Forschung RHEINPFALZ Plus Artikel Biotechnologie aus der Pfalz: Der Algenmann und sein grünes Gold

Unterm Mikroskop sehen die in der Atacama-Wüste gefundenen Algen so aus.
Unterm Mikroskop sehen die in der Atacama-Wüste gefundenen Algen so aus.

Algen in Schuhen, Kosmetik oder Brot: Forscher in Pirmasens arbeiten daran, chemische Produkte durch biologische zu ersetzen. Ein führender Kopf ist Michael Lakatos.

Das Büffet war nicht nur vegan. Es war mit Produkten aus der eigenen Algenforschung bestückt. Gefeiert wurde im vergangenen Sommer, im Atrium des Pirmasenser Standorts der Hochschule Kaiserslautern. „Wir haben hier zum Beispiel ein patentiertes französisches Brot, das mit Algen hergestellt wird, also kein Baguette, sondern ein Alguette“, hatte Michael Lakatos die Gäste vorab mit einem Augenzwinkern aufgeklärt.

Eingeladen hatte das Bündnis „Waste2Value“, was in etwa „aus Abfall Wert schaffen“ bedeutet. Geleitet wird das Bündnis von dem promovierten Biologen Lakatos. Seit 2013 ist er an der Hochschule Kaiserslautern Hochschullehrer und Forscher im Fachbereich Angewandte Logistik- und Polymerwissenschaft. Spezialgebiet: Biotechnologie.

Zwei wichtige Begriffe

Wer mit dem Biologen ins Gespräch kommt, lernt zwei Begriffe ziemlich schnell: terrestrische Algen und Cyanobakterien. Vor allem um sie drehen sich Forschungsprojekte, die unter dem Slogan „Mikroorganismen verändern die Westpfalz“ zusammengefasst werden und ein Vorzeigeprojekt im Bereich der Weißen Biotechnologie sind. „Ein echter Leuchtturm“, ist es aus Sicht von Lakatos, dessen Urgroßvater nicht etwa aus Griechenland stammt, wie der Nachname vermuten lassen könnte, sondern zur Zeit der K.-k.-Monarchie von Ungarn nach Deutschland übergesiedelt war. Sein Urenkel stammt indes aus Hessen, von wo aus er zum Promovieren an der damaligen Universität Kaiserslautern in die Westpfalz kam und ihr treu geblieben ist.

Der Algenmann Michael Lakatos in der südamerikanischen Atacama-Wüste. Dort wie auch in Spanien wurden Grünalgen und Cyanobakteri
Der Algenmann Michael Lakatos in der südamerikanischen Atacama-Wüste. Dort wie auch in Spanien wurden Grünalgen und Cyanobakterien isoliert, die nun in den Laboren der Hochschule getestet werden.

Bei seinen Forschungsprojekten arbeitet „Waste2Value“ mit wechselnden regionalen Unternehmen zusammen. Schließlich geht es darum, biotechnologische Verfahren in der Industrie einzusetzen, Stichwort Bioökonomie – sei es, um einen auf nachwachsenden Rohstoffen basierenden Kunststoff zu haben, Nahrungsmittel, siehe Alguette, Extrakte für die Kosmetik oder aber moderne Werkstoffverbunde, Beispiel Biocarbon. Terrestrische Mikroalgen, also all jene, die nicht im Wasser leben und nur sehr wenig Wasser brauchen, sowie das Cyanobakterium als Urheber der Photosynthese sind dabei laut den Experten wahre Alleskönner und noch dazu mehr als genügsam.

 Michael Lakatos im Labor an der Hochschule Kaiserslautern am Standort Pirmasens.
Michael Lakatos im Labor an der Hochschule Kaiserslautern am Standort Pirmasens.

Ein Sammelbecken

Michael Lakatos beschreibt die Bioökonomie als „relativ großen Sammelbegriff“. Ein Sammelbecken also, mit dem versucht werde, immer mehr biologische Prozesse in die Wirtschaft einzubinden. Das Ziel lautet, chemische Produkte durch biologische zu ersetzen.

