Fußball
Der Fall Kuntz und die Folgen: Ist „Me too“ in der Bundesliga angekommen?
Der Sündenfall ereignet sich vor den Augen einer Weltöffentlichkeit. Nachdem Spaniens Fußballfrauen im August 2023 in Sydney mit einem 1:0 gegen England den ersten WM-Titel ihrer Geschichte errungen haben, versucht Verbandsboss Luis Rubiales bei der Siegerehrung, die Spielerin Jennifer Hermoso auf den Mund zu küssen – und packt sie dabei mit beiden Händen am Kopf. Natürlich gegen ihren Willen. „Ich wollte den Kuss nicht“, sagt Hermoso kurz nach dem Vorfall. „Aber was sollte ich machen?“
Es ist der Moment, in dem die „Me-too“-Debatte mit voller Wucht im Fußball aufschlägt. Zumal sich Rubiales trotz einer Welle der Entrüstung zunächst weigert, nach dem Eklat zurücktreten, sich als Opfer einer „feministischen Kampagne“ inszeniert. Erst einen knappen Monat später beugt sich der Funktionär dem Druck und stellt sein Amt zur Verfügung. Die juristische Aufarbeitung des Skandals endet im Juni 2025, als Rubiales in einem Berufungsverfahren zu einer Geldstrafe von 10.800 Euro verurteilt wird. Außerdem wird ihm verboten, sich der Fußballerin für ein Jahr im Umkreis von 200 Metern zu nähern. Es habe sich um einen „sexuellen Übergriff“ gehandelt, stellt das Gericht fest.
Der Begriff „Me too“ (Englisch für „Ich auch“) geht auf die Aktivistin Tarana Burke zurück und wurde 2017 durch die Schauspielerin Alyssa Milano populär. Die Bewegung will betroffene Frauen ermutigen, mit öffentlichen Beiträgen auf das Ausmaß sexueller Belästigung aufmerksam zu machen. Auslöser waren die Übergriffe des amerikanischen Filmproduzenten Harvey Weinstein, der wegen diverser Sexualstraftaten zu einer langen Haftstrafe verurteilt worden ist.
An einem nasskalten Dezembertag betritt „Me too“ auch die Bühne der Bundesliga. Stefan Kuntz sitzt an seinem Schreibtisch auf der Geschäftsstelle des Hamburger SV, als zwei Aufsichtsräte des Vereins das Büro betreten. „Da habe ich gedacht: Ah, jetzt kommen die, um endlich meinen Vertrag zu verlängern“, sagt der frühere Stürmer und Vorstandsvorsitzende des 1. FC Kaiserslautern der „Süddeutschen Zeitung“ (SZ).
Doch was Kuntz, der den HSV als Manager im Sommer 2025 nach vielen Fehlschlägen zurück in die Bundesliga geführt hat, zu hören bekommt, soll stattdessen in einen Skandal münden, der den Klub erschüttert. Und der eine Debatte auslöst, wie weit der Profifußball schon ist, wenn es um das Thema sexualisierter Übergriffe geht.
Die Aufsichtsräte eröffnen dem 63-Jährigen, dass der HSV sich von ihm trennen möchte. Als Gründe nennen die Vereinsvertreter, grob zusammengefasst, angeblich schwerwiegendes Fehlverhalten, angebliche Berührungen und Äußerungen des Geschäftsführers gegenüber Mitarbeiterinnen. Das erste Kapitel in einer Geschichte, die noch etliche Volten schlagen soll.
Die Ultras haben den Rassismus zumindest weitgehend vertrieben
Der Fußball als beliebteste Sportart des Landes, als „letztes Lagerfeuer“ (Ex-DFB-Präsident Fritz Keller), bildet immer auch die gesellschaftlichen Veränderungen ab. Nachdem in den 80er- und 90er-Jahren dunkelhäutige Spieler noch regelmäßig mit Affenlauten in den Stadien beleidigt wurden, beseitigte der Siegeszug der Ultras in den Kurven zumindest weitgehend auch den früher fast alltäglichen Rassismus. Ein wenig schwerer tut sich der Fußball weiterhin mit dem Thema Homophobie. Denn während schwule Außenminister und lesbische Schauspielerinnen schon seit geraumer Zeit (zum Glück!) für keinerlei Aufregung mehr sorgen, ist das Outing eines schwulen Profis während seiner Karriere bisher die Ausnahme geblieben. Auch beim Thema sexualisierte Gewalt wirkt es so, als ob die in den Führungsetagen männerdominierte kickende Branche Nachholbedarf hat.
An der Sache Kuntz soll dieses Defizit nun offensichtlich verhandelt werden. Dabei ist ungeklärt, ob die Vorgänge überhaupt als erster „Me-too“-Fall der Bundesliga taugen. Es steht Aussage gegen Aussage, es gibt zwei Wahrheiten, und es gilt wie immer die Unschuldsvermutung.
Ein Statement, das einer Vorverurteilung gleicht
Am 2. Januar gehen die Hamburger mit einer überraschenden Pressemitteilung an die Öffentlichkeit. Wegen „familiärer Gründe“ habe Kuntz um eine „sofortige Beendigung seiner Tätigkeit“ gebeten. Diese Version glaubt die Öffentlichkeit bis zum 11. Januar, als die „Bild“-Zeitung in großen Buchstaben titelt: „Vorwurf: Sexuelle Belästigung! Darum musste Kuntz gehen“. Das Thema ist spätestens nach einer Reaktion von Kuntz auf die Berichterstattung bei Instagram nicht mehr einzufangen. „Erst einmal möchte ich sagen, dass mich die Vorwürfe hart treffen. Klar ist: Ich weise diese Vorwürfe entschieden zurück!“, schreibt der gebürtige Saarländer. Nun ist öffentlich, was niemals öffentlich hätte werden sollen.
