Rheinland-Pfalz Warum schützen wir Kinder nicht besser?
Bei der repräsentativen Studie haben 2514 Personen mitgemacht. Hochgerechnet auf den Gesamtbevölkerungsanteil von über 14 Jahren, macht das 214.000 Fälle. Wir haben nach Missbrauch mit Berührung gefragt, aber auch nach Missbrauch mit vaginaler, oraler oder analer Penetration. Die Fragen zum Sport bezogen sich explizit auf sexuelle Übergriffe. Zufällige Berührungen fallen durch die Art der Fragestellung nicht darunter. Es kommen Taten unterschiedlicher strafrechtlicher Schwere vor. Bezogen auf Taten mit Penetration, macht das etwa die Hälfte der Fälle im Sport aus. Das ist heftig. Warum sind wir denn weder im Sport noch bei den Kirchen weiter, um unsere Kinder besser zu schützen? Seitdem die Bundesregierung 2010 ihren runden Tisch initiiert hat, ist viel passiert. Aber es dauert, bis Kinderschutz auf allen Ebenen umgesetzt wird, bis das Thema wirklich Ernst genommen wird – auch gegen Widerstände, im Sport wie in der Kirche. Wir Erwachsenen müssen Verantwortung übernehmen. Das sind wir unseren Kindern schuldig. Und wie zeigen wir Verantwortung? Wir müssen eine Haltung etablieren, wachsam sein, ohne gegen Jeden einen Generalverdacht zu hegen. Von jedem Ehrenamtler im Sport sollte ein Führungszeugnis verlangt werden. Das sollten wir nicht entschuldigend sagen, sondern erklärend, warum uns das wichtig ist. Die an oberster Stelle müssen mit gutem Beispiel vorangehen. Und nach Zeltlagern oder Ausflügen sollte man Fragebögen haben. Da können Kinder sagen, was ihnen gefallen hat oder nicht und auch, ob ihnen etwas unangenehm war. Wenn jemand als Trainer plötzlich aus einem Verein verschwindet, sollten Eltern nachfragen. Vereine müssen auf allen Ebenen kommunizieren. Wenn ich etwas wissen will, muss ich mit allen sprechen. In unserer Klinik in Ulm haben wir eine Sprechanlage, die Kinder, die etwas auf dem Herzen haben, mit dem Jugendamt oder dem Patientenfürsprecher verbindet. Sie schreiben ja keine Beschwerdebriefe. Wie kann man verhindern, dass ein pädophiler Trainer, Betreuer oder Arbeitnehmer den Job wechselt und an anderer Stelle wieder sein Unwesen treibt, weil die Weitergabe von Personendaten plus Vermutungen nicht erlaubt ist? Jeder, der nichts zu verbergen hat, hat nichts dagegen, neben einem Zeugnis persönliche Referenzen vorzulegen oder einholen zu lassen. Die kanadischen Boyscouts, die wegen Missbrauchs vor dem Untergang standen, haben damit gute Erfahrungen gemacht, Referenzen einzuholen und individuelle Tätigkeitsbeschreibungen zu machen. Zu den Missbrauchsverdachtsfällen am Uniklinikum in Homburg hatte Sie die saarländische Staatskanzlei mit einem Gutachten beauftragt. Zu welchem Schluss kamen Sie? In diesem Frühjahr während der Recherchen von Monitor (das WDR-Magazin, das den Skandal am Klinikum aufgedeckt hat, Anmerk. d. Red.) sollte ich beurteilen, ob das Klinikum Eltern und Öffentlichkeit informieren soll. Als Informationsgrundlage hatte ich einen Schriftsatz der Opferanwältin. Die Staatskanzlei bat mich abzuwägen, ob eine Information den Eltern und Kindern mehr schadet als nutzt. Und was sagten Sie? Wahrscheinlich leiden heute nicht alle damals Betroffenen unter dem Erlebten. Für sie war es vielleicht eine unangenehme Untersuchung. Aber all die, die darunter leiden, haben nur so eine Chance, davon zu erfahren. Daher habe ich der Staatskanzlei das empfohlen, was dann folgte: Information. Das habe ich übrigens getan, ohne die Abläufe am Klinikum damals in Bezug auf das damalige Vorgehen zu beurteilen. In Zukunft geht es darum, dass das Klinikum Schutzkonzepte überarbeitet. Was heißt das? Es geht darum, – um in einem Bild zu sprechen – dass sie vom Saulus zum Paulus werden. Sich jetzt in einer Wagenburg einzuschließen, wäre das Schlimmste. Das Klinikum muss ja glaubwürdig sein und arbeitsfähig bleiben. Man sollte Personal ebenso wie ehrenamtliche Mitarbeiter in Vereinen ermutigen, über Auffälligkeiten zu sprechen. Verhindert die strenge Hierarchie an Krankenhäusern, dass etwa Pflegekräfte gegen Ärzte aufmucken? Auch bei einer niedrigen Hierarchie ist man vor Missbrauch nicht gefeit. Es geht mehr um niedrigschwellige Angebote und um Haltung. Ist vielleicht auch Eltern ein Vorwurf zu machen, wenn sie, wie im Fall des beschuldigten Arztes und Judotrainers in Homburg, ihre Kinder bei einem alleinstehenden, kinderlosen Mann übernachten lassen? Anderen Eltern war der Mann schon lange suspekt. Blaming the parents bringt uns hier nicht weiter. Die Verantwortung liegt immer beim Täter. Natürlich nutzt der seine soziale Position, sein Charisma aus und natürlich kann der gut mit Kindern. An der Odenwaldschule mit den vielen Missbrauchsfällen gehörten die Eltern zur High Society. Der Status macht keinen Unterschied. Eltern sollten aber hellhörig sein und sich untereinander austauschen. Oder auch das Krankenhauspersonal. Wie konnte es sein, dass der Pfleger Högel (der Serienmörder, der wegen 85 Patientenmorden verurteilt wurde, Anmerk. d. Red.) scherzhaft auf der Station Todes-Högel genannt wurde, und nichts passierte? Wir müssen die Bereitschaft, über kritische Wahrnehmungen zu sprechen, erhöhen. Was macht Missbrauch mit Kindern? Etwa ein Drittel der Betroffenen sind danach nicht behandlungsbedürftig. Aber zwei Drittel brauchen Unterstützung, eine Therapie. In dem Zusammenhang ärgert es mich sehr, dass der Bund innerhalb der Reform des sozialen Entschädigungsrechts neue Opferambulanzen einrichten will, aber dabei die Kinder vergisst. Gerade junge Menschen brauchen zusammen mit ihren Eltern eine professionelle Anlaufstelle zu Rechtsfragen, aber auch Frühintervention. Kinder sind keine kleinen Erwachsenen. Zur Sache Zur Person — Jörg Fegert, 62 Jahre alt, ist Ärztlicher Direktor der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie/Psychotherapie am Universitätsklinikum Ulm. Der Professor ist ein bundesweit anerkannter Experte zum Thema Kindesmissbrauch. Daneben leitet er das Kompetenzzentrum Kinderschutz in der Medizin in Baden-Württemberg. | Interview: Simone SchmidtDOPPELTERZEILENUMBRUCH