Rheinland-Pfalz
Weinernte oft schon vor dem Morgengrauen
In vielen Pfälzer Weinbergen hängen jetzt nur noch Blätter an den Rebstöcken, die meisten Trauben wurden schon geholt. Damit geht die Ernte bereits ihrem Ende entgegen. Anders als in manch anderem Jahr, sind die Winzer diesmal beim Herbsten nicht durch unliebsame Witterungsfolgen unter Zeitdruck geraten.
Dank des guten Wetters hatten die Betriebe die Anfang September angelaufene Hauptweinlese „ganz ruhig und entspannt“ angehen können, wie Jürgen Oberhofer, Leiter der Gruppe Weinbau im Dienstleistungszentrum Ländlicher Raum (DLR) in Neustadt, am Donnerstag sagte. Probleme wie Fäulnisgefahr oder ein starkes Auftreten der Kirschessigfliege habe es nicht gegeben – und damit auch keine Gründe, die Trauben im Eiltempo einzubringen. Nur ein einziger, eigentlich positiver, Aspekt habe viele Winzer dazu veranlasst, beim Ernten bestimmter Rebsorten zwischendurch „Gas zu geben“: die überaus hohen Mostgewichte.
Diese hätten ansonsten insbesondere bei länger am Stock bleibenden Trauben von Burgundersorten – die generell zu höheren Oechsle-Graden neigen – noch so weit steigen können, dass der Alkoholgehalt des daraus erzeugten Weines allzu hoch ausgefallen wäre. „Solche Alkoholbomben mit 14 Volumen-Prozent und mehr sind nicht marktkonform“, so Oberhofer. Die Winzer hätten jedoch gelernt, damit umzugehen, und in der Regel rechtzeitig geerntet.
Oft Mostgewichte im Auslese-Bereich
Insgesamt bezeichnete er die beim aktuellen Jahrgang erzielten Mostgewichte als hervorragend. „Nicht selten wurde sogar die 100-Grad-Oechsle-Marke geknackt.“ Damit lagen die – weitgehend vom Zuckergehalt abhängigen – Mostgewichte in diesen Fällen im für das Erzeugen von Auslesen erforderlichen Bereich. Zu verdanken sind die überaus stattlichen Werte laut Oberhofer im Wesentlichen dem Bilderbuchwetter im August und September.
Die oft noch hochsommerlichen Tagestemperaturen in der Zeit des Herbstens stellten die Winzer vor eine spezielle Herausforderung: Es galt, die Erntearbeit umzuorganisieren und vorzuverlegen, um die Trauben in den Keller zu bringen, bevor diese durch die Hitze draußen zu warm wurden, erklärte der Fachmann. „Um die mikrobiologische Stabilität des Lesegutes zu erhalten, ist es wichtig, dass dessen Temperatur nicht wesentlich über 20 Grad Celsius steigt.“ Die meisten Betriebe hätten deshalb an heißen Tagen schon vor dem Morgengrauen mit der Lese begonnen – „die Vollernter liefen teils schon ab drei, vier Uhr in der Frühe“. Die meisten Anwohner hätten dafür erfreulicherweise viel Verständnis gezeigt.
Jetzt vor allem noch Ernte von Riesling
Oberhofer schätzt, dass inzwischen rund drei Viertel der Pfälzer Rebfläche abgeerntet sind und die Lese bis Ende dieses Monats weitestgehend abgeschlossen sein dürfte. Noch hereinzuholen bleibe vor allem Riesling. Im Oktober werde wahrscheinlich nur noch für einige wenige Spezialitäten gelesen.
Die derzeit erwarteten Ernteerträge sind dem Experten zufolge „je nach Lage des Wingerts, Rebsorte und Wasserversorgung sehr unterschiedlich“, doch für das ganze Anbaugebiet insgesamt „recht gut“. Tendenziell sei bei Burgundersorten eher mit unterdurchschnittlichen Mengen zu rechnen, mit überdurchschnittlichen hingegen beispielsweise bei Müller-Thurgau, Portugieser und Dornfelder.
Für nähere Aussagen zum Charakter des 2020ers sei es noch recht früh, meinte Oberhofer auf die diesbezügliche Frage. Sagen könne man aber auf alle Fälle bereits jetzt, dass es „aufgrund der Traubengesundheit sicherlich sehr fruchtige Weine von überdurchschnittlichen Qualitäten geben wird. Man kann sich schon heute auf die ersten 2020er freuen“.