Beweger
Der Aktenkoffer, die Superwaffe
Er hat sie bei vielen Terminen dabei, sie begleitet ihn ins Ausland und in den Urlaub – die Aktentasche von Bundeskanzler Olaf Scholz. Das Accessoire beflügelt die Fantasie vieler Journalisten. „Sie misst 40 mal 34 Zentimeter und hat zwei Schnallen aus Metall, das schwarze Leder weist Gebrauchsspuren auf. Patina, so nennt es der Kanzler. Abgewetzt, so würden andere sagen. Olaf Scholz jedenfalls findet, sie werde von Tag zu Tag schöner“, schrieb zum Beispiel der „Spiegel“.
Die „Süddeutsche Zeitung“ vermerkte dagegen, die Tasche sehe „so verbeult wie nach einer Detonation“ aus und enthalte gemäß Kanzler-Auskunft seine „Lesebrille, Tageszeitungen und natürlich Akten“. Informierten Kreisen zufolge transportiert der Kanzler in der Tasche aber keine belegten Brötchen und auch keine Thermoskanne voll heißem Kaffee.
Der Kanzler steht mit seiner Aktentasche in einer großen Tradition. Schon die Römer kennen ein rechteckiges Stück aus Leder, das mit einem Gurt über der Schulter getragen wird. Die Tasche enthält damals allerdings keine Akten, sondern Nahrung und persönliche Gegenstände.
Am Anfang steht die Geldkatze
Es folgt ein langer Weg bis zur Aktentasche. Im Mittelalter und der frühen Neuzeit werden vielerlei Möglichkeiten entwickelt, um kleinere Gegenstände zu transportieren. Das reicht vom Ranzen über das Säckchen und den Gürtelbeutel für Wertvolles – die „Geldkatze“ – bis hin zu opulent bestickten Jagdtäschchen für den Adel. Um wichtige Papiere und Akten aufzubewahren, werden im 17. und 18. Jahrhundert Kuverttaschen von beachtlichem Format gebräuchlich.
Erst im 19. Jahrhundert erscheint nach und nach die Aktentasche, wie wir sie heute kennen, auf der Bildfläche. Aus dem Jahr 1809 stammt eine Art Mappe in Leder und Dunkelgrün, die noch gut erhalten im Besitz der bayerischen Schlösserverwaltung ist.
Im Innern enthält sie Trennfächer, die wie eine Ziehharmonika geöffnet werden können, gefertigt wurde sie von einem der führenden Händler für Luxuslederwaren in Paris. Der Händler belieferte die Familie Napoleons und über Umwege kam die Fächertasche in den Besitz des Grafen Maximilian von Montgelas (1759 bis 1838), der sie sehr schätzte.
Montgelas reformiert Bayern mit der Fächerbox
Der Graf ist in jenen Jahren leitender Minister im Königreich Bayern und geht in die Geschichte als Schöpfer der modernen Staatsverwaltung ein. Fast 200 Jahre später erweist ihm der bayrische Finanzminister Kurt Faltlhauser seine späte Reverenz.
Nach den schwierigsten Etatverhandlungen seiner Amtszeit will Faltlhauser 2006 auf die historische Dimension des Haushalts hinweisen, indem er sich bei der Schlösserverwaltung die Aktentasche von Graf Montgelas ausleiht.
In ihr verstaut er das Zahlenwerk des Etatentwurfs und bringt die Tasche zur nächsten Kabinettssitzung in München mit – misstrauisch beäugt von den Konservatoren der Schlösserverwaltung.
Ab 1809 aber wird Montgelas zum Maßstab für den künftigen Kofferträger: Er zählt zur Führungsschicht und trägt wichtige Dokumente bei sich. Ende der 1850er Jahre setzt sich die moderne, rechteckige Aktentasche immer weiter durch. Sie begleitet fortan den erfolgreichen Unternehmer ebenso wie den hochrangigen Beamten – Arbeiter oder Handwerker aber nicht, denn ihr Arbeitsgerät passt da nicht rein. Von 1860 an wird in der Londoner Downing Street 10, dem Sitz des britischen Premiers, der schriftliche Jahreshaushalt Großbritanniens in einer roten Aktentasche aufbewahrt und zur Schau gestellt. Diese Zeremonie endet erst 2010.
Ein Anwalt stiehlt mehr als 100 Männer
Nach und nach verbreitet sich die Aktentasche auch unter den mittleren Dienstgraden, sie behält jedoch ihre elitäre Anmaßung, vor allem in Gestalt des Diplomatenkoffers. Das ist ein kastenförmiges Ding, das in der Regel aus hochwertigem Leder besteht und innen einen Scharnierrahmen hat, der sich in mehrere Fächer öffnet. Er wird traditionell von einem Attaché getragen, der einer Botschaft oder einem Konsulat zugeordnet ist.
