Interview
Die Landauer Sportprofessorin Silke Sinning als DFB-Vizepräsidentin: „Manchmal wird es unfair“
Frau Professor Sinning, haben Sie selbst damit gerechnet, dass sie als Vizepräsidentin des Deutschen Fußball Bundes (DFB) wiedergewählt würden?
Tatsächlich nein. Ich wusste, dass es schwierig wird. Der Präsident des bayerischen Landesverbands ist sehr offen auf mich zugegangen und hat mir vorab mitgeteilt, dass sie eine Gegenkandidatin aufstellen, weil sie sich als größter Landesverband gern wieder im DFB-Präsidium einbringen wollen. Das kann ich aus deren Sicht auch nachvollziehen.
Wie sind Sie mit dem Wissen umgegangen, dass man Sie nach einer Amtszeit wieder weg haben will aus dem DFB-Präsidium?
Ich habe deutlich gemacht, dass ich meine Aufgabenfelder weiter betreuen möchte und dass mich der hessische Verband, deren Präsidentin ich bin, nominieren würde. Als ich vor dreieinhalb Jahren angetreten bin, war mir schnell klar, dass die Situation eine besondere ist und die Bayern mittel- oder langfristig den Anspruch auf einen Sitz im Präsidium erheben würden. Offen war für mich nur, wann.
In der Kampfabstimmung kam Ihre Gegenkandidatin Silke Raml auf 113 Stimmen, Sie auf 124. Was nehmen Sie mit von diesem DFB-Bundestag?
Letztlich, dass es auch im DFB die Möglichkeit gibt, sich zur Wahl zu stellen und offen für sich zu werben. Es ist schön, dass es auch um Inhalte ging und nicht nur um Verbandspolitik. Für mich persönlich war es eine Bestätigung, viele Menschen hinter mir zu wissen, die meine Arbeit oder meine Herangehensweise an die Aufgaben schätzen. Die mich so wahrnehmen, dass ich mich intensiv für Themen einsetze. Ich hatte den Eindruck, dass ich von vielen Regionalverbänden Stimmen einfangen konnte.
Bei Ihrer ersten Wahl hatten Sie den mächtigen Rainer Koch als Gegenkandidaten. Auch als Sie Präsidentin des hessischen Fußballverbands wurden, hatten Sie Konkurrenz. Was macht Sie so stark in Kampfabstimmungen?
Bei allen Wahlen, bei denen ich bislang angetreten bin, hatte ich immer Gegenkandidaten. Ich kenne es nicht anders. Ich trete immer für die Sache ein, und versuche mich auf die Themen zu konzentrieren und mit guten Argumenten zu überzeugen. Am Ende hat das bisher immer gereicht. Vielleicht erkennen manche, dass die sachliche Argumentation zielführender ist als eine politische. Schließlich wollen wir die Themen vorantreiben.
Zum Beginn Ihrer zweiten Amtszeit: Welches Fazit ziehen Sie aus den ersten dreieinhalb Jahren?
Für mich war es eine riesige Lerngelegenheit. Ich konnte einen Einblick bekommen in ein großes wirtschaftliches Unternehmen, das der DFB de facto ist. Ich kam und komme mit Menschen in Berührung, die ich vorher nur aus der Ferne kannte, mit Philipp Lahm etwa, der Turnierdirektor der EM 2024 war, oder mit Rudi Völler. Bei beiden habe ich ihre Bodenständigkeit und Menschlichkeit kennen gelernt – und ihre Hartnäckigkeit, mit der sie für ihre Themen einstehen.
Und inhaltlich?
Meine Perspektive hat sich vergrößert. Ein Beispiel: Aus nationaler oder aus Sicht eines Landesverbands mag es unglücklich erscheinen, dass die WM 2034 in Saudi-Arabien stattfindet. Global gedacht, forciert man kulturellen Austausch. Erhobene Zeigefinger und Vorurteile sind dabei nicht hilfreich. Stattdessen werden wir unsere demokratischen Werte dort ein Stück weit hinterlassen und so Ankerpunkte setzen. Diese Diskussion auf einer anderen Ebene zu führen, das finde ich spannend, aber auch schwierig. Nach welchen Kriterien kann man in einem Spannungsfeld zwischen Menschenrechtsverletzungen und den positiven Effekten einer WM eine fundierte Entscheidung treffen?
Dem DFB werden immer wieder verkrustete Strukturen vorgeworfen. War es auch eine Motivation für Sie, diese aufzubrechen, als Sie vor dreieinhalb Jahren gegen Rainer Koch angetreten sind, der als mächtiger Strippenzieher im Hintergrund galt?
