Rheinland-Pfalz Speyer: Der Dom von oben
Serie Pfälzer Spitzen: Von den Türmen der Speyerer Kathedrale aus sieht man unsere Heimat von ihren schönsten Seiten
Oft ist schiere Größe einschüchternd. Der Dom zu Speyer ist die größte erhaltene romanische Kirche der Welt. Einschüchternd aber ist er nicht. Monumental ist er und kunstvoll – ein Wunder menschlichen Könnens und Schaffens. Die meist symmetrische Kombination aus Linien und Bögen, wie sie die Romanik meisterhaft hervorgebracht hat, erzeugt eine Klarheit und Ausdruckskraft ohnegleichen. Die Zwerggalerie zieht sich wie eine Bordüre rund um den Dom und macht das Monument sogar filigran.
40.000 Kubikmeter umbauter Raum
Schon als Kind bewunderte ich dieses Bauwerk, so nah meines Elternhauses in Böhl. Die Größe konnte ich kaum fassen: 134 Meter lang, bis zu 37,62 Meter breit, das Mittelschiff 33 Meter hoch, die Mauern bis zu 6,37 Meter dick. 40.000 Kubikmeter umbauter Raum. Eben unvorstellbar. Für meine Kindesbeine waren es gewaltige Wege und steile Treppen im Dom. Ich stellte mir vor, halb Böhl würde da hinein passen. Und dann Hall und Widerhall der Orgel, der Gesang des Domchores. Ich begriff gar nicht, wo die Musik überhaupt herkam. Angesichts seiner schieren Größe sind die vier Türme des Domes gar nicht mal so hoch: 71,20 Meter die Osttürme und 65,60 die Westtürme. Der Turm der Speyerer Gedächtniskirche, in Sichtweite des Domes, überragt sie deutlich. Mit 100 Metern ist er der höchste Kirchturm der Pfalz. Aber die Türme der Kathedrale sind meine Pfälzer Spitzen. Wenn ich mit meinen Eltern und Geschwistern aus dem Sommerurlaub zurückkam und wir schon aus der Ferne die Türme erspähten, wussten wir: Bald sind wir zu Hause. Manchmal hielten wir in Speyer an. Dann küsste ich, so wie der Papst, den Boden. Ich hatte eben eine blühende Fantasie.
Konrad II. legte den Grundstein
Meine Pfälzer Spitzen haben eine bewegte Geschichte. Konrad II., der wohl um 1025 den Grundstein des Domes legte, und sein Sohn Heinrich III. wollten eine Kirche, deren Chor von zwei Türmen flankiert wurde. Die beiden Gründer-Bauherren erlebten die Fertigstellung ihres Gotteshauses nicht mehr. Denn erst 1061 wurde der Bau geweiht. Heinrich IV. war er zu klein! Er ließ ihn zur Hälfte abreißen und neu und viel größer wieder aufbauen – jetzt mit vier Türmen. Aber auch Heinrich IV. bekam sein Bauwerk, damals eines der größten seiner Zeit, wohl nicht mehr zu sehen, denn er starb 1106, als der „neue“ Dom gerade erst fertig war.
