Fussball
Gewalt gegen Schiedsrichter: „Der Ton wird rauer“
Julian Kuhn kann sich noch vage erinnern. 19 oder 20 Jahre alt war der junge Schiedsrichter damals, als ihn auf dem Platz die Faust eines Torhüters von hinten erwischte. Was war passiert? „Das war damals eine komische Situation“, erinnert sich der heute 28-Jährige. Ein Spieler sei mehrmals hintereinander gefoult worden, bekam Freistöße, aber beschwerte sich trotzdem beim Unparteiischen aus Speyer. Dieser zeigte ihm erst Gelb, nach einem hämischen Applaus dann Gelb-Rot. „Dann kam der Spielertrainer und sagte zu mir: ,Herzlichen Glückwunsch, Sie haben das Spiel gerade abgebrochen’“, erinnert er sich. Und dann kam die Faust, die im Torwarthandschuh steckte und Kuhn brach die Partie wirklich ab. „Ich habe ein paar Tage gebraucht, um das zu verarbeiten. Eine Woche später habe ich dann mein nächstes Spiel gepfiffen.“
Zehn Jahre später steht Kuhn immer noch auf dem Platz. Gewalt gegen Schiedsrichter sei immer noch die Ausnahme, aber es werden mehr. Rund 2400 Fälle hat der Deutsche Fußballbund (DFB) in der Saison 2021/22 registriert, 911 Spiele mussten wegen Gewalt oder Diskriminierung abgebrochen werden – Negativrekord. „Ich will das nicht überdramatisieren. Aber natürlich ist jeder Fall zu viel“, sagt Kuhn. Er pfeift nicht nur selbst, sondern unterstützt auch bei Fortbildungslehrgängen für den unparteiischen Nachwuchs. Bei den Lehrgängen selbst sei die Gewaltproblematik nicht das beherrschende Thema. „ Es kommen mal Fragen und es wird angesprochen. Man will den Jüngeren ja aber auch keine Angst machen“, betont er. Denn die überwiegende Anzahl der bundesweit rund 1,2 Millionen Fußballspiele läuft ohne Zwischenfälle ab – zumindest ohne gemeldete. Der Südwestdeutsche Fußballverband nennt auf Anfrage sieben „Gewalt- und Diskriminierungsvorfälle“, die in der Saison 2022/23 gemeldet wurden. Dennoch sei es wichtig, für das Thema zu sensibilisieren, sagt Kuhn.
„Wir werden die Welt nicht so schnell ändern“
Der DFB versucht das. Er hat das „Jahr der Schiedsrichter“ ausgerufen, bei dem der zwölfte Mann einmal im Mittelpunkt steht. Die Ziele: „Neue Schiris gewinnen, Aktive binden und Wertschätzung ausdrücken“, heißt es in einem offiziellen Papier des Verbandes. „Wir sind nicht blauäugig“, sagt Ronny Zimmermann, erster DFB Vizepräsident Amateure und zuständig für die Schiedsrichter. „Wir werden die Welt nicht in wenigen Monaten komplett verändern können bei einer Problemstellung, die schon länger besteht. Aber es soll ein erster wichtiger Schritt sein, die Schiris enger in die Fußballfamilie zu integrieren.“
Sind härtere Strafen die Lösung im Amateurfußball?
Der Handlungsbedarf ist groß. Seit Jahren hören mehr Schiedsrichter auf, als neue hinzukommen. Noch vor zehn Jahren gab es bundesweit rund 75.000, mittlerweile sind es nur noch etwa 50.000. Aus eigener Kraft könne der Kreis Rhein-Mittelhaardt, für den Kuhn pfeift, nicht mehr alle Spiele besetzen. Besonders in der C-Klasse werde es eng. Dank der Unterstützung aus anliegenden Kreisen funktioniere es aktuell noch. „Das hängt nicht nur mit der Gewaltproblematik zusammen“, sagt Kuhn. Aber sie spielt eben doch eine Rolle, das Thema Neugewinnung sei schwer. Bei der Frage, ob die Verbände mehr tun können, um gegen den schärferen Ton auf dem Platz vorzugehen, muss Kuhn überlegen.
Könnten etwa härtere Strafen – beispielsweise lebenslange Sperren – abschreckende Wirkung zeigen? Kuhn hat eine andere Idee und sieht die Vereine in der Pflicht: „Ich würde mir wünschen, dass jede Mannschaft jede Woche einen Spieler abstellt, der dann ein Jugendspiel pfeift. Dafür muss der ja noch nicht mal unbedingt eine Schiedsrichterausbildung haben.“ Schon das allein könnte reichen, um stärker für das Thema zu sensibilisieren. Inwieweit das jedoch umsetzbar ist, steht auf einem anderen Blatt. Für Spieler, die negativ auffallen, hat der 28-Jährige auch eine Idee: „Der darf erst wieder kommen, wenn er die Schiedsrichterausbildung in Edenkoben gemacht hat. Das fände ich sehr charmant.“