Interview RHEINPFALZ Plus Artikel Gewalt gegen Schiedsrichter: „Der Druck ist groß“

Schiedsrichter werden immer wieder Opfer von Gewalt.
Schiedsrichter werden immer wieder Opfer von Gewalt.

Der Schiedsrichter soll beim Fußball eigentlich nicht im Mittelpunkt stehen. Immer wieder wird er aber Opfer von Gewalt auf dem Platz. Kriminologin Thaya Vester erzählt im Gespräch mit Timo Konrad, was sie ganz besonders schockiert, warum verlässliche Zahlen schwer zu bekommen sind und was Rudern und Fußball gemeinsam haben.

Kreisligaspiel in Merzig-Ballern im Saarland, Ende Mai, letzter Spieltag. Zwischen der SG Leuktal und dem 1. FC Fitten geht es um nichts mehr. Als der Schiedsrichter einen Spieler nach einem Foul die Rote Karte zeigt, schlägt dieser dem Referee gegen die Brust. Der Unparteiische bricht das Spiel ab und bekommt daraufhin die Faust eines anderen Fußballers ins Gesicht. Er geht zu Boden.

Frau Vester, Sie forschen zu Gewalt gegen Schiedsrichter. Man liest immer häufiger von Bedrohungen oder Beleidigungen. Wird das mehr oder merken wir nur mehr davon?
Es ist schwierig, valide Zahlen zu bekommen. Vor zehn, 15 Jahren wurde noch nicht so genau hingeschaut. Es gab lange kein Instrument, um die Vorfälle auf dem Platz zuverlässig zu messen. Es gibt 21 Landesverbände mit unterschiedlichen Rechts- und Verfahrensordnungen. Der eine Landesverband fasst Bedrohung und Beleidigung in einem Paragrafen zusammen, der andere separat. Man kann also nicht einfach Sportgerichtsurteile zusammenzählen, die Vergleichbarkeit besteht nicht.

Die Vorfälle werden jetzt sichtbarer als früher. Da hat noch keiner mit einer Handykamera draufgehalten. Es ist immer auch eine Frage, wie genau schaue ich hin und ob es einen wirklichen Anstieg oder eine Verschiebung vom Dunkel- ins Hellfeld gibt.

Der DFB erstellt doch ein Lagebild?
Ich muss etwas ausholen. Unter dem früheren DFB-Präsidenten Theo Zwanziger gab es den Versuch, ein Meldesystem einzurichten. Jeder Landesverband sollte seine Gewaltvorfälle eintragen. Vorstellung: Man drückt Montagfrüh auf einen Knopf und hat eine Übersicht, was am Wochenende auf den Plätzen passiert ist. Dieses System hat sich aber nie durchgesetzt, weil es ganz unterschiedlich gepflegt wurde und war deshalb nicht sonderlich aussagekräftig. Die Verbände, die sich bewusst damit befasst hatten, hatten quasi ein Gewaltproblem, weil sie hingeschaut haben. Die anderen hingegen nicht.

Und dann?
Man hat gesagt, dass das nicht zufriedenstellend ist. Die Idee war dann, eine Abfrage an den elektronischen Spielbericht der Schiedsrichter zu koppeln. Man fragt die Schiris, ob es Gewalt oder Diskriminierung gab im Spiel. Da war die Hoffnung, dass man einen sehr guten Eindruck bekommt von der Lage auf den Plätzen. Das Lagebild hat aber ein paar Schwierigkeiten.

Also muss man Zahlen zu Gewalt gegen Schiedsrichter mit Vorsicht genießen?
Die Zahlen sind nicht falsch, aber man muss sich bewusst sein, was sie aussagen. Das ist an vielen Stellen unscharf. Es wird gefragt: Welche Personengruppen waren an dem Vorfall beteiligt? Also Schiedsrichter, Trainer oder Spieler zum Beispiel. Ich sehe diesem Lagebild nicht an, wie viele Personen das waren. Das kann eine Person gewesen sein oder auch fünf. Das war nur als Ad-hoc-Lagebild gedacht. Die Zahlen im Lagebild sind also immer das Minimum. Bei den Schiedsrichtern sind sie allerdings relativ genau, weil die in den unteren Klassen meistens allein unterwegs sind. Auch die Zahlen zu Spielabbrüchen sind valide, denn man kann ein Spiel immer nur einmal abbrechen.

