Energieversorgung
Die Pfalz und das Gas: 17 Fragen und Antworten
Wie funktioniert die Gasversorgung? Wer steuert die Netze? Wie sehen die Krisenpläne aus? Die RHEINPFALZ am SONNTAG hat dazu unter anderem Experten der Pfalzgas GmbH in Frankenthal befragt. Die Pfalzgas versorgt über ein 2600 Kilometer langes Leitungsnetz 66.000 Endkunden – private, gewerbliche und industrielle – in 174 Ortsnetzen, vorwiegend in der Pfalz. Das Unternehmen ist der größte Verteilernetzbetreiber für Erdgas in der Pfalz und eine je 50-prozentige Tochter der Pfalzwerke AG und der Encevo Deutschland GmbH (ehemals Saar Ferngas).
Wie kommt das Erdgas in die Pfalz?
Rund 95 Prozent des deutschen Erdgasverbrauchs kommen aus dem Ausland über Pipelines nach Deutschland, wo es an Übergangspunkten in Fernleitungsnetze eingespeist wird. Noch 2021 kamen 50 Prozent des Erdgases aus Russland, inzwischen kommt hierzulande kein Gas mehr direkt aus Russland an. Innerhalb Deutschlands wird das Erdgas über Fernleitungspipelines transportiert. Diese werden von Versorgern wie Gascade oder Open Grid Europe betrieben.
Regionale Verteilungsnetzbetreiber übernehmen das Erdgas von den großen Pipelines in ihre Netze – für die Pfalz und das Saarland ist das die Creos Deutschland GmbH (früher Saar Ferngas) mit Sitz in Saarbücken. „Wir haben die Verantwortung, die Netzstabilität aufrechtzuerhalten“, sagte eine Creos-Sprecherin der RHEINPFALZ am SONNTAG. Von Creos übernehmen nachgelagerte Verteilernetzbetreiber wie Pfalzgas, Thüga oder Stadtwerke das Erdgas und transportieren es zu den Endverbrauchern.
Liegt die Pfalz am Fernleitungsnetz?
Die Fern-Pipelines MEGAL und TENP führen nicht nur durch die Pfalz, sie treffen sich sogar bei Mittelbrunn im Kreis Kaiserslautern, wo eine große Verdichterstation steht. Die Mittel-Europäische Gasleitung (MEGAL) ist Teil des europäischen Ferngasverbundsystems in Süddeutschland und führt in Ost-West-Richtung von Österreich und Tschechien nach Frankreich. Die Trans-Europa-Naturgas-Pipeline (TENP) ist ein System, das in Nord-Süd-Richtung von der deutsch-niederländischen bis zur deutsch-schweizerischen Grenze führt.
Was passiert in einer Verdichterstation?
Der Druck in den Fernleitungen liegt bei bis zu 100 bar – also etwa hundertmal so hoch wie der Luftdruck auf der Erdoberfläche. Die Verdichtung des Erdgases – die Erhöhung des Drucks – ist bei großen Pipelines etwa alle 200 Kilometer notwendig, da beim Transport durch Reibung und Strömung Druck verloren geht. Mit weniger Druck fließt weniger (weil weniger stark komprimiertes) Gas durch die Leitung. An den Übernahmestationen, wo das Erdgas in die Netze der Verteilernetzbetreiber wie Creos oder der nachrangigen Netzbetreiber wie Pfalzgas fließt, wird der Druck des Gases immer weiter reduziert, bis es am Ende in der Privatheizung mit 22 Millibar Druck ankommt.
Kann Erdgas verschiedener Lieferungen gemischt werden?
Erdgas ist ein Naturprodukt mit gewissen Qualitätsschwankungen, kann aber grundsätzlich vermischt werden, auch wenn es aus verschiedenen Ländern oder Lieferungen stammt. Getrennte Pipelines werden allerdings benötigt für höherwertiges H-Gas und L-Gas, das einen um 20 Prozent niedrigeren Energiegehalt hat. Die Gasqualität wird an verschiedenen Übernahmestationen mit Chromatografen geprüft. Der konkrete Brennwert des Gases spiegelt sich auch im Umrechnungsfaktor wider, der auf jeder Gasrechnung steht, wenn es zum Beispiel heißt: Berechnet werden 10,6 Kilowattstunden Energie pro Kubikmeter Erdgas.
