Pfalz / Saarland
Flächenbrand an der Grenze: Haarscharf an der Katastrophe vorbei
Der Bambergerhof liegt im Süden des Kreises Kusel auf einer Höhe von 440 Metern, direkt an der Grenze zum Saarland. Wenn es in der Pfalz mal schneit, dann bekommt der Bambergerhof oft zuerst die weiße Pracht ab. Und weil hier auf der Höhe der Wind gern bläst, liegt der Schnee in Senken und Hohlwegen zuweilen meterhoch.
Im Sommer schlägt’s ins andere Extrem. Der 11. August 2022 ist ein heißer Tag. Seit sechs Wochen hat es auf dem Bambergerhof nicht mehr richtig geregnet. Luft und Boden sind trocken, die Wiesen verdorrt. Mittags zeigt das Thermometer 31 Grad an. Mit Tempo 50 weht ein stürmischer Wind aus Osten.
Thomas Wild lebt auf dem Bambergerhof. Zur Mittagsstunde bringt er sein Auto in die Werkstatt ins zwei Kilometer entfernte Dorf Breitenbach. Trotz der Hitze legt Wild, 57 Jahre alt, naturverbunden, trainiert, den Heimweg zu Fuß zurück: bergauf, entlang von Feldern und Wiesen.
Rettungsleitstelle Saarbrücken will Alarm zunächst nicht entgegennehmen
Um 13 Uhr sieht Wild Feuer: Nahe beim Bambergerhof brennt eine verdorrte Wiese. Auf vielleicht fünf mal fünf Metern. Das Feuer ist also noch klein, aber schon so groß, dass Wild es mit seinen Sandalen nicht mehr austreten kann.
Er greift zum Handy und wählt die 112. Am anderen Ende meldet sich die Notruf-Leitstelle Saarbrücken. Nachdem Wild geschildert hat, was los ist, erklärt sich die Leitstelle für: „nicht zuständig“. Da es ja in der Pfalz brenne, möge Wild die Leitstelle Kaiserslautern informieren. Wild entgegnet: Wenn er 112 wähle, dann habe er keinen Einfluss darauf, ob das Gespräch in der Pfalz oder an der Saar landet. Erst dann erklärt sich die Leitstelle Saarbrücken bereit, der Leitstelle Kaiserslautern das Feuer zu melden.
Dann geht’s schnell: Innerhalb von fünf Minuten, um 13.11 Uhr, sind die ersten Feuerwehren vor Ort, nämlich die von Breitenbach und Dunzweiler. Wenig später treffen auch Wehren aus Waldmohr, Schönenberg und Glan-Münchweiler ein. Gleichwohl hat der Wind inzwischen die Flammen angefacht und über pfälzische Felder und Wiesen, an den 40 Häusern des Bambergerhofs vorbei, bergab in Richtung Saarland getrieben.
Feuer rollt auf Lautenbach zu, Leitstelle bleibt passiv
Dort liegt als erstes das Dorf Lautenbach, direkt hinter der Grenze. Lautenbacher Bürger sehen, dass sich die Flammen auf breiter Front nähern. Mindestens drei Personen alarmieren unabhängig voneinander über die 112 die Rettungsleitstelle Saarbrücken.
Dort hat sich die Vorstellung festgesetzt, dass es sich um ein Geschehen in der Pfalz handelt und damit um ein Pfälzer Problem. „Nicht zuständig“ antwortet die Leitstelle Saarbrücken und schickt keine saarländischen Wehren in den Einsatz.
Dabei haben sich am Feuerwehrhaus in Lautenbach schon erste Wehrleute versammelt, die sehen, dass eine gewaltige Feuerwalze auf sie zurollt und dass die ersten zwölf Häuser des Dorfes akut bedroht sind. Zwei Wehrmänner versuchen, den Alarm auf eigene Faust auszulösen. Doch das ist technisch nicht möglich, der Alarm muss von der Leitstelle kommen.
