Antarktis RHEINPFALZ Plus Artikel Bedrohte Eiswelt: Schicksalsjahre eines Kontinents

Das alte Walfangschiff steht für eine Ära des Raubbaus an der Natur.
Das alte Walfangschiff steht für eine Ära des Raubbaus an der Natur.

Die Antarktis erzählt die dramatische Geschichte von Ausbeutung und Bewahrung. Im Angesicht der Eisgiganten stockt der Atem. Wer dorthin reist, steckt im Zwiespalt zwischen Entdeckerneugier und Umweltbewusstsein. Ein Augenzeugenbericht von Judith Hörle

Es knirscht gewaltig an der Gummibordwand. Mit Schlauchbooten bahnen wir uns den Weg durch Eisschollen, die auf der spiegelglatten See treiben. Rechts und links der schmalen Wasserkanäle ragen steil die tief verschneiten Berge gen Himmel. Majestätische Eisberge sind in der Bucht vor den Melchior-Inseln gestrandet. Wir gleiten durch eine faszinierende Formenwelt aus Eis, das in intensivstem Blau leuchtet. Der Anblick ist atemberaubend. Diese einsame Sphäre erlaubt uns für einen Augenblick einen berührenden Einblick in ihre Schönheit und Erhabenheit.

An dieser Stelle finden Sie ein Video via Glomex.

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Was mögen wohl die ersten Seefahrer gedacht haben, die sich diesem eiserstarrten Kontinent näherten? War die Antarktis für sie auch dieser ferne Sehnsuchtsort wie für mich oder dominierte der Gedanke an Entdeckerruhm und die Eroberung unermesslicher Fanggründe? Viele bezahlten die Reise in diese unwirtliche Welt mit ihrem Leben. Und nachdem der Mensch dieser feindlichen Natur ausgeklügeltere Technik entgegensetzen konnte, richtete er hier am Ende der Welt ein Gemetzel an.

In der Topfbucht

Über 1,4 Millionen Wale wurden in den ersten sieben Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts im Südpolarmeer erschossen. Wichtigster Stützpunkt dieser Tötungsmaschinerie war Grytviken auf der Insel Südgeorgien. Der norwegische Name „Topfbucht“ schildert plakativ, von was die verrosteten Überreste noch heute zeugen. Wir wandeln durch eine Geisterstadt voller riesiger Anlagen, in denen die intelligenten Meeressäuger einst ausgekocht wurden, allein, um aus ihnen Lampenöl und andere industrielle Rohstoffe zu machen. Dass heute Seebären-Babys zwischen den Ruinen der alten Walfangstation fidel quietschen, kann das Grauen nicht überdecken. So wie damals Walfänger und Robbenschlächter dieses Land der Extreme ausbeuteten, nagt heute der menschengemachte Klimawandel an dem letzten großräumig intakten Ökosystem der Welt. Vor einem Jahr wurde am Kältepol der Erde eine Temperatur von minus 17,7 Grad Celsius gemessen – klingt kalt, ist aber erschreckende 35 Grad Celsius höher als sonst für die Jahreszeit üblich.

Redakteurin Judith Hörle musste für ihre Reise beim Umweltbundesamt einen 20-seitigen Antrag stellen – so sehen es die internati
Redakteurin Judith Hörle musste für ihre Reise beim Umweltbundesamt einen 20-seitigen Antrag stellen – so sehen es die internationalen Verträge zum Schutz der Antarktis vor.

Eine Reise in diese andersartige Region ist immer eine Gratwanderung, weil man an deren Unberührtheit kratzt, aber ihre Bewahrung ins Bewusstsein rücken will. Das war mir von Anfang an klar, als ich mir den Traum erfüllen wollte, einmal die Antarktis zu sehen – und darüber zu berichten. Ich bin ja schon so eine „Öko-Tante“ und hatte mit meinem schlechten Gewissen zu kämpfen, als ich mich für diese Kreuzfahrt entschied, die mich im Januar von Feuerland über die Falklandinseln und Südgeorgien zur antarktischen Halbinsel führte. Der ökologische Fußabdruck ist enorm. 11.161 Kilogramm CO2 gehen allein auf meine Kappe. Das sind zwei Drittel des Ausstoßes, den ich in den 25 Jahren meines Vegetarier- und Veganerdaseins im Vergleich zum durchschnittsdeutschen Fleischesser eingespart habe.

Sollte man Reisen und Umweltschutz gegeneinander ausspielen? Auf der einen Seite blutet das grüne Herz, auf der anderen erweitern Touren in ferne Welten den Horizont, öffnet das Einlassen auf Unbekanntes Grenzen im Kopf, lässt uns erst das Erlebnis andere Kulturen begreifen, prägen uns jene Erfahrungen und macht uns die Nähe achtsamer. Man sollte sich nicht alles verbieten, aber sicherlich auch nicht alles gönnen. Es gilt, eine Balance zu finden, bei der die Natur nicht für das eigene Vergnügen auf der Strecke bleibt.

