Gesundheit RHEINPFALZ Plus Artikel Die Fett-weg-Spritze ist nichts für jeden

In der entscheidenden Studie mit 2000 Teilnehmern spritzte sich die eine Hälfte der Adipositas-Patienten 17 Monate lang einmal p
In der entscheidenden Studie mit 2000 Teilnehmern spritzte sich die eine Hälfte der Adipositas-Patienten 17 Monate lang einmal pro Woche die Abnehm-Arznei. Die andere Hälfte bekam ein Placebo. Mit Wirkstoff verloren die Teilnehmer durchschnittlich 15 Prozent ihres Gewichts, was im Mittel 15 Kilogramm ausmachte. In der Placebo-Gruppe gelang das nur fünf Prozent. Bild: Fettzellen im Körper.

Im Internet wird ein Wirkstoff als neues Wundermittel zum Abnehmen gefeiert, der eigentlich für stark Übergewichtige und Diabetiker gedacht ist. Das sorgt für Probleme.

Den Traum vom schlanken Körper träumen viele. Kein Wunder überschlagen sich im Moment die Kommentare im Internet zur „Fett-weg-Spritze“. Der Bedarf ist offenbar groß.

Laut einer Studie des Robert-Koch-Instituts von 2022 gelten in Deutschland etwas mehr als die Hälfte der Erwachsenen als übergewichtig oder stark übergewichtig. Das heißt, bei ihnen liegt das Verhältnis von Gewicht und Körpergröße über einem gewissen Wert, der als ungünstig für die Gesundheit angesehen wird.

Adipositas – die Fettleibigkeit – betrifft demnach rund 19 Prozent der Erwachsenen. Sie gilt als chronische Gesundheitsstörung und ist damit eine eigenständige Krankheit.

Menschen mit Übergewicht haben sehr häufig mit Ausgrenzung zu kämpfen. Zu den Idealen der Leistungsgesellschaft zählen unter anderem Belastbarkeit, Diszipliniertheit und Ausdauer – Eigenschaften, die vor allem schlanken Menschen zugeschrieben werden.

Übergewicht heißt nicht automatisch krank

Dazu kommt, dass sich die gängigen Schönheitsideale auf schlanke, sportliche und ebenmäßige Körperformen reduzieren. Nicht zuletzt aufgrund dieses sozialen Drucks haben viele Übergewichtige deshalb den dringenden Wunsch abzuspecken – und andere wollen erst gar nicht „zu dick“ werden.

Doch aus medizinischer Sicht ist Übergewicht nicht automatisch behandlungsbedürftig. Erst bei Adipositas oder schon etwas früher, wenn es Begleiterkrankungen gibt, wird Betroffenen empfohlen, etwas zu tun. Diabetes und Vorstufen von Diabetes, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Atemstörungen und Stoffwechselerkrankungen werden dann wahrscheinlicher, besonders bei Älteren.

Aber: Abnehmen ist gar nicht so leicht. Anja Hilbert, Professorin für Verhaltensmedizin und psychologische Leiterin der Adipositasambulanz der Universitätsklinik Leipzig, sagt: „Es ist sehr schwer, Gewicht zu verlieren und vor allem aber auch verlorenes Gewicht zu halten.“

Eine Revolution in der Behandlung

Vor Kurzem hat die europäische Arzneimittelagentur EMA ein Mittel mit dem Wirkstoff Semaglutid zugelassen. Diese Substanz hat das Zeug, die Behandlung von stark Übergewichtigen und Typ-2-Diabetikern zu revolutionieren.

In der zulassungsrelevanten Studie mit insgesamt 2000 Teilnehmern spritzte sich die eine Hälfte der Adipositas-Patienten 17 Monate lang einmal pro Woche den Wirkstoff. Die andere Hälfte bekam ein Placebo. Mit Wirkstoff verloren die Teilnehmer durchschnittlich 15 Prozent ihres Gewichts, was im Mittel 15 Kilogramm ausmachte. In der Placebo-Gruppe gelang das nur fünf Prozent.