Als ich damals in die Diskussion eingestiegen bin, war nicht abzusehen, dass ich gegen Rainer Koch antreten muss. Ich war damals knapp 20 Jahre ehrenamtlich im hessischen Fußballverband aktiv, von Ideen geleitet und wollte mich gern einbringen und Themen und Strukturen beim DFB hinterfragen. Was kann ein so großer Verband über den Spielbetrieb hinaus bewirken? Wo sind die Themen Nachhaltigkeit und Diversität platziert? Wie will der DFB nach außen wirken, wo kann er die Thematik Rassismus, die Gewaltdebatte oder das Thema Gesundheit mehr in den Blick nehmen? Beispielsweise durch Walking Football. Das hat mich getriggert, diese Diskussionen wollte ich anstoßen. Ich konnte bis zwei Wochen vor der Wahl gar nicht gegen Rainer Koch antreten. Ich habe immer nur eine inhaltliche Diskussion geführt. Rainer Koch selbst hat meine Kandidatur ermöglicht. Warum auch immer, das war seine Entscheidung.
Wohl auch im Glauben, es würde schon gut gehen für ihn.
Sogar mein eigener Landesverband war kritisch. Noch vor dem Bundestag zeichnete es sich ab, dass es ein Amt „Vizepräsident Diversität“ geben wird. Da war ich schon sehr zufrieden, dass eines meiner angesprochenen Themen offenbar so wichtig war, um es in einer Vizepräsidentschaft münden zu lassen. Nach meiner Wahl hatte ich direkt ein gutes Telefonat mit DFB-Präsident Bernd Neuendorf, in dem wir meine Themen abgesprochen haben. Rainer Koch hatte nationale und internationale Beziehungen als Aufgabengebiet, das gehörte aber nicht zu meiner Expertise. „Diversität“ und „Nachhaltigkeit“ waren besetzt. Ich bin dann mit „Bildung, Freizeit- und Breitenfußball“ sowie Kinder- und Jugendschutz, E-Football und Wissenschaft sehr zufrieden in meine erste Amtsperiode gestartet.
Sehen Sie sich auch als weibliches Vorbild in Ihrer Rolle?
Wenn ich beharrlich darauf poche, dass mir die Inhalte wichtig sind, dann sind es vor allem die sachlichen Themen und Veränderungsprozesse, die mich immer wieder antreiben. Aber ich bekomme natürlich positive Rückmeldung, dass ich den Mut habe, für Themen einzustehen. Ich finde es schön, wenn ich Frauen stärken kann, indem ich zeige: Tretet für eure Themen ein. Was kann euch passieren? Was wäre mir passiert beim Bundestag, wenn ich nicht gewählt worden wäre? Ich wäre trotzdem noch Professorin und im hessischen Fußballverband Präsidentin geblieben.
2024 wurden sie als Präsidentin des hessischen Fußballverbands zur ersten Frau überhaupt an der Spitze eines Landesverbands. Spielt das für sie eine Rolle, „die erste“ zu sein?
Das ist nicht relevant für mich. Aber wenn es Frauen dazu animiert, es mir nachzumachen, sehr gerne.
Ist ein Konstrukt wie der DFB noch zeitgemäß?
Als Verband schon. Natürlich muss man die Strukturen immer wieder kritisch durchdenken, wie jetzt den Ansatz mit der Altersbegrenzung für Funktionäre. Wie lange kann man intensive Impulse geben? Aus meiner Sicht könnten drei Wahlphasen ausreichend sein. So entstehen immer wieder neue Konstellationen. Braucht es mehr Frauen? Mehr Menschen mit Migrationshintergrund? Mehr Menschen mit Beeinträchtigung? DFB-Geschäftsführer Andreas Rettig verweist darauf, dass etwa 40 Prozent der Talente einen Migrationshintergrund haben und damit oftmals eine doppelte Staatsbürgerschaft besitzen. Fast die Hälfte der Talente, die wir ausbilden, kann sich also für ein anderes Land entscheiden. Daher müssen wir auch mit unseren Strukturen überzeugen. Und das tun wir nur, wenn die Strukturen kulturell vielfältig sind und sich alle abgebildet fühlen.
Als Professorin der Sportwissenschaft an der Rheinland-Pfälzischen Technischen Universität in Landau forschen Sie auch immer wieder zu Fairness auf und neben dem Platz. Wie fair geht es in Funktionärszirkeln zu?