Hat jeder Versorger Zugang zu den großen Pipelines?
Die nachgelagerten Verteilernetzbetreiber wie die Pfalzgas haben keinen direkten Zugang zu den Fern-Pipelines, es muss stets eine Anlage der Creos GmbH zwischengeschaltet sein, was auch – aber nicht nur – mit dem unterschiedlich hohen Druck in den Leitungen zu tun hat. In der Übernahmestation Donsieders in der Südwestpfalz, wo die TENP-Pipeline verläuft, werden die drei Stufen allerdings sehr schnell überwunden: Dort nutzen der Pipeline-Betreiber Open Grid Europe, die Creos Deutschland GmbH und die Pfalzgas ein Gebäude gemeinsam für ihre Anlagen.
Wird Erdgas flüssig oder in Gasform transportiert?
Erdgas wird grundsätzlich gasförmig transportiert. Der Druck von 100 bar in den Pipelines reicht zum Verflüssigen nicht aus. Dafür müsste Erdgas auf mindestens minus 160 Grad heruntergekühlt werden. Anders ist das bei Propan- oder Butangas, das man aus Gasflaschen kennt, die schon bei sieben bar Druck flüssig werden. Tatsächlich produzieren Erdgas-Pipelines durch die hohe Reibung sogar Wärme. Entlang der Schneisen der TENP-Pipeline lässt sich laut Pfalzgas-Netzbetriebsleiter Henning Fösser beobachten, dass bei leichtem Schneefall der Schnee entlang der Pipelinetrasse noch schmilzt, während er daneben schon liegenbleibt.
Hat sich die Lage verändert, seit Russland kein Gas liefert?
„Aktuell gibt es für unser Netz noch keine Auswirkungen“, erklärt Henning Fösser. Solange Deutschland seine Erdgasspeicher weiter füllen könne, werde ja noch mehr Erdgas geliefert, als hierzulande verbraucht werde. Ergo passe auch der Druck in den Netzen noch. Die großen Fernleitungen würden im Übrigen ohnehin nicht immer mit 100 bar Druck gefahren. Fösser: „Wenn man die Verdichtung auf 100 bar nicht benötigt, zum Beispiel im Sommer, dann muss man diesen Druck auch nicht durch die Leitung schicken.“ Bedeutet: Die Netze funktionieren bis zu einem gewissen Punkt auch mit weniger Druck.
Solange Gas in den Speichern ist, läuft also alles normal?
„Die Lage verändert sich, wenn der Bedarf an Erdgas in Deutschland größer ist als die Gasmenge, die über die Übernahmepunkte an Gas nach Deutschland geliefert wird“, sagt Henning Fösser. Dann wird begonnen, die Erdgasspeicher zu nutzen, also Gas auszuspeichern. Allerdings war das auch schon früher das Prinzip: Im Sommer wird Erdgas eingespeichert, damit man im Winter Erdgas aus den Speichern nutzen kann.
Wie wird Erdgas überhaupt gespeichert?
Erdgas lagert in Deutschland in riesigen Untergrundspeichern tief unter der Erde. Bei sogenannten Kavernenspeichern handelt es sich um unterirdische Hohlräume, sogenannte Porenspeicher sind geologische Formationen von porösem Gestein. Der einzige rheinland-pfälzische Speicher liegt auf Frankenthaler Gebiet und wird von der Enovos Storage GmbH in Saarbrücken betrieben. Diese gehört wie Creos Deutschland zur Encevo-Gruppe. „Es ist im Vergleich ein sehr kleiner Speicher, der an unserem Netz und nicht am Fernleitungsnetz hängt“, heißt es bei Creos. Deutlich größere und zudem ans Fernleitungsnetz angeschlossene Hohlraumspeicher gibt es in Norddeutschland in frühereSalzstöcken. Die Kapazität aller rund 50 deutschen Untertagesspeicher beziffern Branchenverbände auf 24,6 Milliarden Kubikmeter.
Wie voll ist der Frankenthaler Speicher?
