Groundhopping RHEINPFALZ Plus Artikel Ex-FCK Fanbeauftragter Christoph Schneller: Der Rasensammler

 Der in der Pfalz lebende Christoph Schneller ( hier am Uluru – Kolonialname: Ayers Rock – in Australien) hat Zigtausende Fotos
Der in der Pfalz lebende Christoph Schneller ( hier am Uluru – Kolonialname: Ayers Rock – in Australien) hat Zigtausende Fotos bei seinen Groundhopping-Touren gemacht. Unter anderem Usbekistan und Tadschikistan sind seine Ziele für 2023.

Christoph Schneller ist seit Jahrzehnten Groundhopper. In 81 Ländern der Welt hat er 724 Fußballplätze besucht und 1647 Spiele gesehen – auf den Färöer Inseln und in China. In seinen Geschichten stecken jede Menge Abenteuer.

Ganz hoch in den Norden, zurück in den Südwesten und rüber in Europas Südosten: Färöer Inseln. Gibraltar. Kosovo. König Fußball öffnet Türen und Tore, er bringt einen auf immer neue Ideen. So hat sich Christoph Schneller aus Kaiserslautern gemeinsam mit anderen fußballverrückten Kumpels vergangenen Sommer aufgemacht, auf den Färöer Inseln drei Meisterschaftsspiele zu besuchen, in Frauen- und Männerligen. An jenem Wochenende herrschte mal wieder besonders starker Sturm auf den stets windumtosten 18 Inseln im Nordatlantik. Deshalb wollte Schneller auf Nummer sicher gehen und so rasch wie möglich nach der Landung eine Partie sehen. Immer wieder werden Spiele wegen Orkanböen abgesagt.

Für Schneller war seine erste Partie auf den nördlich von Schottland gelegenen, zu Dänemark gehörenden Färöer, eine ganz besondere bei diesem für ihn bedeutsamen Fünftages-Trip. Er füllte damit die vorerst letzte Zeile einer imponierenden Liste: Der Fußballfan hat nun in allen 55 Mitgliedsverbänden der Uefa mindestens ein offizielles Spiel vor Ort gesehen.

Spezielle Krawatte für 92 Spiele

Groundhopping heißt dieser Sport rund um den Sport. Die meisten Quellen schreiben, dass das Groundhopping (etwa: Springen, Hüpfen von Spielfeld zu Spielfeld) 1974 vom Briten Geoff Rose erfunden worden ist. Er schlug vor, für alle Fans, die damals alle 92 Stadien der vier englischen Profiligen besucht haben, eine spezielle Krawatte anfertigen zu lassen.

Die Groundhopper-Szene ist nur sehr lose organisiert, alles basiert auf Ehrlichkeit und dem eigenen Ehrenkodex. Es gibt Debatten, inwiefern Jugendspiele zählen und ob man das komplette Spiel über bleiben muss, um einen Ground (Stadionpunkt) oder Länderpunkt zu ergattern. Schneller zählt nur Länderpunkte aus einem der 211 Mitgliedsverbände des Weltverbandes Fifa. Neben Neugierde und riesiger Reiselust hat das für ihn viel mit Ehre zu tun: Der Diplom-Geograf bleibt stets von Anpfiff bis Abpfiff. Früher zu gehen oder später in eine Partie einzusteigen, nur um ein weiteres Spiel am selben Tag zu sehen, kommt nicht in Frage.

Mit dem Betzenberg fing alles an

Auch bei den Groundhoppern hat die Digitalisierung längst Einzug gehalten. Webseiten wie www.europlan-online.de verleihen der Szene etwas organisatorischen Zusammenhalt – ebenso Apps wie etwa Futbology. Schneller ist dort angemeldet, dokumentiert aber alle seine Fußballreisen – sie sind sein Urlaub – auch in einer klassischen Excel-Tabelle. 81 Länderpunkte sind dort notiert, 724 Grounds (besuchte Fußballstadien) und 1647 Spiele.

Die allermeisten Partien hat Schneller vom 1. FC Kaiserslautern gesehen. Der Betzenberg war der Ausgangspunkt seiner Fußballbegeisterung. „1993 habe ich mein erstes FCK-Spiel erlebt, da war ich neun Jahre alt. 1997 habe ich meine erste Dauerkarte bekommen, seit 1999/2000 habe ich mir alle FCK-Spiele auch auswärts, damals zudem noch im Europapokal, vor Ort angeschaut.“ Schnellers Groundhopping nahm seinen Lauf. Er fuhr in die FCK-Trainingslager, Sommer wie Winter, besuchte Auswärtsländerspiele der deutschen Nationalelf, in Ungarn etwa oder Kasachstan. Auch im Iran und in China war er.

