Rheinland-Pfalz Wer hoch steigt ...

Wenn Gäste zum ersten Mal unsere Küche betreten, sagen sie in der Regel: „Ach, wie schön, das sieht ja total gemütlich aus!“ Sie meinen damit die Chaiselongue (Sprich: Schäslonk), die sich meine Frau bei unserem Einzug auf einer Seite des Esstisches anstatt einer Bestuhlung gewünscht hat. Wir beide werden dann ganz nostalgisch und sagen: „Ja, das war unser erster großer Streit in der Wohnung.“ Tatsächlich bin ich bei Küchenmobiliar eher der traditionelle Typ. Ein niedriges, kombiniertes Sitz- und Liegemöbel ohne Rückenlehne, noch dazu aus Stoff und nicht abwischbar, erschien mir als die denkbar schlechteste Option für einen Haushalt mit zwei Kindern. Setzt man sich zum Essen darauf, reicht einem die Tischkante bis zur Brust und man fühlt sich wie Goldlöckchen bei den drei Bären. Auch für ein Mittagsschläfchen eignet es sich nicht, denn es ist nur 160 Zentimeter lang. Am Ende stand, wie so oft, ein Kompromiss: Meine Frau bekam das Semisofa, allerdings muss sie bei Mahlzeiten auch dort sitzen – und nicht auf meiner „zivilisierten“ Tischseite. Seitdem kniet sie beim Essen auf ihrer halbfertigen Couch und sieht dabei sehr zufrieden aus. Manchmal beschleicht mich das Gefühl, der Deal war genau in ihrem Sinn. Vor ein paar Wochen bot die Stuhlmatratze jedoch neuen Zündstoff: Unsere jüngste Tochter hatte gerade ihren ersten Geburtstag gefeiert und begann sich zunehmend in die Höhe zu bewegen. Bevorzugtes Ziel ihrer Klettertouren: der Küchentisch. Ihre Absichten dabei sind destruktiver Natur; sämtliche Gegenstände (Geschirr, Blumenvasen, Butterdosen) müssen ausgiebig begutachtet und dann auf den Boden geworfen werden, so lauten anscheinend die Regeln. Am Ende ist der Tisch blank. Die Esstischcouch begünstigt ihren Aufstieg: Die kleine Alpinistin lässt sich mit dem Gesicht voran auf die Sitzfläche fallen, zieht die Beine nach und nutzt die gepolsterte Armlehne dann, um auf den Tischplatte zu steigen. „Das darf man auf keinen Fall zulassen, das macht die sonst überall“ rät die nie um einen Hinweis verlegene Schwiegermutter. „Hilfe, mein Kleinkind klettert auf den Tisch, was kann ich tun?“ ist auch eine häufig gestellte Frage in diesen Elternforen im Internet, wo sich erwachsene Menschen tatsächlich von Fremden Ratschläge darüber geben lassen, wie sie ihr Kind zu erziehen haben. Von „Einfach mal fallen lassen, Schmerzen sind ein guter Lehrmeister“ bis „Erkläre dem zwölf Monate alten Kind doch einfach, wie gefährlich das ist“ findet dort jeder seinen persönlichen, weltfremden Tipp. „Das rummst ganz schön, wenn die da mal runterknallt“, merkte ich vergangene Woche vorsichtig an. Ein kleiner Teil in mir hat die Normküche (ein Tisch, vier Stühle) noch nicht aufgegeben. „Ja“, sagte meine Frau nachdenklich mit Blick auf das Kleinkind. Es saß auf dem Tisch und hatte ihn leer vorgefunden. Denn wenn dort nichts liegt, so unsere auf dem Offline-Tool „Gesunder Menschenverstand“ beruhende Lösung, sinkt auch der Reiz hinaufzuklettern. Tatsächlich machte unsere Tochter sich enttäuscht und mit den Beinen voran an den Abstieg, da geschah es: Sie rutschte mit den Füßen ab und fiel. Bei einem Stuhl wäre sie nun mit dem Hinterkopf auf die Lehne geknallt, hätte sich böse den Rücken stoßen oder im schlimmsten Fall am Stuhl vorbei zu Boden rauschen können. Doch sie fiel rücklings auf eine weiche, breite Schäslonk. Ein kurzer Schreckmoment, dann lachte sie und begann sich hin und her zu wälzen. In den Augen meiner Frau standen Erleichterung und ein stiller Triumph. Es bleibt wohl alles, wie es ist. Die Kolumne In der Kolumne „Am Küchentisch“ schreiben Redakteure über die Pfalz, ihr Familienleben und den Redaktionsalltag.