Der Frankenthaler Speicher ist nach Auskunft von Enovos Storage seit Anfang September zu 100 Prozent gefüllt, wie die RHEINPFALZ berichtete. Der Speicher hat demnach Kapazitäten für 88 Millionen Kubikmeter Erdgas, was nach früheren Betreiberangaben reicht, um 50.000 Haushalte ein Jahr lang zu versorgen. Der Speicher in der Nähe der BASF-Kläranlage ist ein Porenspeicher. Dessen technisches Prinzip: In zwei Schichten in 600 beziehungsweise 1000 Metern Tiefe wird Erdgas mit Druck eingepresst und verdrängt dort Wasser. Eine undurchlässige Gesteinsschicht über der natürlichen Lagerstätte verhindert, dass Gas nach oben dringt.
Hat sich das Verhalten der Verbraucher verändert?
Pfalzgas-Vertriebsleiter Werner Brommko rechnet aufgrund der extrem steigenden Preise mit einer Verringerung des Gasverbrauchs. Bei Industriekunden, die derzeit Gas beschaffen müssten, treffe dies teilweise bereits jetzt schon zu. Das heißt: „Es werden schon Maßnahmen zur Verbrauchsreduktion getroffen und es wird die Produktion zurückgefahren oder verschoben.“ Bei Haushalts- und Gewerbekunden, die Gas zu Heizzwecken benutzten, sei dies aber „noch nicht erkennbar“, da die Heizperiode ja gerade erst beginne. Einzelne Netzbetreiber und Lieferanten rechnen laut Brommko mit Einsparungen von bis zu 10 oder 15 Prozent für den kommenden Winter. Doch niemand könne derzeit sicher wissen, ob der einzelne Kunde tatsächlich sein Verbrauchsverhalten verändert.
Warum sind die Erdgasspeicher voller als in den Vorjahren?
Die hohen Speicherfüllstände sind kein Beleg dafür, dass die Menschen in diesem Jahr weniger Gas verbrauchen als sonst. Früher wurden die Speicher schlicht weniger befüllt. Man habe „nicht die Notwendigkeit gesehen, Gas einzuspeichern, weil ja immer günstiges Gas zur Verfügung stand. Das war ja sogar im Winter günstig“, sagt Manfred Petry, Netzvertriebsleiter der Pfalzgas. Und Vertriebsleiter Werner Brommko erklärt: „Bevor dieses Jahr das Gasspeichergesetz eingeführt wurde, wurden die Speicher eben im Wesentlichen unter rein marktwirtschaftlichen Gesichtspunkten betrieben.“ Die fundamental veränderten wirtschaftlichen und politischen Rahmenbedingungen durch die Corona-Krise und den Ukraine-Krieg hätten aber zu extremen Preisverwerfungen geführt, und der alte Preismechanismus habe nicht mehr funktioniert. Zum anderen seien einige von Gazprom betriebene Speicher „offensichtlich auch gezielt leergefahren“ worden. Daraufhin sei in Deutschland gesetzlich die Grundlage dafür geschaffen worden, dass die Speicher vor dem Winter ausreichend befüllt werden.
Was bedeutet die aktuelle Stufe 2 des Gasnotfallplans?
Im Juni hat Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne) die zweite von drei Eskalationsstufen des „Notfallplans Gas“ ausgerufen. Diese Stufe bedeutet konkret: Die Versorgung ist zwar aktuell gewährleistet, doch müssen Vorbereitungen getroffen werden für den Fall, dass im Winter tatsächlich eine „nationale Gasmangellage“ eintreten sollte. Eine Sprecherin der Creos Deutschland GmbH in Deutschland erklärt: „Die Stufe zwei des Gasnotfallplans dient in erster Linie dazu, dass die Gasnetzbetreiber mit ihren Endkunden reden.“ Mit jenen Kunden also, die im Falle des Ernstfalls, also einer nationalen Gasmangellage, nicht zu den „geschützten Kunden“ zählen, die weiter mit Gas versorgt werden müssen. Nicht geschützte Kunden sind vor allem Industriebetriebe. Geschützt sind dagegen Haushaltskunden, zu denen Privathaushalte, Gewerbe, Handel und Dienstleistungen zählen, aber auch Krankenhäuser, stationäre Pflege- und Betreuungseinrichtungen Polizei, Feuerwehr oder Bundeswehr.
Kann man jemandem den Gashahn abdrehen?
