Rheinland-Pfalz RHEINPFALZ Plus Artikel Spätfolgen von Reaktorunglück: Noch manche Wildsau in der Pfalz verstrahlt

Die natürliche Nahrung für Wildschweine kann in bestimmten Gebieten teilweise noch strahlenbelastet sein.
Die natürliche Nahrung für Wildschweine kann in bestimmten Gebieten teilweise noch strahlenbelastet sein.

Das Reaktorunglück von Tschernobyl ist nun schon fast dreieinhalb Jahrzehnte her, doch messbare Spätfolgen zeigt es trotzdem noch – auch in der Pfalz: Weiterhin wird bei einigen der hier erlegten Wildschweine eine radioaktive Belastung festgestellt, die den zulässigen Grenzwert übersteigt.

Lebensmittel wie Wildbret dürfen in Deutschland maximal 600 Becquerel Radiocäsium pro Kilogramm aufweisen. Doch bei 75 und damit rund 7,5 Prozent der 999 Wildschweinfleisch-Proben, die darauf bisher im laufenden Jagdjahr in Rheinland-Pfalz untersucht worden sind, lag das Messergebnis über dieser Marke. Das teilte auf Anfrage das Institut für Lebensmittelchemie (ILC) in Speyer mit, wo die Kontrollresultate zusammengefasst, ausgewertet und zudem eigene Überprüfungen vorgenommen werden.

Spitzenreiter im negativen Sinn bei der Belastung mit dem radioaktiven Cäsium-137 war bislang im aktuellen Jagdjahr – das jeweils von April bis Ende März dauert – eine Wildsau, die im Bereich des Forstamts Wasgau (Kreis Südwestpfalz) erlegt worden ist. Bei diesem Tier wurden sogar 7752 Becquerel Radiocäsium pro Kilogramm festgestellt, wie Andreas Hoffmann informierte, der im zum Landesuntersuchungsamt gehörenden ILC den Arbeitsbereich anorganische Schad- und Wirkstoffe in Lebensmitteln und Trinkwasser sowie das Sachgebiet Radioaktivität leitet. Der aktuelle Spitzenwert ist fast das Dreizehnfache des erlaubten Höchstwertes. Wenn dieser überschritten wird, darf das Wildschwein nicht freigegeben werden zum Verkauf beziehungsweise Verzehr.

Strenge Kontrollen

Um möglichst sicherzustellen, dass Fleisch kontaminierter Tiere nicht in Wurstküchen oder Bratentöpfen von Gastronomie und Verbrauchern landet, gibt es strenge Vorgaben und Kontrollen. Insbesondere davon betroffen ist Schwarzwild, das in bestimmten, als Untersuchungsgebiet ausgewiesenen Gemarkungen des Pfälzerwaldes oder Hochwaldes (Hunsrück) abgeschossen wurde. Jäger, die solches in Verkehr bringen wollen, müssen es zuvor auf Radioaktivität überprüfen lassen.

Warum die Gefahr von Grenzwert-Überschreitungen dabei in erster Linie auch jetzt noch in jenen speziellen Gebieten gesehen wird, ist mit den örtlich unterschiedlich starken Auswirkungen der Reaktorkatastrophe zu erklären: Nachdem am 26. April 1986 im ukrainischen Atomkraftwerk Tschernobyl einer der Reaktorblöcke explodiert war, zogen Ausläufer der radioaktiven Wolke auch bis Deutschland. Örtlich regnete es damals – wodurch es dort zu einer höheren Kontamination kam. Dass sich deren Spuren zum Teil noch immer halten, hat wiederum verschiedene Gründe.

Wissen muss man dazu, dass das in Tschernobyl freigesetzte Jod-131 und Cäsium-134 zwar längst nicht mehr in der Umwelt nachweisbar ist, das Cäsium-137 (das somit nun allein relevant ist beim Radiocäsiumwert) aber durchaus. Weil es eine weit längere physikalische Halbwertszeit hat: Erst nach etwa 30 Jahren ist die Hälfte des Radionuklids zerfallen. Und bis von dieser dann nur die Hälfte übrig ist, dauert es ebenso lange. „Ungefähr 2046 erst wird nur noch ein Viertel von dem da sein, was uns Tschernobyl damals beschert hat“, erklärt Hoffmann, wie die Entwicklung rein physikalisch zu sehen ist.