25 Tonnen Kohlendioxid am Tag

Eine CO2-Kompensierung habe ich natürlich mitgebucht und mich bewusst für die deutsche Reederei Hapag Lloyd entschieden, die bei ihren Schiffen auf modernste Umwelttechnologien und Nachhaltigkeit an Bord setzt. Trotzdem verballern die Dieselmotoren bei gutem Seegang 25 Tonnen am Tag, wie mir der Leitende Ingenieur Thomas Herwig bei einem Rundgang durch das ohrenbetäubend laut pumpende Herz des Schiffes, den Maschinenraum, erzählt. Da brauche ich mir nichts schönzureden. Warum ich trotzdem in diese Welt eintauchen wollte? Es ist illusorisch zu glauben, dass der Mensch auch nur einen Winkel dieser Erde unberührt lassen wird. Aber wenn man tatsächlich im Angesicht dieser Naturgewalt ist, spürt man Demut. Und wer etwas empfindsam erlebt und erfährt, wird es achten und schützen wollen.

So hat sich auch über die Jahre die Einstellung (fast) des gesamten Erdkreises zum Erhalt der Ursprünglichkeit der Antarktis gewandelt. Gerade mal 128 Jahre ist es her, dass der Mensch erstmals seinen Fuß auf den sechsten Kontinent setzte. Entdeckerdrang und Wissensdurst, aber auch Profitgier und Raubbau bestimmten die ersten Jahrzehnte. Erst 1959 wurde mit dem internationalen Antarktisvertrag eine neue Zeit eingeläutet, die 1991 im Umweltschutzprotokoll kulminierte. 34 Vertragsstaaten verpflichten sich seitdem zum „umfassenden Schutz der antarktischen Umwelt sowie der abhängigen und verbundenen Ökosysteme“.

Schlauchbootfahrt vor den Eisriesen der Melchior-Inseln.
Schlauchbootfahrt vor den Eisriesen der Melchior-Inseln.

Was das für uns als Passagiere einer Kreuzfahrt bedeutet, erfahren wir gleich am zweiten Tag auf See. Für unsere Ausflüge bekommen wir dicke Parkas und Gummistiefel gestellt. Und die müssen piccobello sauber sein, das macht uns die Crew unmissverständlich deutlich. Denn auf Südgeorgien führt die örtliche Umweltschutzorganisation eine strenge Bio-Security-Kontrolle durch. Keine Erde, keine Samen oder Ähnliches dürfen in antarktische Gefilde eingeschleppt oder von dort mitgenommen werden, damit die Tier- und Pflanzenwelt unberührt bleiben kann. Rucksäcke werden ausgesaugt, alle Klettverschlüsse nach Verunreinigungen durchkämmt, und bei jedem Landgang geht’s durch die Stiefelwaschanlage. Unser Schiff besteht mit 100 Prozent.

Auch vor Ort gilt es, eine Reihe an Verhaltensregeln einzuhalten. So ist die Besucherzahl und Aufenthaltsdauer an den Landestellen streng reglementiert, Mindestabstände zu den Tieren müssen eingehalten werden. In Deutschland hat das Umweltbundesamt ein strenges Auge darauf. Die Reedereien müssen sich jeden Zielort genehmigen lassen und jede Änderung der Reiseroute dokumentieren und begründen. Ich habe das strikte Vorgehen am eigenen Leib erfahren. Allein dafür, dass Sie diesen Artikel über meine Reise lesen können, musste ich einen 20-seitigen Antrag an die Behörde stellen.

Historiker mit Entdeckergen

Arne Kertelhein kennt sich mit dem Prozedere aus. Seit 20 Jahren führt unser Expeditionsleiter Touristen in die Antarktis. Die Polarforschung hat den studierten Historiker schon in der Jugend fasziniert, bis er mit Mitte 30 den Entschluss fasste, Museen und Archive gegen Kreuzfahrtschiffe einzutauschen. Wie für die ersten Entdecker ist es auch für ihn spannend, in den Eiswelten Neuland zu entdecken. Ecken, in die noch kein anderer vorgestoßen ist, wird man wohl nur noch in den entlegenen Polarregionen finden.

Nach elf Tagen auf See steuern wir die Melchior-Inseln an. Alle sind nach Buchstaben des griechischen Alphabets benannt. Nur eine trägt einen deutschen Namen. 2003 hatte eine Besuchergruppe des Hapag-Lloyd-Schiffes MS Bremen bei einer Schlauchbootfahrt entdeckt, dass in eine Insel nicht nur ein Kanal hineinführt, sondern sogar hindurch – sie also tatsächlich aus zwei Inseln besteht. Seitdem heißt sie Bremeninsel.