Becker lässt alle Bewohner evakuieren
Man hätte uns viel früher in den Einsatz lassen müssen“, urteilt Lautenbachs Löschbezirksführer Tim Becker. „Wären wir früher alarmiert worden, dann wäre alles nicht so dramatisch geworden.“ Er weiß nicht mehr genau, wie viel Zeit dadurch verloren ging. Einer seiner Leute schätzt: „Vielleicht eine halbe Stunde.“
Erst als der Einsatzleiter auf Pfälzer Seite die Feuerwehren von Lautenbach und Ottweiler alarmiert, können diese auf saarländischer Seite mit dem Löschen beginnen. Dann geht’s auch dort flott. Becker hat zunächst die Einsatzleitung auf Saar-Seite. Seine Feuerwehrautos fahren auf das Flammenmeer zu. Aber: „Wir konnten gar nicht so schnell übers Feld fahren, wie das Feuer übers Feld lief.“ Schnell ist Becker klar, dass die übliche Taktik – das Feuer da bekämpfen, wo es ist – hier nicht zu schaffen ist. Er ruft seine Leute vom Berg runter und zieht sie aus der Fläche zurück. Stattdessen befiehlt er, mit allen Mitteln die beiden Dorfstraßen zu sichern, die dem Feuer am nächsten liegen. Mit massivem Wassereinsatz will er verhindern, dass das Feuer über diese beiden Straßen springt und in den Ort eindringt. Vor den beiden Straßen stehen in Richtung Pfalz zwölf Häuser, die das Feuer als erste erreichen wird. Becker lässt alle Bewohner evakuieren und gibt als Ziel aus, die Flammen vor den Häusern zu stoppen.
Aus den Hydranten kommt nichts mehr
Die Taktik erweist sich als richtig. Becker: „Andernfalls hätten wir die beiden Straßenzüge nicht halten können.“ Am Ende sind sechs Wehrleute auf saarländischer Seite verletzt, aber das große Ziel ist erreicht: Das Feuer hat nicht auf Häuser übergegriffen. Die Wehr hat es in den Gärten stoppen können. An manchen Stellen drei Meter vorm Haus.
Auch in anderer Hinsicht ist die Situation in Lautenbach zeitweise dramatisch: Zwischenzeitlich bricht das Wassernetz zusammen: Aus den Hydranten kommt nichts mehr. Becker lässt vom Lautenbacher Weiher zwei 2200 Meter lange Wasserleitungen aus Schläuchen legen, um am Berg ausreichend Wasser zu haben. Außerdem schaffen Bauern aus Lautenbach und den Nachbardörfern von sich aus Fässer mit 20.000 Litern Wasser bei.
Am Ende kämpfen auf Lautenbacher Seite 290 Wehrleute mit 66 Fahrzeugen gegen das Feuer an. Viel mehr als auf Pfälzer Seite. Weil viel schneller im Einsatz, brauchen die Pfälzer nur 70 Wehrleute und 17 Fahrzeuge.
Für Einsatzleiter größter Brand in seinem Feuerwehrleben
Doch ohne Dramatik geht es auch in der Pfalz nicht ab. Ein Löschfahrzeug, das sehr früh eintrifft, fährt übers Feld – und bricht in einen Dachsbau ein. Es wird von Flammen eingeschlossen. Stefan Reichhart, Pressesprecher der Feuerwehr, sagt: „Für mich war das Auto schon verloren.“ Doch dann dreht der Wind abrupt, fünf Meter bevor die Flammen das Fahrzeug erfassen. Das Festfahren kostet Zeit und Wasser: zwei andere Löschfahrzeuge sind gebunden, sie können in dieser frühen Phase nicht in die Fläche, weil sie den Kameraden helfen müssen, aus dem festgefahrenen Auto zu kommen.
Auf Pfälzer Seite leitet Heiko Dörr den Einsatz. Es ist der größte in seinen 30 Jahren als Feuerwehrmann. Seine Devise: eher zu viel alarmieren als zu wenig. Er hebt den Einsatz schnell in eine höhere Stufe, womit automatisch weitere Wehren gerufen werden – auch die der US-Amerikaner in Ramstein und die dortige Flughafenfeuerwehr. Dörr ist es schließlich auch, der die Saarländer nachalarmiert – und setzt somit in Gang, worauf seine Feuerwehrkameraden hinter der Grenze so lange gewartet haben.