Cäsium-137 hält sich noch im Öko-Kreislauf

Hinzu kommt, dass sich das Cäsium-137 im Ökokreislauf des Waldes besonders gut und lang halten kann: Nachdem es sich durch belasteten Niederschlag in Blättern oder Baumnadeln abgelagert hat, wird es später wieder freigesetzt, wenn diese abgefallen sind, sich zersetzen und in Humus verwandeln. So kann das Cäsium-137 durch Bodenorganismen, Pflanzenwurzeln oder das Myzel von Pilzen erneut aufgenommen werden. Diese gelten als besonders „empfänglich“ dafür – je nach Sorte allerdings in unterschiedlichem Maß. Extrem stark reichern sich Radionuklide in den in Symbiose mit Bäumen lebenden, unterirdisch wachsenden Hirschtrüffeln an. Die sind für Menschen ungenießbar, aber für Wildschweine offenbar eine Leckerei, die sie sich gern aus dem Boden wühlen. Fachleute sehen darin die Hauptursache dafür, dass speziell Schwarzkittel teils weiter übermäßig verstrahlt sein können.

Der Anteil betroffener Tiere, der aktuell wieder etwas höher ist, variiert laut Hoffmann aus vielschichtigen Gründen. Zum einen spielt das jeweilige Nahrungsangebot für die Waldbewohner eine Rolle. Und bei diesem wiederum und der Suche danach sind die Witterungsbedingungen ein wichtiger Faktor. Schwankungen der Beanstandungsquoten könnten zudem mit unterschiedlichen Freisetzungsmengen von Cäsium in dessen natürlichem Kreislauf zusammenhängen, so der promovierte Lebensmittelchemiker. Ein Aspekt dabei könne etwa sein, wie stark Blätter gerade verrotten.

Sieben dezentrale Messstellen in Pfalz

Im vergangenen Jagdjahr 2019/20 wurden der Statistik des ILC nach in Rheinland-Pfalz 2719 Wildschweinfleisch-Proben überprüft. 154 davon, also 5,7 Prozent, wiesen Radiocäsium-Gehalte über dem Grenzwert auf. „Das ist immer noch eine ganze Menge“, sagt Hoffmann. Die höchste Belastung sei mit 3150 Becquerel pro Kilogramm bei einer Bache aus der Gemarkung Dahn festgestellt worden.

Der Großteil der Untersuchungen erfolgt in den acht dezentralen Messstellen, die es dafür landesweit gibt. Wobei sich mit sieben fast alle in der Pfalz befinden. Jede zehnte der in den Messstellen überprüften Proben muss zum „Gegenchecken“ ins Speyerer ILC geliefert werden. Dieses untersucht zudem im Rahmen eines Monitorings auch von Forstämtern weiterzuleitende Fleischteile von Wildschweinen, die nicht in einem der Untersuchungsgebiete, sondern anderswo im Land niedergestreckt wurden. Und auf Strahlenbelastung kontrolliert das LUA überdies Stichproben von Schwarzwildfleisch, die Lebensmittelkontrolleure im Handel und in Gastronomiebetrieben nehmen. Dabei habe es in jüngster Zeit keine Beanstandungen gegeben. „Wir sehen daran, dass das System funktioniert“, sagt Hoffmann.

An Pilzproben fehlt es

Für aussagekräftige Datenerhebungen zur etwaigen Strahlenbelastung heimischer Waldpilze kommen übrigens leider beim Landesuntersuchungsamt weiterhin zu wenige Proben auf den Tisch. Nur vier waren es dieses Jahr, so Hoffmann – aber die Befunde dazu „alle unauffällig“. Zu bedenken gibt der Experte jedoch, dass wildwachsende Pilze mit Schwermetallen belastet sein können, die sie – je nach Sorte in verschiedenem Maße – „natürlicherweise aus dem Boden aufnehmen“.

Vorbereitung für die Untersuchung auf radioaktive Belastung: Wildschweinfleisch wird zerkleinert und dann gemahlen, bevor es im
Vorbereitung für die Untersuchung auf radioaktive Belastung: Wildschweinfleisch wird zerkleinert und dann gemahlen, bevor es im Speyerer Institut für Lebensmittelchemie (ILC) auf einen Detektor kommt.
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