Organspende RHEINPFALZ Plus Artikel 42 Jahre Leben nach der Herztransplantation – Bernd Ullrichs außergewöhnliche Geschichte

Seinen Traumjob musste er zwar aufgeben, doch sein Leben genießt Bernd Ullrich in vollen Zügen.
Seinen Traumjob musste er zwar aufgeben, doch sein Leben genießt Bernd Ullrich in vollen Zügen.

Bernd Ullrich lebt seit über vier Jahrzehnten mit einem Spenderherz – ein Rekord, der vielen Organempfänger Hoffnung macht.

Gleich an der Tür zum Wohnzimmer hängt eine Urkunde in englischer Sprache. Darunter ein Foto, auf dem zwei Männer zu sehen sind, die Geschichte in der Transplantationsmedizin geschrieben haben: Bruno Reichart und neben ihm sein Patient Bernd Ullrich. Vor mittlerweile 42 Jahren hat der Pionier der Herzverpflanzung in Deutschland Ullrich das Herz eines 19-Jährigen transplantiert. Damit hält Bernd Ullrich den Weltrekord, denn bis heute lebt niemand länger mit einem Spenderherz als er. Die Urkunde neben der Tür bestätigt diesen Eintrag im Guinness-Buch der Rekorde.

Ullrichs Engagement für die Organspende kennt keine Grenzen. Der 85-Jährige rührt dafür kräftig die Werbetrommel beim Tag der Organspende oder in den Medien und erzählt, wie ein Leben – sein Leben – durch eine Organspende gerettet worden ist. Zu Beginn des Jahres 1983 hätte er sich das nicht träumen lassen.

Ein 19-Jähriger verunglückt mit dem Motorrad

Er erinnert sich noch ganz genau, wie er in seinem Haus bei Landsberg am Lech saß, die Atemnot immer schlimmer wurde und seine Beine immer dicker. „Ich habe damals geraucht und dachte, ich habe ein Bronchialkarzinom“, sagt er. Zu dieser Zeit war Ullrich Vater zweier Söhne, Allgemeinmediziner in Landsberg mit eigener Praxis, segelte, spielte Tennis, ging Skifahren. Als ihm der Röntgenarzt sein Bild zeigte und eine Herzmuskelerkrankung, eine sogenannte kongestive Kardiomyopathie, diagnostizierte, ging er ans Universitätsklinikum München Großhadern. Dort sagte ihm ein Kollege: „Sie haben wahrscheinlich noch ein halbes Jahr zu leben oder Sie bekommen ein Spenderherz.“ Ullrich dachte sich, wenn er sowieso sterben müsse, könnte er auch die Transplantation versuchen. Welche Gedanken ihm damals durch den Kopf gingen, als er auf ein Spenderherz wartete, daran erinnert sich Ullrich nicht mehr: „Es ist immerhin schon über 40 Jahre her“, sagt er. Aber er wisse noch, dass der Spender mit seinem Motorrad verunglückte und in das Klinikum Großhadern eingeliefert wurde.

„Zu dieser Zeit konnten die Spenderorgane noch teilweise lokal vergeben und verteilt werden. Dazu kam, dass damals in Deutschland nur sehr wenige Kliniken Herztransplantationen durchführten“, erklärt Christoph Müller, Oberarzt und Facharzt für Herzchirurgie, Leiter der Abteilung Herztransplantation und Mechanische Kreislaufunterstützung am Klinikum Großhadern. Bruno Reichart, dem im Februar davor die erste Herz-Lungentransplantation in Deutschland gelungen war und der seit 1981 Herztransplantationen durchführte, operierte Ullrich. „Ich bekam ein kräftiges, wohl völlig unverbrauchtes, jugendliches Herz. Das war ein Riesenglück, das ich hatte, ganz klar“, sagt Ullrich. Den Namen des Spenders habe er nie erfahren: Das ist nicht üblich und den wolle er auch nicht wissen.

Ein perfektes Match

Sein zweites Leben begann: Ullrich holt ein Buch mit dem gleichnamigen Titel von Herzchirurg Christiaan Barnard hervor. Er zeigt stolz auf eine persönliche Widmung des Südafrikaners: „To Bernd, Christiaan Barnard“. Dieser hatte am 3. Dezember 1967 das erste Spenderherz weltweit verpflanzt. Sein Patient überlebte 18 Tage. Nach Daten der „International Society for Heart and Lung Transplantation“ überleben heutzutage über 90 Prozent der Patienten das erste Jahr. „Die mittlere Überlebenszeit liegt bei etwa zwölf Jahren. Nach dieser Zeit lebt noch rund die Hälfte. Überleben die Patienten das erste Jahr, dann liegt das mittlere Überleben bei etwa 15 Jahren“, erklärt Müller.

Dass Ullrich deutlich darüber liegt, führt er auf mehrere Faktoren zurück: „Letztlich handelte es sich bei dem Spenderorgan sozusagen um ein „perfect match“. Spender und Empfänger haben größen- und gewichtstechnisch, in Bezug auf Blutgruppe und auch immunologisch sehr gut zueinander gepasst. Zudem war der Spender jung. Außerdem habe sich Ullrich nach seiner Transplantation sehr gut um sein neues Herz gekümmert. Dazu gehört es, präzise und regelmäßig die Medikamente einzunehmen und lückenlos zur Nachsorge zu gehen.“

Auch im hohen Alter achtet Bernd Ullrich auf seine Gesundheit – nimmt täglich die Treppen zu seiner Wohnung in den zweiten Stock
Auch im hohen Alter achtet Bernd Ullrich auf seine Gesundheit – nimmt täglich die Treppen zu seiner Wohnung in den zweiten Stock oder fährt Fahrrad auf dem Hometrainer.