Was sagt das Lagebild dazu aus?
Es gibt tatsächlich einen Anstieg der gewaltbedingten Spielabbrüche im Vergleich der Saison 2018/19 zur aktuellen Saison. Die Spielzeiten 2019/20 und 2020/21 sind wegen der Pandemie schwer zu interpretieren.

Welchen Anteil hat der Corona-Frust am Anstieg der Gewalt auf Plätzen?
Nach der Pandemie hatte man die Hoffnung, dass alle geläutert und voller Vorfreude auf den Platz zurückkehren. Das Gegenteil war der Fall. Mit dem Spielbetrieb kam auch das Gewaltproblem zurück.

Gibt es denn ein großes Dunkelfeld?
Schiedsrichter nehmen bei der Meldung von Gewalt eine Bewertung vor. Sonst sind sie angehalten, das nicht zu tun. Das ist normalerweise Sache des Sportgerichts. Da haben sich Schiris davor gescheut, insbesondere wenn sie sich unsicher waren. Sie setzen dann nicht das Häkchen, berichten aber sehr wohl über den Vorfall. Das ist also eine Art Graufeld. Viel wird auch erst gar nicht gemeldet. Das Dunkelfeld besteht viel aus verbalen Ausfällen des Publikums. Schiris konzentrieren sich auf das, was auf dem Platz passiert.

Was zählen Sie denn bei Ihren eigenen Auswertungen alles als Gewalt?
Für das Lagebild gibt es klare Definitionen. Danach richte ich mich auch . Je nachdem, ob man einen engen Gewaltbegriff verwendet, ist die Bedrohung noch keine Gewalt. Ich frage immer nach Beleidigung, Diskriminierung, Bedrohung und Tätlichkeit. Natürlich gibt es auch im Dunkelfeld bestimmte Schwierigkeiten, subjektive Komponenten. Es gibt Schiris, die sagen, sie wurden noch nie beleidigt. Die kriegen de facto auch Sprüche ab, fühlen sich aber nicht angegriffen. Es gibt sogar Schiris, die mehrfach persönlich angegriffen wurden, aber angeben, noch nie beleidigt worden zu sein. Andere geben an, sich subjektiv unwohl gefühlt zu haben, obwohl vielleicht objektiv keine Bedrohung vorlag. Dieses Gefühl kann man ihnen nicht absprechen.

Sie haben eine Dunkelfeldbefragung mit Schiedsrichtern gemacht. Was haben Sie dort untersucht?
Wir haben über drei Messzeitpunkte in der Saison 2011/12, 2016/17 und frisch 2022/23 Schiedsrichter befragt. Die persönlichen Belastungswerte, also, ob Schiris schon einmal angegriffen worden sind, sind gleich geblieben. Die Anzahl derer, die darüber nachdenken, aufzuhören, nimmt von Saison 2016/17 zu 2022/23 zu, weil der Druck so groß ist auf dem Platz. Es wird sich auch mehr Aus- und Fortbildung im Bereich Gewaltprävention gewünscht. Und viele fordern von den Verbänden, mehr zu tun.

Die Gewaltdiskussion trägt also zum Schiedsrichtermangel bei?
Es ist ein Teil. Allerdings verändert sich generell die Bereitschaft in der Gesellschaft, sich zu engagieren. Im ersten Befragungszeitraum 2011/12 konnte man ganz klar sagen: Einmal Schiedsrichter, immer Schiedsrichter. Bei meinen ersten Befragungen saßen goldige ältere Männer in den Schulungen, die gar nicht mehr aktiv gepfiffen haben. Sie sind aber immer noch zu ihrer Schiedsrichtergruppe gegangen, weil sie sich da verbunden gefühlt haben. Heutzutage probieren es manche aus, merken dann wie es auf dem Platz zugeht und lassen es wieder sein.

Warum trifft es so oft Schiedsrichter?
Die Figur des Schiedsrichters ist sehr zentral. Er steht zwischen den beiden Gruppen und soll vermitteln. Sobald er für die einen pfeift, pfeift er gegen die anderen. Die Unzufriedenheit ist fast schon vorgegeben. Schiedsrichter vermitteln im Konflikt zwischen Spielern. Wenn es Probleme gibt, ist der Schiri gefragt. Der Frust entlädt sich bei ihm. Auslöser von gewaltbedingten Spielabbrüchen ist oft die – wirkliche oder vermeintliche – Fehlentscheidung.

