Der Weintipp
Ein Liter Überraschung
Zumindest bis vor zwei oder drei Jahren war die Düsseldorfer ProWein eine Art Pilgerstätte für Weinprofis von überallher. Als größte Weinmesse der Welt konnte sie es sich leisten, die Standpreise kontinuierlich zu erhöhen. Hotels und andere Unterkünfte im großen Umkreis waren ausgebucht, obwohl sie an den Messetagen ihre Übernachtungspreise mehr als verdoppelten. Das ging so lange gut, bis die Kunden rebellierten und in Paris eine neue ambitionierte Messe entstand, die der Prowein Jahr für Jahr Boden abgräbt. Man darf halt den Bogen nicht überspannen.
Auch in Karlsruhe ist eine neue Weinmesse entstanden, viel kleiner als die bekannten, aber gerade richtig, um sich an einem Tag einen Überblick zu verschaffen. Bei weniger etablierten Messen bleiben meist die Standgebühren auch für kleinere Betriebe erschwinglich, sodass manchmal Entdeckungen gemacht werden können, die anderswo nicht vertreten sind. Der Haken: Die Eurovino ist nur für Besucher aus dem Weinbusiness geöffnet.
Die ersten abgefüllten 2024er-Weine waren in Karlsruhe ebenso zu verkosten wie mehrere Dutzend alkoholfreier Weine, Spezialitäten aus Mallorca oder Kurioses aus deutschen Kellern wie ein Cabernet-Sauvignon „feinherb“ und allerlei preiswerte oder teure Weine aus der ganzen Welt.
Preiswert und gut
Die vertretenen deutschen Weingüter und Genossenschaften kamen – wohl aufgrund der räumlichen Nähe – vor allem aus der Pfalz und aus Baden.
Das Weingut Schaurer aus Insheim betreibt schon in der vierten Generation Weinbau und füllt eine trockene Spätlese auf die Literflasche, was nicht alle Tage vorkommt. Und: Es handelt sich um einen Chardonnay, was schon deshalb neugierig macht, weil dem Berichterstatter ein Chardonnay Spätlese trocken aus der Literflasche in vielen Berufsjahren noch nie begegnet ist. Und siehe da: Der sehr preiswerte Wein, ohne Holzeinfluss ausgebaut, überrascht durch klare, zartgrüne Aromen mit leichter Cremigkeit, gute Frische und angenehme Säure. Überraschung gelungen!
Der Wein
2023 Chardonnay Spätlese trocken, Weingut Schaurer, Insheim, Telefon 06341/87235, Preis: 6 Euro.
Der Autor
Jürgen Mathäß ist Weinjournalist und Seminarleiter, er war Chefredakteur verschiedener Weinzeitschriften und ist Experte für Pfälzer Weine sowie für die Weine der iberischen Halbinsel und Südamerikas. Seit 2007 schreibt er alle zwei Wochen den „Weintipp“ für die RHEINPFALZ am SONNTAG. Er lebt in Landau-Arzheim.