Reise
Campingplatz oder Kleinstadt? Im Venedig der Zelte
Das Bändchen, das bei der Ankunft auf Marina di Venezia ums Handgelenk kommt, sorgt für mehr als den Zutritt zu einem gewöhnlichen Campingplatz. Sobald man das Eingangstor hinter sich lässt, landet man in einem Campingkosmos, der die Ausmaße einer Kleinstadt hat. Mehr als 12.000 Camper finden hier Platz, wenn alle rund 2800 Stellplätze und 400 Mietunterkünfte belegt sind.
Pro Saison sind es 1,2 Millionen Übernachtungen. Das macht Marina di Venezia, der auf der für ihre Campingplätze bekannten Halbinsel Cavallino-Treporti und nur eine kurze Wasserbus-Fahrt von der Altstadt Venedigs entfernt liegt, zum wohl größten Campingplatz Europas.
Er ist 1,2 Kilometer lang und 700 Meter breit. Allein fünf Restaurants findet man dort, sieben Bars, zwei Eisdielen, zwei Supermärkte, eine Bäckerei, ein Fischgeschäft, ein Friseurgeschäft, drei Shops mit Damen- und Herrenmode beziehungsweise Sportbekleidung. Hinzu kommen zwei Kirchen, ein Fahrradverleih, ein Medical Center und ein Tierarzt.
600 Mitarbeiter auf dem Campingplatz
Lebensader ist dabei die Allee, auf der man im Schatten der Pinien flanieren kann. Noch mehr Abkühlung gefällig? Das geht entweder im Meer vom Campinglatz-eigenen Sandstrand aus oder in der 15.000 Quadratmeter großen Badelandschaft AquaMarina Park mit vielen Rutschen und zehn Pools – darunter ein 50-Meter-Schwimmbecken.
Etwa 600 Mitarbeiter umsorgen die Gäste oder sind hinter den Kulissen im Einsatz. So wie Boris Ormenese, der sich darum kümmert, dass bei der Strom- und Wasserversorgung alles funktioniert. „Wenn so viele Menschen auf einmal duschen oder die Klimaanlage anmachen, kann das schon eine Herausforderung sein.“ Auch die rund 110.000 Bäume und 15 Kilometer Hecken auf dem Gelände befinden sich in seiner Obhut.
Man spricht Deutsch auf Marina di Venezia. Nicht immer, aber sehr, sehr oft. Alle deutschsprachigen Gäste zusammen bilden hier die Mehrheit von 70 Prozent der Gäste. Österreicher, Schweizer und vor allem Deutsche zieht es seit Jahrzehnten auf den Mega-Platz, auf dem es aber trotzdem gar nicht so deutsch zugeht wie auf Mallorca oder Gran Canaria. Nach der Eröffnung des Platzes in den späten 1950er-Jahren schickten deutsche Autobauer ihre Mitarbeiter gerne in den Erholungsurlaub nach Italien – und auch nach Marina di Venezia.
1000 Pizzen pro Tag
Auf Platz 3713 allerdings zeigen Bruna und Germano Flagge für ihr Heimatland. Bei dem Paar, beide um die 80 und seit Jahrzehnten verheiratet, hängt die italienische Trikolore am Vorzelt in der heißen Sommerluft. Die beiden zählen zum Gäste-Urgestein hier. Seit 42 Jahren tauschen sie im Sommer ihre Wohnung im fünften Stock gegen den Campingplatz. Ihre Anreise, anfangs noch mit den Kindern, ist kurz. So kurz, dass sie alle paar Tage zum Blumengießen nach Hause fahren könnten.
Sie leben in Mestre, der Stadt auf dem Festland vor Venedig. Aber auch ihr zweites Zuhause, ihre „casa piccola“, putzen die beiden mit viel Hingabe heraus. „Das ist mein Grundstück“, sagt Bruna lachend und zeigt stolz ihre Ausstattung, die Küche und ihren Kleingarten mit den vielen Blumen. Dort vor ihrem Wohnwagen sitzen sie gern, grüßen die Nachbarn beim Vorbeigehen, halten Schwätzchen.
„Damals gab es niente hier“, erinnert sich Bruna. „Der Platz hatte nur drei Sterne, einen Pool und sonst so gut wie nichts.“ Statt drei Sternen hat die Anlage seit einigen Jahren fünf Sterne und entsprechend mehr zu bieten als lediglich saubere Sanitäranlagen und die riesige Badelandschaft.
