Pfalz RHEINPFALZ Plus Artikel Fehlende KiTa-Plätze: Klein, arm, fremd – und abgehängt?

Kinder, die eine Kita besuchen, profitieren nicht nur vom warmen Mittagessen: Spracherwerb ist ein wichtiger Faktor bei der Betr
Kinder, die eine Kita besuchen, profitieren nicht nur vom warmen Mittagessen: Spracherwerb ist ein wichtiger Faktor bei der Betreuung – und der Kontakt zu Kindern aus anderen sozialen Schichtungen.

Kinder aus armen Familien und Kinder mit Migrationshintergrund haben es besonders schwer, einen KiTa-Platz zu bekommen. Dabei würden gerade die besonders vom KiTa-Besuch profitieren. Eine Ursachenforschung an der pfälzischen Basis.

Djamila* hat sich wirklich abgemüht, um doch noch zum Gespräch vorbeikommen zu können. Am Morgen hat sie ihren jüngsten Sohn in die KiTa gebracht, und über Mittag war sie mit dem älteren, dem achtjährigen Nadim* (*Namen geändert), in Mannheim bei einem Logopäden. Bei dem Bub hat man Autismus diagnostiziert, weshalb er bislang nicht zur Schule geht, beim ersten Versuch, ihn anzumelden, hat die Grundschule abgewunken. Es hat etwa ein Jahr gedauert, die notwendigen Hilfen zu organisieren, eine Integrationskraft, die Logopädie, und ab November wird Nadim nun also die Schule besuchen, „second grade“ (zweite Klasse), sagt Djamila, „but I’m not sure“ (aber ich bin mir nicht sicher).

Wenn man durch die schmalen Fenster des KiTa-Büros schaut, dann blickt man auf ein ziemlich problematisches Ludwigshafener Quartier. Tut man an vielen Stellen der Stadt, und deshalb ist die KiTa nicht identifizierbar, so, wie das für alle gelten wird, die hier zu Wort kommen werden. Was damit zu tun hat, dass das Thema – fehlende KiTa-Plätze und die Frage, wer davon am stärksten betroffen ist – auch ein ideologisches Minenfeld ist: Es rührt ans Thema Zuwanderung und ans Thema soziale Ausgrenzung – und an die Frage, wie gut oder wie schlecht die Gesellschaft im Allgemeinen und der Bildungsbereich im Besonderen dafür aufgestellt ist. Und wer wie seinen Weg in der Bildungslandschaft findet.

Djamila, die mit ihren beiden Kindern aus Eritrea geflohen ist, hat sich dafür abgemüht, und die Ludwigshafener KiTa, in der das Treffen stattfindet und die ihr Jüngster besucht, die hat sie durch Zufall gefunden, auf einem Spaziergang. Worin sich beispielhaft eine Problematik verdichtet, die seit dem Frühjahr nicht zum ersten Mal diskutiert wird.

Grundsätzliche Deckungslücke

Ob Kinder einen Betreuungsplatz in einer KiTa bekommen oder nicht, hängt nämlich stark davon ab, welchen sozioökonomischen Hintergrund sie haben, so eine Studie des Bundesinstituts für Bevölkerungsforschung vom März dieses Jahres. Demnach haben „Kinder aus bildungsferneren Elternhäusern, aus armutsgefährdeten Haushalten und aus Familien, die zu Hause hauptsächlich kein Deutsch sprechen, nach wie vor geringere Chancen, an einer frühen Bildung und Betreuung in der Kindertagesbetreuung teilzunehmen“, resümiert das Papier. So hatte im Jahr 2020 nur etwa jedes vierte armutsgefährdete Kind unter drei Jahren einen Platz in einer KiTa, bei besser gestellten Familien waren es doppelt so viele.

Seit 2013 besteht ein Rechtsanspruch auf einen KiTa-Platz für Kinder ab dem vollendeten ersten Lebensjahr – und dass es da eine grundsätzliche Deckungslücke gibt, ist kein Geheimnis. In Ludwigshafen fehlen laut aktueller Auskunft der Stadt „120 Plätze für Kinder unter zwei Jahren und 1905 Plätze für Kinder über zwei Jahren“. 395 Plätze für unter Zweijährige und 7174 Plätze für Kinder über zwei Jahren hält die Stadt vor. Bei den landesweiten Daten ist man auf eine Studie der Bertelsmann-Stiftung angewiesen, nach der in Rheinland-Pfalz über 26.000 KiTa-Plätze fehlen. Das Landes-Bildungsministerium hat keine aktuellen Zahlen und verweist auf die Bedarfsplanung der Kommunen.

Kinder aus sozial schwachen Familien und Kinder aus Familien mit Migrationshintergrund haben es deutlich schwerer, einen Kita-Pl
Kinder aus sozial schwachen Familien und Kinder aus Familien mit Migrationshintergrund haben es deutlich schwerer, einen Kita-Platz zu bekommen. Fatal, denn: Gerade diese Kinder bräuchten ihn am nötigsten.

