Hilfsprojekt
Über alle Schranken: Wie Pfälzer ein Brunnenbohrgerät in den Kongo bringen
Als der Großfischlinger Torsten Braun, Antreiber des kleinen Vereins Keep Smiling, zum ersten Mal in die Stadt Tshikapa im Südwesten des Kongo kommt, um zusammen mit einem vor Ort ansässigen Partnerverein und deutschen Spendengeldern eine Schule herzurichten, ist er überwältigt von Eindrücken: die Armut des Landes, das Fehlen von für Europäer selbstverständlicher Infrastruktur in einer Großstadt, das weit verbreitete Gefühl von Hilflosigkeit, aber auch die Begeisterungsfähigkeit der Menschen sowie der Fleiß und der Einfallsreichtum von Handwerkern vor Ort.
Zukunftspläne? Ja, wie denn?
Eine geteerte Straße zu der 300.000-Einwohner-Stadt Tshikapa, knapp 50 Kilometer nördlich der Grenze zu Angola, gibt es nicht, in der Stadt selbst nur wenige. Aber nicht nur die Verkehrsinfrastruktur des zentralfrikanischen Staates liegt im Argen. Kongo mit über 92 Millionen Einwohnern ist eines der ärmsten Länder der Erde. Das in Kaufkraftparität umgerechnete Bruttoinlandsprodukt, ein Wohlstandsmaßstab, beträgt im Jahr 1126 Dollar pro Kopf (Deutschland: 54.080 Dollar). Es fehlt der bitterarmen Bevölkerung am Nötigsten: Transportwege, Wasserversorgung und Gesundheitswesen sind desolat, die Korruption allgegenwärtig. Zukunftspläne können die meisten Familien kaum schmieden, weil sie mit dem täglichen Überleben beschäftigt sind.
Der Grundsatz des Partnervereins Budikadidi, Hilfe zur Selbsthilfe, überzeugt Braun sofort. Nachhaltige Verbesserung, so die Leitlinie des Vereins, könne nur erreicht werden, wenn die Menschen vor Ort beteiligt werden und sich damit emotional an Projekte binden. Hilfe dürfe nicht bedeuten, fertige Waren in Wohnviertel zu stellen. Die Betroffenen müssen mitmachen. Sie sollen Möglichkeiten erhalten, ihre Zukunft selbst zu gestalten.
Robuste Geräte für eine robuste Zukunft
Torsten Braun ist überzeugt, dass die Versorgung der Bevölkerung mit Trinkwasser eine der wichtigsten Voraussetzungen für ein besseres und gesünderes Leben ist. Fließendes Wasser gibt es in Tshikapa nicht. Zu den wenigen Brunnen müssen die Menschen weite Strecken laufen. Der Pfälzer nimmt sich vor: Die nächste Spendenaktion des Vereins „Keep Smiling“ soll der Finanzierung von Brunnenbohrtechnologie dienen. Sie soll so ausgerichtet sein, dass die Menschen vor Ort die Brunnen pflegen und verwalten können.
Wichtig sind also robuste Geräte. Die hochtechnischen Anlagen eines deutschen Herstellers empfiehlt nicht einmal der Geschäftsführer selbst. Er rät dem Verein zu einem thailändischen Kollegen, dessen Gerät sich in Afrika bewährt habe. Es könne, so berichtet der Fachmann, 150 Meter tief bohren und im Optimalfall 50 Brunnen pro Jahr schaffen. Die Menschen sollen für das Wasser einen kleinen Wasserpfennig zahlen, der die Unterhaltung des Brunnens und den Bau weiterer Brunnen finanziert – so die Idee.
Das 200.000-Euro-Projekt
Welche Riesenaufgabe sich der kleine Verein da vorgenommen hat, kann „Keep Smiling“ zu diesem Zeitpunkt kaum überblicken, und das nicht nur, weil man für die Umsetzung stattliche 200.000 Euro benötigen wird.
