Arbeitswelt RHEINPFALZ Plus Artikel Gute Chancen für Quereinsteiger

Abgezweigt: Immer mehr Arbeitnehmer wechseln im Laufe ihres Berufslebens das Unternehmen.
Abgezweigt: Immer mehr Arbeitnehmer wechseln im Laufe ihres Berufslebens das Unternehmen.

Was tun, wenn die Arbeit nicht passt? Einfach gehen? Für Jüngere ist das oft selbstverständlich. Ältere zögern eher. Doch sie haben Chancen. Auch als Quereinsteiger.

Koch war sein Traumberuf. Schon früh wusste Jan Langner, dass er einmal in der Küche arbeiten wollte. Er absolvierte eine Lehre in einem Hotelrestaurant in Kaiserslautern, arbeitete viele Jahre als Koch. Bis Bandscheibe und Knie nicht mehr mitmachten, er arbeitsunfähig wurde. Das schwere Heben hatte seine Spuren hinterlassen. Hinzu kam: Mit über 1,90 Metern Körpergröße liegt der 46-Jährige über dem Standardmaß, auf das die meisten Küchen ergonomisch ausgerichtet sind. Als Koch, so musste er erkennen, würde er nicht mehr arbeiten können. Die Geburt seiner Tochter bestärkte ihn darin. Er wollte sein Kind aufwachsen sehen, sagt er mit Blick auf die oft wenig familienfreundlichen Arbeitszeiten in dieser Branche.

Also suchte er einen neuen Job. Zuerst arbeitete er bei einem Sicherheitsdienst. Doch dann sprach ihn eine Stellenanzeige an – für eine Ausbildung innerhalb der Arbeitsagentur. Der Familienrat tagte, Langner bewarb sich und bald drückte er wieder die Schulbank in einer Berufsschulklasse. Mit Anfang 40 unter 17- und 18-Jährigen.

Beratung für einen Neustart

Antje Steingaß berät und begleitet bei der Arbeitsagentur Kaiserslautern Menschen, denen es ähnlich geht wie Jan Langner: Berufstätige oder Wiedereinsteiger, die sich verändern wollen und fragen, welche Möglichkeiten sie haben, auch finanziell. Sie arbeitet in einem Zweier-Team im Bereich Kaiserslautern, wo 2016 dieses freiwillige Angebot als Pilotprojekt gestartet wurde; für die Region Pirmasens/Zweibrücken ist ein dritter Kollege zuständig. Seit 2021 gibt es diese kostenlose Beratung bundesweit.

Ihre Kunden kommen aus verschiedenen Branchen, mit unterschiedlichen Ausbildungen und Gehältern. Da ist der einfache Helfer, der einen Abschluss machen will; da sind Pflegekräfte, die beim Medizinischen Dienst oder in einer Sozialstation eine neue Aufgabe finden; da ist die Führungskraft, der die Familie wichtiger als die Karriere ist; da ist die über 50-jährige Friseurmeisterin, die sich durch Corona neu aufstellte und im Vertrieb glücklich wurde. Die Beweggründe seien sehr unterschiedlich, stellt Antje Steingaß fest. Aber weniger Druck, mehr Sicherheit, ein geregelter Alltag oder eine veränderte Familiensituation spielten eine Rolle, aktuell auch Unsicherheit über den Bestand des sicher geglaubten Arbeitsplatzes. Oft gehe es aber darum, dass Menschen sich mehr Zufriedenheit wünschten, stellt sie fest.