Grundsätzliche Deckungslücke also – was allerdings nicht erklärt, warum bestimmte Gruppen von der Versorgungslücke stärker betroffen sind als andere: Neben Kindern aus sozial schwachen Familien sind dies laut Studie des Bundesinstituts eben Kinder aus Familien mit Migrationshintergrund, insbesondere, wenn dort zu Hause kein Deutsch gesprochen wird. Gerade 24 Prozent der Kinder aus solchen Familien besuchen eine KiTa (in Deutsch sprechenden Familien sind es 38 Prozent), der angemeldete Bedarf ist allerdings fast doppelt so hoch. „Vor dem Hintergrund, dass diese Kinder von einem frühen KiTa-Besuch und einem schnellen Spracherwerb besonders profitieren“ würden, seien die Befunde „alarmierend“, so das Bundesinstitut – das sich bei der Ursachenforschung allerdings recht zurückhaltend gibt.

Hohe Fluktuation in den KiTas

Spricht man also am besten mit denen, die’s direkt mitbekommen – den Mitarbeiterinnen in Kindertagesstätten. Von den 50 möglichen Plätzen in der KiTa, die der jüngste Sohn von Djamila besucht, stehen zurzeit nur 45 zur Verfügung – was auch mit dem notorischen Personalmangel zu tun hat, der viele Einrichtungen beutelt. „Die Fluktuation“ von Erzieherinnen und Erziehern, aber auch von Kindern „ist unerträglich“, sagt Leiterin Maria Becker*, seit 27 Jahren hier.

Und jenes knappe Personal kümmert sich um eine zunehmend heterogene Gruppe: „Als ich hier angefangen habe, hatten wir hier fast nur deutsche Familien“, sagt Becker. 2013 sind die ersten Geflüchteten in die nahen Quartiere gezogen, ab 2015 gab’s dann einen zusätzlichen Schub von Migranten aus Syrien. Inzwischen kommen die Kinder aus einem guten Dutzend Herkunftsländern – womit Becker ja erst mal grundsätzlich kein Problem hat, sie selbst hat einen Migrationshintergrund.

Allerdings trifft der Zuzug inzwischen wohl vielerorts auf ein System, dass wohl auch vorher schon auf Kante genäht war – und inzwischen reißen die Säume. Wenn Becker eine Personalausschreibung macht, bekommt sie phasenweise gar keine Bewerbungen mehr. Personal sucht sie inzwischen über persönliche Netzwerke und Bekanntschaften.

Hängt wohl auch mit einem immer fordernderen Berufsbild zusammen – inklusive Englisch-Kenntnissen, die mancherorts notwendigerweise dazu gehören. Djamila beispielsweise spricht bislang nur einige Worte Deutsch. Nicht untypisch, meint Becker, weil oft eben vor allem Frauen die Kinderbetreuung gewährleisten – und damit weniger Gelegenheit zum Spracherwerb haben.

Die Kinder in den Einrichtungen haben teils erhöhten Betreuungsbedarf, alleine durch ihre Fluchtgeschichten. Der kann allerdings nur noch mühsam bedient werden: Dass der achtjährige Nadim ein knappes Jahr auf eine Integrationskraft warten muss, ist keine Seltenheit.

Kinder, die „kein Wort Deutsch können“

Um die zehn Monate warten Kinder mit Mehrbedarf, so der bürokratische Ausdruck, nach Beobachtung von Franka Hess* auf einen Termin bei der zentralen Vergabestelle für Integrationskräfte in Ludwigshafen. Sie hat ein anderes Umfeld, die KiTa, die Hess leitet, eher traditionelle Reihenhausbebauung im Quartier – und sie hat die gleichen Probleme wie die Einrichtung, der Becker vorsteht. Eigentlich sollte es hier eine Krippengruppe geben, die gibt es aber nicht. Zu wenig Mitarbeiter. „Wir haben dieses Jahr kein einziges zweijähriges Kind“, sagt Hess – weil man die Warteliste abarbeiten muss. Auf der stehen im Übrigen rund 400 Kinder, allerdings können sich Eltern auf die Warteliste von bis zu fünf KiTas setzen lassen.

„Sieben“ die KiTas nach Deutschkenntnissen?

Mangelverwaltung also auch hier, und die findet eben inzwischen unter erschwerten Bedingungen statt. Hess hat Kinder in der Einrichtung, „die kein Wort Deutsch können“, und da klappt schon die Artikulation von Grundbedürfnissen nicht mehr, „ich habe Hunger“ zum Beispiel oder „ich muss auf die Toilette“. Hess und ihr Team betreuen Kinder, die erst mühsam lernen müssen, dass sie nicht permanent im Mittelpunkt stehen, oder Kinder, „die über Tische und Bänke gehen“.

