Pfälzische Geschichte
Agonie eines Staates
Klingt nach Zweckoptimismus – oder ganz schlicht nach Wahlkampf. Wenige Wochen bis zur Reichstagswahl im November 1932 – und SPD-Kandidat Wilhelm Hofmann sieht auf einer Konferenz in Frankenthal den „Endkampf zwischen dem untergehenden Kapitalismus und dem aufsteigenden Sozialismus“ nahen. Kommt dann bekanntermaßen anders.
Es gilt die Reichstagswahl vom 6. November 1932 als letzte freie Wahl vor der Machtübergabe an Adolf Hitler am 30. Januar 1933. Und man kann sie als Zeichen dafür deuten, dass sich die Probleme der späten Republik, die politischen wie die ökonomischen, etwas zu entspannen beginnen. Notwendiger Zusatz: Auf höchstem Problem-Niveau.
Arbeitslosigkeit auf Rekordwert
Tatsächlich sinkt das Wahlergebnis der NSDAP im November 1932 in der Pfalz um rund 1 Prozent – stärkste Kraft bleibt sie mit 42,6 Prozent gleichwohl. Mit Ausnahme von Frankenthal und Speyer liegt die Partei auch in den Städten in Führung, in Pirmasens mit dem größten Abstand. Die Pfalz ist im Übrigen Hochburg der Bewegung: Knapp 10 Prozent liegt man über dem Ergebnis im Reich – dort verliert die NSDAP deutlicher.
Die ökonomischen Rahmenbedingungen, auf deren Basis sich all dies abspielt, die bleiben weiter schwierigst: Anfang 1932 wird mit über sechs Millionen Arbeitslosen ein Höchststand erreicht. Und die Gründe dafür liegen vor allem in der Krise des produzierenden Gewerbes. Laut Analyse eines Konjunkturforschers Anfang 1932 hat sich die Arbeitslosigkeit im gewerblichen Bereich insgesamt binnen zwei Jahren verdoppelt – im Bergbau allerdings ist sie um das sechsfache angestiegen, in der chemischen Industrie und der Papierproduktion im das vierfache, in der Metallindustrie gibt dreimal soviel Arbeitslose wie im Winter 1929.
Dass all jenes zur politischen Radikalisierung beiträgt, liegt auf der Hand. Wenigstens die KPD kann 1932 im Reich wie der Pfalz leicht zulegen.
Die Kolumne
Die „Pfälzische Geschichte“ erscheint alle 14 Tage in der RHEINPFALZ am SONNTAG. Rund 300 Folgen gibt es inzwischen. Die Texte versuchen, über die Geschichte der Region hinaus auch Schlaglichter auf größere Zusammenhänge zu werfen. Im Bewusstsein, dass die Gegenwart kaum zu verstehen ist, wenn man ihre Genese nicht kennt. Die vorige Folge der „Pfälzischen Geschichte“ finden Sie hier: „Falsche Akten und erfundene Bischöfe“.