Irak RHEINPFALZ Plus Artikel Der IS ist besiegt: Mossul erfindet sich neu

Die Al-Nuri-Moschee, wo das IS-Kalifat 2014 ausgerufen wurde, wurde von der Terrormiliz 2017 zerstört, nun läuft ihr Wiederaufba
Die Al-Nuri-Moschee, wo das IS-Kalifat 2014 ausgerufen wurde, wurde von der Terrormiliz 2017 zerstört, nun läuft ihr Wiederaufbau.

Über zwei Jahre lang herrschte der IS über die nordirakische Stadt. Nach dem Befreiungskrieg lag Mossul in Trümmern. Und nun: ein Ort voller Energie und Leben.

Aus Mossul berichtet Karin A. Wenger

„Hier ist er gestanden“, ruft Mustafa al-Ziwaney durch den Lärm der Bauarbeiten. Er zeigt auf eine leere Stelle auf dem steinigen Boden. Darum herum kreuzen sich Baugerüste, eine abgebrochene Gipssäule und Stützpfeiler, auf denen hoch oben eine pastellgrüne Kuppel ragt. Der 28-jährige Ingenieur macht ein paar Schritte in die Richtung, in die er eben zeigte: „Hier hat er seine Ansprache gehalten.“

Die Rede ist von Abu Bakr al-Baghdadi, dem Anführer des Islamischen Staats, kurz: IS. Vor gut zehn Jahren schritt der Dschihadist in schwarzer Robe auf die Stelle zu, wo Ziwaney nun steht. Al-Baghdadi stieg auf die Kanzel empor, die damals noch da war. Sie gehörte zur Nuri-Moschee, die mitten in der Altstadt von Mosul thronte. Der füllige Mann mit langem, grauem Bart und einer teuren Uhr am Handgelenk rief sich zum Kalifen aus. Auf dem Höhepunkt seiner Macht sollte der IS ein Territorium kontrollieren, das ein Drittel von Irak und Syrien umfasste.

Auch der damals 18-jährige Ziwaney hörte die Rede – er schaute sie wenige Kilometer von der Nuri-Moschee entfernt bei sich zu Hause im Fernsehen. Als die Extremisten drei Wochen zuvor ihre schwarzen Flaggen in der nordirakischen Stadt Mosul gehisst hatten, hätte Ziwaney gerade seine Abschlussprüfungen schreiben sollen, um danach an die Universität zu gehen. Doch stattdessen begann für ihn und eineinhalb Millionen Zivilisten eine finstere Zeit. Erst nach über zwei Jahren brutaler Herrschaft des IS rückten die irakische Armee und eine internationale Koalition an, um Mosul zu befreien. Am Ende des Befreiungskrieges war die Altstadt eine Gerölllandschaft, eingehüllt in den beißenden Gestank von Leichen.

Schon vor dem Terrorregime des IS war Ziwaneys Leben durch kriegerische Konflikte geprägt gewesen. Er wuchs auf in einem Land, das unter Sanktionen litt, die westliche Länder als Strafe für Iraks Angriff auf die Golfmonarchie Kuwait verhängt hatten. 2003, als Ziwaney die Schule begann, marschierten amerikanische Truppen ein, um den Langzeitdiktator Saddam Hussein zu stürzen. Das Land kippte ins Chaos, und ein blutiger Bürgerkrieg brach aus.

Ingenieur Mustafa al-Ziwaney arbeitet am Wiederaufbau der Al-Nuri-Moschee.
Ingenieur Mustafa al-Ziwaney arbeitet am Wiederaufbau der Al-Nuri-Moschee.

Bereits als Jugendlicher habe er regelmäßig das Knallen von Autobomben und Sprengfallen gehört, sagt Ziwaney. In Mossul herrschte nach dem Ende der Saddam-Ära Willkür: Der irakische Ableger der Terrorgruppe Al-Qaida, aus dem der IS dann entstand, agierte ähnlich einer Mafia, sie entführte, erzwang Schutzgelder und infiltrierte lokale Behörden.