Der HSV-Aufsichtsrat veröffentlicht daraufhin ein Statement, das einer Vorverurteilung von Kuntz gleicht. Im Dezember 2025 seien Vorwürfe eines „schwerwiegenden Fehlverhaltens“ an das Kontrollgremium herangetragen worden. „Nach sorgfältiger Prüfung und der Erkenntnis, dass die Vorwürfe glaubhaft sind“, habe der Aufsichtsrat entschieden, „eine schnellstmögliche Trennung von dem Vorstandsmitglied anzustreben“. Der Klub hatte, nachdem er Kenntnis von den Anschuldigungen erlangte, laut HSV-Angaben eine Rechtsanwaltskanzlei mit einer Compliance-Untersuchung der Vorwürfe beauftragt.
Am 18. Dezember kommt es zum Showdown in Kuntz’ Büro. Die Konfusion in der Angelegenheit wird noch gesteigert durch eine am 12. Dezember von Kuntz gestellte Strafanzeige gegen unbekannt wegen Stalkings, die der Manager Mitte Januar wieder zurückzieht. Wer die Wahrheit sagt, bleibt offen, die Anwälte haben übernommen.
Der renommierte Würzburger Sportwissenschaftler Harald Lange forscht seit Jahren zum Spannungsfeld zwischen Profifußball, Fans, Politik und Gesellschaft. „Grundsätzlich ist der Fußball hinsichtlich seines Wertekorsetts ein autonomes System, das nach eigenen Regeln funktioniert. Das hat sich in den vergangenen Jahren allerdings verändert. Es hat ein Prozess begonnen, dass im Fußball ähnliche moralische Standards gelten wie im Rest der Gesellschaft“, sagt Lange dieser Zeitung.
Aufseiten von Teilen der Funktionärsriege gebe es allerdings Widerstände gegen diese Entwicklung, hier wolle man den Fußball als eigenen Kosmos verteidigen. Der Druck komme aus der Kurve. „Die Fans verkörpern das moralische Gewissen des Fußballs. Manchmal hat man den Eindruck, dass ohne eine derart kritische und aufgeklärte Fankultur bestimmte Entscheidungen in eine andere Richtung laufen würden“, sagt Lange.
Auch die HSV-Ultras positionieren sich kurz nach Bekanntwerden der Vorwürfe gegen Aufstiegsmacher Kuntz deutlich: „Ob Block oder Vorstandsflur: kein Platz für Übergriffe in unserem Verein“, ist auf einem Banner beim Heimspiel gegen Mönchengladbach zu lesen.
Mit Protestaktionen hatten zuvor die organisierten Fans des FC Bayern verhindert, dass ihr ehemaliger Spieler Jérôme Boateng als Trainer beim Rekordmeister hospitieren darf. Der Weltmeister von 2014 war vom Landgericht München im Juli 2024 wegen vorsätzlicher Körperverletzung gegen eine Ex-Freundin zu einer Verwarnung mit Strafvorbehalt verurteilt worden. Er gilt damit als nicht vorbestraft. „Auch an diesem Fall erkennt man, dass das System kippt. Vereinsvorstände müssen mittlerweile extrem sensibel mit dem Thema ,Me too’ umgehen“, sagt Lange.
„Familiäre Gründe“ sind Makulatur
Zurück zum Fall Kuntz. Der frühere U-21-Nationaltrainer verteidigt sich am 6. Februar in einer großen Geschichte in der „Süddeutschen Zeitung“. Der Kampf um die Deutungshoheit ist längst voll entbrannt. Es gehe darum, „was glaubhaft ist: Stefan Kuntz’ Beteuerung, zwar hemdsärmelig unterwegs, aber niemals sexuell belästigend gewesen zu sein – oder die Untersuchung des HSV, die schnell und zielstrebig zur Trennung von Kuntz führte“, schreibt das Blatt.
Mit den Enthüllungen ist nur eines klar: Die Pressemitteilung vom 2. Januar, in der „familiäre Gründe“ für die Trennung angegeben werden, ist eine Schutzbehauptung. Für dieses Manöver kann man Gründe finden: Der HSV hätte mit der angestrebten Lösung keine schlagzeilenträchtige Nebenbaustelle aufgemacht, die dem Klub womöglich sportlich im Abstiegskampf geschadet hätte. Kuntz wiederum wäre unbeschadet aus der heiklen Angelegenheit herausgekommen und hätte den nächsten Job annehmen können.
Der Plan, die Affäre unter den Teppich zu kehren, ist gescheitert, was Fußballforscher Lange nicht wundert. „Jedes Bemühen um Intransparenz wird es im Fußball der Zukunft schwer haben“, sagt er. „Das ist nicht mehr zeitgemäß. Weil: In dem Moment, in dem so etwas herauskommt, wird es denen, die es im Hinterzimmer aushandeln wollten, auf die Füße fallen.“
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Dieser Artikel stammt aus der RHEINPFALZ am SONNTAG, der Wochenzeitung der RHEINPFALZ. Digital lesen Sie die vollständige Ausgabe bereits samstags im E-Paper in der RHEINPFALZ-App (Android, iOS). Sonntags ab 5 Uhr erhalten Sie dort eine aktualisierte Version mit den Nachrichten vom Samstag aus der Pfalz, Deutschland und der Welt sowie besonders ausführlich vom Sport.