Speyer RHEINPFALZ Plus Artikel Sexualisierte Gewalt: Protestanten wollen Aufklärung „bis in den letzten Winkel“

Sexualisierte Gewalt in der Kirche: Bei der Aufarbeitung tut sich nun etwas - auch in der Pfalz.
Sexualisierte Gewalt in der Kirche: Bei der Aufarbeitung tut sich nun etwas - auch in der Pfalz.

Zum Teil liegt das Erlebte Jahre oder Jahrzehnte zurück. Entsprechend groß sind Wut und Verbitterung bei Betroffenen sexualisierter Gewalt, wenn sie kein Gehör für ihre Belange finden. Frühere Fälle aufzuarbeiten und mögliche künftige zu verhindern – dafür hat die Evangelische Kirche Deutschlands konkrete Schritte beschlossen. Und auch in der Pfalz tut sich einiges.

Der zentrale Vorwurf, der sich immer wieder gegen protestantische Institutionen richtet, gleicht im Kern demjenigen, den Betroffene gegenüber der katholischen Kirche vehement äußern: Was für Opfer sexualisierter Gewalt getan werde, gehe nicht weit und nicht schnell genug. So lässt sich auch der Tenor der Proteste bei der Herbstsynode der Evangelischen Kirche Deutschlands (EKD) vergangene Woche zusammenfassen.

Dieser Unzufriedenheit Raum zu geben – das sei so selbstverständlich wie wichtig, sagt Kirchenpräsidentin Dorothee Wüst. Nicht nur für die Pfälzische Landeskirche betont sie: Das Thema werde entsprechend seiner hohen Relevanz mit großer Ernsthaftigkeit behandelt. Wenn beispielsweise ehemalige Heimkinder – in der Regel hochbetagt – über ihre Erlebnisse und deren Auswirkung auf ihr weiteres Leben berichteten, „dann tut das wirklich weh“, berichtet sie.

Wüst: Sorgfalt wichtiger als Tempo

Wüst ist bei allem Verständnis für Wut und Verärgerung der Betroffenen dennoch überzeugt, dass in dem laufenden Prozess Sorgfalt wichtiger ist als Tempo. Mit Blick aufs große Ganze plädiert die Kirchenpräsidentin für einen einheitlichen Umgang mit sexualisierter Gewalt und deren Aufarbeitung: „Es darf keinen Flickenteppich geben.“ Das hinzubekommen, kostet Zeit: Auch auf Ebene der Landeskirchen müssen sich die zuständigen Gremien erst mit den Vorschlägen befassen, die bei der EKD-Synode beschlossen worden sind. „Ich verstehe total gut, wenn jemand sagt: Das geht mir zu langsam“, sagt sie. Am Ende der Beratungen solle nichts weniger stehen als ein Kulturwandel „bis in den letzten Winkel“ der protestantischen Kirche sowie ihrer Verbände und Organisationen.

Die Beteiligung Betroffener an allen Prozessen ist für Kirchenpräsidentin Dorothee Wüst der zentrale Punkt.
Die Beteiligung Betroffener an allen Prozessen ist für Kirchenpräsidentin Dorothee Wüst der zentrale Punkt.

Was die Synode in Würzburg hinbekommen hat, ist deutlich mehr als nur ein erster Schritt in diese Richtung. Aus 46 Empfehlungen aus der Betroffenenstudie ForuM ist ein Katalog von zwölf Handlungsfeldern entstanden. Er umfasst neben einer Novelle der Gewaltschutzrichtlinie und der Schaffung einer zentralen Ombudsstelle auch konkrete Punkte wie eine vereinheitlichte Führung von Personal- und Disziplinarakten sowie deren systematische Analyse und die Aus-, Fort- und Weiterbildung von Mitarbeitern. Punkt elf des Maßnahmenplans stellt sicher, dass für die Umsetzung auch die notwendigen personellen und finanziellen Ressourcen vorhanden sein werden.

Im Frühjahr 2025 dürfte auch feststehen, wie Betroffene für erlittenes Leid entschädigt werden. Diese Anerkennungsrichtlinie geht nun in ein Stellungnahmeverfahren in den Landeskirchen und diakonischen Landesverbänden – und soll dann im März 2025 vom Rat der EKD in Kraft gesetzt werden. Ungefähr zur selben Zeit könnte die Arbeit der Unabhängigen Regionalen Aufarbeitungskommission starten, die Badische und Pfälzische Landeskirche gemeinsam vorbereiten. Für Dorothee Wüst, die als Sprecherin der kirchlichen Beauftragten im EKD-Beteiligungsforum eine wichtige Rolle in diesem Prozess spielt, steht ein Aspekt über allem: Betroffene und ihre Belange müssen immer im Mittelpunkt stehen.

Gottesdienst in Pirmasens aufgezeichnet

Beschäftigen wird das Thema und der Umgang damit auch die am Donnerstag in Speyer beginnende Landessynode, wo am Samstagmorgen auch die Entscheidung über die Einführung eines Konzepts zum Schutz vor sexualisierter Gewalt auf der Tagesordnung des dreitägigen Treffens steht. An diesem Mittwoch wirft zudem der Fernsehgottesdienst zum Buß- und Bettag im Ersten ein Schlaglicht auf das Thema. Aus verschiedenen Perspektiven, wie Kirchenpräsidentin Wüst betont: Neben ihr beleuchten zwei Betroffene, eine Presbyterin und ein Psychotherapeut Gefühle und Haltungen. Der in der Johanneskirche in Pirmasens aufgezeichnete Gottesdienst passe in sofern gut zum Leitgedanken des Buß- und Bettags, findet Wüst. Es sei der Tag, an dem Gläubige sich „vor Gott ehrlich machen“.

Termin

Der Fernsehgottesdienst zum Buß- und Bettag ist am Mittwoch, 20. November, um 10 Uhr in der ARD zu sehen. Eine Hotline für betroffene Personen ist geschaltet unter der Telefonnummer 0800 2255530.

Die Evangelische Kirche Deutschlands hat bei ihrer Herbstsynode ein Maßnahmepaket zur Bekämpfung von sexualisierter Gewalt vorge
Die Evangelische Kirche Deutschlands hat bei ihrer Herbstsynode ein Maßnahmepaket zur Bekämpfung von sexualisierter Gewalt vorgelegt.
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