Auch wenn nicht alle Probanden derart viel abnahmen: Mit Semaglutid verloren immerhin fast 87 Prozent der Adipositas-Patienten mindestens fünf Prozent ihres ursprünglichen Körpergewichts. In der Placebo-Gruppe waren es nur 32 Prozent.

Arznei statt Magen-OP

Das klingt vielversprechend. Doch was bedeutet das für die Adipositas-Therapie? Bei ihr stehen Verhaltensänderungen im Mittelpunkt. Extrem Übergewichtige lernen unter psychologischer Anleitung, wie sie ihre Ernährung und ihre Bewegungsgewohnheiten so umstellen können, dass sie weniger auf die Waage bringen und ihr Zielgewicht möglichst auf Dauer halten.

Das ist mühsam und anstrengend. Und oft erfolglos. Erst wenn das nicht anschlägt, kann man mit Medikamenten unterstützen. Bei starkem Übergewicht, das die Gesundheit bedroht, sind Magen-Operationen eine Möglichkeit. Dabei wird in der Regel ein Schlauchmagen geformt oder ein Bypass um den Magen geführt.

Nach solchen Eingriffen verlieren adipöse Menschen im Schnitt ein Viertel bis ein knappes Drittel ihres Gewichts. Dieser Effekt hält lange Zeit an, vor allem, wenn Verhaltenstherapeuten die Patienten auch nach der OP noch begleiten.

Als Ozempic bereits auf dem Markt

Medikamentös wurden bisher bei der Behandlung Mittel mit dem Wirkstoff Liraglutid eingesetzt. Liraglutid ist seit 2009 für Typ-2-Diabetiker zugelassen und seit 2016 bei Adipositas. Die neue Substanz Semaglutid stellt eine Weiterentwicklung von Liraglutid dar. Semaglutid wird vom Körper deutlich langsamer abgebaut.

Die Substanz stimuliert schon bei geringer Dosierung in der Bauchspeicheldrüse hormonelle Signale, die den Kohlenhydrat-Stoffwechsel regulieren. In höherer Konzentration besetzt es die Andockstellen im Nervensystem, die den Appetit steuern. Dadurch steigt das Sättigungsgefühl und die Hungerattacken nehmen ab.

Semaglutid findet sich bislang in zwei zugelassenen Arzneien. Unter dem Handelsnamen Ozempic wird es als Injektion in einem Fertigpen angeboten. Die Lösung enthält ein Milligramm des Wirkstoffs und ist in den Vereinigten Staaten als Ergänzung zu Ernährungs- und Bewegungstherapie für Menschen mit einem schlecht zu kontrollierenden Typ-2-Diabetes auf dem Markt.

Wegovy gibt es in Europa noch nicht

Unter dem Namen Wegovy hat es die EMA in Europa auch hier für die Adipositas-Therapie zugelassen. In Wegovy sind 2,4 Milligramm Semaglutid enthalten, also eine Dosis, die appetitregulierend wirkt.

Aber: Wegovy bekommt man in Europa noch gar nicht. Der Hersteller Novo Nordisk gibt als Grund Lieferschwierigkeiten an. Das hängt vermutlich auch mit der hohen Nachfrage in den USA zusammen. Dort hatten zuletzt mehrere Prominente, darunter Elon Musk, über ihre Abnehmerfolge mit Semaglutid berichtet.

Auf der Kurzvideo-Plattform TikTok wurden Videos zum Thema „Abnehmen mit Semaglutid“ mehrere 100 Millionen Mal geklickt. Dort verwenden die Nutzer Ozempic bereits als Synonym für den Wirkstoff Semaglutid – ähnlich wie es bei Aspirin oder Viagra der Fall ist. Der TikTok-Trend schwappt nun mit voller Wucht nach Deutschland.

So bestätigt Stephan Petersenn, Endokrinologe in Hamburg und Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Endokrinologie, in der „Pharmazeutischen Zeitung“, dass seine Patienten verstärkt nach der „Fett-weg-Spritze“ fragen.