An die Machtübernahme durch den IS erinnert sich Ziwaney nur zu gut. Er sah, wie die irakische Armee von ihren Posten flüchtete, anstatt gegen die Islamisten zu kämpfen. „Es passierte so schnell wie in einem Film“, erzählt er.

Mehrere Hunderttausend der zwei Millionen Einwohner flüchteten vor dem IS aus Mossul. Ziwaneys Vater, der Autoreifen und -batterien verkaufte, entschied sich allerdings dagegen – wie viele andere ohne Staatsjob mit garantiertem Einkommen. „Wären wir in eine andere Stadt geflohen, hätten wir bei null anfangen müssen“, erzählt Ziwaney an diesem Tag auf der Baustelle der Nuri-Moschee.

Religiöse Diktatur

Seine Arme sind braun gebrannt bis auf einen hellen Strich unter dem verrutschten Ärmel des T-Shirts. Er steht oft in der glühenden Sonne des Sommers, denn er ist einer der Verantwortlichen der Baustelle, auf der die Unesco mit emiratischen Geldern die Nuri-Moschee wieder aufbaut.

Der IS schuf in Mossul einen straff geführten Staat. An Straßen-Checkpoints außerhalb der Stadt stellten sie Willkommensschilder auf: „Der Islamische Staat: ein Kalifat in Übereinstimmung mit der Lehre des Propheten.“ Die Islamisten veröffentlichten eine Verfassung der Stadt mit 16 Paragrafen, gaben Autoschilder heraus und druckten neue Schulbücher, die die Kinder im Mathematikunterricht lehrten, Munition zu zählen. Frauen mussten sich mit schwarzen Kleidern komplett verhüllen, Männer einen Bart tragen. Absatzschuhe und Zigaretten waren verboten.

Bart ab

Je länger die Herrschaft dauerte, desto harscher wurde der IS: Er begann, Satellitenschüsseln zu konfiszieren, und verbot, SIM-Karten zu besitzen, um den Zugang zur Welt abzuschneiden. Auf den Straßen patrouillierte die Hisba, eine Sittenpolizei. Mossul wurde zu einem Freiluftgefängnis. Ziwaney, der zu Beginn noch in einem kleinen Elektronikladen Arbeit fand, kann besonders die rohe Gewalt nicht vergessen, die der IS ausübte. Die Extremisten hätten die Bewohner nicht gezwungen, den Hinrichtungen zuzusehen, aber wenn sie Leute auf den Straßen versammelten, habe er sich nicht getraut zu widersprechen. „Ich habe alles gesehen, von brennenden Leichen bis zu ertrunkenen Opfern – und alle Abstufungen dazwischen. Du gewöhnst dich nicht daran, aber du stumpfst ab.“

Nicht nur Menschen, auch Dutzende Bauten galten dem IS als ketzerisch. Mossul war einst ein Wirtschaftszentrum an der alten Seidenstraße mit einer achttausendjährigen Geschichte. Die Islamisten sprengten jahrhundertealte Kirchen und Schreine, sie wüteten in historischen Museen und Bibliotheken mit antiken Manuskripten. „Ich fühlte mich, als würde unsere Identität ausgelöscht. Das klingt wie ein Klischee, aber es ist wirklich wahr“, sagt Ziwaney. „Wir verloren unsere Identität Stück für Stück.“

Familie versteckt sich

Am 16. Oktober 2016 begann, was US-Beamte später als eine der heftigsten innerstädtischen Schlachten seit dem Zweiten Weltkrieg bezeichneten. Die irakische Armee, kurdische Peschmerga-Kämpfer aus dem Nordirak sowie schiitische Milizen rückten am Boden vor, aus der Luft unterstützte sie eine von den USA angeführte internationale Koalition. Die Kriegsführung prägte, wie Mossul bis heute aussieht. Mitten durch die Stadt fließt der Tigris. Im östlichen Teil Mossuls kam das Militär schnell voran und erreichte das rechte Flussufer bereits Anfang 2017. Dort harrte auch Mustafa al-Ziwaney mit seiner Familie aus.