Sparsam leben, clever buchen

Der FCK aber war und ist die Nummer eins für den gebürtigen Wittlicher. „In den vergangenen 20 Jahren habe ich jede Saison etwa 30 Ligapartien vom FCK gesehen plus Freundschafts- und Pokalspiele“, sagt Schneller. „Für mich war immer klar, dass ich das übrige Groundhopping in Einklang mit dem FCK bringe.“ Zwischenzeitlich verband er Hobby mit Beruf – von 2009 bis 2019 arbeitete er als hauptamtlicher Fanbeauftragter der Roten Teufel. „Ich habe den Bundesliga-Aufstieg begleitet, das DFB-Pokal-Halbfinale bei Bayern München, die Dritte Liga, Verbandspokal“, erinnert sich Schneller. „So eine breite Palette hat in den vergangenen Jahren wohl kein Fanbeauftragter in Deutschland miterlebt“, erzählt er nicht ohne Stolz.

Der Vorteil war zugleich ein Nachteil: Als Fanbeauftragter eines Klubs mit so großer Anhängerschaft ist man immer gefordert. Der Fußball und sein Drumherum sind immer präsent, 24 Stunden am Tag, sieben Tage die Woche ist man Ansprechpartner für die Belange der Fans. Er hat das sehr gerne gemacht, wollte aber nach zehn Jahren einen Wechsel. Jetzt hat er einen Bürojob. Er lebt sehr sparsam, bucht früh und clever. So könne er sich die vielen Reisen leisten, sagt er.

Nostalgie in Wembley gespürt

Für dieses Jahr stehen unter anderem Saudi-Arabien, Usbekistan, Tadschikistan, „vielleicht Kuba, Mittel- und Südamerika“ auf seiner Liste. Er will noch mal nach Argentinien, ins Weltmeisterland. Speziell die extrem stimmungsvollen, emotionsgeladenen Spiele in Buenos Aires haben es ihm angetan. Wegen der besonderen Atmosphäre reizt den 39-Jährigen auch noch mal Griechenland – die Klubs AEK Athen, PAOK Saloniki und Olympiakos Piräus fehlen ihm noch.

Einige von Hunderten von Fußballreisen sind Schneller in besonderer Erinnerung. Zum einen die Partien in den legendären Stadien der Fußballhistorie; zum Beispiel das Match zum Abschied vom alten Londoner Wembley-Stadion, als Deutschland in England 1:0 gewann. „Da habe ich wirklich förmlich gespürt, wie die Nostalgie durchs Stadion weht. Die WM 1966, das Wembley-Tor, das kam mir alles in den Sinn, obwohl es lange vor meiner Geburt war“, sagt Schneller. Der Siegtorschütze, pikanterweise Liverpool-Legionär Didi Hamann, sagte der „Welt“: „Die Engländer stört es, dass ausgerechnet wir Deutschen den letzten Sieg in Wembley errungen haben. Es tut ihnen weh.“

In Rio mit Machete bedroht

Schneller fällt es schwer, sein Lieblingsstadion zu nennen. „Ganz ehrlich, das Fritz-Walter-Stadion ist für mich vorne dabei, wie es so über der vergleichsweise kleinen Stadt Kaiserslautern thront. San Siro in Mailand, das alte Mestalla in Valencia mit seinen extrem steilen Tribünen, der Goodison Park des FC Everton, das Nationalstadion in Jerewan in Armenien oder das 2013 abgerissene Rasundastadion in Stockholm beziehungsweise Solna.“ Im Rasunda gewann Brasilien mit dem 17 Jahre jungen Pelé das WM-Finale 1958 gegen Gastgeber Schweden mit 5:2.

Von den großen legendären Arenen dieser Fußballwelt möchte Schneller noch das Aztekenstadion in Mexiko-Stadt sehen und das Maracanã in Rio. Mit dem Flugzeug, mit der Bahn und am häufigsten mit dem Auto, weil man so am flexibelsten ist, ist Schneller unterwegs. Etwas Schlimmes ist nie passiert, abgesehen davon, dass er und seine Begleiter an der Copacabana in Rio mit einer Machete bedroht wurden. Schneller büßte dabei etwas Bargeld und ein altes Handy ein.

