Ludwigshafen RHEINPFALZ Plus Artikel Bayreuther Straße: Das Elend der Anderen als Fernsehunterhaltung

Gebannt auf dem Sofa vor dem Bildschirm: Was wie harmlose Unterhaltung wirkt, ist oft viel mehr Schaulust – das bequeme Zuschaue
Gebannt auf dem Sofa vor dem Bildschirm: Was wie harmlose Unterhaltung wirkt, ist oft viel mehr Schaulust – das bequeme Zuschauen, wenn das Leben und die existenziellen Probleme von Menschen zur Geschichte gemacht werden und Armut zur Quote wird.

„Armutsporno“ ist ein sarkastischer Begriff für Doku-Seifenopern, die in sozialen Brennpunkten spielen. Ein Vorwurf: Arme Menschen werden dort bloß vorgeführt. Stimmt das?

Vom Fernsehen hat Bernd erst mal die Schnauze voll, die sind ihm nämlich auf die Nerven gegangen, sagt er selbst. Dabei hat Bernd, der eigentlich nicht so heißt, zunächst wohl gerne mitgemacht – bei einem Doku-Drama aus der Bayreuther Straße in Ludwigshafen: Unterbringungsviertel für Wohnungslose, unser kleines Ghetto am Rande der Stadt. Bernd also hatte in der Fernsehserie eine Nebenrolle als „guter Geist“ der Siedlung; es wird klar, warum, während er da rauchend aus dem Fenster seiner Wohnung in einem der „weißen Blocks“ in der Bayreuther Straße lehnt. Er lebt seit etwa zehn Jahren hier, so wie seine knapp 90 Jahre alte Mutter. Und er pflegt seinen bettlägerigen Bruder 24 Stunden am Tag – und das in der Bayreuther Straße. Bernd kann sich pointiert ausdrücken, mit der bärbeißigen Freundlichkeit, die so typisch für Ludwigshafen ist.

Bernd also hat in der Doku-Soap aus dem Ghetto mitgespielt, die im öffentlich-rechtlichen Programm gelaufen ist, und irgendwann sollte er wohl noch für zusätzliche Szenen vor der Kamera stehen. Irgendein Journalist jedenfalls „hat ständig angerufen“, sagt Bernd. „Dem hab ich irgendwann mit einer einstweiligen Verfügung gedroht“, sagt er und muss grinsen; dann verabschiedet er sich durchaus freundlich, aber bestimmt. Wie auch immer man’s dreht: Auch diese Szene, Medienkritik auf Straßenniveau sozusagen, ist nur deswegen dokumentiert, weil da ein Journalist mit Block vor einem Fenster steht und jemandem die Zeit klaut.

Sollte man Menschen stockbesoffen vor einer Kamera reden lassen?

Was an das nicht aufzulösende Paradox rührt: Wer als Journalist irgendwo ist, greift notwendigerweise ins Geschehen ein, und schon damit konstruiert er Realität. Wer nicht eingreifen will, muss also wegbleiben – dann kriegt diese Realität allerdings kaum einer mit. Die Frage ist allerdings, was denn unter „Realität“ zu verstehen ist – und wie sie konstruiert wird.

Die Bayreuther Straße ist nicht das einzige problematische Viertel, in dem inzwischen regelmäßig das Fernsehen vorbeischaut. Es gibt ein ganzes Genre, das sarkastisch unter dem Begriff „Armutsporno“ zusammengefasst wird, die diversen Staffeln von „Armes Deutschland – Stempeln oder Abrackern“ oder „Hartz und herzlich“ beim Sender RTL II beispielsweise: Angeblich echte Menschen und erkennbar echte Deklassierung, im Winzler Viertel in Pirmasens oder den Benz-Baracken in Mannheim. Gerade war „Stern TV“ in der Bayreuther Straße unterwegs – und beim Ansehen dieses Beitrags hat sich die Frage gestellt, ob es journalistisch und ethisch vertretbar ist, Menschen, die offensichtlich stockbesoffen sind, vor die Kamera zu holen und dort reden zu lassen.

Die grundsätzliche Kritik am Genre lautet: Es individualisiere Armut, anstatt ihre strukturellen Gründe zu beleuchten – und es schaffe damit ein Bild prekärer Lebensverhältnisse, das lediglich das Schaubedürfnis der Zuseher befriedige. Jene Serien zeigten meist „bloß eine Auswahl einiger weniger Bewohner, die zumeist irgendwie besonders sind – besonders kinderreich, besonders skurril, besonders laut, besonders krank (…)“, so der Journalist und Medienwissenschaftler Bernd Gäbler in einem Arbeitspapier zum Thema („Armutszeugnis. Wie das Fernsehen die Unterschichten vorführt“, 2020).

Es gibt die Vermutung, dass die Fokussierung auf das Individuelle zu einer „Entpolitisierung von Armut“ beiträgt – und mehr noch die „Zone der Verachtung gegenüber Transferleistungsbezieher(inn)en“ ausweitet, von der der Soziologe und Armutsforscher Christoph Butterwegge schreibt. Und damit auch eine falsche Wahrnehmung der Strukturen fördert. Im Beispiel: Der Anteil des Bürgergelds am Gesamt-Sozialbudget von rund 1,35 Billionen Euro beträgt rund 4 Prozent. In Umfragen wird der Wert regelmäßig viel höher geschätzt.

