Pfefferminzbähnel
Ein Bahnhof voller Überraschungen
Es gibt aber auch großartige Funde wie die Original-Fliesen im alten Eingangsbereich hinter dem längst zugemauerten ehemaligen Haupteingang. Sie liegen verborgen unter dem später eingebauten Badezimmerboden. Das Gebäude hatte nämlich lange als Sozialwohnung gedient. Eine echte Rarität ist auch das unverändert erhaltene Klo, Modell „Plumps“, in der früheren Wohnung des Bahnhofsvorstehers im Obergeschoss. „Das Haus bietet Überraschungen und ist eine Herausforderung“, sagt Andreas Heck, der stellvertretende Vorsitzende des Kultur- und Heimatvereins (KHV) in Harthausen bei Speyer.
Seit 2020 Eigtentümer
Der Verein ist seit 2020 Eigentümer der Immobilie. Die Gemeinde hat sie ihm in Erbpacht überlassen. Der KHV will aus dem Gebäude seinen Vereinssitz, das Gemeindearchiv und einen Veranstaltungsraum machen. Die Diskussionen über das „Ob“ sind geführt. Aktuell geht es nur noch um das Wann, das Wie – und das Wie schnell. Für das Neueindecken des Dachs mit den vorhandenen und händisch gesäuberten Ziegeln sind die letzten Sonnenstunden im November beispielsweise enorm wichtig.
„Wie schnell“ war bei Großprojekten wohl schon vor über 100 Jahren ein dehnbarer Begriff – gehen dem Bau der Strecke doch lange, nicht selten „hitzige“ Diskussionen voraus. Am 9. März 1873 findet in Geinsheim, heute ein Stadtteil von Neustadt, die erste Versammlung zur Beratung über den Bau der Linie statt. 300 Personen nehmen daran teil, wie ein Zeitungsbericht von damals belegt. Das zeigt die Bedeutung des damals neuen Verkehrsmittels Bahn.
Offzieller Bähnelstart: 1905
Doch längst nicht alle sind gleich Feuer und Flamme für die Bahn. Es gibt Rechtsstreitigkeiten. Unter anderem weigert sich die Gemeinde Dudenhofen, Gelände für die Bahn zur Verfügung zu stellen. Die Sanktion folgt schnell. Die Spargelgemeinde erhält erst einmal keinen Anschluss, bleibt links liegen.
Das Pfefferminzbähnel nimmt ungeachtet dessen am 26. August 1905 seinen offiziellen Betrieb auf – und es wird zur wichtigen Lebensader für die Arbeits-, Bildungs- und Geschäftsbeziehungen der Menschen in der Vorderpfalz. Es übersteht die Kriegszeiten, Beschuss, Entgleisungen, sogar Unfälle mit Todesopfern und Zusammenstößen mit Fuhrwerken.
Zahllose Schulpflichtige kommen mit ihm in ihre Gymnasien. Büroangestellte, Azubis, Aniliner, die in Speyer weiter müssen zur BASF nach Ludwigshafen, Landarbeiter und Erntehelfer nutzen es tagtäglich. Die Bahn ist oft überfüllt, tut sich schwer an den Steigungen unterwegs. In der Nachkriegszeit fehlen Scheiben und Licht in den Waggons. Sie wird verhöhnt wegen ihrer Geschwindigkeit und gleichzeitig hoch geschätzt als wichtige Verbindung von A nach B.
Letzte Fahrt: 1956
Große Trauer herrscht, als die Gäubahn am 2. Juni 1956 – gezogen von der Dampflok Nummer 99102 – zu ihrer letzten Fahrt aufbricht. Nicht „sang- und klanglos“, wie es die Offiziellen gerne gehabt hätten. Nein, die Bürger machen daraus einen „wahren Triumphzug“ durch die Orte an der Strecke – entlang der überall baugleichen Bahnhöfe. Der Bahnhof in Harthausen ist der einzige, der heute noch im Original erhalten ist. Und er wird nun erst mal wieder in den Rohbauzustand versetzt.
Wasser- und Stromleitungen sind neu verlegt. Das Projekt birgt aber noch viel Arbeit. Zehn bis zwölf Aktive bilden aktuell den harten Kern des Sanierungsteams. Sie treffen sich jeden Samstag um 8 Uhr auf der Baustelle. Nach Bedarf kommen Spezialisten wie zuletzt der örtliche Zimmermann und ein Installateur dazu und helfen. Die Hilfsbereitschaft und das Interesse am historischen Ort ist groß: Ein örtlicher Gerüstbauer beispielsweise hat sein Gerüst deutlich länger stehen lassen als geplant. Freunde und Bekannte der Vereinsmitglieder mit spezifischen Fachkenntnissen wie ein Maurer packen bei Bedarf mit an.
Crowdfunding und „Herrenabend“
Den Bauleiter gibt Andreas Heck, im Brotberuf Beamter bei der Stadt Speyer. Er hat im Winter 2020 – damals ganz allein – angefangen, im Gebäude aufzuräumen. Das Werkeln hat ihm damals den coronabedingt unmöglichen Besuch im Fitness-Center ersetzt. Fantasie entwickelt der rund 120 Mitglieder starke KVH für seinen Bahnhof auch beim Geldauftreiben. Die Gemeinde schießt etwas zu. Der Verkauf von echten Bausteinen mit Bahnhofslogo, eine erfolgreiche Crowdfunding-Aktion, ein gesponsertes Helferfest mit einem Platzkonzert der Stadtjugendkapelle sowie ein Benefizauftritt des Harthausen-Darmstädter Kabarettduos „Herrenabend“ sowie zahlreiche Spenden halfen, Geld einzuspielen.
Dennoch: Die Sanierung bleibt nach Schätzung Hecks ein Projekt von mindestens zehn Jahren. Auf 500.000 Euro werden die Kosten kalkuliert. Fertig ist das Ganze schon im detailgetreuen Modell. Hartmut Gihr aus Schifferstadt, Bahnexperte und Mitglied der Sanierungstruppe, hat es in wochenlanger Arbeit mit viel Holz sowie unter Einsatz des 3-D-Druckers hergestellt. Das Ergebnis: ein Hingucker.
„Inzwischen ist deutlich sichtbar, dass es nicht mehr um Abriss, sondern um Aufbau geht“, sagt Heck mit Blick auf das Haus. Anfang November muss er jedoch noch einmal zittern. Der Dachdecker kann erst später kommen als geplant. Vor dem Winter musste das Haus dicht werden. 2023 geht es innen weiter. Im Frühsommer soll ein erstes Fest rund um den Bahnhof steigen. „Wenn Toiletten und Küche bis dahin eingebaut sind“, betont der Bauleiter.
Das Bautagebuch im Internet: khv-harthausen.de/khv
Spendenkonto des Vereins: DE17 5455 0010 1000 152635, Sparkasse Vorderpfalz
Mehr zum „Bähnel“
Zwischen 1905 und 1956 verkehrt zwischen Speyer und Neustadt die Schmalspurbahn „Pfefferminzbähnel“. Ihren Spitznamen verdankt sie dem Umstand, dass die Bauern sie dazu nutzen, ihre Produkte wie frisch geerntete Pfefferminze zu den Wochenmärkten in beiden Städten zu transportieren. Zum Weiterlesen: „Die Geschichte des Pfefferminzbähnels. Die Gäubahn Neustadt – Gommersheim – Speyer“ von Helga und Hans-Ulrich Kroszewski. Mehr im Netz unter: pfefferminzbaehnel.de.