Aus dem falschen Beruf ausgestiegen

Dass dieser Wunsch eine starke Triebfeder sein kann, weiß die Berufsberaterin aus eigener Erfahrung. Sie selbst hat verschiedene berufliche Abzweigungen genommen. Die erste erkannte sie selbst rasch als Irrweg: ihre Ausbildung zur Verwaltungsangestellten im kommunalen Bereich. Begonnen hatte sie diese, weil sie nicht in den elterlichen Handwerksbetrieb wollte und die Mutter dann vorschlug, sie könne doch „ins Amt“ gehen. Doch da sei sie nicht glücklich gewesen, erzählt sie. Die Ausbildung schloss sie 2005 gut ab, suchte sich aber gleich eine andere Stelle. So kam sie 2006 ins Jobcenter in Kaiserslautern, erst in den Bereich Leistungsgewährung, 2009 in die Arbeitsvermittlung. Als Quereinsteigerin absolvierte sie ein Qualifizierungsprogramm, bildete sich später selbst weiter – lebenslanges Lernen sei heute unverzichtbar, betont sie. 2016 hatte sie „Lust auf etwas Neues und bewarb sich auf eine Stelle im Mainzer Ministerium für Arbeit und Soziales. Mit einer Zusage rechnete sie gar nicht. Sie bekam die Stelle dennoch, kehrte aber 2019 zur Arbeitsagentur zurück.

Wichtig sei, stellt sie fest, dass Arbeitnehmer sich ihrer Fähigkeiten und Potenziale bewusst würden – und einem neuen Arbeitgeber klar machten, welchen Mehrwert sie einbringen können. Deswegen frage sie auch zuerst nach den persönlichen Zielen eines Menschen.

Mehr Menschen wechseln ihre Jobs

Der Bedarf an Beratung ist da. Auch, weil sich in der Arbeitswelt vieles bewegt. Früher, sagt Antje Steingaß, seien Berufsbiografien meist gradlinig gewesen, inzwischen wechselten Menschen häufiger ihre Arbeitsstelle. Eine Umfrage des Forsa-Instituts unter 3413 volljährigen, sozialversicherungspflichtigen Erwerbstätigen für das Job-Netzwerk Xing ergab Anfang des Jahres, dass die Wechselbereitschaft trotz wirtschaftlicher Unsicherheiten hoch bleibt.

Demnach ist jeder dritte Beschäftigte offen für einen neuen Job oder hat bereits Schritte für einen Wechsel unternommen. Besonders stark ausgeprägt ist der Wechselwunsch bei den Jüngeren. In der Generation Z, der jüngsten im Arbeitsmarkt, können sich 48 Prozent vorstellen, im laufenden Jahr den Arbeitgeber zu wechseln. Bereits über die Hälfte hat mindestens einmal den Arbeitgeber gewechselt. Auch unter den „Millennials“ (Jahrgänge 1981 bis 1996) liegt die Wechselbereitschaft mit 44 Prozent über dem Durchschnitt. In der Generation X (1965 bis 1980) ist nur noch knapp ein Drittel wechselwillig.

Für die „Gen Z“ steht mit 45 Prozent ein zu niedriges Gehalt an erster Stelle. Für Millennials sind es ein hohes Stresslevel, aber auch mangelnde Aufstiegschancen. Unzufriedenheit mit Vorgesetzten ist vor allem für Ältere ein Grund zum Wechsel.

Eine steigende Wechselbereitschaft zeigt auch die Gallup-Studie, die jährlich die Bindung von Beschäftigten an Arbeitgeber untersucht. Danach ist die emotionale Bindung von Arbeitnehmern mit nur 9 Prozent 2024 auf einem Rekordtief angekommen. Ein deutliches Warnsignal für Unternehmen, meinen die Verfasser.

Gezielte Werbung um Quereinsteiger

Viele Arbeitgeber haben sich unterdessen auf eine höhere Wechselbereitschaft von Arbeitnehmern eingestellt. Unternehmen wie die Deutsche Bahn, die Malteser und Banken werben sogar gezielt um Quereinsteiger. Betriebe könnten ihren Bedarf an Arbeitskräften ansonsten nicht mehr decken, sagt Antje Steingaß. Viele gingen daher weg von formalen Anforderungen und schauten mehr auf den Menschen, der sich vorstelle.

Die „Generation Z“ verändert die Arbeitwelt.
Die »Generation Z« verändert die Arbeitwelt.