Allein die Pfalzgas hat rund 60 nicht geschützte Kunden von Eisengießereien bis zu großen Wäschereien. „Wir sind nach Paragraf 53a des Energiewirtschaftsgesetzes als Netzbetreiber dazu verpflichtet, die nicht geschützten Kunden vom Netz zu nehmen, wenn nicht mehr genug Gas da sein sollte“, sagt Pfalzgas-Netzvertriebsleiter Manfred Petry. Aber bevor es soweit komme, was niemand hoffe, stehe man mit den Kunden im Dialog, und zwar „schon seit sieben Jahren, als zum ersten Mal eine Krisenvorsorge Gas verabschiedet wurde“. Intensiviert wurde der Dialog nach dem russischen Angriff auf die Ukraine: Man habe alle nicht geschützten Kunden angeschrieben und „sicher mit mindestens 50 Prozent der Kunden auch telefoniert und wir waren auch vor Ort“, sagt Petry. Dabei gehe es um die Vorbereitung und Lösungen für den Ernstfall: Die Kunden sollen ihr Einsparpotenzial definieren und zum Beispiel klären: Gibt es die Möglichkeit, manche Produktionsbereiche oder Kesselanlagen umzustellen von Gas auf Öl, falls kein Gas mehr da sein sollte? Bevor man einem Unternehmen den Gashahn zudrehe, müsse man reden, macht auch Netzbetriebsleiter Henning Fösser klar: „Wir haben Eisengießereien bei uns am Netz, die brauchen Erdgas, um Schlackegas abzufackeln, und das muss auch passieren, damit es da nicht zu Explosionen kommt. Da kann man nicht einfach den Gashahn abdrehen.“ Fakt ist aber auch: „Bei einzelnen Anschlussnehmern, die nicht geschützt sind, kann man den Schieber zudrehen“, sagt Fösser. Bei Industriekunden mit großer Leistung sei diese technische Möglichkeit ohnehin vorgeschrieben.
Was passiert konkret im Ernstfall?
„Im Fall der Fälle, wenn die dritte Stufe ausgerufen würde, die sogenannte Notfallstufe, würde das kaskadenförmig funktionieren“, erklärt Henning Fösser: „Die Bundesregierung würde dann die Bundesnetzagentur als Bundeslastverteiler einsetzen. Die Bundesnetzagentur muss dann sagen, welche Leitungen wie gesteuert werden müssen, um die Versorgung zu regeln. Sie würde dann die großen Fernleitungsnetzbetreiber wie Creos auffordern, in ihren Netzen Lasten zu reduzieren.“ Creos würde auf die Pfalzgas und alle anderen nachrangigen Verteilernetzbetreiber zukommen mit der Aufforderung, jene Mengen an Leistung zu reduzieren, die vorab schon gemeldet wurden. Fösser: „Das kommunizieren wir dann mit den Kunden, mit denen wir im Vorfeld schon geredet haben.“ Und sein Kollege Manfred Petry ergänzt: „Das machen alle Netzbetreiber. Wir stehen da im Austausch.“
Wann heißt es: Job gut gemacht?
Henning Fösser: „Unseren Job haben wir dann gut gemacht, wenn es am Ende der hoffentlich nicht eintretenden nationalen Gasmangellage alle Kunden zu Hause warm hatten und alle geschützten öffentlichen Einrichtungen und Krankenhäuser auch noch genug Gas hatten. Aber auch das ist abhängig davon, was an Gas noch da ist. Wenn kein Gas mehr da ist, kann ich noch so viele geschützte Kunden haben – ich kann nur mit dem versorgen, was da ist.“
Bis dahin gilt für Gaskunden: wenn möglich, sparen?
Grundsätzlich ja. Bei der Pfalzgas GmbH liegt – über das ganze Jahr verteilt – der Anteil des Gases, den Privatkunden verbrauchen, bei 70 Prozent. „Wir haben ein Flächennetz über die ganze Pfalz verteilt mit vielen Haushaltskunden in vielen Orten“, sagt Manfred Petry und erklärt: „In unserem Netzbereich haben die Privatkunden einen großen Hebel, um zur Gaseinsparung beizutragen.“ Klassische Stadtwerke mit vielen Industriekunden können ein anderes Verhältnis von Privat- und Industrieverbrauch haben, aber auch dort ist Gassparen Gebot der Stunde. Nach Einschätzung der Pfalzgas-Experten gibt es jedoch keinen Grund zur Panik. Denn die Versorgung mit Erdgas sei aus heutiger Sicht gewährleistet.