In den westlichen Industrienationen prägt die Aktentasche bis zur Jahrtausendwende die Arbeits- und Bürokultur. Wer mit einem solchen Behältnis auftritt, signalisiert Professionalität, ob in einer Sitzung, im Bewerbungsgespräch oder vor Gericht. Und einen Hauch von Macht. Im Mafia-Epos „Der Pate“ meint Don Vito Corleone: „Ein Anwalt kann mit seinem Aktenkoffer mehr stehlen als 100 Männer mit Kanonen.“
Die Vielfalt der Aktentasche ist beträchtlich. Sie reicht vom Typ „schlaffe Tasche“, wie sie der Kanzler mit sich schleppt, bis zur Tasche mit harten Seiten, die hauptsächlich zum Tragen von Papieren verwendet wird und mit einem Griff ausgestattet ist. Einige Aktentaschen haben nur einen großen Hauptinnenraum, während andere über Unterfächer, Akkordeonfächer, kleine Taschen oder Trennwände verfügen.
Gefertigt werden Aktentaschen aus Leder, Vinyl, strapazierfähigem Stoff, Aluminium oder für Exzentriker sogar aus edlem Holz. Daneben haben sich auch dünne, grifflose Mappen als Aktentasche light eingebürgert.
Margaret Thatcher schwingt die Handtasche
Über die Jahre hin ist die Aktentasche ein männliches Zubehör, auch wenn manche toughe Business Lady damit auftritt. Die meisten Damen halten es lieber mit der Handtasche. Etwa die „Eiserne Lady“ Margaret Thatcher, die eine große Sammlung hatte. Wann immer die Premierministerin eine Sitzung ihres Kabinetts heimsuchte, war eine ihrer „handbags“ dabei.
Sie brauchte sie nur zu schwingen, so gehen die Gerüchte, um ihr ausschließlich männliches Kabinett in Angst und Schrecken zu versetzen. Seitdem gilt das Verb „handbagging“ im Englischen als Synonym für Durchsetzungskraft.
Frauen, so weiß die Marktforschung, haben im Schnitt acht bis zehn unterschiedliche Handtaschen, Männer dagegen meist nur eine einzige Aktentasche. Frauen pflegen oft eine emotionale Beziehung zu ihren Handtaschen, Männer meistens nicht. Wenn ein Aktenkoffer verschlissen ist, kauft sich der Mann einen neuen. Das Behältnis ist für ihn ein Transportmittel, mehr nicht.
Der Rucksack kommt
Die Aktentasche ist ein klassisches Accessoire des analogen Zeitalters. Doch es gelingt ihr, sich auch in die digitale Zeit hinüber zu retten. Ab den späten 1990er Jahren werden Taschen angeboten, die innen gepolstert sind und in denen man elektronische Geräte wie Laptops und später auch Tablet-Computer und das Smartphone verstauen kann.
Aber das Umfeld verändert sich. Lange prägten der Aktenkoffer oder die Aktentasche zusammen mit Anzug, Krawatte und Hut das Erscheinungsbild des männlichen Entscheidungsträgers. Erst verschwand der Hut, dann geriet die Krawatte in Bedrängnis, und auch der Anzug ist nicht mehr unangefochten.
Außerhalb der Büros tritt der Rucksack bei Jung und Alt seinen Siegeszug an. In die oberen Etagen und in den sogenannten „formalen Branchen“, wo weiter Wert auf einen gewissen hausbackenen Stil gelegt wird, schafft es der Rucksack aber selten – es sei denn, der Träger ist ein milliardenschwerer IT-Unternehmer, der im T-Shirt posiert.
Ein 10-Milliarden-Dollar-Markt
Heute muss sich die Aktentasche des Eindrucks erwehren, sie sei von gestern, vielen jungen Menschen gilt sie als uncool. Die Branche hat darauf reagiert und spricht lieber von der „Business-Tasche“. Das klappt, weltweit hat der Markt für Geschäftstaschen immer noch ein Volumen von jährlich 10 Milliarden US-Dollar.
Stilberater empfehlen elegante Taschen, farblich abgestimmt auf die Kleidung, die durchaus etwas legerer sein kann als früher. Damit, so heißt es, lasse sich beim Geschäftspartner oder Vorgesetzten punkten: Denn Kleidung hinterlässt bleibenden Eindruck, negativ wie positiv.
„Männer, die sich zum Tragen einer solchen Tasche entscheiden, zeigen schon in der äußeren Erscheinung, dass sie sehr viel Wert auf die Details legen – also sehr detailgenau arbeiten“, verrät ein Business Coach.
Kubakrise und Atomkoffer
Eine Abart der Aktentasche wird uns leider wohl noch lange begleiten – der sogenannte „Atomkoffer“. Böse Zungen nennen ihn auch salopp den „Notfallranzen der Präsidenten“.
Der Atomkoffer wurde nach der Kubakrise 1962 eingeführt, als die USA und die Sowjetunion am Rand eines Nuklearkriegs standen. Danach wurden bei den Atommächten Systeme eingeführt, über die die Präsidenten oder Premierminister die Atomwaffen ihrer Staaten aktivieren können.
Die Aktivierungscodes sind in Koffern hinterlegt, die ständig in unmittelbarer Nähe des jeweiligen Oberbefehlshabers gehalten werden. Diese Sicherheitsmaßnahme soll verhindern, dass einzelne, nachgeordnete Befehlshaber eigenmächtig einen Atomkrieg auslösen. Einmal mehr zeigt hier die Aktentasche, wer die Macht hat.