In den ersten Tagen in Freiheit rasierte er sich den Bart ab. Allerdings ließ er einen Zentimeter Gesichtshaar, weil er Angst hatte, der IS kehre zurück. Wie alle Männer in Mossul musste er sich Sicherheitschecks der irakischen Behörden unterziehen. Jeder galt erst mal grundsätzlich als verdächtig.

Während Ziwaneys Familie ihr Haus reparierte, führte das Militär auf der anderen Seite des Flusses einen zermürbenden Häuserkampf in den engen Gässchen der Altstadt. „Es war seltsam, wir versuchten, so schnell wie möglich wieder ein normales Leben zu führen. Und auf der anderen Seite bombardierten sie weiter“, sagt Ziwaney.

Zerstörtes Gotteshaus

Kurz vor dem Ende, als der IS eingekesselt war, sprengte die Terrormiliz die Nuri-Moschee und das dazugehörige Minarett, das bis dahin schief in die Höhe ragte und das Wahrzeichen Mossuls war. Vermutlich, um zu verhindern, dass die Armee den Sieg über diesen symbolträchtigen Ort feiern konnte. Viele Menschen in Mossul sagen, sie hätten geweint, als sie sahen, wie das Minarett eingestürzt sei.

Im Juli 2017, nach neun Monaten Krieg, erklärte die irakische Armee die vollständige Befreiung von Mossul. In der Altstadt gab es damals kaum mehr ein Haus, das noch aus allen vier Wänden bestand. Nicht nur die Armee, auch die Zivilbevölkerung hatte viele Todesopfer zu beklagen. Die USA übernahmen die Verantwortung für 352 getötete Zivilisten, doch laut der Organisation Airwars gehen lokale Schätzung davon aus, dass bis zu 9000 Einwohner im Krieg getötet wurden. Wie viele davon durch Luft-, Artillerieangriffe oder IS-Geschosse, konnte nie geklärt werden. Monatelang blieben Leichen in der Altstadt in den Trümmern liegen.

 Die Krankenschwester Surur al-Husseini begrub viele Tote des Kampfs gegen den IS, um den Menschen beim Abschluss mit dieser Zei
Die Krankenschwester Surur al-Husseini begrub viele Tote des Kampfs gegen den IS, um den Menschen beim Abschluss mit dieser Zeit zu helfen.

Es war die heute 29-jährige Surur al-Husseini, die ihnen schließlich die letzte Ruhe brachte. Die Krankenschwester, die in den letzten Kriegsmonaten in einem Feldlazarett Verwundete gepflegt hatte, gehört zu den bekanntesten Aktivistinnen von Mossul. Sie leitete eine Gruppe Freiwilliger, die in der zerstörten Altstadt Leichen aus dem Schutt buddelten. Manche waren verkohlt, andere zerstückelt. Husseini konnte den Gedanken nicht ertragen, dass hier Tote verwesen. Sie weiß, wie schwer es ist, abzuschließen: Während des Kriegs hat sie ihre eigene kleine Schwester nach einem Luftangriff tot geborgen. „Ich dachte oft an sie, wenn ich Personen einsammelte, besonders wenn es Kinder waren.“ Auf ihrem Telefon zeigt Husseini Fotos, wie sie eingehüllt in weiße Schutzkleidung in eingefallenen Häusern nach Toten sucht. Auf einem Bild trägt sie eine nicht explodierte Mine aus einem Haus heraus. „Wenn ich heute diese Fotos sehe, frage ich mich: War ich verrückt?“, sagt sie und lacht. „Ich würde es nicht nochmals tun.“

Mossuls Straßen und Brücken wurden über die Jahre wieder aufgebaut. Die Spitäler seien bis heute in einem miserablen Zustand, kritisiert Husseini, die in einem der öffentlichen Krankenhäuser arbeitet. Andere Einwohner sähen es gerne, dass der Flughafen endlich wieder eröffnet würde. Der Staat tue zu wenig, hört man oft, und immer wieder fällt der Verdacht, Gelder würden hinterzogen – was nicht überrascht bei Iraks Behörden, die von Korruption zersetzt sind.

