Corona RHEINPFALZ Plus Artikel Wie sich der nächste „Lockdown“ vermeiden lässt

Anita Schöbel
Anita Schöbel

Mathematikprofessorin Anita Schöbel vom Fraunhofer-Institut Kaiserslautern war schon früh für einen harten Lockdown. Doch damals war zu diesem Schritt keiner bereit. Die Folgen sind bekannt. Experten erklären, wie es im Januar weitergehen könnte und was die mutierte Virus-Variante bedeutet.

Die Anzahl der Menschen, die in Rheinland-Pfalz mit oder an Covid-19 gestorben sind, hat am Mittwoch mit 61 einen neuen Tageshöchststand erreicht. In den zurückliegenden zwei Wochen nahmen die Corona-Fälle um 28 Prozent zu und damit so stark wie in den zwei Wochen zuvor (27,7). Erstmals sind mehr als 20.000 Menschen in Rheinland-Pfalz gleichzeitig mit dem Virus infiziert (20.351, Stand Mittwoch, 14.10 Uhr). Die höchste Inzidenz gibt es bei rückläufiger Tendenz in Speyer mit 360. Danach folgen Ludwigshafen (328) und die Stadt Frankenthal (324). Zweibrücken ist die einzige Kommune mit einem Wert unter 50: 43,9.

Wo stünden wir ohne Teil-Lockdown?

Deutschlandweit gäbe es ohne jegliche Art von Lockdown jetzt mehr als 150.000 Neuinfektionen pro Tag. Davon gehen Modellrechnungen eines Wissenschaftsteams aus, an dem die Kaiserslauterer Mathematikprofessorin und Leiterin des Fraunhofer-Instituts für Techno- und Wirtschaftsmathematik, Anita Schöbel, zusammen mit der Leopoldina, der Deutschen Akademie der Naturforscher, beteiligt ist.

Lockdown light Anfang November – warum hat er nicht funktioniert?

Er hat zunächst zu einer Abflachung der Anzahl der Neuinfektionen geführt. Die genauen Ursachen für ein Infektionsgeschehen auf weiter hohem Niveau seien sehr schwer auszumachen, meinen Experten. Saisonale Effekte wie der Herbst- und Winterbeginn spielten nur eine untergeordnete Rolle. Der Ökonom Klaus Wälde von der Uni Mainz mutmaßt, dass es am Verhalten der Menschen liege. „Weihnachtseinkäufe nahmen zu“, sagt er. „Auch die Unzufriedenheit mit Kontaktbeschränkungen wurde stärker.“ Und die Angst vor Neuinfektionen habe sich „mit der Zeit abgeschliffen“. Er betont, dass dies Hypothesen sind – genaue Untersuchungen dazu gibt es nicht. „Die Reduktion der Kontakte war nicht stark genug“, sagen die Mathematiker Wolfgang Bock von der TU Kaiserslautern und Thomas Götz von der Uni Koblenz. Das könnte auch an den Schulen und Arbeitsstätten gelegen haben. Für Forscher Wälde ist klar: Das öffentliche Leben früher komplett herunterzufahren, war zu diesem Zeitpunkt „politisch nicht machbar“ – als die Versorgung auf den Intensivstationen noch nicht so dramatisch war wie jetzt.

Was hätten wir anders machen können?

Früher einen harten Lockdown, sind sich die Forscher einig. Das Ganze aber ist ein komplexes System, bei dem viele Faktoren eine Rolle spielen. Forscher wie Wälde werben schon lange dafür, mehr zu experimentieren, also bewusst unterschiedliche Maßnahmen in unterschiedlichen Regionen festzulegen und die Effekte zu untersuchen. Das wurde kaum umgesetzt. Problematisch laut Wälde: „Mit unserer Freiheitsliebe und unserem starken Fokus auf Datenschutz genießen wir in normalen Zeiten ein gutes Leben, in schwierigen Zeiten stehen wir uns damit aber auch etwas im Weg.“

Wann wissen wir mehr?

Wie es sich mit den Infektionen bis Januar verhält, hängt davon ab, wie viele Kontakte jeder Einzelne über die Feiertage hat. Den Effekt des harten Lockdowns werde man in zwei Wochen sehen, sagt Bock.

Januar: Was ist die beste Strategie?

Die Experten mahnen zur Vorsicht und plädieren für weitere Kontaktbeschränkungen sowie Schule im Wechselbetrieb. „Zunächst einmal sollte das Infektionsgeschehen genau betrachtet und eine komplette Öffnung abgewartet werden. Die Bedingungen sollten klar kommunizierbar und nachvollziehbar sein“, meinen die Mathematiker Bock und Götz. Fachfrau Schöbel sagt: „Öffnen, wenn wir in den meisten Landkreisen eine Inzidenz von unter 50 haben.“ Damit Infektionsketten wieder unterbrochen werden können. Die Stichworte lauten: schrittweise, vorsichtig und sofort einschreiten, sobald die Marke über 50 steigt. Wälde: Der weitere Verlauf wird im Wesentlichen vom Erfolg der Impfungen abhängen. Erklärtes Ziel ist, die Intensivstationen zu entlasten.

Was bedeutet die Entdeckung der Virus-Mutation?

Dass Viren sich verändern, ist normal, auch eine Anpassung des ursprünglich vermutlich von Fledermäusen stammenden Virus an den Menschen war laut Virologe Bodo Plachter von der Uni Mainz zu erwarten. Dass sich die neue Variante tatsächlich viel schneller ausbreitet, „muss erst noch bewiesen werden“, bisher sei das „blanke Vermutung“. Und dass dies 70 Mal schneller gehen soll, sei nur geschätzt. Auch wie sich das auf den Verlauf der Krankheit auswirkt, ist noch unklar. Studien müssen folgen, auch zur Wirksamkeit des Biontech-Impfstoffs auf die Mutation. Hoffnung macht Plachter aber, dass sich diese Art des Vakzins bei Bedarf schnell anpassen lasse.

Wolfgang Bock
Wolfgang Bock
Thomas Götz
Thomas Götz
Klaus Wälde
Klaus Wälde
Bodo Plachter
Bodo Plachter
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