Riedbahn
Sperrung der Zugstrecke Mannheim-Frankfurt: Kommt im Sommer der Reise-Horror?
Direkt zu Beginn der Fahrt wird es laut. „Wann hast du Abfahrt? Ich müsste seit zehn Minuten hier stehen. Das ist kein Pausenbereich“, ruft ein Busfahrer aufgebracht, in der Tür seines Kollegen stehend. Der versperrt mit seinem Bus dem Hintermann nämlich die Haltestelle. Beide fahren Ersatzbusse der Deutschen Bahn (DB) zwischen Mannheim und Frankfurt. Für drei Wochen im Januar ist die Riedbahn, die Zugverbindung der beiden Städte, gesperrt. Ab Montag, 22. Januar, ist sie wieder frei. Im Juli folgt dann eine fünfmonatige Sperrung. Die Bahn will ihr Netz sanieren, unterzieht die Riedbahn einer Generalsanierung.
Wer in dieser Zeit nach Frankfurt oder in kleinere Orte entlang der Riedbahn-Strecke möchte, muss auf den Schienenersatzverkehr der Bahn ausweichen. 70 eigene und 80 Busse von anderen Unternehmen werden nach Bahn-Angaben in dieser Zeit eingesetzt. Alternativ verkehren Züge von Mannheim über Darmstadt oder Mainz nach Frankfurt. Im Sommer soll das gesamte Ersatzangebot von einer eigenen Flotte bedient werden, so eine Bahn-Sprecherin. Die Strecken-Sperrung und deren Folgen sorgen bei manchen Bahnfahrern schon jetzt für Schnappatmung. Die Frage beim Schienenersatzverkehr lautet: Horror-Lösung oder annehmbare Alternative? Wir haben es getestet.
Abfahrt in Mannheim-Luzenberg
Die Bus-Verbindung beginnt in Mannheim-Luzenberg, im Norden der Stadt. Nur zwischen 20 und 6 Uhr fahren Busse unter der Woche vom Hauptbahnhof ab. Um in den Bus nach Frankfurt einzusteigen, geht es erst einmal mit der Straßenbahn vorbei am Schloss, Paradeplatz, über die Planken und an den Neckar. Schon beim Aussteigen aus der Tram weisen violette Schilder auf die Ersatzhaltestellen hin, die sind mal mehr, mal weniger mit Graffiti bedeckt.
Doch obwohl die Haltepunkte direkt vor der Unterführung zur Straßenbahn liegen, dauert es einen Moment, ehe der richtige Abfahrtspunkt in Richtung Frankfurt gefunden wird. Einige Männer, die dort warten, wissen nichts von der Sperrung. „Ersatzbusse? Keine Ahnung“, sagt einer von ihnen. Eine Frau an der Haltestelle hatte offenbar auch Probleme, den richtigen Bussteig zu finden. „Ich fahre das erste Mal mit dem Ersatzbus. Das wird auch das letzte Mal sein“, sagt sie und lacht.
Nach dem Wutausbruch geht’s los
Der violette DB-Bus ist pünktlich. Das Fahrzeug ist modern und sauber. Es gibt sogar Gepäckablagen wie in einem ICE. Nur die einzelnen Haltestellen werden nicht angesagt, auf einer Karte wird der Standort angezeigt. Los geht es dann erst mit einigen Minuten Verspätung und dem eingangs geschilderten Wutausbruch des Busfahrers.
Größtenteils über die B44 geht es dann nach Norden. An den einzelnen Haltestellen ist wenig los, nur in Mannheim-Waldhof steigt eine etwas größere Gruppe von Personen ein. Danach verlassen zahlreiche Fahrgäste das Fahrzeug. Es scheint, als würden nur diejenigen die Busse nutzen, die wirklich nicht mit einem Zug auf einer der beiden Alternativstrecken fahren können. Selten ist mehr als eine Hand voll Leute im Bus.
Vom Busfahrer ignoriert
Da das Ziel der RHEINPFALZ-Fahrt in Groß-Gerau liegt, steht in Riedstadt-Goddelau (Kreis Groß-Gerau) ein Umstieg an. Normalerweise dauert die Fahrt mit dem RE70 von Mannheim Hauptbahnhof knapp 40 Minuten. Mit dem Ersatzbus ist man ab Luzenberg eineinhalb Stunden bis Goddelau unterwegs. Die ganze Fahrt nach Frankfurt würde fast zweieinhalb Stunden dauern, normalerweise sind es 70 Minuten.
An der Haltestelle in Goddelau warten weitere Fahrgäste. Es ist ziemlich kalt. Ein dort stehender Streckenposten gibt Auskünfte. Er hat direkt eine Verbindung zum Bahnhof in Groß Gerau parat. Und auch dieser Bus ist pünktlich – fährt an der Haltestelle aber vorbei. Die Fahrgäste winken, der Posten winkt, der Fahrer schaut zu den Wartenden und fährt weiter. Der Streckenposten fängt an zu telefonieren.
„Da gibt es ja noch einiges zu verbessern“
Er berichtet den Stehengelassenen, dass er mit dem Koordinator in Berlin gesprochen habe. „Der kann aber auch nur hinterhertelefonieren und fragen, was da los war“, sagt er weiter. „Da gibt es ja noch einiges zu verbessern“, raunt eine ältere Frau ihrer Begleiterin zu. Schon zum zweiten Mal habe ein Busfahrer an diesem Tag Fahrgäste stehenlassen, sagt der Koordinator.
Auch die Bahn hat Verbesserungen auf dem Schirm. Man sammele die Rückmeldungen der Fahrgäste, berichtet eine Sprecherin. Nach der dreiwöchigen Sperrung würden die Rückmeldungen ausgewertet. Danach werde geschaut, welche Schritte nötig seien. Man könne derzeit aber noch keine Ergebnisse und daraus abgeleitete Änderungen im Ersatzverkehr mitteilen. Ziel sei es, den Ersatzverkehr für die fünfmonatige Sperrung der Riedbahn im Sommer weiter zu verbessern.
Endlich am Ziel
Der Koordinator hat direkt eine andere Verbindung nach Groß Gerau parat. Nach wenigen Minuten ist der Bus da – und er hält auch wirklich an. Bei Groß-Gerau-Dornberg fährt der Bus kurz am Gleisbett entlang. Dort liegt viel Arbeitsmaterial herum. Auf einer eigenen Webseite informiert die Bahn über die Sanierung der Riedbahn. Von der Sanierung der hochfrequentierten Strecke verspricht man sich mehr Pünktlichkeit und für Jahre keine Baustellen mehr, die Bahnhöfe sollen attraktiver werden. Ob das gelingt?
Nach gut zwei Stunden ist die Reise nach Groß Gerau mit dem Schienenersatzverkehr entlang der Riedbahn zu Ende. Übrigens hätte man für dieses Reiseziel auch umsteigen müssen, wäre man am Mannheimer Hauptbahnhof in einen Zug gestiegen. Etwas mehr als eine Stunde hätte die Fahrt mit dem RE70 bis Dornberg und dann mit dem Bus an den Bahnhof Groß Gerau gedauert. Da bleibt eben die Erkenntnis: Wer auf Reisen geht, sollte gute Nerven haben.