Im ersten Schritt muss das notwendige Geld zusammenkommen. Der Verein setzt alle Hebel in Bewegung und erhält von Firmen und Privatpersonen beachtliche Beträge. Im Sommer 2021 fehlen noch 40.000 Euro. Torsten Braun startet mit zwei Mitstreitern die Aktion „Wasser Marsch“, um noch fehlende Mittel zu sammeln. Der Einfall mag verrückt klingen, hat aber Symbolcharakter. Mit einem Wassermarsch in der Pfalz wird auf das fehlende Wasser im Kongo aufmerksam gemacht (wir berichteten). Die drei „Smileys“ marschieren an sechs Tagen insgesamt 200 Kilometer durch die Pfalz. Dabei bedienen sie sich nur an den 50 natürlichen Brunnen mit Trinkwasser, an denen sie vorbeikommen. Die beachtliche Strecke von über 30 Kilometer pro Tag soll auch daran erinnern, dass die Menschen im Kongo weite Strecken laufen müssen, um an Wasser zu kommen. Die Aktion ist ein viel beachteter Erfolg: Das fehlende Geld kommt zusammen.
Wie hinbringen?`
Parallel dazu stellt sich die Frage: Wie bringt man die notwendigen Geräte in den Kongo? In der ganzen Welt herrscht Containerknappheit. Corona hat den internationalen Transporthandel komplett ins Chaos gestürzt. Und dann kommt da so ein kleiner Verein ohne Erfahrung? In dieser Situation zeigt sich, dass Torsten Braun zwei Stärken hat: Er ist bereit, viele, viele Arbeitsstunden aufzuwenden, um sich regelrecht durch alle Details zu wühlen. Er informiert sich über Transportfragen, Steuerthemen, Bohrtechnik und Zollrecht.
Und er ist offensichtlich in der Lage, alle möglichen Personen vom „Keep-Smiling“-Projekt zu überzeugen, und zwar unterstützt von den Vereinsmitgliedern Ria Müller und Michelle Schwender, die Stunden um Stunden recherchieren und organisieren. Nur zwei Dinge sind dabei unverrückbar: Erstens: Das gesamte Geld fließt zu 100 Prozent ins Projekt. Braun zahlt auch seinen Flug in den Kongo aus eigener Tasche. Zweitens: Bestechungsgelder werden keinesfalls bezahlt, auch wenn diese im Kongo üblich sind.
Die unzähligen Gespräche bringen Erfolg. Braun muss das Projekt in so eindringlichen Worten geschildert haben, dass auch große, internationale Unternehmen überzeugt sind. Die Frankenthaler KSB stellt die sehr wichtigen Testpumpen zur Vermessung der Bohrtiefen zur Verfügung. Die Varista GmbH spendet das komplette Montagesystem. Engagement Global, eine entwicklungspolitische Organisation im Eigentum des Entwicklungshilfeministeriums, übernimmt 90 Prozent der beachtlichen Transportkosten. Hornbach liefert Werkzeuge. Bei jeder einzelnen dieser Hilfen fällt Torsten Braun ein Stein vom Herzen, denn das Geld hätte nicht gereicht, um alle Begleitmaßnahmen zu finanzieren. Größere Geldspenden kommen außerdem nach umfangreicher Dokumentation des Projekts von Bosch, DHL, ELAN e.V mit Mitteln der Bingo-Umweltlotterie, den Pfalzwerken und SAP. Hinzu kommen viele Privatleute mit großen und kleinen Beträgen.
Erstaunlich viele Unterstützer
Der Verein kauft, als das erforderliche Geld beisammen ist, die notwendigen Geräte so schnell wie möglich. „Wir hatten Angst, dass es erhebliche Preissteigerungen nicht nur beim Transport, sondern auch bei den Geräten gibt. Das hat sich später bestätigt,“ berichtt Torsten Braun. Sehr hilfreich ist in diesem Zusammenhang das Sankt Martiner Weingut Altes Schlößchen, das Platz zur Verfügung stellt, um die teuren Geräte sicher zu lagern.
Dann kommt die Containerfirma Merconlog ins Spiel, stellt einen neuwertigen 40-Fuß-Container (12,2 Meter x 2,70 Meter x 2,35 Meter) kostenlos zur Verfügung und druckt sogar das Keep-Smiling-Logo außen auf. Ein weiterer Glücksfall. So befüllen fleißige Helfer am 4. Juni 2022 den riesigen Container mit dem gesamten Equipment und befestigen es, damit es die Reise unbeschadet überstehen wird. Jetzt steht der Versand an.