Gesamtgesellschaftliches Phänomen wohl, letzteres – allerdings tut sich in den KiTas eben ein zusätzliches Problemfeld auf, auf das das System wohl nicht zureichend vorbereitet ist: Hess selbst hat „noch nie ein Kind weggeschickt, weil es einen Migrationshintergrund hat oder aus problematischen Verhältnissen kommt“. Sie weiß allerdings auch: „Wenn ich 15 Kinder in einer Gruppe habe, die kein Deutsch können, dann kann ich die Gruppe zumachen.“ Was dann unter Umständen die laut Studienlage schlechteren Chancen von Kindern mit Migrationshintergrund wenigstens teilweise miterklärt: „Ich kann mir schon vorstellen, dass es Einrichtungen gibt, die (die Bewerber auf die KiTa-Plätze, Anmerkung der Redaktion) nach Deutschkenntnissen sieben“, sagt Hess.

In der KiTa lernt man Sprache – informell

Was das Problem letztlich vielleicht für die einen lindert und die anderen verschärft: „Fehlen deutschsprachige Kinder als Interaktionspartner, lassen sich Sprache und Wortschatz im Deutschen nicht im Spiel oder durch Nachahmung entwickeln“, so das Deutsche Jugendinstitut in einer seiner Publikationen. Es gebe zudem auch Hinweise darauf, „dass Familien mit Migrationshintergrund häufig nur Zugang zu schlechter ausgestatteten Einrichtungen haben“, Brennpunkt-KiTas sozusagen, die beim informellen Spracherwerb auf eher verlorenem Posten stehen.

Allein in Rheinland-Pfalz fehlen laut Studien über 26.000 Kita-Plätze – mit Folgen, die sich über die gesamte Bildungsbiografie
Allein in Rheinland-Pfalz fehlen laut Studien über 26.000 Kita-Plätze – mit Folgen, die sich über die gesamte Bildungsbiografie der Kinder ziehen können.

Die formelle Sprachvermittlung in den KiTas selbst, die steht zurzeit nicht gerade im Zubau: Eine Fachkraft für zwei Stunden Sprachunterricht hatte Hess mal, die gibt es nicht mehr, war ohnehin „ein Tropfen auf den heißen Stein“, sagt sie. Beckers Einrichtung war zeitweise besser aufgestellt, bis 2021 haben zwei Programme mit insgesamt gut 30 Stunden überlappt, nicht nur Sprachförderung inbegriffen, sondern auch sozialpädagogische Betreuung. Beide Programme sind mittlerweile ausgelaufen – womit die sprachliche Bildung von den eigenen Mitarbeitern, inzwischen entsprechend geschult, übernommen wird. Kann man so machen, meint Becker – „man muss aber andere Rahmenbedingungen in der KiTa schaffen.“ Die eben in Zeiten des notorischen Fachkräftemangels in den Einrichtungen so nicht existierten.

Armut und Zuwanderung überlappen

Dass eben jene Rahmenbedingungen nicht stimmen, könnte nach ihrer Beobachtung auch einer der Gründe dafür sein, dass Kinder aus sozial schwachen Familien unterproportional mit KiTa-Plätzen versorgt sind: Wenn Becker in laufenden KiTa-Jahren die Anzahl der Plätze reduzieren muss, weil wieder einmal einer ihrer Mitarbeiterinnen gekündigt hat oder erkrankt ist, dann wendet sie sich oft zuerst an Familien, in denen die Eltern keiner Beschäftigung nachgehen – damit die Kleinen eben irgendwie betreut werden können.

Und in dem Bereich überlappen dann auch noch oft Armut und Zuwanderung: Menschen mit Migrationshintergrund haben ein doppelt so hohes Armutsrisiko wie Menschen ohne. Dabei profitieren gerade Kinder aus prekären Verhältnissen laut Becker besonders vom KiTa-Besuch – wegen des Kontakts mit Kindern aus anderen sozialen Schichtungen genauso wie durch den strukturierten Tagesablauf, den die Einrichtungen schaffen.

Ende November will das Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung eine weitere Studie zum Thema „Frühe Ungleichheiten“ in der Kinderbetreuung vorstellen – und Lösungswege aufzeigen.

Einige Ideen hätten die Praktikerinnen jetzt schon – und die hängen mit der personellen Ausstattung und dem Gegensteuern gegen die hohe personelle Fluktuation in den KiTas zusammen. „Grundsätzlich müsste man die Ausbildung attraktiver gestalten“, meint Hess, die zudem Quereinsteigern den Weg zum Erzieherberuf öffnen will. Um damit an einer Personaldecke zu wirken, die wohl einfach dicker werden muss. „Das Pensum ist dermaßen herausfordernd, dass man sich fragt: Muss ich mir das antun?“, sagt Becker. „Ich sehe: Mir brennen die Leute aus.“

Dieser Artikel stammt aus der RHEINPFALZ am SONNTAG, der Wochenzeitung der RHEINPFALZ. Digital lesen Sie die vollständige Ausgabe bereits samstags im E-Paper in der RHEINPFALZ-App (Android, iOS). Sonntags ab 5 Uhr erhalten Sie dort eine aktualisierte Version mit den Nachrichten vom Samstag aus der Pfalz, Deutschland und der Welt sowie besonders ausführlich vom Sport.

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