Kirchen
Der Architekt Gottes: Barcelona krönt Gaudís Lebenswerk
Die „Unvollendete“, ein oft fotografiertes Wahrzeichen der Stadt, sieht nach mehr als 140 Jahren Bauzeit ihrer Vollendung entgegen. Am 10. Juni 2026 feiert Barcelona die Fertigstellung und Weihe des Christus-Turms an der Basilika Sagrada Família. Der letzte von 18 Türmen gilt mit 172,5 Metern nun als weltweit höchster Kirchturm und übertrifft den Turm des Ulmer Münsters, der bislang mit 161,5 Metern den Rekord hielt. Die Spitze der katalanischen Kathedrale bildet ein großes Kreuz. Es stammt vom Fassadenbau-Spezialisten Gartner aus Bayern und misst als begehbare Konstruktion aus Stahl und Glas 17 Meter.
Die Weihe des Turms am 10. Juni durch Papst Leo XIV. bedeutet auch eine Ehrung Antoni Gaudís, des Architekten und Baumeisters der Sagrada Família. Das Datum markiert den hundertsten Todestag des Gesamtkünstlers, der in Barcelona einige begehbare Kunstwerke – man kann sie auch als Stadtpaläste bezeichnen – hinterlassen hat. Sieben davon zählen inzwischen zum Unesco-Welterbe, so auch die Geburtsfassade und die Krypta der Sagrada Família.
Die Kirche – sein Herzensprojekt
Dem Bau dieses großen Gotteshauses widmete Gaudí fast sein ganzes Berufsleben. Am 25. Juni 1852 in Rios bei Tarragona als Sohn eines Kupferschmieds geboren, begann er 1869 in Barcelona ein Studium der Naturwissenschaften. Sein Wechsel von 1873 in die damals gerade gegründete Escola d’Arquitectura bedeutete nicht etwa eine Abkehr von seinem wachen Interesse an der Natur. Es war eher eine Horizonterweiterung und die bald sichtbar werdende Absicht, die Natur als Lehrmeisterin des Bauens zu nutzen.
Schon sechs Jahre nach seinem Examen, das er 1877 an der Architekturhochschule ablegte, wurden ihm die Planung und die Bauleitung für die Sagrada Família übertragen. Der damals einunddreißig Jahre junge Gaudí hatte seine Hauptwerke noch vor sich, setzte aber den Bau dieser Kirche, damals am Stadtrand von Barcelona gelegen, zunehmend in den Mittelpunkt seines Schaffens. Dabei wirkte es hinsichtlich der Baufortschritte erschwerend, dass die Finanzierung des Baus der Sühnekirche nach Vorgaben des Trägervereins ausschließlich durch Spenden – später auch durch Eintrittsgelder – ermöglicht wurde. Vor allem deshalb ließ sich bis zum Tod Gaudís im Jahr 1926 nur wenig von dem großangelegten Projekt realisieren. Die Krypta war vollständig fertig. Sie wurde zur Grablege für Gaudí. Auch die Apsis war weitgehend errichtet. Die Geburtsfassade war in Teilen ausgeführt und hatte einen ihrer vier Türme. 2010 weihte Papst Benedikt die Kathedrale. Komplett fertiggestellt war sie damals allerdings noch nicht.
Nachdem seine wenigen Freunde und Förderer zehn Jahre vor ihm gestorben waren, hatte Gaudí eine Baubude neben der Sagrada Família zu seinem Zuhause gemacht. Er schlief auf einem einfachen Bettgestell zwischen Gipsmodellen, Tisch und Betpult. Und er muss alles dafür getan haben, an dem Bauwerk Fortschritte zu erzielen. Der Erlös für den Verkauf des elterlichen Besitzes, einer traditionsreichen Werkstatt, ging in den Kirchenbau. Wie Robert Hughes in seiner großen Barcelona-Monografie „Stadt der Wunder“ darstellt, mied Gaudí, um Geld zu sparen, in seinen letzten zehn Lebensjahren Cafés, Restaurants oder Theater. Er begnügte sich mit etwas Brot und Gemüse. Befragt, wie er als erfolgreicher Mann, der große Stadtpaläste gestaltet hat, so leben könne, habe er geantwortet: „Die Eleganz ist die Schwester der Armut. Und niemand sollte Armut mit Elend verwechseln.“
Seine Architektur wirkt märchenhaft
So ist es auch nicht verwunderlich, dass Passanten ihn, als er am 7. Juni 1926 bei einem abendlichen Stadtspaziergang von einer Straßenbahn erfasst und schwer verletzt worden war, für einen mittellosen Alten hielten. Man brachte ihn in ein Armenhospital, wo seine Identität erst einen Tag später bekannt wurde. Das Angebot der Verlegung in ein besser ausgestattetes Krankenhaus lehnte Gaudí ab. Er starb am 10. Juni 1926 und wurde zwei Tage später in der Krypta der Sagrada Família beigesetzt. Eine große Trauergemeinde zeugte von der Anerkennung des Mannes, der als menschenscheu und kauzig galt.
Im Gegensatz zur Persönlichkeit Gaudís, die als „schroff, karg und zurückhaltend“ überliefert ist, strahlen seine Bauwerke in Barcelona Opulenz, Überschwang und märchenhafte Fantasie aus. Dafür wurden Stadtpaläste wie die Casa Milà, die Casa Batlló oder der Palau Güell in das Unesco-Welterbe aufgenommen. Ein Besuch beeindruckt in vielfacher Hinsicht; umso mehr, wenn man sich etwas darauf vorbereitet. Es empfiehlt sich dabei auch, Onlinetickets zu buchen und so langes Anstehen in Besucherschlangen zu umgehen. Aber auch über praktische Fragen hinaus bringt einem ein Besuch mehr, wenn man sich zuvor etwas mit Gaudís Gestaltungsprinzipien vertraut macht.
