit seiner Geschwindigkeit statt das Buch, das gründlich gelesen sein will (oder die Zeitung), die Oberhand haben. „Entertainment ist allgegenwärtig und Langeweile eine Seltenheit.“ Obwohl uns das Internet immer schneller und umfassender mit Informationen versorgt, „werden wir durch diese Übersättigung nicht klüger“, gibt der 99-Jährige zu bedenken.
Marketing schlägt politische Substanz
Er zitiert Lee Kuan Yew, der schon mit Blick auf das Satellitenfernsehen festgestellt hatte: „Ich beobachte staunend, wie die Medienprofis einem Kandidaten ein neues Image verpassen… Eine Wahl zu gewinnen wird zum großen Teil zu einem Wettbewerb in Sachen Verpackung und Werbung.“ In der Tat: Die Wahl Donald Trumps 2016 war sicher nur möglich, weil er der Kandidat Trump unterhaltsamer daherkam als alle anderen. Er galt als authentisch, seine Gegner konnten dagegen nicht mal mit den besten programmatischen Vorschlägen „anstinken“.
Aber zurück zum Ukraine-Krieg, auf den Kissinger in seinem Buch eben im Schlusswort auch zu sprechen kommt. Der greise Geostratege sieht das Gleichgewicht der Welt nicht nur wegen Chinas Aufstieg und Amerikas Uneinigkeit ob seiner Rolle im 21. Jahrhundert gefährdet. Er warnt, dass Krieg immer zerstörerischer geworden ist beziehungsweise das Vernichtungspotenzial immer verheerender. Künstliche Intelligenz mit Kampfrobotern könnte diesen Trend nochmals verschlimmern.
Und was Russlands Haltung angeht, so ermahnt Kissinger doch dazu, Russlands verwundete Gefühle nicht zu unterschätzen. „Die russische Außenpolitik übersetzt einen mystischen Patriotismus in ein imperiales Anspruchsgehabe, das aber mit einem dauerhaften Unsicherheitsgefühl verbunden ist.“ Dies sei geschichtlich begründet, gab es doch von den Mongolen über Napoleon bis zu Hitler immer wieder Invasionen gegen Russland. Was Russland in der Ukraine tue, sei eine Fortsetzung des Bemühens der Zaren, einen Sicherheitsgürtel um Russland zu legen.
Von diesem Ziel ist der Kreml derzeit weit entfernt. Naht also der Zeitpunkt, dem Schrecken ein Ende zu bereiten, statt dem Schrecken ohne Ende weiter Raum zu geben?
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