5000 Kilometer in elf Tagen

Auch „Gewaltfahrten“ bleiben haften. Als großer FCK-Fan war es für ihn Ehrensache und Groundhopper-Ehrgeiz zugleich, 2007 zum DFB-Pokal-Erstrundenspiel des FCK beim SV Wilhelmshaven die 600 Kilometer an die Nordsee auf sich zu nehmen. Und nach der Partie an jenem 4. August ging es direkt am Samstagabend aus dem hohen Norden 1000 Kilometer gen Südosten. Im Auto mit Kumpels hat Schneller, damals noch Student, die Nachtfahrt durchgezogen nach Wien, um am 5. August das Derby Rapid - Austria zu sehen. Derbys elektrisieren ihn besonders.

Noch so eine Marathonfahrt legte Schneller 2010 hin. Mit dem Auto ging es nach Südosteuropa. Spiele in Slowenien, Kroatien, Bosnien, Albanien, Rumänien und auf der Rückfahrt noch eine Partie Bayern-Liga, SpVgg Bayreuth - 1860 Rosenheim: sieben Spiele und 5000 Kilometer in elf Tagen. Schnellers fußballaffines Umfeld und seine Familie „sagen auf der einen Seite: verrückt, auf der anderen Seite finden sie es aber gut, dass ich auf diese Art viel von der Welt sehe“. Schneller ist selten allein gereist, Kumpels und/oder Freundin waren meist dabei. „Durch den Fußball kommt man an Orte, die man sonst wohl nie ansteuern würde“, sagt der 39-Jährige.

Nicht mehr 100 Spiele pro Jahr

Was er fürs Leben mitnimmt? „Den Blick auf die jeweilige gesellschaftliche Lage, wie extrem gastfreundlich die Menschen etwa in Myanmar waren, obwohl es ihnen nicht gutgeht.“ Besonders betroffen macht Schneller natürlich der Krieg in der Ukraine. In Kiew, Charkiw, Lwiw, Donezk hat er bei der EM 2012 Spiele gesehen. „Das war ein Fußballfest. Jetzt, zehn Jahre später, wird dort alles zerstört.“

Inzwischen lässt es Schneller mit dem Groundhopping ein klein wenig langsamer angehen, besucht bei Weitem nicht mehr über 100 Fußballspiele pro Jahr wie noch zu Spitzenzeiten. Mittlerweile stehen die Reisen an sich im Vordergrund, nicht mehr der Fußball. „Der ist jetzt eine schöne Beigabe“, sagt Schneller. Den ganz großen Druck macht er sich nun nicht mehr. „Irgendwann will ich 100 Länderpunkte haben.“ 19 fehlen dazu noch. Und alle warten jenseits von Europa auf Christoph Schneller.

Fußball in der Idylle: Eine Partie im Juni 2022 in Klaksvík auf den Färöer Inseln, den „Schafsinseln“.
Fußball in der Idylle: Eine Partie im Juni 2022 in Klaksvík auf den Färöer Inseln, den »Schafsinseln«.
2012: Istanbul: Galatasaray ist nach dem Derby gegen Fenerbahce, einem der Stadtrivalen, türkischer Meister geworden. Nach dem A
2012: Istanbul: Galatasaray ist nach dem Derby gegen Fenerbahce, einem der Stadtrivalen, türkischer Meister geworden. Nach dem Abpfiff wird gefeiert und gewütet, es geht turbulent zu. Christoph Schneller hat einen sicheren Platz auf der Haupttribüne.
 2003: das hitzige römische Derby AS gegen Lazio.
2003: das hitzige römische Derby AS gegen Lazio.
2007: Georgien, Stadion des FC Meskheti Akhaltsikhe.
2007: Georgien, Stadion des FC Meskheti Akhaltsikhe.
2005: Tallinn, Estland, altes Stadion von Tallinna JK.
2005: Tallinn, Estland, altes Stadion von Tallinna JK.
2011: Stadion des FC Zimbru Chisinau, Republik Moldau (Moldawien).
2011: Stadion des FC Zimbru Chisinau, Republik Moldau (Moldawien).
 Strenge Autokontrolle 2004 an einem alten Grenzübergang in Rumänien.
Strenge Autokontrolle 2004 an einem alten Grenzübergang in Rumänien.
x