Mit der Casa Milà, 1912 fertiggestellt, zeigt sich am Prachtboulevard Passeig de Gràcia das wohl bedeutendste von Gaudí errichtete Privathaus. An Stühlen, Türgriffen, Sesseln und Schränken wird hier sichtbar, dass der Architekt auch als Designer und Möbelbauer wirkte. Die zumeist vielbevölkerte Dachterrasse zeigt sich als gewellte Fantasielandschaft, in der Schornsteine und Lüftungsschächte wie Wächter das Geschehen beobachten. Von Ende Mai bis Juli lassen sich hier oben stimmungsvolle Jazzkonzertabende erleben. Im Dachgeschoss, eigentlich ein großer Speicherraum, präsentiert ein Gaudí-Museum Leben und Werk des Architekten, vor allem aber auch eindrucksvolle Modelle, an denen die Arbeitsweise Gaudís gut nachvollziehbar wird. Eine originalgetreu eingerichtete Etage vermittelt die Wohnkultur gut betuchter Familien im Barcelona des frühen 20. Jahrhunderts.
Die Natur war sein Lehrmeister
Fast gegenüber, am Passeig de Gràcia, ein paar Meter stadteinwärts, findet sich mit der Casa Batlló der nächste Prachtbau von Gaudí, nur wenige Jahre älter als die Casa Milà und 1984 ebenfalls als Teil des Unesco-Welterbes geadelt. Es ist von außen schon so detailreich und schön, dass man sich den kostspieligen Eintritt (ab 25 €) auch sparen kann.
Schließlich sollte man auf einer Erkundungstour zu Antoni Gaudí auch die Wege zum Palau Güell und zum Park Güell nicht scheuen. Beide verbinden sich mit Eusebi Güell, dem Förderer und Freund des Architekten. Das Stadtpalais der Familie Güell liegt zentral bei den hafennahen Rambles, der Park etwas außerhalb.
Antoni Gaudí war schon im Kindesalter durch Rheuma beeinträchtigt und in die Rolle eines Außenseiters gedrängt. Die ärztlich empfohlenen regelmäßigen Spaziergänge ließen ihn früh Mitglied des „Centre Excursionista de Catalunya“ werden. Bei den zahlreichen Ausflügen dieses katalanischen Wandervereins wurde er zum genauen Beobachter und Bewunderer der Natur sowie zu einem Kenner der Geschichte seiner Heimat. Die Natur, meinte er später, sei ein „großes, aufgeschlagenes Buch. Und wir sollten uns zwingen, darin zu lesen“. Er formte eine Vielzahl seiner Beobachtungen mit Holz, Stein, Glasabfällen und Keramikschrott zu Figuren, Ornamenten, Sockeln und Säulen.
Schon in jungen Jahren soll er auf die Frage nach seinen Vorbildern geantwortet haben: „Ein aufrechter Baum; er trägt Äste und diese die Zweige und diese die Blätter. Und jedes einzelne Teil wächst harmonisch, großartig, seit der Künstler Gott selbst ihn geschaffen hat. Dieser Baum braucht keine äußere Hilfe. Alle Dinge sind in sich ausbalanciert.“ Wer sich die Fassaden, die Säulen, die Raumdecken und die Gestaltungselemente an Gaudís Gebäuden ansieht, findet diese Naturverbundenheit sofort wieder. Der Weg vom Jugendlichen zum Erwachsenen bedeutete für Gaudí nicht nur eine zunehmende Eigenwilligkeit in seiner Architektursprache, sondern auch eine zunehmende Verinnerlichung.
Jedes Kind kennt Gaudí
Mit Gaudí starb vor hundert Jahren eine Art Märchenfigur. In Barcelona gehörte er als nationalbewusster Katalane und Architekt schon bald nach seinem Tod zum Unterrichtsstoff in den Schulen. Es ist ein passendes Bild, wenn sich heute ein älterer Bewohner der Altstadt Barcelonas erinnert: „Natürlich wussten wir als Halbwüchsige in den 1960er-Jahren, wer Gaudí war. Die Sagrada Família gehörte bei uns zur Heimatkunde. Und die Türme der Kirche konnten wir am Strand prima nachbauen. Wir drückten nassen Sand durch unsere kleinen Fäuste und ließen ihn schlangenartig auf den Boden tropfen, bis kleine Türme daraus wurden. Das sah dann so ähnlich aus wie die Türme an der berühmten Kirche.“
Außerhalb Kataloniens begann man erst in den Sechzigerjahren, Gaudí und seine Werke zu beachten. Lange zog die Fachwelt den kühlen Funktionalismus des Bauhaus-Stils der betonten Ornamentik des katalanischen Jugendstils vor. Erst eine Gaudí-Ausstellung im Museum of Modern Art in New York im Jahr 1957 brachte Gaudí internationale Aufmerksamkeit und wenig später den Eintrag in die Bücher der Architekturgeschichte.
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Dieser Artikel stammt aus der RHEINPFALZ am SONNTAG, der Wochenzeitung der RHEINPFALZ. Digital lesen Sie die vollständige Ausgabe bereits samstags im E-Paper in der RHEINPFALZ-App (Android, iOS). Sonntags ab 5 Uhr erhalten Sie dort eine aktualisierte Version mit den Nachrichten vom Samstag aus der Pfalz, Deutschland und der Welt sowie besonders ausführlich vom Sport.