Rheinland-Pfalz
Völkersweiler: Initiative will erste Bauernhof-Wald-Grundschule gründen
Ihre Kinder besuchen den Bauernhof-Wald-Kindergarten auf Gut Hohenberg. Das freie, naturnahe Pädagogikkonzept hat sie überzeugt. Nun wollen Eltern und Unterstützer auch eine derartige Grundschule gründen – auf dem Josefshof in Völkersweiler. Es wäre die erste in Rheinland-Pfalz.
Donnerstagmorgen. Graues, kühles Januarwetter. Um den Josefshof bei Völkersweiler grasen Gallowayrinder vor sich hin. Auf dem Gelände des ehemaligen Klosteranwesens und spätereren Heims für Menschen mit Behinderung, das heute eine Hofgemeinschaft beherbergt, flackert in einer grünen Ecke ein Lagerfeuer. Daran wärmt sich eine Runde junger Eltern auf und erzählt der RHEINPFALZ von ihren Plänen. Man trifft sich nicht drinnen um einen Tisch gepfercht, sondern draußen im Freien, in der Natur. Da, wo ihr Projekt verortet ist. Denn die Gruppe will eine Bauernhof-Wald-Grundschule gründen.
Konzept der Kita auf Grundschule erweitern
Auf die Idee kamen vor gut einem Jahr ein paar Eltern, deren Kinder den Bauernhof-Wald-Kindergarten auf Gut Hohenberg in Annweiler-Queichhambach besuchen. Die naturnahe Einrichtung auf dem Seminar- und Schulbauernhof ist die einzige dieser Kombination in Rheinland-Pfalz. Und sie hat Strahlkraft. Britta Horn zog mit ihrer Familie vor zwei Jahren aus Berlin in die Pfalz, weil ihr Mann einen Job in Rodalben angenommen hatte. Ihr neues Zuhause suchten sie sich aber in Annweiler – ganz bewusst, wegen des Bauenhof-Wald-Kindergartens, wie sie erzählt. Was ihre sechsjährige Golda dort alles lerne und erfahren könne, das sei einzigartig. Die Kinder nehmen am Bauernhofleben teil, versorgen die Tiere, buddeln im Garten, entdecken den Wald. Freiheit, Kreativität, Eigenverantwortung und Konfliktfähigkeit würden gestärkt. Die Kinder erlangten Kenntnisse über Natur und Landschaft. Ihre Sinne würden geschärft, und sie könnten sich viele praktische Fähigkeiten aneignen, zählen die Eltern begeistert die Möglichkeiten des Kindergartens auf. „Dieses besondere Konzept wollen wir auf den Schulbereich erweitern“, erklärt Katrin Adam, deren fünfjähriger Sohn Felix ebenfalls in Queichhambach Kita-Kind ist. Neben der Sozialarbeiterin gehören auch noch Franziska Hampl, die Kita-Leiterin auf Gut Hohenberg ist, Annika Engelke, die Dozentin an der Montessori-Schule in Landau war, und Axel Burkard zur Gründungsinitiative. Seine Familie betreibt den Josefshof. Er studiert gerade ökologischen Landbau und kam über ein Praktikum auf Gut Hohenberg auf die Idee, dass sich Projekte auf den beiden Höfen gut verbinden ließen.