Löschhubschrauber benötigt lange Rüstzeit
Mit massivem Wassereinsatz verhindert Dörr, dass das Feuer auf den riesigen Wald übergreift, der sich südwestlich bis zum Höcherberg erstreckt. An anderer Stelle helfen Bauern. Sie schaffen Wasser bei, reißen mit Kruppern die Erde auf und ziehen so Schneisen, die das Feuer nicht so leicht überspringen kann.
Abseits des Brandes errichtet die Pfälzer Seite derweil eine technische Einsatzleitstelle. Kurz bevor diese den Katastrophenfall auslöst, ist das Feuer auf Pfälzer Seite gelöscht und der Einsatz vor 17 Uhr zu Ende. Der Löschhubschrauber bricht den Anflug ab. Auf saarländischer Seite haben die Wehrleute noch länger zu tun. Doch am Abend dürfen die Evakuierten in ihre Häuser zurück.
Welche Landwirte können mit Maschinen helfen?
Den Feuerwehrleuten diesseits und jenseits der Landesgrenze ist klar, dass sie sich bei den trocken-heißen Sommern, die für die Zukunft erwartet werden, öfter auf Flächen- und Waldbrände einstellen müssen. Bald nach dem Großbrand haben die Wehren im Kuseler Südkreis zusammen mit dem Forst solche Ereignisse durchgespielt. Ein Ergebnis: Im Fall der Fälle kann der Forst mit seinen großen Erntemaschinen rasch Schneisen durch den Wald ziehen.
Eine andere Maßnahme: Es wird erfasst, welche Landwirte bei einem Flächenbrand mit welchen Maschinen helfen können. Eine weitere Lehre: Der Löschhubschrauber muss sehr früh angefordert werden, denn im Bamberger Fall flog er nach der Alarmierung nicht gleich los, sondern benötigte eine erhebliche Rüstzeit.
Wehrführer: Wir brauchen geländegängige Fahrzeuge
Im Südkreis Kusel werden Feuerwehren jetzt mit Löschrucksäcken und Äxten ausgestattet. „Außerdem müssen wir über mehr geländegängige Fahrzeuge nachdenken“, sagt Wehrführer Dörr. Sein Lautenbacher Kamerad Becker hält Geländefahrzeuge ebenfalls für erforderlich. Becker hat, um künftig besser gerüstet zu sein, dünne Schläuche für seine Wehr anschaffen lassen, die durch kleine Poren Wasser verlieren, damit sie nass sind und nicht verbrennen: für den Einsatz bei Flächen- und Waldbränden.
Rosenfeldt: „Ein Unding!“ Er fordert bessere grenzüberschreitende Zusammenarbeit
Und welche Lehren zieht die kleine und große Politik? Lautenbachs Ortsvorsteher Jan Rosenfeldt fordert „eine deutlich bessere grenzüberschreitende Zusammenarbeit“. Er sagt: „Es kann doch nicht sein, dass auf saarländischer Seite erst alarmiert wird, wenn das Feuer die Grenze überschritten hat. Es ist ein extremes Unding, dass wir am Anfang nichts machen durften!“ Er fordert, dass Nachbarwehren künftig regelmäßig über die Grenze hinweg gemeinsam üben dürfen und das auch tun.
Große Politik erklärt sich für Lehren aus der Beinhahe-Katastrophe für „nicht zuständig“
Und die große Politik? Nicht zuständig. Sowohl das rheinland-pfälzische als auch das saarländische Innenministerium beantworten eine umfangreiche Anfrage dieser Zeitung zu Konsequenzen aus dem Großbrand so: Es habe sich nicht um eine große Katastrophenlage gehandelt. Deshalb sei nicht das Land, sondern der jeweilige Landkreis zuständig.
Also sendet diese Zeitung ihren Fragenkatalog an die beiden Kreise. Der Kreis Kusel, in dem der Bambergerhof liegt, reagiert so: nicht zuständig. Und was sagt der Kreis Neunkirchen, in dem Lautenbach liegt, wo man die Katastrophe gerade noch verhindern konnte? Nun, der Kreis Neunkirchen schreibt, auch er sei „nicht zuständig“.
Einen weiteren Text zum Thema lesen Sie hier.