„Kunststoffe waren früher Naturkautschuk oder Schellack, die Ausscheidungen von Blattläusen. Durch das Aufkommen vor allem der Petrochemie wurden sie dann ersetzt.“ Jetzt bewege sich die Forschung wieder weg von dieser einseitigen und meist nicht nachhaltigen Wirtschaft, weil die neue Richtung auf einer Biologie basiere, „in der alles, was entsteht, auch wieder abgebaut wird oder wiederverwertet werden kann“.

Biologie oder Musik?

In seiner Jugend stand Lakatos vor der Wahl. Denn er hatte nicht nur für die Botanik ein besonderes Faible, sondern ebenso für die Musik. Am Ende blieb es bei der Naturwissenschaft, doch fand er immer wieder Gelegenheit, auch seine Liebe zu Klängen und Rhythmen auszuleben. In Kaiserslautern gipfelte das 2003 in der Gründung der „Jazzbühne“, einer Konzertreihe in der Fruchthalle. Sozusagen zur Grundausstattung gehört eine dreiköpfige Rhythmusgruppe mit Michael Lakatos am Schlagzeug, Martin Preiser am Klavier und Stefan Engelmann am Bass. Und diese gibt regelmäßig mit meist internationalen Gastmusikern ein Improvisationskonzert.

Der Forscher Lakatos als Schlagzeuger bei der Jazzbühne in der Fruchthalle Kaiserslautern.
Der Forscher Lakatos als Schlagzeuger bei der Jazzbühne in der Fruchthalle Kaiserslautern.

Seine eigentliche Profession kann Lakatos allerdings auch beim Musizieren nicht verleugnen. „Die Jazzbühne ist seit 2010 die erste klimaneutrale Konzertreihe Deutschlands“, sagt er, was die zweite innovative Konzeption neben dem Improvisieren sei. Klimaneutral deshalb, weil die durch die Veranstaltungen erzeugten CO2-Emissionen durch das Aufforsten von Waldflächen kompensiert werden. „Damals eine Grenzüberschreitung – heute angesagt“, hatte die Kaiserslauterer Oberbürgermeisterin Beate Kimmel diese Klimaneutralität einmal gewürdigt.

Klimaneutral gilt immer

Klimaneutral geht es auch dann zu, wenn die Wissenschaftler weltweit unterwegs sind, um nach Mikroorganismen zu suchen, die möglicherweise noch besser für ihre Zwecke geeignet sind als jene, die sie schon haben. Geforscht wurde beispielsweise in der Atacama-Wüste an der südamerikanischen Pazifikküste oder in Höhlen in Spanien. Hier wie dort wurden „eine ganze Reihe“ Grünalgen und Cyanobakterien isoliert, die nun in den Laboren der Hochschule getestet werden. In den Höhlen beispielsweise gab es fast kein Licht. „Und sie schaffen es trotzdem zu wachsen, das ist schon irre“, so der Biologe. Nicht umsonst würden die Mikroorganismen auch als das grüne Gold, als Hoffnungsträger für Wirkstoffe und Wertstoffe der Zukunft, beschrieben.

Dass die Praxis dabei eine sehr wichtige Rolle spielt, weil es eben um Endprodukte geht, ist Lakatos und „Waste2Value“ nur allzu bewusst. „Wir hatten uns für die Westpfalz überlegt, was wird gebraucht, und dazu Firmen eingeladen.“ Daraus entstand ein Konzept, bei dem die Forscher etwas entwickeln und die Firmen dann ausprobieren, ob es in ihre Produktion passt. Die Sportartikelhersteller Adidas und Puma zum Beispiel „wollen mehr Bioanteile in ihren Schuhen“. Die Lebensmittelindustrie, allen voran die Getränkesparte, sei sehr an einem blauen Naturfarbstoff interessiert, der bislang nur künstlich hergestellt werden konnte. Cyanobakterien könnten dazu eine Alternative sein.

Ministerium überzeugt

Dem Bündnis ist es gelungen, 14 Millionen Euro an Forschungsgeldern vom Bundesministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt zu bekommen, verteilt auf 13 kleinere Projekte in den Jahren 2023 bis 2025 und drei Großprojekte von 2026 bis 2028. Aufgestockt durch weitere zehn Millionen Euro an Drittmitteln aus der Wirtschaft, wie Lakatos nicht ohne Stolz ergänzt.