Es treffen viele Interessen aufeinander und deswegen wird es an der einen oder anderen Stelle tatsächlich ein bisschen unfair. Zudem sind die Kriterien nicht immer eindeutig festgelegt. Welche Kompetenzen braucht ein Kandidat, was muss er konkret mitbringen? Auch die Bewerber müssen wissen, was auf sie zukommt – damit sie mit ihren Qualitäten überzeugen können und nicht persönlich oder politisch agieren müssen. Auf dem Fußballplatz ist das Spiel auch klar geregelt. Die Schiedsrichter wissen bei einem Foul, wie zu verfahren ist und entscheiden sich für Freistoß oder Strafstoß und geben womöglich eine Gelbe oder Rote Karte. Beim Bundestag kannten viele Delegierte weder meine Gegenkandidatin noch mich im Detail. In allen Interviews habe ich immer versucht, nichts zu meiner Gegenkandidatin zu sagen, um fair zu bleiben. Denn unsere Expertisen mögen unterschiedlich sein, sind aber dennoch groß.
Der DFB hat sich selbst einen Anteil von 30 Prozent Frauen im Präsidium auferlegt. Von 16 Mitglieder sind nun drei weiblich, macht 18,75 Prozent.
In der Gesellschaft haben wir etwa 50 Prozent Männer und 50 Prozent Frauen, bei acht Millionen Mitgliedern im DFB ist das Verhältnis anders, vielleicht 7:1. Aber wir wollen ja gerade Frauen gewinnen. Theo Zwanziger hat gesagt: „Die Zukunft des Fußballs ist weiblich.“ Aber auch, weil natürlich hier noch Nachholbedarf besteht und viel mehr Mitglieder noch zu gewinnen sind als bei den Männern. Einige haben vielleicht recht, wenn sie sagen, dass wir noch nicht die Frauen haben, die sich die Führungsaufgaben zutrauen. Also müssen wir empowern. Wir müssen, so wie ich es gemacht habe, den Frauen Mut machen, in eine Kandidatur hineinzugehen.
Also doch auch Quote statt Inhalt?
Für mich ist es wichtig, dass sich ein Gremium aus ganz unterschiedlichen Perspektiven und Kompetenzen zusammensetzt. Und dazu gehören Frauen, weil sie einen ganz anderen Blickwinkel reinbringen. Wir brauchen auch unterschiedliche Expertisen aus dem Berufsleben. Der DFB ist kein Verband, den man mal eben ehrenamtlich führt, sondern ein Konzern. Die Strukturen und Gremien müssen in der Besetzung gut durchdacht und in der Umsetzung wirkungsvoll sein.
DFB-Vize für Frauen- und Mädchenfußball, wäre das etwas für Sie?
Das wäre sicher interessant. Aber es steht nicht zur Debatte. Mit Sabine Mammitzsch, die zuvor die Position bekleidet hat, verbindet mich eine langjährige persönliche Ebene und Freundschaft. Und Heike Ullrich ist eine Koryphäe auf dem Gebiet. Aber: Ich finde es nicht zwingend, dass Frauen immer nur Frauen- und Mädchenfußball übernehmen müssen. Auch eine Männerperspektive könnte mal interessant sein und für einen weiteren Schub sorgen. Andere Zugänge führen immer wieder zu Irritationen und zu provokanten, oftmals kritisch-konstruktiven Ansätzen. Das ist immer gut.
Zur Person: Silke Sinning
Silke Sinning, Jahrgang 1969, ist Sportwissenschaftlerin an der Rheinland-Pfälzischen Technischen Universität in Landau. Ihren Lehrstuhl hat die Hessin seit 2010 inne. 2022 wurde sie zur Vizepräsidentin des Deutschen Fußball-Bunds gewählt. Nun startet sie in ihre zweite Amtszeit. Ihre Themen sind Bildung, Freizeit- und Breitenfußball. Seit 2024 ist sie Präsidentin des hessischen Fußballverbands.
Info
Dieser Artikel stammt aus der RHEINPFALZ am SONNTAG, der Wochenzeitung der RHEINPFALZ. Digital lesen Sie die vollständige Ausgabe bereits samstags im E-Paper in der RHEINPFALZ-App (Android, iOS). Sonntags ab 5 Uhr erhalten Sie dort eine aktualisierte Version mit den Nachrichten vom Samstag aus der Pfalz, Deutschland und der Welt sowie besonders ausführlich vom Sport.