Lingenfeld
Trinkwasserverschmutzung: Bakterien im Belüfter sind schuld
Martina Krebs aus Zeiskam (Kreis Germersheim) kocht seit Montag ihr Trinkwasser ab. Seit sie über die Ortsbürgermeisterin und die Internetseite der Gemeinde erfahren habe, dass es Keime, genauer gesagt coliforme Bakterien, enthält. Sogar ihr Zahnputzwasser hat sie abgebrüht. Sie lacht. „Das ist nicht besonders umständlich“, findet sie. Aber die Warnung des Gesundheitsamts und der Verbandsgemeindewerke Lingenfeld nimmt sie sehr ernst. Sie erinnere sich noch gut an einen Urlaub in der Türkei, als in einem Nachbarhotel viele erkrankt seien. In einem Hotel, das offenbar lange geschlossen war und in dem sich womöglich Bakterien in den Wasserleitungen gesammelt hatten.
6000 Haushalte betroffen
Soweit ihre Vermutung. Tatsächlich können sich in Wasserrohren die teils krankheitserregenden Bakterien vermehren. Sie können allerdings auch von außen – etwa durch ein Leck – eindringen. Da die Keime überall in der Natur, aber auch in Fäkalien zu finden sind. Der Wasserzweckverband Germersheimer Nordgruppe, eine kommunale Einrichtung, versorgt alle rund 6000 Haushalte in der Verbandsgemeinde Lingenfeld sowie in der Gemeinde Zeiskam mit sauberem Trinkwasser. Als am Montag jedoch alarmierende Ergebnisse von routinemäßigen Wasserproben aus dem Labor in Mannheim ankamen, musste schnell gehandelt werden.
Gerade über der Nachweisgrenze
Der Grenzwert für coliforme Bakterien war überschritten. Der liegt bei null und laut Kreisverwaltung wiesen die Positivproben einen Wert von eins beziehungsweise drei Keimkolonien auf. Dem Landesuntersuchungsamt (LUA) zufolge „schrammen“ diese Werte an der Nachweisgrenze vorbei, sind also als niedrig einzustufen, wie André Brion vom LUA-Institut für Hygiene und Infektionsschutz in Landau auf Anfrage erklärte. Die Kreisverwaltung stellte eine Warnung auf ihre Homepage und riet – vorsorglich – zum Abkochen des Wassers. Eine Gesundheitsgefahr bestehe nicht, hieß es. Nur Menschen, die immunsystem-unterdrückende Medikamente nehmen, sollten auch Obst nur mit abgekochtem Wasser abwaschen. Darauf könnten andere verzichten.
Keimherd im Wasserwerk Weingarten
Am Donnerstag war dann nach Auskunft der Verwaltung der Keimherd gefunden: in einem Kreuzstrombelüfter im Wasserwerk Weingarten, wie Werksleiter Rüdiger Butz auf Anfrage präzisierte. Diese Apparatur dient normalerweise zur Feineinstellung des pH-Werts, also einer Säureregulierung. „Den Belüfter haben wir jetzt abgehängt“, so Butz, er sei nicht zwingend nötig. Woher die Keime in dem Belüfter kommen, sei noch nicht geklärt. „Die Leitungen im Netz sind es jedenfalls nicht.“ Frühestens am Dienstag kann das geltende Abkochgebot, keine Abkochverpflichtung – laut Kreisverwaltung ein haftungsrechtlicher Unterschied – womöglich aufgehoben werden.
Drei Tage in Folge müssen die Wasserproben wieder „negativ“ sein. Gezählt werden dafür Proben von Freitag bis einschließlich Sonntag. Die im Wasserwerk Weingarten gefundenen Bakterien übrigens haben so skurrile Namen wie Serratia liquefaciens und Enterobacter amnigenus. Ersterer wird vom Umweltbundesamt der höchsten und „gefährlichsten“ von drei Stufen zugeordnet, das zweite der Stufe 2, ist also etwas harmloser.
Selten, aber manchmal hartnäckig
Claudia Castell-Exner vom Deutschen Verein des Gas- und Wasserfaches (DVGW) in Bonn sagt, dass die Belastung von Trinkwasser mit „Coliformen“ in Deutschland nur sehr selten vorkomme. Hierzulande stammt Trinkwasser zu rund 70 Prozent aus Grundwasser. Tiefbrunnen seien gut gegenüber Verschmutzungen geschützt. Und ziemlich sicher vor Bakterien. Auch die Tiefbrunnen des jetzt betroffenen Wasserversorgers sind laut Werkleiter frei von Keimen.
Dass sich coliforme Bakterien auch lange halten können und Werkleitern das Leben schwermachen, hatte sich zuletzt in der Stadt Eisenberg (Donnersbergkreis) gezeigt, wo man vier Monate mit den unsichtbaren Feinden kämpfte. 500 Hauhalte bekamen wochenlang sogar nur gechlortes Wasser, weil man die Organismen nicht los wurde. Etwas, das Martina Krebs in Zeiskam wohl erspart bleibt.