Kein Abnehmmittel

Aus alldem zu schließen, Semaglutid wäre das ideale Abnehmmittel für alle, ist jedoch falsch. Nicht zuletzt deshalb, weil es noch gar nicht an Menschen mit leichtem Übergewicht getestet wurde. Welche Nebenwirkungen es bei denen haben kann, die nur ein paar Pfunde zu viel auf die Waage bringen, ist offen. Frauen in den USA berichten schon über Fettverlust im Gesicht, wenn sie stark abnehmen. Weil sie dadurch älter wirken, fragen sie verstärkt Schönheitsbehandlungen an.

Unklar ist außerdem, welche Effekte das Mittel hat, wenn es länger als 68 Wochen eingenommen wird. Ob jahrelanges Spritzen mehr Nutzen als Schaden bringt, hat niemand untersucht. Sicher ist: Der Effekt lässt nach dem Absetzen nach. Experten raten deshalb dazu, das Medikament als einen Baustein in der etablierten Adipositas-Therapie zu begreifen und nicht als Wundermittel.

Zumal die Brüsseler Arzneimittelbehörde EMA einige Risiken ausgemacht hat. Dazu gehört die Frage, ob Netzhautschäden im Auge, die bei Altersdiabetes vergleichsweise häufig sind, unter Semaglutid zunehmen. Hinweise gibt es zudem darauf, dass das Mittel in seltenen Fällen die Wahrscheinlichkeit für Bauchspeicheldrüsen- und Schilddrüsenkrebs anschieben könnte. Schwangere und Patienten mit Leberkomplikationen sollten den Wirkstoff vorsichtshalber gar nicht einsetzen.

Nebenwirkungen und wenig Wirkung

Studien an Mäusen legen nahe, dass Semaglutid bei Menschen mit vergleichsweise wenig Körperfett kaum wirkt. Je höher der Körperfettanteil der Tiere war, desto stärker der Abnehmeffekt – selbst wenn die Mäuse fetthaltige Nahrung zu sich nahmen. Das berichtet Timo Müller, Leiter der Abteilung Molekulare Pharmakologie am Institut für Diabetes und Adipositas des Helmholtz-Zentrums in München. Er arbeitet auch mit dem Hersteller der Semaglutid-Mittel zusammen.

Zu den bekannten Nebenwirkungen von Semaglutid zählen Übelkeit und Durchfall. Solche Komplikationen gab es vor allem, als die Probanden mit den Injektionen begannen; sie ließen nach einer Weile nach.

Ein Fortschritt im Vergleich zu früheren Wirkstoffen ist, dass derzeit nichts auf gehäufte Herz-Kreislauf-Schwierigkeiten hindeutet. Wegen solcher Nebenwirkungen wurden schon viele Appetitzügler wieder vom Markt genommen. Semaglutid markiert deshalb auch für viele Experten einen Wendepunkt in der Adipositas-Behandlung.

Lifestyle zahlen die Kassen nicht

Weitere Wirkstoffe, die bereits in den Vereinigten Staaten getestet werden, scheinen einen noch stärkeren Abnehmeffekt zu haben als Semaglutid. Sollten sie das Gewicht ähnlich weit herunterdrücken können wie eine Magen-Operation, würden diese Medikamente irgendwann sogar eine Alternative zu dem chirurgischen Eingriff sein.

Bleibt die Kostenfrage. Für den Gesetzgeber fällt das Medikament nämlich noch in die Kategorie Lifestyle. Obwohl starkes Übergewicht als behandlungsbedürftige Krankheit gilt, zahlen die Krankenkassen für die Fett-weg-Spritze nur ausnahmsweise etwa bei Patienten mit einem Diabetes. Deshalb müssen viele Abnehmwillige Semaglutid meist selbst finanzieren, sogar dann, wenn es ihnen ein Arzt verschreibt.

Das ist besonders problematisch, weil wer ohnehin schon wenig Geld hat, gleichzeitig das höchste Risiko trägt, übergewichtig zu werden.

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