Reformpädagogischer Ansatz für „Pusteblume“
Im November 2018 traf sich die Gruppe das erste Mal, im August gründete sie einen Verein mit dem Namen „Freie Schule Pusteblume“. Mittlerweile haben um die 70 Interessierte ihren Newsletter abonniert, nicht nur aus dem Trifelsland, sondern bis in die Südwestpfalz hinein. „Die Nachfrage ist auf jeden Fall da“, sagen sie. Das pädagogische Konzept sei fast fertig ausgearbeitet. Im Frühjahr wollen sie es bei der Schulbehörde einreichen. Dann müsse man sehen, wie die Zusammenarbeit laufe. „Aber wir sind zuversichtlich, weil die Behörden ja auch schon die Kita auf Gut Hohenberg kennen“, sagt Burkard. Das freie Spiel und Lernen auf dem Hof und im Wald soll im Fokus stehen. Zudem orientiert sich die Gruppe an reformpädagogischen Konzepten wie Montessori und Waldorf. „Aber wir picken uns nur das raus, was zu uns passt“, sagt Adam, die Vorsitzende des Vereins ist. Der Schulalltag werde sehr praktisch ausgerichtet sein, aber es werde natürlich auch klassischen Unterricht mit Lernmaterialien geben, versichert sie. Die Schule lege Wert auf das eigenständige Erarbeiten von Lerninhalten in Gruppen oder Freiarbeit und die individuelle Förderung der Kinder mithilfe von Lernbegleitern. Eine kleine Schule mit 30 Kindern und klassenstufenübergreifendem Unterricht stellt sich die Initiative vor, damit sich die Kinder untereinander austauschen und beim Lernen helfen können. Ein Lehrer, möglichst verteilt auf zwei halbe Stellen, ein FÖJler oder FSJler und weitere Lernbegleiter sollen den Unterricht wuppen.
Drei Jahre „Bewährungsfrist“ für neue Schule
Natürlich sollen die Kinder viel an der frischen Luft sein. Langfristig will die Initiative aber den 1970er-Jahre-Anbau des Hofs sanieren und für ihre Zwecke umbauen. Für den Übergang sollen ein Tipi, Bauwagen oder ein Tiny House den Kindern ein Dach über dem Kopf bieten. Drei Jahre „Bewährungsfrist“ gibt die Schulbehörde einer neuen freien Schule vor. Ab dann würde das Land 80 Prozent der Lehrstellenkosten tragen. Rund 200.000 Euro gelte es, in diesen drei Jahren zu finanzieren, berichtet die Gruppe von Erfahrungswerten anderer. Gerade steckt die Initiative mitten in der Erarbeitung des Finanzierungskonzepts. Dieses soll auf mehreren Säulen ruhen. Eltern zahlen sozial gestaffelte Beiträge – wohl rund 240 Euro für das erste Kind, 190 Euro für das zweite und 50 Euro für weitere Kinder. Dazu kommen Vereinsbeiträge von mindestens 50 Euro pro Jahr, Spenden, Sponsorengelder und Fördermittel. Und zur Überbrückung der ersten drei Jahre werde es wohl auch nötig sein, dass die Familien Kleinkredite für die Schule aufnehmen.
Konkurrenz zu Kita auf Gut Hohenberg?
Aber bei der Schule soll es nicht bleiben. Die Initiative will auch einen Bauernhof-Wald-Kindergarten gründen, um den Kindern auf dem Josefshof einen reibungslosen Übergang zu ermöglichen. Am Montag, 13. Januar, 9.30 Uhr, wird sich der Verein „Waldwichtel“ gründen. Aber steht diese Kita dann nicht in direkter Konkurrenz zu der gleichartigen auf Gut Hohenberg? „Ganz und gar nicht“, versichert Britta Horn, „es ist ein Miteinander und kein Gegeneinander. Wir haben eine innige Zusammenarbeit.“ In Queichhambach sei die Nachfrage mittlerweile so groß, dass es eine Warteliste über zwei Jahre gebe. Der Hof habe sich gegen eine weitere Gruppe entschieden, weil die Qualität nicht leiden soll. „Wir könnten mit der zweiten Kita eine Lücke schließen und mit der Schule Pionierarbeit leisten“, sagt Burkard. Die Gruppe wünscht sich, dass die „Pusteblume“-Schule 2021 startet – möglichst gleichzeitig mit der Kita. Dafür sucht sie nicht nur finanzielle Unterstützer, sondern auch juristische Berater und Lehrkräfte.
Kontakt
Weiter Infos unter www.bauernhof-waldschule-suedpfalz.de.