Beweger
Erst Erfinder, dann Bundeskanzler: Adenauer und die Killer-Bürste
Ende 1916 quält sich der Erste Weltkrieg ins dritte Jahr, Deutschland hungert. Das Kaiserreich ist infolge der britischen Seeblockade von der Zufuhr vieler Nahrungsmittel abgeschnitten. Gedarbt wird auch in Köln, obwohl es dort noch besser aussieht als an anderen Orten. In der Kölner Stadtregierung ist ein Erster Beigeordneter namens Konrad Adenauer für die Lebensmittelversorgung zuständig. Da die Menschen oft mit Graupensuppe abgespeist werden, erhält Adenauer den Spitznamen „Graupenauer“. Dabei will der 40-Jährige nicht nur das Elend verwalten, sondern aktiv etwas bewirken – kurzerhand wird er zum Erfinder.
Adenauer kreiert eine Soja-Wurst, einen festen Brotbelag auf der Basis von Sojabohnen, gewürzt und versehen mit Spuren von Fleisch. Seine Idee dahinter: Das billigere Pflanzeneiweiß soll das teure fleischliche Eiweiß ersetzen. Besonders gut schmeckt die Soja-Wurst nicht, aber sie lindert die Not.
Und sie ist nicht das erste Lebensmittel-Experiment Adenauers. Schon 1915 hat er zusammen mit den Kölner Brotfabrikanten Jean und Josef Oebel eine Art Not-Brot entwickelt, basierend auf dem zur Verfügung stehenden Maismehl, das damals aus Rumänien importiert wird. Für ihr „Verfahren zur Herstellung eines dem rheinischen Roggenschwarzbrot ähnelnden Schrotbrotes“ erhalten die drei sogar ein Patent des Kaiserlichen Patentamts. Aber die Produktion schlägt fehl, denn das Brot wird schnell viel zu feucht und schimmelt.
Adenauer, durchaus auch auf den eigenen Vorteil bedacht, meldet 1918 die Soja-Wurst ebenfalls zum Patent an, stößt jedoch wegen lebensmittelrechtlicher Bedenken auf Ablehnung. Adenauer wechselt den Patentanwalt und meldet die Soja-Wurst unter dem Namen eines Strohmanns erneut an – das Patentamt lehnt wieder ab.
Die Veggie-Wurst aus Soja
Mehr Glück hat Adenauer ausgerechnet im feindlichen Ausland. 1918, also noch während des Kriegs, meldet er sein Soja-Wurst-Verfahren in Großbritannien zum Patent an – und hat Erfolg. Bis 1920 gelingt ihm das auch in Belgien, Ungarn und Österreich. Nach Kriegsende schiebt er eine von ihm „Friedenswurst“ getaufte Kreation von Fleischersatzprodukten nach, womit er die heutige „Veggie-Wurst“ vorweg nimmt.
1917 wird Adenauer Oberbürgermeister von Köln. In diesem Amt macht er sich einen Namen in der Politik weit über seine Heimatstadt hinaus. 1921 wird er nebenher Präsident des Preußischen Staatsrats in Berlin, einer Art Länderkammer. Seine Partei, das katholische Zentrum, überlegt mehrfach, ihn zum Reichskanzler zu machen. Doch Adenauer, der um die geringe Halbwertszeit der Regierungschefs jener Jahre weiß, winkt ab. Stattdessen stellt er die Weichen für das moderne Köln, für weitere Tüfteleien hat er keine Zeit.
Mit der Machtübernahme durch Adolf Hitler 1933 verliert der erklärte Nazi-Gegner Adenauer sein Amt als OB. Er wird zeitweise inhaftiert und muss um seine Ersparnisse und seine Pension fürchten. Nun hat er viel Zeit. In seinem Rhöndorfer Haus erwacht der alte Erfindergeist.
Adenauer konzentriert sich zunächst auf Haus und Garten. So möchte er der Ehefrau das Flicken von Löchern in Stoffen erleichtern und kommt auf die Idee eines beleuchteten Stopf-Eis. Als Lichtquelle sieht er eine Batterie vor und stellt das Ganze dem Reichspatentamt vor. „Bei weniger hellem Tageslicht und bei künstlichem Licht sind die schadhaften Stellen nur schwer oder gar nicht zu erkennen“, heißt es in seiner Begründung. Doch das Patentamt verweigert erneut ein Patent, denn es gibt bereits ähnliche Anmeldungen in den USA.