In Deutschland warten rund 8200 Menschen auf ein Spenderorgan. Laut der Deutschen Stiftung Organtransplantation wurden 2024 postmortal 2855 Organe entnommen und bundesweit oder im Ausland transplantiert. Das sind 0,8 Prozent weniger als noch im Jahr 2023. Je nach Organ ist das Höchstalter für Spender unterschiedlich. „Ist der Spender älter als 70 Jahre, wird dessen Herz in der Regel in Deutschland nicht mehr transplantiert, aber etwa in den USA oder Österreich“, so Müller. Organspender über 80 Jahre gebe es beispielsweise für Lunge oder Niere. Wie die rechtlichen Voraussetzungen für die Spende, Entnahme und Übertragung sind, regelt seit 1997 das Transplantationsgesetz in Deutschland. Dort ist die Stiftung Eurotransplant als Vermittler genannt. Sie arbeitet länderübergreifend und wird zentral gesteuert. Die Patienten sind nach Dringlichkeit gelistet. Bei der Vergabe werden viele Faktoren berücksichtigt, darunter auch die Entfernungen von Spender und Empfänger, sowie die Wartezeit.

Mit dem neuen Herz die Welt bereist

„Die Vergabe ist absolut transparent und gerecht, auch über Ländergrenzen hinweg wird auf einen gewissen Ausgleich geachtet“, sagt Müller. Der Transport erfolgt in der Regel mit dem Flugzeug, bei kürzeren Strecken auch mit Blaulicht-Transport. Rein theoretisch könnte ein bereits transplantiertes Herz nochmals weiter verpflanzt werden. Dies geschieht auch in seltenen Fällen, wenn der Patient kurz nach einer Transplantation beispielsweise eine schlimme Hirnblutung erleidet und das Herz noch einem weiteren Menschen helfen könnte, erklärt Müller. Allerdings sei das bereits einige Jahre nach der Transplantation nicht mehr möglich. „Das Herz von Herrn Ullrich würde man also nicht mehr transplantieren“, sagt der Oberarzt.

Eine gelungene Transplantation hat allerdings nicht nur Vorteile. Seinen Traumberuf als Allgemeinmediziner musste Bernd Ullrich wegen der Infektionsgefahr aufgeben, erzählt er. Weil er trotzdem weiter mit Menschen arbeiten wollte, machte er eine Zusatzausbildung, damals Facharzt für psychotherapeutische Medizin genannt, und ließ sich wieder in Landsberg nieder. Bis zur Rente hat er diesen Beruf ausgeübt.

Und dann erzählt er, wie er zu reisen angefangen habe: Sri Lanka, Indien, Nepal, Tibet, zweimal Thailand, die Länder, die Menschen und deren Lebenskultur kennengelernt hat. Auch Kuba, Mexiko und natürlich Europa. Und er habe immer darauf geachtet, sich keine Infektionen einzufangen. Wenn beispielsweise andere ein offenes Eis während einer Reise aßen, griff er nur zum verpackten am Stiel.

Mittlerweile hat er die Immunsuppressiva abgesetzt, nachdem bei ihm eine Vorstufe von Hautkrebs festgestellt worden war, die wahrscheinlich von dem Medikament herrührte. „Die Krebsgeschwüre sind verschwunden und bis jetzt auch nicht wiedergekommen“, sagt er. Sein Herz schlug wie gewohnt weiter.

Treppen steigen und Radfahren

Oberarzt Müller erklärt sich das so: „Durch die optimale und langjährige Nachsorge und medikamentöse Therapie hat sich das Immunsystem Schritt für Schritt angepasst und behandelt dieses transplantierte Herz nun nicht mehr als einen Fremdkörper.“ Dies sei eine äußerst seltene und sehr beeindruckende Reaktion im Langzeitverlauf nach Transplantationen. Die genauen Ursachen hierfür seien nicht abschließend erforscht.

Bernd Ullrich achtet außerdem nicht nur auf seine Ernährung und sein Gewicht, sondern hält sich auch geistig und körperlich fit. Er nimmt die Treppen statt den Lift ins zweite Stockwerk seiner Wohnung, läuft täglich seine Runde in Landsberg und radelt auf dem Hometrainer. Medikamente nimmt er nur gegen Bluthochdruck und Blutverdünner gegen Thrombose. „Für mein Herz brauche ich nichts. Das ist gesund“, sagt er.

Und wenn ihm einmal die Stunde schlägt – die 90 möchte er gerne erreichen – steht auch er als Spender bereit. Auch seine beiden Söhne hätten einen Organspendeausweis. Doch, so sagt Ullrich, plädiere er für die Widerspruchslösung und nicht für die Zustimmungslösung, wie sie in Deutschland gilt. „Wenn man sieht, wie Menschen, die auf Organe warten einfach sterben müssen, weil kein Spender da ist, ist das furchtbar“, meint er. Viele wüssten einfach nicht ausreichend über die Organspende Bescheid.

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Dieser Artikel stammt aus der RHEINPFALZ am SONNTAG, der Wochenzeitung der RHEINPFALZ. Digital lesen Sie die vollständige Ausgabe bereits samstags im E-Paper in der RHEINPFALZ-App (Android, iOS). Sonntags ab 5 Uhr erhalten Sie dort eine aktualisierte Version mit den Nachrichten vom Samstag aus der Pfalz, Deutschland und der Welt sowie besonders ausführlich vom Sport.

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