Deutsche Bahn macht gute Erfahrungen

Für die Deutsche Bahn ist die Werbung um Quereinsteiger ein „enorm wichtiger Rekrutierungskanal“, um hohe Personalbedarfe in operativen Berufen zu decken, bestätigt eine Pressesprecherin. Zwischen 3000 und 4000 Quereinsteiger stelle das Unternehmen im Jahr ein. Die Top-Berufe seien Triebfahrzeugführer, Stellwerksdienst, Bordservice und Kundenbetreuung, Das Alter der Bewerber liege zwischen 18 Jahre und Anfang 60. Etwa 30 Prozent der Quereinsteiger wollten Lokführer werden, 20 Prozent Fahrdienstleiter, auf Serviceberufe kämen 10 Prozent, der Rest auf Rangieren, Instandhaltung, Bau und mehr. Die Erfahrungen mit ihnen seien sehr positiv, so die Sprecherin, da die neuen Kollegen sehr motiviert seien, Neues zu erlernen und die Ausbildung erfolgreich abzuschließen. Vorausgesetzt wird eine abgeschlossene Berufsausbildung, Berufserfahrungen sind laut Bahn grundsätzlich nicht notwendig.

Jan Langner hat seinen Neustart nicht bereut. Obwohl es nicht einfach war, wieder die Schulbank zu drücken und dabei mit weniger Geld auszukommen. Heute bereitet er im Jobcenter neue Anträge vor, spricht mit Menschen, hört zu, nimmt Anteil. Er habe gerne mit Menschen zu tun, sagt er. Und er wisse, wie es ihnen gehe – weil er selbst seinen Beruf verloren hat. Doch dem trauert er nicht mehr nach. Wenn man eine Tür zumache, sagt er, werde sich eine neue öffnen.

In der kommenden Ausgabe setzen wir das Thema fort: Ein Arzt erklärt, wie wir zufriedener arbeiten können.

Wo Mitarbeiter gesucht werden

In der Pfalz gab es im April über 8000 offene Stellen, die der Arbeitsagentur gemeldet wurden. 3559 davon in der Vorderpfalz (Ludwigshafen, Frankenthal, Speyer). Für die Westpfalz registriert die Arbeitsagentur Kaiserslautern-Pirmasens 4407 Stellen. Die Entwicklung ist regional unterschiedlich: Während die Vorderpfalz 5 Prozent mehr Stellen gegenüber dem Vorjahr verzeichnet, gingen sie in der Westpfalz um 15 Prozent zurück. Die wirtschaftlich unsichere Lage hinterlässt auch auf dem Arbeitsmarkt Spuren.
Die meisten offenen Stellen wurden bei Verkehrs- und Logistikberufen gemeldet: 714 in der Westpfalz und 561 in der Vorderpfalz. An zweiter Stelle kommen jeweils Fertigungsberufe (596/489), dicht gefolgt von Gesundheits- und Handelsberufen.

Wer künftig gefragt ist

Den langfristigen Strukturwandel der Arbeitswelt hat das Bundesinstitut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung betrachtet und den Auf- und Abbau von Arbeitsplätzen in Bundesländern berechnet. Dabei werden vor allem die ostdeutschen Bundesländer zu Verlierern, während (bezogen auf Erwerbstätige 2023) die meisten Arbeitsplätze in Berlin, Hamburg und Hessen entstehen. Rheinland-Pfalz wird wie die meisten Länder etwas mehr Arbeitsplätze verlieren als dazugewinnen. Verluste wird es vor allem im Baugewerbe geben, zudem in Verwaltungen, im verarbeitenden Gewerbe, im Großhandel. Entstehen werden die meisten Arbeitsplätze im Bereich Heime und Sozialwesen, gefolgt von Gesundheitswesen, Erziehung/Unterricht, Dienstleistung.

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Dieser Artikel stammt aus der RHEINPFALZ am SONNTAG, der Wochenzeitung der RHEINPFALZ. Digital lesen Sie die vollständige Ausgabe bereits samstags im E-Paper in der RHEINPFALZ-App (Android, iOS). Sonntags ab 5 Uhr erhalten Sie dort eine aktualisierte Version mit den Nachrichten vom Samstag aus der Pfalz, Deutschland und der Welt sowie besonders ausführlich vom Sport.

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Lokführer sind gesucht, auch als Quereinsteiger.
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