Internationale Hilfe

Wie oft in Staaten mit Politikern, die sich mehr für interne Machtkämpfe und Clans als für die allgemeine Bevölkerung interessieren, sprang eine ganze Reihe Hilfsorganisationen ein. Die Unesco lancierte in Mossul ein Multimillionen-Projekt. Sie bildete lokale Arbeiter aus, die zusammen mit ausländischen Expertenteams historische Gebäude wieder aufbauen. Auf der Baustelle der Nuri-Moschee stabilisierten sie, was stehen geblieben war, und sie retteten Zehntausende Ziegelsteine, Säulenbruchstücke und Dekorationen aus dem Schutt. Die Originalsteine sollen, soweit möglich, wiederverwendet werden.

Zum Projekt der Unesco gehört auch der Wiederaufbau von zwei wichtigen Kirchen. 200 Meter die Straße herunter von der Nuri-Moschee entfernt, fangen die beigen Mauern der römisch-katholischen Kirche al-Saa’a das Sonnenlicht auf. Die zweite ist die syrisch-katholische Kirche al-Tahira, ebenfalls in der Altstadt. Nach dem Befreiungskrieg standen nicht einmal mehr alle Grundmauern. Im Juni noch riecht es in der Kirche nach frischem Zement, und hoch oben in der Kuppel hallen die Stimmen der Konstrukteure, die auf Gerüsten arbeiten. Im Innenhof bricht die Bauingenieurin Juan Saad, 30, die Füllung aus Löchern heraus, mit denen die Originalsäulen verputzt wurden. „Sie müssen neu gefüllt werden, es ist zu wenig stabil“, sagt sie. Draußen brauche es eine andere Mischung als drinnen.

Arm, aber frei

Ein paar Monate später schon, im Herbst wird, die Kirche fertig sein. „Es bedeutet viel für mich, eine Kirche zu rekonstruieren“, sagt die Muslima Saad. Mossul war jahrhundertelang eine der vielfältigsten Städte im Irak. An der Universität war Saad eng mit einer Christin befreundet: „Alle dachten, wir wären Schwestern, weil wir ähnliche Augen haben.“ Jetzt lebt ihre Freundin in einer Gemeinde außerhalb von Mossul. „Wir arbeiten hier, damit die Christen zurückkommen. Sie sind ein Teil von Mossul, sie sind ein Teil von uns“, sagt Saad.

Mossul ist heute eine Stadt, die lebt und leben will. Wie schon vor dem Krieg leiden Menschen unter Armut, bei roten Ampeln verkaufen Kinder Süßigkeiten durchs Autofenster. Aber die Menschen genießen auch, sitzen in gemischten Gruppen in Cafés, rauchen Shisha an der Uferpromenade, es gibt Alkoholläden. Boote mit neongrellen Lichtern und wummernden arabischen Pop-Songs fahren abends über den Tigris. Mustafa al-Ziwaney sagt, vielleicht wollten die Menschen die Jahre wettmachen, die sie unter dem IS verloren hätten.

Die eingefallenen Häuser der Altstadt bleiben die letzte optisch markante Erinnerung an den Krieg. Wenig sichtbar, aber dennoch groß sind die seelischen Narben. Krankenschwester Surur al-Husseini sagt, sie treffe oft traumatisierte Menschen, doch im Irak sei es verpönt, in Therapie zu gehen. „Die Menschen hier sehen sehr viel älter aus, als sie sind“, sagt sie. Und doch, es ist eben auch Erleichterung spürbar. Egal, mit wem man hier spricht, irgendwann fällt dieser Satz: Die Hauptsache sei, dass die Stadt nun sicher sei. Jene, die Böses wollten, seien weg.

Mitarbeit vor Ort: Alaa Mohammed

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