Die tödliche Elektrobürste
Adenauer macht unbeirrt weiter. Dem Brotröster in der Küche verpasst er eine Sichtscheibe, außerdem bastelt er an einer Zeitschaltuhr für seine Nachttischlampe. Dann stürzt er sich auf seinen Garten. Der begeisterte Rosenzüchter entwirft eine Gießkanne mit einem Brausekopf zum Zuklappen, er verbessert eine Gartenharke, der er auf die Rückseite den Kopf eines Fleischklopfers aufschweißen lässt. Damit sollen sich größere Erdklumpen in Blumenbeeten zerkleinern lassen. Außerdem experimentiert mit einem neuen Mundstück für den Gartenschlauch.
Viel Energie investiert er in eine „Elektrobürste zur Schädlingsbekämpfung“. Vom Elektroriesen AEG lässt er sich Elektroden in eine Tapezierbürste einbauen, die zusätzlich in eine giftige Lösung getaucht werden soll. Das Gerät hat eine Spannung von 1000 Volt und macht sicher jedem Schädling den Garaus. Allerdings auch dem Gärtner, wie die AEG warnt: „Unter Umständen absolut tödlich“. Wieder verweigert das Patentamt einen Patentschutz.
Bisweilen verrennt sich Adenauer ins Skurrile. 1917 hat er einen schweren Verkehrsunfall erlitten, der bleibende Narben in seinem Gesicht hinterlässt. Er befasst sich nun mit dem Thema Verkehrssicherheit und möchte eine „Vorrichtung zur Verhinderung des Überfahrenwerdens durch Straßenbahnen“ konstruieren. Die Vorrichtung soll gestürzte Fußgänger durch eine rotierende Walze in der Front der Straßenbahn von den Schienen fegen, bevor sie überrollt werden. Doch daraus wird nichts.
Immerhin zeigt Adenauer ein frühes Problembewusstsein in Sachen Umweltschutz. So denkt er darüber nach, wie man der Verunreinigung der Luft durch Autoabgase und Heizungsruß Herr werden kann. Sein kühner Vorschlag: Die Abgase sollten durch die Kanalisation abgeleitet und so aus den Städten entfernt werden.
Abgase in die Kanalisation
Dafür sollten die Schornsteine oben verschlossen und unten an das Abwassersystem angeschlossen werden. Zudem tüftelt er an einer Luftfederung für Autos, er experimentiert mit einer „Abblendscheibe für Pkw-Fahrer“ und einer „Blendschutzbrille für Autofahrer“. Gnade finden die Ideen bei den deutschen Patentbehörden allesamt nicht.
Nach Kriegsende 1945 wird Adenauer für kurze Zeit erneut Oberbürgermeister von Köln, überwirft sich aber mit den britischen Besatzern und wird gefeuert. Eigentlich ist er schon im Rentenalter, doch er sichert sich den Vorsitz der neu gegründeten CDU und wird Präsident des Parlamentarischen Rats, der das Grundgesetz formuliert.
Adenauer manövriert souverän alle jüngeren Konkurrenten aus. Im Alter von 73 Jahren wird er 1949 der erste Kanzler der Bundesrepublik Deutschland. Damit nimmt seine Aktivität als Tüftler und Erfinder ihr Ende. Nach seinem Abschied aus der Politik 1963 verwendet er seine Energie lieber darauf, kritisch zu kommentieren, was sein ungeliebter Nachfolger Ludwig Erhard so treibt.
Adenauers rund 40 Erfindungen haben sicher die Welt nicht umgestülpt, aber sie zeugen von einer Persönlichkeit mit vielen Facetten. Von einem Mann, der kreativ, präzise und beharrlich ist, der nach Lösungen sucht – Eigenschaften, die sicher auch in der Politik nicht verkehrt sind.
Das Adenauer-Brot
Die Patentbehörden in Deutschland waren ihm nicht wohlgesonnen. Doch als das neue Bundespatentamt am 1. Oktober 1949 seine Arbeit aufnimmt, gehört der Kanzler mit Noblesse zu den ersten Gratulanten. Es erfülle ihn „mit besonderer Genugtuung“, schreibt er, dass das Patentamt die erste obere Bundesbehörde sei, die ihre Arbeit wieder aufnehme.
Heute ist seine Rolle als Erfinder kaum noch bekannt. Immerhin kann man in seinem einstigen Wohnhaus in Rhöndorf einige seiner Erfindungen besichtigen. Auch eine Bäckerei in Köln pflegt sein kreatives Erbe. Dort gibt es das „Adenauer-Brot“ von 1915, wenn auch nach einem angepassten Rezept gebacken.
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Dieser Artikel stammt aus der RHEINPFALZ am SONNTAG, der Wochenzeitung der RHEINPFALZ. Digital lesen Sie die vollständige Ausgabe bereits samstags im E-Paper in der RHEINPFALZ-App (Android, iOS). Sonntags ab 5 Uhr erhalten Sie dort eine aktualisierte Version mit den Nachrichten vom Samstag aus der Pfalz, Deutschland und der Welt sowie besonders ausführlich vom Sport.