Zum Beispiel die Gastronomie: Wer nicht selber kocht wie Bruna, kann aus einem großen Angebot wählen. Beim Restaurant „La Terrazza“ entlang der Promenade stehen Salate, Pizzen, Pasta und Steaks auf der Karte. Bis zu 1000 Pizzen werden pro Abend gebacken. Das Restaurant „Calici e Mare“, schick am Strand gelegen, hat gehobene Ansprüche. Der Strand ist mehr als einen Kilometer lang und feinsandig wie auf dem Lido von Venedig. Selbst wenn Marina di Venezia voll belegt ist, wirkt er nicht überfüllt.
„Damals fühlte sich es freier an“
Angesichts der Dimensionen des Platzes könnte man denken, dass es rund um die Uhr reichlich turbulent zugeht. Doch ab 22 Uhr herrscht Nachtruhe! Nicht nur das: Hier gilt, zum Leidwesen mancher Camper, auch noch Mittagsruhe: Zwischen 13 und 15 Uhr hört man dann nur die Fliegen surren und vielleicht das Schnarchen der Nachbarn.
Trotz allen Komforts, der über die Jahre immer besser wurde: Germano vermisst bisweilen die alten Zeiten. „Es fühlte sich damals noch freier an“, sagt der Italiener mit dem markanten Glatzkopf und schwelgt noch ein bisschen in Erinnerungen an Verkleidungsfeste und Wasserschlachten. „Libero e bello“, schwärmt er. Frei und schön.
Ein paar Straßen weiter zeigen Michaela und Norbert, etwas über 50, ebenfalls Flagge. Abgesehen vom Italien-Badelaken auf dem Wäscheständer geht es aber bayerisch zu: Die Tischdecke ist weiß-blau, darauf eine kleine Fahne in Weiß-Blau. Und eine richtig große vor dem Zelt gibt es auch. Trotzdem zieht es die beiden auch in die Fremde: Die Sachbearbeiterin und der Kfz-Mechaniker kommen seit rund 20 Jahren nach Marina di Venezia und sind gleich zweimal im Jahr hier. Die ersten zehn Jahre campten sie noch im Zelt. Als der Rücken nicht mehr mitspielte, kauften sie sich einen Wohnwagen. „Hier sind wir frei“, sagt Norbert. „Wir können frühstücken, wann wir wollen. Es gibt keine Zwänge wie im Hotel.“ Für den Transport über das weitläufige Gelände gibt es Shuttles. Bequemer und schneller geht es mit dem Rad.
Venedig zieht nicht mehr
Auch Michaela und Norbert radeln gern über den Platz. Manchmal schauen sie dabei auch auf dem Hundeplatz vorbei – ein Areal mit 316 Stellplätzen nur für Gäste mit Hunden. Mit Stefano Vio gibt es dort, und das ist wohl einmalig in Europa, sogar einen eigenen Tierarzt. „Wenn Gäste noch nie hier waren, passiert es häufig, dass die Hunde Salzwasser trinken, wovon sie wiederum erbrechen müssen oder Durchfall bekommen“, erzählt Stefano, der auch Deutsch spricht, von gängigen Hundeleiden auf Marina di Venezia. „Wird es besonders warm, haben viele Tiere Probleme mit dem Blutdruck.“
Gründe, diese perfekte kleine Welt zu verlassen, gibt es für Norbert nicht viele. Nicht mal in das berühmte Venedig, das ja nur einen Katzensprung entfernt liegt, zieht es ihn mehr. „Wir waren fünfmal dort“, sagt er. „Ich bin damit durch“, fügt er lachend hinzu. Mit Marina di Venezia ist er es hingegen noch lange nicht.
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Dieser Artikel stammt aus der RHEINPFALZ am SONNTAG, der Wochenzeitung der RHEINPFALZ. Digital lesen Sie die vollständige Ausgabe bereits samstags im E-Paper in der RHEINPFALZ-App (Android, iOS). Sonntags ab 5 Uhr erhalten Sie dort eine aktualisierte Version mit den Nachrichten vom Samstag aus der Pfalz, Deutschland und der Welt sowie besonders ausführlich vom Sport.