Durch Vergleiche fühlt man sich besser, gar überlegen

Geschätzt und gemeint wird eben viel beim Themenkomplex: „Es ist wenig darüber bekannt, welche psychologischen Prozesse bei den Zusehern“ von Reality-TV-Sendungen ,„wirksam werden’“, so die US-amerikanischen Medienpsychologen Nicky Lewis und Andrew J. Weaver in einer 2016 publizierten Studie („Emotional Responses to Social Comparisons in Reality Television Programming“). Es ist jene Studie eine der ganz wenigen, die versucht, die Auswirkungen des Konsums von „Doku-Soaps“ empirisch zu messen – mithilfe der Sozialen Vergleichstheorie. Menschen haben demnach ein grundsätzliches Bedürfnis, die eigenen Fähigkeiten und Überzeugungen zu bewerten – und sie tun dies gerade beim Fehlen von allgemeingültigen Bewertungsmaßstäben oft durch den Vergleich mit anderen.

Wer sich nun beim Konsum von „Reality TV“ mit Menschen in problematischen Lebenssituationen vergleicht, tut dies oft mit Verachtung oder Schadenfreude (der Begriff taucht im Papier auf Deutsch auf) – insbesondere dann, wenn sein eigenes Selbstwertgefühl bedroht ist, so ein Ergebnis der Studie. Was gut zur Kritik am Format „Armutsporno“ passt.

Ganz so eindeutig ist es freilich nicht: Auch wer ein angegriffenes Selbstbewusstsein hat, ist durchaus in der Lage, Empathie und Solidarität mit Menschen in ähnlichen Lebenslagen zu entwickeln – auch das hat die Studie messen können. Heißt wahrscheinlich: Letztlich ist es von der Disposition des Einzelnen abhängig, in welchen Bezugsrahmen er Armutsdarstellungen setzt – und jener Bezugsrahmen wird beileibe nicht von den Medien allein gesetzt.

Medienvertreter sind sie im Brennpunkt nun gewohnt

Gemacht ist das mediale Abbild gleichwohl – und das ist auch vollkommen unvermeidlich, weil es eine neutrale Perspektive auf die Welt nicht gibt. Das öffentlich-rechtliche Fernsehen war in der Bayreuther Straße durchaus bemüht, ein sympathisches Bild der Bewohner zu zeichnen: Miteinander solidarisch, angeblich, man hilft sich, ganz unten, so hat man dann eben Bernd genommen, der pflegt aufopferungsvoll seinen kranken Bruder. Ab Ende des Jahres sollen die alten „roten Blöcke“ im Viertel abgerissen werden. Deren Bewohner, viele alleinstehende Männer, viele Menschen mit Alkoholproblemen, sollen in Ausweichunterkünfte bei den besseren „weißen Blöcken“ umziehen, dort leben viele Familien. Es hat in den „weißen Blöcken“ eine Unterschriftenaktion gegen die Ausweichquartiere gegeben – man wollte das Elend der Anderen nicht zu nahe kommen lassen. So viel zum Thema Solidarität, Sozialkitsch und der Projektion ganz bürgerlicher Utopien auf die Sphären der Armut.

Es hat jene in den letzten Jahren anziehende Berichterstattung aus dem Quartier noch eine andere Auswirkung, und die bemerkt man nur, wenn man schon lange hierherkommt: Die Bewohner sind es inzwischen gewohnt, mit Medienvertretern zu sprechen. Der problematische Betrunkene vorne in den roten Blöcken will jedenfalls erst mal den Presseausweis sehen, das hatte man in 20 Jahren auch noch nie. Das jüngere Pärchen, das plaudernd mit der alteingesessenen Bewohnerin an den „weißen Blöcken“ steht, ist freundlich bemüht, dem Reporter die Zitate zu liefern, die er mutmaßlich braucht.

Bernd hat die Schnauze voll

Ist dann eben die Frage, in welchem Kontext diese Zitate landen. Eine andere Art der Berichterstattung zu Armut und Deklassierung fordert jedenfalls Medienwissenschaftler Gäbler: „Nachgedacht werden müsste über neue Erzählformen.“ Der Begriff „Erzählformen“ ist dabei aufschlussreich, landet er doch, ob er will oder nicht, im Grundparadox: Alles in den Medien ist gemacht, alles ist Erzählung – und die Unterschiede zwischen jenen Erzählungen sind wahrscheinlich dann doch nur graduell. Und ob jene Erzählungen letztlich bedeutsam sind, ist weitgehend unerforscht – und sei dahingestellt: Eine verzerrende Darstellung des Lebens in der Bayreuther Straße dürfte bei Weitem nicht das Schlimmste sein, das den Bewohnern der Bayreuther Straße widerfahren kann.

Bernd war gleichwohl eine starke Figur im öffentlich-rechtlichen Doku-Drama, wie er sich da um Bruder und Mutter kümmert – und dies völlig selbstverständlich. Aber Bernd hat die Schnauze ja inzwischen voll vom Fernsehen.

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Dieser Artikel stammt aus der RHEINPFALZ am SONNTAG, der Wochenzeitung der RHEINPFALZ. Digital lesen Sie die vollständige Ausgabe bereits samstags im E-Paper in der RHEINPFALZ-App (Android, iOS). Sonntags ab 5 Uhr erhalten Sie dort eine aktualisierte Version mit den Nachrichten vom Samstag aus der Pfalz, Deutschland und der Welt sowie besonders ausführlich vom Sport.

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