Rheinland-Pfalz „Seien Sie unhöflich: Legen Sie einfach auf“

Es klingelt, auf dem Telefon ist die 110 zu erkennen. Doch die „richtige“ Polizei würde sich niemals unter der Nummer des Polize
Es klingelt, auf dem Telefon ist die 110 zu erkennen. Doch die »richtige« Polizei würde sich niemals unter der Nummer des Polizei-Notrufes melden, warnt das Landeskriminalamt Rheinland-Pfalz.

«HEILBRONN/MAINZ.» Das Telefon klingelt mitten in der Nacht. Der Anrufer behauptet, Polizist zu sein. Tatsächlich ist auf der Telefonanzeige die 110 abzulesen – die Nummer des Polizei-Notrufes. Wer würde da nicht glauben, dass ein Ordnungshüter dran ist? Damit sind die Angerufenen empfänglich für die Lügenmärchen, die ihnen nun aufgetischt werden. Echte Ermittler aus Heilbronn haben jetzt einer Betrügerbande das Handwerk gelegt.

500.000 Euro sollen die Täter seit Oktober zwischen Ludwigsburg und Speyer, der Bergstraße und Karlsruhe ergaunert haben, informierte die Heilbronner Polizei gestern. Mit nächtlichen, nicht selten stundenlangen Anrufen haben die Betrüger ihre Opfer im Alter zwischen 63 und 86 Jahren in Angst und Schrecken versetzt: Gewaltbereite Einbrecher hätten es auf Erspartes und Wertsachen abgesehen, logen die Täter am Telefon. Nur wenn die „Polizei“ Schmuck, wertvolle Uhren, Goldbarren und Münzen abhole, wären die Angerufenen und ihre Besitztümer sicher. Einige ihrer mindestens zwölf eingeschüchterten Opfer brachten sie sogar dazu, dass sie entweder selbst Geld von ihren Konten abhoben oder es von den vermeintlichen Polizisten abheben ließen. Doch statt die Ersparnisse in Sicherheit zu bringen, lieferten sie ihr Vermögen den Verbrechern aus. So wurde in Speyer eine 81-jährige Dame heimgesucht: Ein „Oberkommissar“ meldete sich an einem Dezemberabend telefonisch bei ihr und behauptete, Geld, Schmuck und Bankkarte sicherstellen zu müssen. Um 1 Uhr nachts holten seine Komplizen die Wertsachen ab. Noch in der gleichen Nacht hoben die Gauner in Mannheim in mehreren Tranchen Bargeld ab. Der Gesamtschaden beläuft sich allein in diesem Fall auf einen vierstelligen Eurobetrag. Die Bande war gut organisiert, sagen die Heilbronner Ermittler. Ihre Opfer suchten sie im Telefonbuch nach Vornamen aus, die typisch für ältere Menschen sind. Die angeblichen Polizisten saßen in Call-Centern in der Türkei, täuschten die 110-Notruf-Nummer nur vor. Sie sprachen perfekt Deutsch, hatten auf alles eine Antwort. Wenn sie ein Opfer weichgekocht hatten, schickten sie einen angeblichen Kollegen, damit der Geld und Gut „in Sicherheit“ bringt. Darunter verständen die Betrüger aber etwas gänzlich anderes als die Eigentümer: Ein Großteil der Beute wurde, so die Fahnder, auf Nimmerwiedersehen in die Türkei geschafft. Eine im Oktober gegründete Ermittlungsgruppe der Heilbronner Polizei hatte bis zur vergangenen Woche zwei junge Geldabholer der Bande aus Viernheim ausgekundschaftet: Das Duo – 19 und 20 Jahre alt – soll bei einer im Kreis Bergstraße lebenden 72-Jährigen Schmuck und Bargeld im Wert von 200.000 Euro in Empfang genommen haben. Gold und Münzen habe der 20-jährige Viernheimer zu einem 23-jährigen Ludwigshafener gebracht, der in der Mannheimer Innenstadt ein Schmuckgeschäft betreibt. In diesem Moment schlugen die Fahnder zu, nahmen die beiden Männer fest. Einen Teil der Beute konnten sie im Nebenzimmer des Juweliers sicherstellen. Sie sind überzeugt, dass der 23-Jährige von der Herkunft der Wertgegenstände wusste. Die Täter sollen auch ein Gerät besessen haben, um Gold einzuschmelzen. Deutschlandweit beobachten die Ermittler einen regelrechten Boom von Anrufen angeblicher Polizisten. In Rheinland-Pfalz brachten solche Trickbetrüger im Jahre 2015 gerade mal acht Opfer um ihr Hab und Gut, wie das Landeskriminalamt (LKA) gestern auf Anfrage in Mainz informierte. Gesamtschaden damals: 128.000 Euro. Im vergangenen Jahr wurden bereits 54 Betroffene mit einem Schaden von knapp 1,4 Millionen Euro registriert. Inzwischen seien viele Bürger sensibilisiert und würden öfter als früher Anzeige erstatten, heißt es beim LKA. Dies dürfte zum Teil die rasant wachsenden Fallzahlen erklären, die beim LKA aktenkundig wurden: Im letzten Jahr versuchten Betrüger sage und schreibe 4857 Mal Bürger übers Ohr zu hauen. In 4803 Fällen blieb es aber beim Versuch. Damit den Betrügern das Handwerk gelegt wird, hat das LKA fünf einfache Ratschläge zusammengefasst: „Legen Sie den Hörer auf“, wenn Unbekannte anrufen. „Seien Sie ruhig unhöflich“, fügt eine LKA-Sprecherin hinzu. „Die Polizei ruft Sie niemals unter der 110 an“, ist ein weiterer Tipp. Die fünf Sicherheitstipps hat das LKA im Internet als „Klappkarte“ zum Ausdrucken zusammengestellt. Man findet sie am einfachsten, wenn man „Aktuelle Betrugsmasche Falsche Polizeibeamte“ in Google eingibt. Auf einen Karton aufgeklebt, lassen sich die Tipps als Aufsteller neben das Telefon platzieren. Für alle Fälle.

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