Bewegender Moment: Buckelwale ganz nah vor dem Schiff. Einst wurden 1,4 Millionen Tiere im Südpolarmeer getötet.
Bewegender Moment: Buckelwale ganz nah vor dem Schiff. Einst wurden 1,4 Millionen Tiere im Südpolarmeer getötet.

Die Entdeckung hat einen ernsten Hintergrund: Dass jener Bremenkanal überhaupt freigelegt wurde, ist Folge einer verstärkten Eisschmelze. Die antarktische Halbinsel, die wie der Stiel der großen Eispfanne gen Norden ragt, hat sich in den vergangenen 60 Jahren dramatisch um knapp drei Grad Celsius erwärmt. Damit ist sie neben der Arktis das am stärksten vom Klimawandel betroffene Gebiet der Erde. „Wenn man inmitten des Eises ist, spürt man es nicht. Aber wenn ich Fotos von vor 20 Jahren mit heute vergleiche, sieht man den Rückgang ziemlich deutlich. Das schockiert einen schon“, bilanziert unser Expeditionsleiter den Temperaturanstieg im Kühlaggregat der Erde.

Schnell wird uns klar: Eine Expedition in die Antarktis ist nicht wie eine normale Kreuzfahrt, nur ein bisschen kälter. Neben den expliziten Umweltvorschriften sind wir den Extremen der hiesigen Natur gnadenlos unterworfen. Okay, unser Schiff wird nicht von Eismassen zerborsten wie die Segler der ersten Entdecker. Aber jeder Tag bringt Überraschungen. Zwar gibt es eine angepeilte Route, aber die wird ständig nachjustiert – nach Wetterlage, mitunter mehrfach am Tag. Von unseren geplanten Zielen erreichen wir nur etwa die Hälfte, alle anderen muss Kapitän Axel Engeldrum aufgrund von Wind und Eis umschmeißen und neue ansteuern.

Bei Windstärke 10

Auf dem Weg zur antarktischen Halbinsel dreht ein Sturm auf. Der polarerfahrene 44-Jährige umschifft das Zentrum, aber mit sechs, sieben Meter hohen Wellen und Windstärke 10 haben wir trotzdem zu kämpfen. Die meisten denken bei der gigantischen Eistorte nur an bibbernde Kälte, aber nirgends auf dem Planeten ist es auch so stürmisch wie in der Antarktis. Entlang der Küste ist im Schnitt jeder dritte Tag ein Sturmtag. Fallwinde mit bis zu 300 Stundenkilometern können aus dem Landesinneren auf das Südpolarmeer peitschen. Beim Schlafen hat man das Gefühl, man macht einen Parabelflug und hebt bei jeder Welle ein Stück vom Bett ab.

Die Natur zeigt einem in solchen Momenten ganz deutlich, wo der Hammer hängt und wer ihn schlussendlich in der Hand hält. Der mächtige Inlandseispanzer der Antarktis erweist sich bisher als bemerkenswert stabil gegenüber dem Klimawandel. Sollte diese Trutzburg der klirrenden Kälte jedoch fallen, droht der Meeresspiegel um bis zu 60 Meter anzusteigen. Weltweit würden weite Küstenregionen dem Untergang geweiht sein wie einst das mythologische Atlantis, dessen Bewohner als Strafe für ihren Hochmut im Meer versanken. Dieses Gleichnis sollte stetes Mahnmal für unseren Umgang mit der einzigartigen Welt sein, in der wir leben dürfen.

Vor unserem Schiff schießen Dunstwolken meterhoch gen Himmel. Anthrazitfarbene Rundungen tauchen aus dem Wasser hervor. Eine vom Leben gezeichnete Schwanzflosse gleitet in die Tiefe. Eine Gruppe von Buckelwalen begleitet uns ein Stück des Weges. Ganz nah dürfen wir den Weg der Meeresgiganten verfolgen. Ein bewegender Moment. Einst hat der Mensch die majestätischen Tiere erbarmungslos gejagt und beinahe ausgerottet. Heute sind sie geschützt – nur eine Handvoll Nationen hält weiter am Walfang fest –, und wir stehen den mächtigen Meeressäugern andächtig gegenüber.

Diese Einsicht ist auch gegenüber dem Rest der Umwelt zu wünschen. Denn wie Edwin Mickleburgh schon 1988 in seinem Buch über die Antarktis schrieb: „Der Kontinent ist zum Symbol unserer Zeit geworden. Die Bereitschaft der Menschheit, sich aus der Zerstörung der antarktischen Wildnis herauszuhalten, ist auch ein Test, inwieweit die Menschheit bereit ist, sich von der globalen Zerstörung abzuwenden. Wenn sie in der Antarktis keinen Erfolg hat, besteht auch für den Rest wenig Hoffnung.“

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