Dass das Bündnis in Pirmasens sitzt, liegt am dritten Bündnispartner neben der Hochschule Kaiserslautern und dem Verein Zukunftsregion Westpfalz: dem Prüf- und Forschungsinstitut Pirmasens. Mitte der 1950er-Jahre war es während des Wiederaufbaus der Schuhindustrie als Verein gegründet worden, weil der Bedarf, schuhrelevante Materialien zentral zu prüfen, immer größer geworden war. Nach dem Niedergang der Schuhindustrie beschreibt es sich heute als weltweit anerkannte Instanz für Prüfung, Forschung und Engineering und will Innovationen in neuen Geschäftsfeldern, wie eben Biotechnologie und erneuerbare Energien, vorantreiben.

Wechselnde Partner

Nach und nach seien ganz verschiedene Partner dazugekommen, die auch immer mal wieder wechselten, berichtet Lakatos. Wie das 2012 in Weselberg (Kreis Südwestpfalz) gegründete Unternehmen Ethatec, das aus Backwaren-Abfällen Bioethanol, also Alkohol, produzierte. Geliefert wurde der Abfall, wie Teigreste aus Bäckereien oder Pizzafabriken, von Unternehmen, die im Schnitt im Umkreis von 100 Kilometern angesiedelt waren. „Das geht alles nur dezentral, weil es nicht nachhaltig wäre, Biomasse von überall her in riesige Anlagen zu schicken“, so Lakatos. Nach der Übernahme von Ethatec durch die CropEnergies AG wurde Ende 2025 allerdings das Aus für den Standort Weselberg verkündet.

Aus den Ergebnissen der ersten Forschungsphase wurden für die folgende „jene zusammengewürfelt, die sich bündeln lassen“. Jetzt, so der Biologe, gehe es um drei große Projekte mit Demonstrationsanlagen. „Damit wir sagen können, wir produzieren vorindustriell, um zu zeigen, dass es geht.“ Auf diesen letzten Bereich der Forschung sollen im Idealfall Start-ups, also junge Unternehmen für neuartige Produkte, folgen. Oder aber die Ergebnisse werden bei den Partnerfirmen fest in die Produktionsprozesse eingebunden. Lakatos: „Das ist so die Idee für die nächsten drei Jahre.“

Langfristig angelegt

Der „Herr der Algen“ hat insofern noch einiges vor sich – und mit ihm das gesamte „Waste2Value“-Team. Langfristig soll das Bündnis einen zentralen Beitrag dazu leisten, dass rund ein Viertel der in Deutschland produzierten Kunststoffe biobasiert hergestellt wird und bis zu acht Millionen Tonnen CO2 eingespart werden. Und ganz nebenbei würde das strukturschwächere Regionen, wie die Westpfalz, stärken.

Preisverleihung der Zukunftsregion Westpfalz Ende 2025 in Zweibrücken.
Preisverleihung der Zukunftsregion Westpfalz Ende 2025 in Zweibrücken.

Auch wenn Lakatos beileibe kein Einzelkämpfer ist, ist er doch Frontmann dieser Forschungsinitiative. Als solcher wurde er bereits mehrfach geehrt, zuletzt mit dem Zukunftspreis der Zukunftsregion Westpfalz. Das Preisgeld von 1000 Euro aber gab er für einen ganz anderen Zweck weiter: Unterstützt wurde das Arbeits- und sozialpädagogische Zentrum Kaiserslautern, das sich für benachteiligte Menschen einsetzt. Und das meist nachhaltig.

Info

Dieser Artikel stammt aus der RHEINPFALZ am SONNTAG, der Wochenzeitung der RHEINPFALZ. Digital lesen Sie die vollständige Ausgabe bereits samstags im E-Paper in der RHEINPFALZ-App (Android, iOS). Sonntags ab 5 Uhr erhalten Sie dort eine aktualisierte Version mit den Nachrichten vom Samstag aus der Pfalz, Deutschland und der Welt sowie besonders ausführlich vom Sport.

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