Soll heißen: Das Ungetüm muss nach Tshikapa transportiert werden. Und wieder gibt es wertvolle Hilfe: Die DHL übernimmt die gesamte Organisation des Container-Transports vom pfälzischen Sankt Martin aus nach Hamburg, von dort auf dem Seeweg in den afrikanischen Hafen Matadi, schließlich über Land bis Tshikapa. Alleine die ganzen Zollformalitäten für einen ganzen Container verschiedenster Einzelteile erfordern erhebliches Fachwissen und sind unglaublich zeitaufwändig. „Ohne die Hilfe der DHL hätte das alles nicht geklappt“, sagt Torsten Braun erleichtert. „Wir waren oft an dem Punkt, dass wir geglaubt haben, wir schaffen es nicht. Aber dann kamen Profis und haben uns geholfen. Da sind wir wirklich sehr dankbar.“ Die KSB zum Beispiel habe nicht nur die Pumpe gestellt, sondern auch einen Experten, der bei der Ausführung als Berater zur Verfügung steht.
Auf dem Plan: Brunnenbohrtraining
Vor Ort wird es nämlich nicht so sein, dass man einfach den Bohrer aufstellen und loslegen kann. Ein Geophysiker, derzeit in Nigeria stationiert, musste gefunden und eingeflogen werden. Er vermisst mögliche Bohrstellen und entscheidet, welche die richtige ist. Er wird insgesamt sechs Personen trainieren, damit sie seine Arbeit weiterführen können, wenn er wieder abreist und weitere Brunnen gebohrt werden sollen. Ein Spezialist für Bohrgeräte wird extra nach Burundi geschickt, dort an dem speziellen Gerät ausgebildet und kommt nun zurück für die erste Bohrung.
Es ist an alles gedacht. Auch die deutschen und kongolesischen Zollpapiere liegen vor. Doch völlig unerwartet flattert ein Schreiben der kongolesischen Regierung ins Haus mit einer Rechnung über 50.000 Dollar für die Einführung der Geräte ins Land. Dass es sich um eine kostenlose Hilfe für das eigene Land handelte, scheint egal zu sein. Was tun? Das Geld ist nicht da und es ist auch unklar, ob es sich nicht vielleicht um einen in ein offizielles Schreiben verpackten Versuch handelt, an Bestechungsgeld zu kommen.
Drähte ins Auswärtige Amt
Wieder nützen „Keep Smiling“ die eigenen Kontakte, die diesmal zum Auswärtigen Amt führen, das nach Prüfung des Vorgangs seine Hilfe anbietet. Über das Malteser Hilfswerk gelingt es schließlich, die offenbar sinnlose Zahlung zu vermeiden. Der Container kann am 12. August auf den Weg gebracht werden und erreicht am 17. Oktober nach 39 Tagen Seereise den Hafen von Matidi im Kongo. Am 19. November kann er endlich den Zollhafen verlassen. Vor einigen Tagen, am 21. November, erreicht er Tshikapa. Dass die Zollabwicklung letztlich gut gelaufen ist, so die Fachleute von „Engagement Global“, sei „keine Selbstverständlichkeit“.
Am 24. November – also in dieser Woche – kommt auch Torsten Braun nach einer strapazenreichen 900-Kilometer-Reise von der Hauptstadt Kinshasa aus in Tshikapa an. Er kümmert sich um das sachgerechte Ausladen des Containers und wird mithelfen, bis das erste Wasser sprudelt. Wenn alles klappt, wird es in drei Wochen so weit sein. Das will er unbedingt schaffen, wie er sagt. Nicht nur für Torsten Braun, sondern für viele Menschen in Tshikapa könnte dann ein Traum in Erfüllung gehen.
Keep Smiling; Der Verein
Der gemeinnützige Keep Smiling e.V. wurde 2014 unter Arbeitskollegen gegründet und half zunächst den Betroffenen einer Naturkatastrophe auf den Philippinen. Zweites Projekt war der Wiederaufbau einer Schule in der Stadt Tshikapa in der Demokratischen Republik Kongo in Zusammenarbeit mit dem örtlichen Verein Budikadidi. Der von Priestern der katholischen Kirche gegründete Verein ist auch Partner für das Brunnenprojekt. Internet: www.keep-smiling.org; Die Nummer des Spendenkontos lautet: IBAN DE16 5489 1300 0052 1500 00.