Wenn der Unparteiische als Autoritätsperson immer weniger Respekt genießt, was sagt das über unsere Gesellschaft aus?
Die Schuld wird gerne bei anderen gesucht. Der Frust entlädt sich bei denjenigen, die einen Dienst an der Gemeinschaft leisten. Schiedsrichter ermöglichen erst den Sport. Der Rettungsdienst ist da, um Menschen in Notsituationen zu helfen. Es ist unfassbar, solche Menschen anzugreifen. Ich finde das eine sehr bedenkliche Situation. Dort entlädt sich die Unzufriedenheit. Man ist nicht bereit, für sich selbst Verantwortung zu übernehmen.

Hat eigentlich nur der Fußball dieses Problem oder gibt es auch in anderen Sportarten Angriffe auf den Plätzen?
Es gibt eine Untersuchung, die sich sportartübergreifend mit der Situation von Schieds- und Kampfrichtern beschäftigt. Fußball liegt auf Platz eins, was die relative Häufigkeit von tätlichen Angriffen betrifft. Bei Bedrohungen liegen hingegen die Sportarten Ju-Jutsu und Rudern vorne. Da spricht aber niemand drüber. In absoluten Zahlen sind das so wenige, dass das kaum eine gesellschaftliche Relevanz hat. Der Fußball produziert durch seine Größe sehr viele Vorfälle.

Und im Jugendfußball?
Im Kinder- und Jugendbereich sind eher die Eltern das Problem als die Kinder. Früher war es die absolute Ausnahme, dass es dort schwerwiegende Vorfälle gibt. Inzwischen ist das schon ein Thema in der C-Jugend. Mich hat aber etwas anderes besonders schockiert: Ich forsche auch zu Sexismus gegen Schiedsrichterinnen. Was ihnen teilweise von kleinen Kindern entgegengebracht wird, das ist schon hart.

Der DFB hat das „Jahr der Schiedsrichter“ ausgerufen, um auf das Problem aufmerksam zu machen. Hilft das?
Grundsätzlich halte ich das für eine sehr gute Sache. Das scheint auch etwas zu bewirken. Die Neulingskurse füllen sich. Wichtig ist, dass sie auch dabeibleiben. Schön waren Maßnahmen wie das Bezirksligaspiel, das Nils Petersen und Anton Stach im März gepfiffen haben. Das darf keine Eintagsfliege sein. Fast würde man gerne mal alle Bundesligaprofis ein Spiel pfeifen lassen.

Lieber Abschreckung durch lebenslange Sperren oder Prävention?
Aus juristischer Sicht sind lebenslange Strafen gar nicht so einfach. Es gibt immer noch das Prinzip der Verhältnismäßigkeit. Lebenslange Sperren würden als nicht verhältnismäßig angesehen werden. Es ist nicht zielführend, weil man schlichtweg weiß: Allein die Androhung von hohen Strafen führt nicht dazu, dass Dinge nicht passieren. Trotzdem brauchen wir die Möglichkeit eines Verbandsausschlusses für besonders schwere Fälle, aber nicht als Standardmaßnahme. Prävention braucht es immer.

Der Pfälzer Schiedsrichter Julian Kuhn forderte im Interview, dass Täter erst wieder auf den Platz dürfen, wenn sie die Schiri-Ausbildung gemacht haben. Was halten Sie davon?
Grundsätzlich eine gute Idee. Der Perspektivwechsel ist wichtig und trägt viel dazu bei, zu sehen, wie komplex das Ganze ist. Es gibt nur manchmal in der Umsetzung ein Problem. Vereinzelt gibt es das bereits als Auflage in einzelnen Verbänden. Teilweise gab es da von den Schiris allerdings die Rückmeldung: „Jetzt schickt ihr uns schon die Angreifer.“ Das kann man einerseits verstehen, andererseits ist das natürlich leider auch schon eine Art Lagerbildung. Schiedsrichter und Spieler sollten sich nicht als Feinde sehen, sondern ebenbürtig als Sportsfreunde.

Dieser Artikel stammt aus der RHEINPFALZ am SONNTAG, der Wochenzeitung der RHEINPFALZ. Digital lesen Sie die vollständige Ausgabe bereits samstags im E-Paper in der RHEINPFALZ-App (Android, iOS). Sonntags ab 5 Uhr erhalten Sie dort eine aktualisierte Version mit den Nachrichten vom Samstag aus der Pfalz, Deutschland und der Welt.

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