Kommentar
Gewalt gegen Schiedsrichter: Platzverweis für Pöbler
Ein trauriger Rekord: 911 Spielabbrüche wegen Gewalt oder Diskriminierung verzeichnet der Deutsche Fußballbund (DFB) in seinem Lagebild zur Situation auf Deutschlands Fußballplätzen – in einer Saison. Oft auf der Opferseite: Schiedsrichter. Immer wieder, gerade auch auf Amateursportplätzen, werden sie beleidigt, bedroht – und sogar angegangen.
Der zwölfte Mann auf dem Platz muss Entscheidungen treffen, die nicht jedem gefallen können. Für die einen, gegen die anderen. Die sind meistens richtig und manchmal falsch. Darüber kann man sich ärgern, das kann man auch kritisieren. Aber warum verlieren einige derart die Beherrschung?
Man kann nicht in den Kopf der Angreifer schauen. Es entsteht aber der Eindruck: Für den einen oder anderen ist die Schiri-Schelte ein Ventil, den angestauten Frust einmal so richtig rauszulassen. Der Sportplatz ist aber kein rechtsfreier Raum.
Entwicklung in der Gesellschaft
Für viele tausend Männer und Frauen ist Schiedsrichterei ein Hobby. Sie opfern ihre freien Wochenenden, sind mit Leidenschaft auf dem Platz unterwegs und pfeifen im Amateursport für ganz kleines Geld. Das, was ihnen dann von außen mitunter an den Kopf geworfen wird, ist unterirdisch. Am besten wäre ein Platzverweis für Pöbler. Um den durchzusetzen, braucht es freilich einen neuen Konsens, den die Vereine als Hausherren durchsetzen müssen.
Angriffe auf Unparteiische stehen sinnbildlich für eine gesamtgesellschaftliche Entwicklung. Sie sind ein Spiegelbild der Verrohung. Man denke nur an die Ereignisse in der Silvesternacht, als Feuerwehr und Rettungsdienst mit Raketen beschossen und bei ihrer Arbeit behindert wurden. Angriffe auf Schiedsrichter, noch dazu Ehrenamtler, sind genauso schäbig. Der DFB ist immerhin aufgewacht. 2023 hat er zum „Jahr der Schiedsrichter“ gemacht, um auf die zunehmende Respektlosigkeit aufmerksam zu machen. Im März pfiffen die Fußball-Profis Nils Petersen und Anton Stach unter Anleitung von Bundesliga-Schiedsrichter Deniz Aytekin ein Bezirksliga-Spiel. Ein guter Anfang, doch das Thema muss dauerhaft oben auf der Agenda bleiben.
78.500 Schiedsrichter gab es 2010. Mittlerweile sind es rund 50.000. Die zunehmende Aggressivität auf dem Platz hat sicher Anteil daran. Der Abwärtstrend scheint sich zwar aktuell nicht fortzusetzen. Doch den Pöblern und Angreifern auf dem Platz muss eines bewusst sein: Sie schießen sich letztendlich ein Eigentor. Denn wenn keiner mehr pfeift, kann auch keiner mehr kicken.