Die Kathedrale war Symbol für die Macht des Kaisers
Damals war dieses riesige Gotteshaus mit seinen vier Türmen in dem winzigen Speyer (500 Einwohner) Symbol für die zugleich politische und religiöse Macht des Kaisers. Jahrhunderte später aber wurde der Dom Opfer des Streits zwischen Katholiken und Protestanten, wie auch der Kriege um die Vorherrschaft in Europa. Im Pfälzischen Erbfolgekrieg setzten die Franzosen Speyer in Brand. Das Innere des Domes wurde Opfer der Flammen, das Westwerk war danach eine Ruine. 1757 wurden die beiden Westtürme abgebrochen. 1794 wurde das Gotteshaus entweiht und später von Napoleons Truppen als Materiallager benutzt. 1822 erfolgte die erneute Weihe des Bauwerks zur Bischofskirche. 1854 bis 1858 wurde der Westbau neu errichtet. Seither hat der Mariendom zu Speyer wieder vier Türme. Diese ganze Geschichte habe ich erst als junger Erwachsener gelernt und begriffen. Bis dahin glaubte ich, der Dom sei schon immer so gewesen, wie ich ihn kenne. Meine Eltern hatten 1956 in der Kathedrale geheiratet. Das war damals nicht so einfach. Meine Mutter war zwar gläubige Katholikin, aber mein Vater war Protestant. Mein Vater war sehr stolz, im Dom den Bund der Ehe geschlossen zu haben. Und wenn meine Mutter uns von der Hochzeit erzählte, hatte sie oft Freudentränen in den Augen. Auch deshalb ließ mich der Dom nicht los. Vier Mal zogen meine Eltern mit uns Kindern um in Deutschland, mal in die Mitte, mal in den Süden, mal in den Westen der alten Bundesrepublik. Ich verbrachte jedes Grundschuljahr in einer ganz anderen Region. Den Pfälzer Dialekt verlernte ich. Kaum konnte ich etwas Schwäbisch, sprachen meine neuen Schulkameraden Münsterländer Platt und so weiter. Wo also war meine Heimat? Im Keller baute ich mir aus Pappkarton ein eigenes Haus und meine Fantasie bekam wieder Flügel. Wo ich geboren war? Na klar: Auf einem der Türme des Speyerer Doms! Was für eine Geschichte. Als wir in die Pfalz zurückkamen und ich in der vierten Klasse war, erzählte ich sie den Mädchen, die mir gefielen. Manche lachten über mich. Manche bewunderten meine Fantasie. Und manche, denen ich die Geschichte erzählte, erinnern mich bis heute mit Schmunzeln daran.
Unesco-Weltkulturerbe
Der Speyerer Dom ist ein Monument der Verehrung Gottes. Er ist aber auch ein Monument der Einheit des Christentums und der Einheit Europas. „Ut unum sint“ – damit sie eins seien, heißt die Losung über dem Hauptportal. Seit 1981 ist er Unesco-Weltkulturerbe. Und schließlich ist er die Kirche der Pfälzer. Er ist das herausragende Denkmal unserer Heimat. Er ist Symbol des Zusammengehörigkeitsgefühls der Pfälzer. Ich bin Christ, leidenschaftlicher Europäer, sehr gerne Deutscher und Pfälzer mit Herzblut. In jeder meiner Identitäten ist der Dom meine Heimat. Deshalb engagiere ich mich seit Jahrzehnten für seinen Erhalt – als Mitglied des Dombauvereins und des Kuratoriums der Europäischen Stiftung Kaiserdom. Beide haben für den Erhalt der vier Türme des Bauwerks, meinen „Pfälzer Spitzen“, viel getan. 4,35 Millionen Euro waren insgesamt notwendig für deren Sanierung von 2010 bis 2014. Die Europäische Stiftung half maßgeblich, von Bund und Land die Mittel dafür einzuwerben. Die Stadt Speyer trug dazu bei. Die Stiftung gab 300.000 Euro aus ihrem Stiftungskapital. Heute erstrahlen die Türme. Elektrik und Blitzableitung sind erneuert, einer der beiden Westtürme ist nun für die Öffentlichkeit begehbar. Hoch droben eröffnet sich nach allen Seiten ein atemberaubender Blick: nach Osten über den Rhein hinweg zum Odenwald und hinunter nach Karlsruhe, nach Westen über die Zinnen Speyers hinweg zur Haardt und dem Pfälzerwald, nach Norden den Rhein hinab nach Ludwigshafen, nach Süden den Rhein aufwärts bis zu den Vogesen. Wer einmal das Glück hatte, in der Abendsonne droben zu stehen, wird diese Blicke niemals vergessen. Auf der Aussichtsplattform des Speyerer Domes ist die Pfalz einfach spitze. Bisher erschienen „Der Hund, der unbedingt gefallen will“ – Deutsche Spitze aus Rodalben; „Gags auf unsere eigenen Kosten“ – das Neustadter Kabarett-Duo Spitz & Stumpf; „Dürkheims Dauerläufer“ – Willi Wagner hält seit 50 Jahren die Pfälzer Bestmarken über 5000 Meter und 3000 Meter Hindernis (10. August); „Stolze Turmgestalt“ – der Spitze Fels bei Ludwigswinkel (25. August); „Zarte Zierde aus feinen Fäden“ – die Spitzenklöpplerin Barbara Corbet aus Frankweiler (22. September); „Bio statt Rio“ – wie der Salat Zuckerhut auch ohne brasilianische Wärme in der Pfalz bestens gedeiht (10. Oktober) .